Beruf Hebamme Notfall HebammeSeite 3/3
Auch die Regressabteilungen der Krankenkassen fahnden seit einigen Jahren aktiv nach Behandlungsfehlern. Die Kassen versuchen, sich die Behandlungsausgaben von den Verursachern zurückzuholen. Der höchste durch eine Hebamme verursachte Einzelfallschaden lag bei 4,5 Millionen Euro. Die wenigen Assekuranzen, die angesichts dieser horrenden Summen noch bereit sind, die finanziellen Risiken der Geburtshilfe zu versichern, müssen hohe Prämien nehmen.
In gewisser Weise ist die technisierte Geburtsmedizin Opfer ihres eigenen Erfolgs geworden: Je mehr die Ärzte den Geburtsvorgang technisch erfassen und beeinflussen können, desto leichter können ihnen Fehler nachgewiesen werden, desto häufiger kommt es zu Prozessen, desto höher wird wiederum der Aufwand an Überwachung und ärztlichen Eingriffen.
Viel zu oft kommen Kinder in der Klinik per Kaiserschnitt auf die Welt
Die Zahl der Entbindungen mit Kaiserschnitt hat sich in Deutschland in knapp zwanzig Jahren verdoppelt, heute liegt sie bei mehr als 30 Prozent. Jede vierte Geburt wird medizinisch eingeleitet, rund jede zweite mit Wehenmedikamenten oder gegen Ende mit einem Dammschnitt beschleunigt. Die Rate der Periduralanästhesien (Rückenmarksbetäubungen) liegt bei 25 Prozent. »Einst zur Beherrschung von Komplikationen entwickelte Eingriffe sind zur klinischen Routine geworden«, kritisiert Gesundheitsforscherin Schücking. Auch die Geburtsmediziner sehen die Kaiserschnittraten mittlerweile kritisch. Krankenhäuser mit hohen Sectio-Raten müssten sich rechtfertigen, sagt Fachgesellschaftspräsident Stephan Schmidt.
Wie jeder medizinische Trend fördert auch dieser einen Gegentrend. In der Geburtsmedizin heißt er Hebammenkreißsaal, eine Art Geburtshaus in der Klinik. Hier bekommen Frauen ihr Kind ohne ärztliche Hilfe allein unter der Aufsicht von Hebammen. Nur für den Notfall warten Ärzte im gleichen Gebäude. Oft haben die Paare das Hebammenteam bereits vor der Entbindung kennengelernt. Zehn Hebammenkreißsäle gibt es mittlerweile in deutschen Krankenhäusern, der erste wurde 2003 in Bremerhaven eröffnet. Weitere folgten in Osnabrück, Hamburg, Stuttgart und im Universitätsklinikum Bonn.
Die Anhängerinnen des Modells erhoffen sich, dass die Kaiserschnittraten sinken und die Zufriedenheit der Paare steigt. Denn gerade Erstgebärende in der Klinik fühlen sich mit ihren Wünschen und Gefühlen oft nicht ernst genommen. Dass dies im Hebammenkreißsaal anders ist, hat ein Forschungsprojekt der FH Osnabrück bestätigt. Unter anderem fanden sich die Frauen besser in die Geburt einbezogen als im ärztlich geleiteten Kreißsaal nebenan. War eine Hebamme verantwortlich, endeten – bei ähnlichen Geburtsvoraussetzungen – 5,4 Prozent der Schwangerschaften mit einem Kaiserschnitt, hatte der Arzt das Sagen, waren es 12,3 Prozent. Zurzeit wird die Untersuchung, die bislang nur einen Hebammenkreißsaal ausgewertet hat, an mehreren Standorten wiederholt. Wie immer sich Frauen entscheiden, ob sie sich unter die Obhut von Hebammen begeben oder medizinisch voll abgesichert niederkommen, ob Paare im Geburtshaus oder in der Klinik ihr Kind bekommen: Wichtig ist, dass sie die Wahlfreiheit behalten. Die gestiegenen Prämien für Versicherungen drohen diese massiv zu beschränken.
Mitte Juni haben die Hebammen einen Termin bei Gesundheitsminister Philipp Rösler. Nötig sei eine politische Lösung des Problems, sagt die Verbandsvorsitzende Klenk: »Die flächendeckende Geburtshilfe ist in Gefahr.« Sie schlägt einen deutschlandweiten Fonds vor, der die Haftpflichtversicherung übernehmen soll – bezahlt aus Steuermitteln. Einige Kliniken lassen durchblicken, dass sie sich an den gestiegenen Kosten ihrer Beleghebammen beteiligen wollen. Darauf setzt auch die Berliner Beleghebamme Lotte Gostischa. »Sonst kann ich meinen Beruf bald zum Hobby erklären.«
Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unterwww.zeit.de/audio
- Datum 05.05.2010 - 15:53 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 06.05.2010 Nr. 19
- Kommentare 22
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:









...ach so tolles Gesundheitssystem. Menschen, welche große Verantwortung tragen, große Entberungen in der Freizeit auf sich nehmen, werden mit einem Hungerlohn abgespeist. Laut Text würde diese Hebamme run 1850 Euro Netto verdienen. Dafür steht sie rund um die Uhr zur Verfügung. Nur einmal zum Vergleich: Was würde ein Arbeiter in einem Handwerksbetrieb sagen, wenn er ständig diese Arbeitsbedingungen vor sich hätte? Und das für das Geld?
Natürlich hat die Frau es sich selber ausgesucht, aber zu einem Zeitpunkt, an dem ihre Leistung auch gewürdigt wurden.
Wir werden uns alle noch umschauen, wenn wir irgendwann in vielen Dingen nur noch auf uns alleine gestellt sind...aber die Deppen in der Politik brauchen sich ja keine Sorgen machen, sie werden immer weiter gewählt...so etwas macht mir Angst...
Entfernt. Wir ffreuen uns über Ihre Kritik, bitten Sie allerdings, Sie sachlich und in Auseinandersetzung mit dem THema vorzubringen. Danke. Die Redaktion/cs
Die Frauen dürfen sich nicht alles gefallen lassen: Einleitung der Geburt, Beschleunigung der Wehen und den Dammschnitt. Die werdenen Mütter müssen sich dafür einsetzten, dass die Wahlmöglichkeit zwischen Geburt im Krankenhaus, im Geburtshaus oder der Hausgeburt bleibt. Sie müssen sonst weit fahren, um entbunden zu werden ohne etwas zu sagen zu haben und dann wird es sowieso ein Kaiserschnitt.
Die Hebammen können die Vorsorge in der Schwangerschaft übernehmen, nur die Ultraschalluntersuchungen macht ein Gynäkologe http://www.urbia.de/magaz...
Ich habe mein jüngstes Kind zu Hause zur Welt gebracht, da hat mir niemand dreingeredet. Zur Vorsorge war ich bei der Hebammen, da mußte ich nie warten, im letzten Monat ist sie sogar ins Haus gekommen. Einen Arzt braucht man nicht bei einer normalen Geburt.
Ich hoffe die Hebammen erreichen etwas beim Gesundheitsminister. Die Krankenkassen könnten den Hebammenkreissaal fördern, durch die halbierte Kaiserschnittrate sparen sie.
akademischen Dilettanten werden richtig bezahlt. Es lohnt sich in Deutschland kein Beruf mehr unterhalb der akademischen Ausbildung. Zumindest, wenn man von diesem Beruf bescheiden leben möchte, ohne Aufstockung.
Das einzige was hilft, ist eine Organisation, die nicht mehr wie die klassischen Gewerkschaften an dem Frame des Gemeinwohles oder der Sozialpartnerschaft orientiert ist, sondern nur an dem Vorteil des Standes. Ärzte, Fluglotsen, Piloten u. s. w. machen es vor.
Weibliche und männliche Vertreter der Berufe der Krankenpflege, Altenpflege, Geburtshilfe, Arzthilfe, des Rettungswesen und aller Heilberufe "unterhalb" des Arztes, schließt Euch zusammen. Wenn Ihr eine Streikfront bietet, kann auch der Arzt nichts mehr retten. Der ist ohne Eure wertvolle Arbeit hilflos. Jeder Mensch ist in einer arbeitsteiligen Gesellschaft unersetzlich und wertvoll. Selbst Müllabfuhr und Reinigungskraft, das war nicht abschätzig gemeint.
Nur über eine Gewerkschaft, die so asozial agiert wie die der Ärzte, lassen sich in diesem Land noch Löhne und Gehälter durchsetzen von denen man leben kann.
Das darf nicht sein, es ist aber so!
Die nächste riesige Gehaltserhöhung der Ärzte geht wieder zu Lasten des Pflegepersonals.
Was hier mit Euch passiert ist selbst in USA und GB nicht vorstellbar. Selbst dort werden Euere Berufe und Kenntnisse weit höher eingeschätzt als hier.
Bildet endlich eine Gewerkschaft der Heilberufe, pfeift auf Verdi und den ganzen Mist!
„Wenn Euer starker Arm es will, stehen alle Räder still.“ Das gilt noch immer.
das Problem ist nicht, dass die Versicherung zu teuer ist, sondern, dass die Hebammen viel zu wenig verdienen. Wenn jetzt nur der Versicherungsbeitrag subventioniert werden soll sind die keinen Schritt weiter. Die Kieferorthopäden lassen die Eltern erst einen Vertrag unterschreiben, damit sie privat abrechnen können, dann fangen sie mit der Behandlung an.
die 750 Millionen sind für 2010 und 2011, davon gehen 380 Millionen als Milchprämie und Grünlandprämie an die Milchbauern, mit 300 Millionen werden die Beiträge zur landwirtschaftliche Unfallversicherung, der Berufsgenossenschaft, bezuschußt.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Hebammen auf staatliche Hilfen angewiesen sein möchten. Sie demonstrieren für höhere Gehälter und Honorare.
Warum wird in diesem Artikel nicht auf die Online-Petition der Hebammen verwiesen?
https://epetitionen.bunde...
kwT
kwT
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren