Integration Lernen von der NaturSeite 3/3
ZEIT: Wie leben Sie mit dem Widerspruch, dass Sie das Wachstum anprangern, zugleich aber kommt das Geld Ihrer Stiftung aus einem Unternehmen, das weltweit zukauft und wächst?
Mittelsten Scheid: Als Beirat der Firma freue ich mich, wenn Vorwerk wächst. Nicht das Wachstum eines einzelnen Mitglieds der Wirtschaft stellt ein Problem dar, sondern der Zwang zum gesamtwirtschaftlichen Wachstum.
ZEIT: Werbung des Direktvermarkters Vorwerk preist die Hausfrau als Managerin: »Ich führe ein erfolgreiches kleines Familienunternehmen.«
Mittelsten Scheid: Mir gefällt, dass die Arbeit der Hausfrauen darin Respekt und Achtung erfährt. Gewiss, mit der Ökonomisierung dieses Wertes war ich nicht ganz so einverstanden.
ZEIT: Sie sollten Vorwerk eigentlich übernehmen, warum haben Sie es nicht getan?
Mittelsten Scheid: Mein Vater war ein begeisterter Techniker, er stellte hochintelligente Fragen, war sozial engagiert. Aber die ständige Eingespanntheit war für mich nicht nachahmenswert. Ich hatte auch das Gefühl, dass mir dazu die Fähigkeit fehlt. So habe ich mich entschieden, Philosophie zu studieren.
ZEIT: Zum Ärger Ihres Vaters?
Mittelsten Scheid: Er hat das mit Schmerzen akzeptiert. Im Nachhinein bedaure ich auch eine gewisse Rücksichtslosigkeit. Ich war damals in den sechziger Jahren voll auf dem antikapitalistischen Trip, habe meinen Hintergrund negiert. Wir haben uns aber Ende der siebziger wieder sehr schön angenähert, als meine Eltern die Ertomis-Stiftung gründeten. Ihre und meine Stiftung sind heute unter einem Dach, sie haben dieselbe Grundidee: Vorhandene Kräfte stützen und nicht Defizite ausgleichen.
ZEIT: Privaten Stiftern wird gelegentlich zu großer gesellschaftspolitischer Einfluss vorgeworfen.
Mittelsten Scheid: Das ist ein sehr wichtiges, schwieriges Thema. Man muss es sogar noch zuspitzen: Meist ist ja die Hälfte dessen, was Stiftungen investieren, auch noch von den Steuerzahlern finanziert, da gestiftete Summen steuerlich absetzbar sind. Da könnte die Gesellschaft mit großer Berechtigung fragen: Wieso entscheidet ihr über Summen, die wir zur Verfügung stellen?
ZEIT: Was antworten Sie darauf?
Mittelsten Scheid: Ich kann das nur als Dilemma akzeptieren. Denn ich bin andererseits davon überzeugt, dass private Initiativen und die Verantwortung dafür sehr wichtig sind und in der Mehrzahl der Fälle Innovationen vorantreiben.
ZEIT: Seit einiger Zeit ist ein »Netzwerk Wandel stiften« geplant, dabei wird auch über mehr Transparenz und demokratische Entscheidungen bei den Stiftungen nachgedacht.
Mittelsten Scheid: Wir machen mit in diesem Netzwerk, schätzen die Kooperation und Offenheit. Wir wollen aber nicht, dass in die Projekte zu viel reinregiert wird.
ZEIT: Keine Mitbestimmung über privates Geld?
Mittelsten Scheid: Die Mehrheit der Stiftungen hat ja einen Beirat, der Perspektiven von außen einbringt. Mit der Anstiftung bin ich da eine echte Ausnahme. Ich fühle mich am wohlsten, wenn ich mit einigen Mitarbeitern unabhängig entscheiden kann und nicht jede Kleinigkeit rückkoppeln muss. Wenn mir einer sagt, dass er diese Haltung für unmöglich hält, dann finde ich das okay.
Das Gespräch führte Christiane Grefe
- Datum 07.05.2010 - 07:05 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 06.05.2010 Nr. 19
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Ist schon bemerkenswert für was in Deutschland Preise vergeben werden!
Die Situation in Deutschland erinnert stark an die Machtmechanismen, die in Hans Christian Andersens Märchen "Des Kaisers Neue Kleider" sehr gut dargestelltr wurden!
Das ist das bisher beste, das ich über Integrationsarbeit bisher gelesen habe. Weiter so!
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