Guatemala Die Stadt, die Liebe und der Tod
Der Politiker Rodrigo Rosenberg aus Guatemala setzte elf Killer auf sich selbst an. Ein Aufschrei nach dem Mord an der Frau seines Lebens
© Tiane Doan na Champassak
Rosenberg starb geduscht.
Ein letztes Mal schloss er die Tür im zehnten Stock, 23. Straße A, Zone 14, Guatemala-Stadt. Er nahm den Aufzug aus falschem Marmor und fuhr ins Erdgeschoss.
Ein Sonntag.
Rosenberg trug eine kurze blaue Hose, ein blaues T-Shirt, weiße Socken, weiße Schuhe, seine Sonnenbrille. Er roch nach Seife. Rodrigo Rosenberg grüßte den Wächter vor dem Haus, stieg auf sein Fahrrad und fuhr los, vorbei an der All American Logistics S.A., an jungen Palmen und einer Kamera, 08:07:02 Uhr, 10. Mai 2009, dunstig. Am Ende der 23. hielt er nach Osten, bog in die 22. und setzte sich, 300 Meter neben seiner Wohnung, am Rand der Avenida de las Américas ins Gras.
Bougainvilleen blühten.
Rodrigo Rosenberg Marzano, 49 Jahre alt, Professor, Rechtsanwalt, Politiker, trug Stöpsel in den Ohren und hörte Musik, als fünf Kugeln ihn trafen, neun Millimeter, drei in den Kopf, eine in den Hals, eine in die Brust.
Es war Muttertag.
Jetzt steht ein dunkles Kreuz an der Avenida de las Américas in Guatemala-Stadt. Nelken leuchten. Und daneben, auf schwarzem löchrigem Plastik, ist zu lesen: Rodrigo Rosenberg. Held der guten Guatemalteken. No moriste en vano. Du starbst nicht umsonst.
Eine Kerze brennt.
Das Gewissen Zehntausender habe er geweckt, lobt sein Halbbruder, Eduardo Rodas Marzano, und weint am Edelholztisch.
»Was auch immer er tat«, flüstert der Bruder, »Rodrigo tat es aus Liebe.«

Die Geliebte von Rodrigo Rosenberg Marjorie Musa
Rodas schnäuzt in weißes Tuch und schweigt.
Rodrigo Rosenberg, geboren am 28. November 1960, war der einzige gemeinsame Spross seiner Eltern. Die Mutter, sehr reich und sehr schön, eine Italienerin, die sich auf Juwelen und Literatur verstand, hatte zwei Kinder in die Ehe gebracht, Rosenbergs Vater fünf. Der Vater, ein Kinobesitzer, stammte von deutschen Juden ab, er war selten zu Hause, und war er es doch, schwieg er, als ginge die Welt ihn nichts an.
»Eine kurze Ehe«, spricht der Bruder in sein kühles Büro, PF&F, Puntos Frios y Financieros de Centroamerica S.A., Westturm, elftes Stockwerk, Orchideen auf dem Sims, Bonsai und vielerlei Kunst, Glas nach allen Seiten.
Rodrigo sei ein guter Schüler gewesen, schnell, laut, aufmerksam.
Er besuchte das private katholische Liceo Guatemala, liebte die Musik von Carlos Santana, die Raserei der Formel 1 und das lange schwarze Haar seiner Mutter. Wärst du nicht Mama, sagte er, würde ich dich heiraten. Zweimal im Jahr reiste man nach Mexiko, Businessclass, und schwamm im Pazifik. Dem Gymnasium entkommen, fuhr Rosenberg im roten Toyota Celica, Mamas Geschenk, zur Privatuniversität Rafael Landívar und wurde, was sie sich wünschte, Jurist. Die Professoren priesen seinen Fleiß, die Mädchen seine Anmut. Heirat 1984.
Rosenbergs Frau, wie seine Mutter, hieß Rosa Maria und hatte langes schwarzes Haar.
Professor Rodrigo Rosenberg Marzano, den rechten Arm abgedreht, lag an der Avenida de las Américas, 22. Straße, Zone 14, rücklings, das Fahrrad zu seinen Füßen, 10. Mai 2009, 8.10 Uhr: ein Mord von Tausenden, die alljährlich in Guatemala geschehen, vor anderthalb Jahrzehnten erst dem Bürgerkrieg entwachsen. Bloß zwei Prozent der Verbrechen, manchmal drei, werden je aufgeklärt.
Die Polizei, wie immer, kam mit Krach und sammelte Hülsen, fotografierte und brachte die Leiche zur Autopsie. Rosenberg war von hinten rechts erschossen worden. Nur die erste Kugel, als hätte das Opfer seinem Mörder sich noch zugewandt, traf Rosenberg ins Gesicht, Schmauchfläche 8 x 3 Zentimeter, Verbrennung 3 x 0,5.
Rodrigo sei wohl sein bester Freund gewesen, sagt Luis Alberto Mendizábal Barrutia und spielt mit den Handys, die vor ihm liegen.
»Ein Romantiker, ein Ritter der Gerechtigkeit«, klagt Mendizábal, weißes Haar, weißes Hemd, darin ein Stift der Firma Montblanc, Typ Meisterstück.
Rodrigos Chauffeur habe ihn angerufen an jenem elenden Sonntagmorgen vor bald einem Jahr, als Rodrigo starb: Don Luis, heute kurz vor acht schellte mein Telefon. Es war Rodrigo. Es sei ein großer Tag, Muttertag, deshalb breche er jetzt zu einer Fahrradtour auf. Doch falls ihm etwas zustoße, möchte er, sein Chauffeur, sofort ihn anrufen, Don Luis.
»Und?«, fragte Luis Mendizábal, Verkäufer von Hemden, Krawatten und Anzügen, Boutique Emilio in der noblen Zone 10, auch Sicherheitsberater so mancher guatemaltekischer Regierung, Vertrauter von Generälen, ein Tänzer in Zeiten des Chaos, das Guatemala durchmisst.
»Rodrigo ist tot.«
- Datum 06.05.2010 - 14:23 Uhr
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- Quelle ZEITmagazin, 06.05.2010 Nr. 19
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hätte man auch auf eine statt auf fünf Seiten packen können.
Ein liebeskranker guatemaltekischer Bürgersohn inszeniert seinen Tod und gibt die Schuld daran den natürlichen Feinden des Bürgertums - gibt es nichts wichtiges aus Südamerika zu berichten?
ich habe beim Lesen dieses Artikels Höllenqualen durchlitten. Die absatzweisen Sprünge durch Raum und Zeit bereiteten mir zunehmend Unbehagen. Wird "Die Zeit" nun zum Forum für ambinierte Romanautoren? "Die Zeit" ist doch eine Tageszeitung mit Anspruch. Von ihr erwarte ich Artikel, die mir den Stoff ohne ambitionierte Umschweife vermitteln.
Mir wurde letztlich nicht klar, ob der Mann ein Spinner mit Ödipuskomplex und (nachvollziehbarem) Verfolgungswahn gewesen ist, der selbst mit gedungenen Mördern dem Präsidenten die beste Steilvorlage lieferte den Fall schnell zu den Akten legen zu können - oder ob der Präsident hinterher nur gut vertuscht hat?
...und ich tue mir den Roman kein zweites Mal an, um herauszufinden, ob nicht doch noch irgendwo ein Hinweis zu finden ist, zu welchem Schluß der Verfasser gekommen ist.
Nachhaltig verändert haben, wird der arme Mann wohl nichts. Als lautstarker Abgang aus Liebeskummer wird die Geschichte wohl eher in Erinnerung bleiben.
Auf kunstvolle Weise verknuepft der Artikel die wichtigsten Dinge im Leben: Liebe, Tod und Menschenrechte. Die Collage-Form ist klug gewaehlt und verknuepft die verschiedenen Ebenen auf eindringliche Weise.
Gerade wegen solcher Artikel lese ich die Zeit und manchmal bleiben diese fuer lange Zeit erinnerbar. Wollte ich blosse "Informationen" ohne Kontext, koennte ich ja Statistiken im Internet herraussuchen.
Vor Jahren gab es mal einen Artikel "Werden Sie Guru". Er schilderte den Aufstieg eines selbsterkorenen Gurus und den, von der Polizei vereitelten, aber geplanten Selbstmord seiner deutschen Anhaengerschaft, ich meine, auf Teneriffa.
Jahrelang hing dieser ironische Artikel ueber meinem Schreibtisch in Hamburg. Jetzt lebe ich in Bangalore, Indien und erinnere mich sehr oft daran. Er ist in meinem Langzeitgedaechtnis, nicht zuletzt wegen seiner literarischen Form, gespeichert.
Weiter so, Zeit!
>ich habe beim Lesen dieses Artikels Höllenqualen durchlitten.
Ging mir genauso. Ich habe dann irgendwann nur noch quergelesen, bis die interessanten Infos kamen (auf Seite 5).
Da kann ich Ihnen nur voll und ganz zustimmen!!!
Nach Lesen des Aufmachers zu dem Artikel, in dem darauf hingewiesen wird, dass der Autor sich fast in Lebensgefahr begeben hat, war ich sehr neugierig darauf zu erfahren, was er bei dieser Recherche so alles rausgefunden hat. Fazit: nichts, weil es nichts rauszufinden gab!!!
Wieso muss man einem vom Leben verwöhnten, suppereichen Guatemalteken so ein großes Forum geboten werden? Einem Menschen der immer in Watte gepackt gelebt hat und der beim ersten Schicksalschlag gleich ausflippt und die Regierung seines Landes für den Tod seiner Geliebten verantwortlich macht??? Man könnte meinen, der Herr möchte zum Helden eines Romans von Gabriel Garcia Marquez werden und lässt sich deshalb operettenhaft hinrichten.
Auf kunstvolle Weise verknuepft der Artikel die wichtigsten Dinge im Leben: Liebe, Tod und Menschenrechte. Die Collage-Form ist klug gewaehlt und verknuepft die verschiedenen Ebenen auf eindringliche Weise.
Gerade wegen solcher Artikel lese ich die Zeit und manchmal bleiben diese fuer lange Zeit erinnerbar. Wollte ich blosse "Informationen" ohne Kontext, koennte ich ja Statistiken im Internet herraussuchen.
Vor Jahren gab es mal einen Artikel "Werden Sie Guru". Er schilderte den Aufstieg eines selbsterkorenen Gurus und den, von der Polizei vereitelten, aber geplanten Selbstmord seiner deutschen Anhaengerschaft, ich meine, auf Teneriffa.
Jahrelang hing dieser ironische Artikel ueber meinem Schreibtisch in Hamburg. Jetzt lebe ich in Bangalore, Indien und erinnere mich sehr oft daran. Er ist in meinem Langzeitgedaechtnis, nicht zuletzt wegen seiner literarischen Form, gespeichert.
Weiter so, Zeit!
>ich habe beim Lesen dieses Artikels Höllenqualen durchlitten.
Ging mir genauso. Ich habe dann irgendwann nur noch quergelesen, bis die interessanten Infos kamen (auf Seite 5).
Da kann ich Ihnen nur voll und ganz zustimmen!!!
Nach Lesen des Aufmachers zu dem Artikel, in dem darauf hingewiesen wird, dass der Autor sich fast in Lebensgefahr begeben hat, war ich sehr neugierig darauf zu erfahren, was er bei dieser Recherche so alles rausgefunden hat. Fazit: nichts, weil es nichts rauszufinden gab!!!
Wieso muss man einem vom Leben verwöhnten, suppereichen Guatemalteken so ein großes Forum geboten werden? Einem Menschen der immer in Watte gepackt gelebt hat und der beim ersten Schicksalschlag gleich ausflippt und die Regierung seines Landes für den Tod seiner Geliebten verantwortlich macht??? Man könnte meinen, der Herr möchte zum Helden eines Romans von Gabriel Garcia Marquez werden und lässt sich deshalb operettenhaft hinrichten.
Auf kunstvolle Weise verknuepft der Artikel die wichtigsten Dinge im Leben: Liebe, Tod und Menschenrechte. Die Collage-Form ist klug gewaehlt und verknuepft die verschiedenen Ebenen auf eindringliche Weise.
Gerade wegen solcher Artikel lese ich die Zeit und manchmal bleiben diese fuer lange Zeit erinnerbar. Wollte ich blosse "Informationen" ohne Kontext, koennte ich ja Statistiken im Internet herraussuchen.
Vor Jahren gab es mal einen Artikel "Werden Sie Guru". Er schilderte den Aufstieg eines selbsterkorenen Gurus und den, von der Polizei vereitelten, aber geplanten Selbstmord seiner deutschen Anhaengerschaft, ich meine, auf Teneriffa.
Jahrelang hing dieser ironische Artikel ueber meinem Schreibtisch in Hamburg. Jetzt lebe ich in Bangalore, Indien und erinnere mich sehr oft daran. Er ist in meinem Langzeitgedaechtnis, nicht zuletzt wegen seiner literarischen Form, gespeichert.
Weiter so, Zeit!
>ich habe beim Lesen dieses Artikels Höllenqualen durchlitten.
Ging mir genauso. Ich habe dann irgendwann nur noch quergelesen, bis die interessanten Infos kamen (auf Seite 5).
Das war der mieseste Artikel, den ich seit langem gelesen habe. Ich habe auch nur weitergelesen, weil mich interssiert hat, warum er Killer auf sich selbst ansetzte. Aber dieses seitenlange Gesülze war nur auszuhalten, in dem ich viele Passagen weitgehend übersprungen habe... ätz.
In der Tat ein unerträglicher Schreibstil! Investigativer, objektiver Journalismus sieht anders aus - das hier ist gefühlsduselndes Boulevardblatt-Geschmiere.
Ein sehr guter Artikel, der im literarischen Stil versucht, die Umstaende von Rosenbergs Tod zu beleuchten. Ich habe seit ungefaehr einem Jahr auf diesen Artikel gewartet, nachdem der Mord in Guatemala solche grossen Wellen nicht nur im Land selbst, sondern auch in der internationalen Presse geschlagen hat. Ich haette mich allerdings auch gefreut, wenn die Umstaende von Khalil Musas Tod etwas mehr Beachtung bekommen haetten. Ist dieser Mord nun politisch motiviert gewesen, wie von Rosenberg behauptet, oder einer der vielen Drogenmorde, die jedes Jahr unzaehlige Menschenleben fordern? Und wenn er politisch war, waren tatsaechlich Alvaro Colom oder seine Frau dahinter? Die Korruptionsvorwuerfe gegen Colom stammen noch aus der Zeit vor seiner Wahl. Welche Grundlage haben sie? Ist das auch nur Propaganda der Rechten, wie anscheinend dieser inszenierte Tod?
Die interessanten Fragen bleiben unbeantwortet. Und selbst die Information, die drinsteckt, muss man sich mühsam zusammenklauben.
Diese Mängel könnte auch der allerbeste "literarische Stil" nicht vergessen machen. Ob es sich hier um den allerbesten handelt, möchte ich gar nicht diskutieren.
Die interessanten Fragen bleiben unbeantwortet. Und selbst die Information, die drinsteckt, muss man sich mühsam zusammenklauben.
Diese Mängel könnte auch der allerbeste "literarische Stil" nicht vergessen machen. Ob es sich hier um den allerbesten handelt, möchte ich gar nicht diskutieren.
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