DIE ZEIT: Sie sehen sich als "Anstifter", das klingt nach Überzeugungsarbeit. Wozu wollen Sie die Leute mit Ihrer Stiftung überreden?

Jens Mittelsten Scheid: Zur Eigenaktivität – selbst etwas zu tun. Dabei reden wir auf niemanden moralisch ein. Wir schaffen Hilfsstrukturen, die das Aktivwerden erleichtern.

ZEIT: Ihr jüngstes Beispiel sind "Interkulturelle Gärten". Sie werden in Berlin oder München von Migranten unterschiedlicher Herkunft gemeinsam mit Deutschen bepflanzt. Was wächst da?

Mittelsten Scheid: Es wachsen Wurzeln, und Verwurzelung ist Voraussetzung für Integration. In Interkulturellen Gärten gewinnen viele Zuwanderer wieder Boden unter den Füßen.

ZEIT: Wie soll Anbau von Tomaten, Liebstöckel und Dahlien praktische Integration fördern?

Mittelsten Scheid: In Göttingen habe ich beobachtet, wie Migranten erst einmal so anbauten, wie sie es aus ihrer Heimat gewöhnt waren. Die einen zogen Furchen für die Saat, andere häufelten Erde auf. Im ersten Fall sind die Pflanzen abgesoffen, im zweiten vertrocknet. So erlebt man unmittelbar: In Deutschland ist alles anders, der Boden, das Klima, die Menschen. Äthiopier, Türken und Chilenen können sich nur auf Deutsch verständigen. So wird auch die Sprache gelernt, wir helfen dabei mit Kursen. Und in vielen Kulturen hat das Schenken eine zentrale Bedeutung. Nach der Ernte etwas Eigenes geben zu können, stützt das Selbstwertgefühl.

ZEIT: Beim Pflanzen und Unkrautrupfen prallen unterschiedliche Religionen, Werte und Traditionen aufeinander. Gibt es da Spannungen?

Mittelsten Scheid: Wir empfehlen Regeln, zum Beispiel, dass erst mal nur über Pflanzen gesprochen wird, nicht über Religion und Politik. Daran halten sich die meisten schon aus Selbstschutz.

ZEIT: Wollten Sie mit den Gärten zugleich grüne Inseln in der Stadtlandschaft schaffen?

Mittelsten Scheid: Anfangs haben wir nur an Integration gedacht, aber zunehmend ist auch die ökologische Frage gestellt worden. In allen Gärten wird jetzt biologisch angebaut. Dadurch sind wir mit einer neuen Bewegung in Kontakt gekommen, unglaublich, was da alles entsteht! Auf dem Balkon wachsen neben Geranien auch Tomaten und Gewürze. Gemeinschaftliche und therapeutische Gärten werden angelegt. Beim Guerilla Gardening bepflanzen junge Leute ungenutzte Flächen. Wir versuchen mit der Stiftung, urbane Landwirtschaft voranzubringen.

ZEIT: Sie haben auch Häuser für "Eigenarbeit" initiiert, offene Werkstätten, wo man schreinern, malen, bildhauern kann. Warum?

Mittelsten Scheid: Etwas herzustellen hilft, sich selbst wahrzunehmen, an seinem Werk zu wachsen und die Welt zu begreifen. Das Bildungswesen fördert nur noch den Kopf. Unsere Initiative richtet sich an keine speziellen Gruppen, sie fruchtet vom Arzt bis zum Beamten.