Guatemala Die Stadt, die Liebe und der TodSeite 5/5

Rosenberg – 5. Mai 2009, der Tag, da seine Liebe zu Marjorie sich zum dritten Mal gejährt hätte – schickte seinen Chauffeur aus, ein Handy zu kaufen. Der Chauffeur erstand es im Einkaufszentrum La Pradera, Nummer 57759747.

»Am späten Abend«, erzählt Luis Mendizábal, Kleiderhändler und Sicherheitsberater, »rief er mich an und sagte, soeben habe ihm jemand mit dem Tod gedroht, die Nummer des Unbekannten laute 57759747. Luis, schreib das auf, 57759747.«

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Luis Mendizábal schlug vor, Rosenberg möchte alles, was ihn drücke und gefährde, auf einem Video festhalten. Wenn er wolle, sagte Mendizábal, bringe er ihn mit jemandem zusammen, der von Video viel verstehe.

Am folgenden Tag, Mittwoch, überschrieb Rodrigo Rosenberg Marzano seine Anteile von Rosenberg-Marzano, Marroquín-Pemueller y Asociados S.A., den Kindern aus erster Ehe. Die Sekretärin wies er an, ein Honorar, einen Scheck über 40.000 US-Dollar, der in den nächsten Tagen, abgeschickt in Panama, eintreffen müsste, sofort den Cousins seiner ersten Frau zu senden, den Brüdern Valdes Paiz.

Drei Tage vor seinem Tod, am Abend des 7. Mai 2009, 17.56 Uhr, setzte sich Rosenberg in den Räumen eines gewissen Mario David García, Anwalt, Journalist und Politiker der Opposition, vor blaues Tuch, Avenida La Reforma 13-13. Ein großes rotes Mikrofon stand auf dem Tisch, Rosenberg, weißes Hemd, dunkler Anzug, hellblaue Krawatte, sprach ohne Manuskript, 18 Minuten lang und 16 Sekunden.

Mein Name ist Rodrigo Rosenberg, und wenn Sie diese Botschaft sehen, dann leider deshalb, weil ich ermordet wurde.

»Er glaubte, was er sagte«, seufzt der Bruder.

Sehr selbstverständlich trägt dieser Passant Machete. Er ist in der Zone 10 unterwegs, dem reichsten Viertel von Guatemala-Stadt, in dem Rodrigo Rosenberg seine Kanzlei hatte

Sehr selbstverständlich trägt dieser Passant Machete. Er ist in der Zone 10 unterwegs, dem reichsten Viertel von Guatemala-Stadt, in dem Rodrigo Rosenberg seine Kanzlei hatte

Seine Mörder seien jene, die schon Khalil und Marjorie Musa auf dem Gewissen hätten, nämlich Präsident Álvaro Colom, dessen Ehefrau Sandra Torres de Colom, auch dessen Privatsekretär Gustavo Alejos und andere. Denn Khalil Musa, vom Präsidenten vor Monaten noch in den Verwaltungsrat der Bank Banrural berufen – die erfolgreichste Bank im Land, an der der Staat Guatemala zu einem Fünftel beteiligt ist –, Khalil Musa habe sofort bemerkt, dass dort Korruption regiere, Geldwäscherei und nichts als Misswirtschaft.

Deshalb habe er sterben müssen. Und mit ihm Marjorie Musa, deren einzige Sünde es gewesen sei, eine vorbildliche Tochter zu sein, die ihren Vater treu begleitet habe.

Genug!, sprach Rosenberg mit ruhiger Stimme in die Kamera, lasst uns unser Land retten vor Dieben, Mördern und Drogenhändlern, lasst uns miteinander unser Guatemala neu erbauen, lasst uns zurückfinden zu unseren Werten und unserem Glauben an die Gerechtigkeit. Lasst uns diesen Marionettenpräsidenten aus dem Amt schmeißen und ins Gefängnis stecken, mit allen anderen Dieben und Mördern.

An seiner Linken trug Rosenberg den breiten goldenen Ring, den Marjorie ihm hatte schmieden lassen, MMR.

Dann fuhr er, drei Pakete bei sich, 150 DVDs darin, zu seinem besten Freund, Luis Mendizábal, 16. Straße 3-13, Zone 10, Boutique Emilio, und bat ihn, das Vermächtnis zu streuen, sollte ihm, Rosenberg, je etwas zustoßen.

»Ich sah ihn zum letzten Mal.«

Am Samstag, 9. Mai 2009, 19 Stunden vor dem Abgang, rief Rosenberg seinen Chauffeur, er fragte, ob das Fahrrad bereits repariert sei. Er rief seinen Bruder an, Eduardo Rodas Marzano, und besprach mit ihm das Wetter. Er telefonierte mit Marjories Schwester. Langsam sehe er Licht am Ende des Tunnels, morgen leiste er sich eine Fahrradtour.

Rosenberg stand früh auf an seinem letzten Tag.

Muttertag.

Er duschte.

Um 7.04 Uhr, zweieinhalb Minuten lang, und um 8 Uhr, anderthalb Minuten lang, telefonierte er mit seinen Mördern, die er, vermittelt von den Brüdern Valdes Paiz, Cousins der ersten Frau, gedungen hatte.

Der Feigling, der ihm ans Leben wolle und deshalb wegzuputzen sei, sagte er, sei heute Morgen mit dem Fahrrad unterwegs, kurze blaue Hose, blaues T-Shirt, weiße Socken, weiße Schuhe, Avenida de las Américas, 22. Straße, Zone 14.

Um fünf nach acht verließ Rosenberg die Wohnung, er roch nach Seife. Dann setzte er sich ins Gras und wartete, Musik in den Ohren, Avenida de las Américas, 22. Straße.

Kaliber neun Millimeter.

Vor den Fahnen der Vereinten Nationen und der Republik Guatemala frohlockte ein halbes Jahr später, am 12. Januar 2010, die Kommission gegen die Straflosigkeit in Guatemala, der Fall Rosenberg sei gelöst, der Staatspräsident frei von jeder Verstrickung. Rodrigo Rosenberg Marzano habe seinen Tod gesucht und angestrengt, er sei nicht ermordet worden, er habe seine Ermordung bestellt. Von einem Handy aus, seit Tagen erst in seinem Besitz, 57759747, habe er, um glaubhaft zu sein, sich jeweils selbst angerufen und selbst bedroht. Die Brüder Valdes Paiz indes seien auf der Flucht, die eigentlichen Mörder, die nicht wussten, wen sie erschossen, in Haft, elf an der Zahl, ehemalige Polizisten und Soldaten.

Doch Rosenberg, im Übrigen, gelte weiterhin als das, was er immer gewesen sei: ein guatemaltekischer Ehrenmann.

 
Leser-Kommentare
  1. hätte man auch auf eine statt auf fünf Seiten packen können.

  2. 2. Karma

    Ein liebeskranker guatemaltekischer Bürgersohn inszeniert seinen Tod und gibt die Schuld daran den natürlichen Feinden des Bürgertums - gibt es nichts wichtiges aus Südamerika zu berichten?

  3. ich habe beim Lesen dieses Artikels Höllenqualen durchlitten. Die absatzweisen Sprünge durch Raum und Zeit bereiteten mir zunehmend Unbehagen. Wird "Die Zeit" nun zum Forum für ambinierte Romanautoren? "Die Zeit" ist doch eine Tageszeitung mit Anspruch. Von ihr erwarte ich Artikel, die mir den Stoff ohne ambitionierte Umschweife vermitteln.

    Mir wurde letztlich nicht klar, ob der Mann ein Spinner mit Ödipuskomplex und (nachvollziehbarem) Verfolgungswahn gewesen ist, der selbst mit gedungenen Mördern dem Präsidenten die beste Steilvorlage lieferte den Fall schnell zu den Akten legen zu können - oder ob der Präsident hinterher nur gut vertuscht hat?

    ...und ich tue mir den Roman kein zweites Mal an, um herauszufinden, ob nicht doch noch irgendwo ein Hinweis zu finden ist, zu welchem Schluß der Verfasser gekommen ist.

    Nachhaltig verändert haben, wird der arme Mann wohl nichts. Als lautstarker Abgang aus Liebeskummer wird die Geschichte wohl eher in Erinnerung bleiben.

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    • BinavK
    • 06.05.2010 um 13:46 Uhr

    Auf kunstvolle Weise verknuepft der Artikel die wichtigsten Dinge im Leben: Liebe, Tod und Menschenrechte. Die Collage-Form ist klug gewaehlt und verknuepft die verschiedenen Ebenen auf eindringliche Weise.
    Gerade wegen solcher Artikel lese ich die Zeit und manchmal bleiben diese fuer lange Zeit erinnerbar. Wollte ich blosse "Informationen" ohne Kontext, koennte ich ja Statistiken im Internet herraussuchen.
    Vor Jahren gab es mal einen Artikel "Werden Sie Guru". Er schilderte den Aufstieg eines selbsterkorenen Gurus und den, von der Polizei vereitelten, aber geplanten Selbstmord seiner deutschen Anhaengerschaft, ich meine, auf Teneriffa.
    Jahrelang hing dieser ironische Artikel ueber meinem Schreibtisch in Hamburg. Jetzt lebe ich in Bangalore, Indien und erinnere mich sehr oft daran. Er ist in meinem Langzeitgedaechtnis, nicht zuletzt wegen seiner literarischen Form, gespeichert.
    Weiter so, Zeit!

    >ich habe beim Lesen dieses Artikels Höllenqualen durchlitten.

    Ging mir genauso. Ich habe dann irgendwann nur noch quergelesen, bis die interessanten Infos kamen (auf Seite 5).

    Da kann ich Ihnen nur voll und ganz zustimmen!!!
    Nach Lesen des Aufmachers zu dem Artikel, in dem darauf hingewiesen wird, dass der Autor sich fast in Lebensgefahr begeben hat, war ich sehr neugierig darauf zu erfahren, was er bei dieser Recherche so alles rausgefunden hat. Fazit: nichts, weil es nichts rauszufinden gab!!!
    Wieso muss man einem vom Leben verwöhnten, suppereichen Guatemalteken so ein großes Forum geboten werden? Einem Menschen der immer in Watte gepackt gelebt hat und der beim ersten Schicksalschlag gleich ausflippt und die Regierung seines Landes für den Tod seiner Geliebten verantwortlich macht??? Man könnte meinen, der Herr möchte zum Helden eines Romans von Gabriel Garcia Marquez werden und lässt sich deshalb operettenhaft hinrichten.

    • BinavK
    • 06.05.2010 um 13:46 Uhr

    Auf kunstvolle Weise verknuepft der Artikel die wichtigsten Dinge im Leben: Liebe, Tod und Menschenrechte. Die Collage-Form ist klug gewaehlt und verknuepft die verschiedenen Ebenen auf eindringliche Weise.
    Gerade wegen solcher Artikel lese ich die Zeit und manchmal bleiben diese fuer lange Zeit erinnerbar. Wollte ich blosse "Informationen" ohne Kontext, koennte ich ja Statistiken im Internet herraussuchen.
    Vor Jahren gab es mal einen Artikel "Werden Sie Guru". Er schilderte den Aufstieg eines selbsterkorenen Gurus und den, von der Polizei vereitelten, aber geplanten Selbstmord seiner deutschen Anhaengerschaft, ich meine, auf Teneriffa.
    Jahrelang hing dieser ironische Artikel ueber meinem Schreibtisch in Hamburg. Jetzt lebe ich in Bangalore, Indien und erinnere mich sehr oft daran. Er ist in meinem Langzeitgedaechtnis, nicht zuletzt wegen seiner literarischen Form, gespeichert.
    Weiter so, Zeit!

    >ich habe beim Lesen dieses Artikels Höllenqualen durchlitten.

    Ging mir genauso. Ich habe dann irgendwann nur noch quergelesen, bis die interessanten Infos kamen (auf Seite 5).

    Da kann ich Ihnen nur voll und ganz zustimmen!!!
    Nach Lesen des Aufmachers zu dem Artikel, in dem darauf hingewiesen wird, dass der Autor sich fast in Lebensgefahr begeben hat, war ich sehr neugierig darauf zu erfahren, was er bei dieser Recherche so alles rausgefunden hat. Fazit: nichts, weil es nichts rauszufinden gab!!!
    Wieso muss man einem vom Leben verwöhnten, suppereichen Guatemalteken so ein großes Forum geboten werden? Einem Menschen der immer in Watte gepackt gelebt hat und der beim ersten Schicksalschlag gleich ausflippt und die Regierung seines Landes für den Tod seiner Geliebten verantwortlich macht??? Man könnte meinen, der Herr möchte zum Helden eines Romans von Gabriel Garcia Marquez werden und lässt sich deshalb operettenhaft hinrichten.

    • BinavK
    • 06.05.2010 um 13:46 Uhr

    Auf kunstvolle Weise verknuepft der Artikel die wichtigsten Dinge im Leben: Liebe, Tod und Menschenrechte. Die Collage-Form ist klug gewaehlt und verknuepft die verschiedenen Ebenen auf eindringliche Weise.
    Gerade wegen solcher Artikel lese ich die Zeit und manchmal bleiben diese fuer lange Zeit erinnerbar. Wollte ich blosse "Informationen" ohne Kontext, koennte ich ja Statistiken im Internet herraussuchen.
    Vor Jahren gab es mal einen Artikel "Werden Sie Guru". Er schilderte den Aufstieg eines selbsterkorenen Gurus und den, von der Polizei vereitelten, aber geplanten Selbstmord seiner deutschen Anhaengerschaft, ich meine, auf Teneriffa.
    Jahrelang hing dieser ironische Artikel ueber meinem Schreibtisch in Hamburg. Jetzt lebe ich in Bangalore, Indien und erinnere mich sehr oft daran. Er ist in meinem Langzeitgedaechtnis, nicht zuletzt wegen seiner literarischen Form, gespeichert.
    Weiter so, Zeit!

    Antwort auf "Katastrophale Schreibe"
  4. >ich habe beim Lesen dieses Artikels Höllenqualen durchlitten.

    Ging mir genauso. Ich habe dann irgendwann nur noch quergelesen, bis die interessanten Infos kamen (auf Seite 5).

    Antwort auf "Katastrophale Schreibe"
  5. Das war der mieseste Artikel, den ich seit langem gelesen habe. Ich habe auch nur weitergelesen, weil mich interssiert hat, warum er Killer auf sich selbst ansetzte. Aber dieses seitenlange Gesülze war nur auszuhalten, in dem ich viele Passagen weitgehend übersprungen habe... ätz.

  6. In der Tat ein unerträglicher Schreibstil! Investigativer, objektiver Journalismus sieht anders aus - das hier ist gefühlsduselndes Boulevardblatt-Geschmiere.

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  • Quelle ZEITmagazin, 06.05.2010 Nr. 19
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