Blümchen? Ha! Wer denkt denn an Blümchen, wenn man vom Garten spricht? Madame Ganna Walska bestimmt nicht. Sie wolle nichts pflanzen, was sie als Corsage an der Brust trage, hat sie einmal erklärt. Sicher hat sie hier und da ein paar bunte Tupfer gesetzt. Die Lotusblüten im Teich zum Beispiel, die mussten sein. Aber ansonsten ist der Garten eher so wie seine Herrscherin: dramatisch, stachelig, extravagant.

Lotusland ist einer der ungewöhnlichsten Gärten nicht nur Kaliforniens. Aber was heißt hier Garten – ein ganzes Reich hat die Kosmopolitin Ganna Walska im Laufe von Jahrzehnten angelegt. Hier der funkelnde Blaue Garten – Agaven, Zedern, Wiesenrispengras, die Wege eingefasst von bläulich schimmerndem Flaschenglas –, dort ein ganzer Wald aus kleinen Kakteen, die aussehen wie Strickpuppen, mit Augen, Nase, Mund. Dann der ganz unstrenge Japanische Garten, der sich in sanftem Bogen um einen Teich schmiegt, in dessen Mitte sich gerade eine Ente sonnt. Beim Rundgang durch das 15 Hektar große Gelände schreitet man auf verschlungenen Wegen von einer Welt in die andere, an jeder Ecke erwartet den Besucher eine neue Überraschung. Durch hohe Hecken tritt man in das versteckte abgesenkte Freilufttheater, in dem jahrhundertealte Steinzwerge, die groteske Fratzen schneiden, die Schauspieler ersetzen. Dann wieder taucht man ein in den dichten, vom Sprengen noch feuchten Farngarten, nach ein paar Stunden in der Sonne dankbar für die kühle Erfrischung. Oder man wandelt durch den Tropengarten und fühlt sich, als wäre man nicht in Kalifornien, sondern in Costa Rica – "nur ohne den Regen, die Hitze, die Schlangen", wie unser Führer erklärt.

Durch Lotusland schreitet man nicht allein, der Besuch des Gartens ist nur im Rahmen von Führungen möglich. Ehrenamtliche docents spazieren mit den Gästen in kleinen Gruppen umher und setzen, je nach Temperament, sehr unterschiedliche Akzente. Aus dem Grüppchen dort hinten tönt immer wieder Kichern herüber. Sherman, unser Dozent in Strohhut und Bermudashorts, nimmt die Sache ernster. Der Rentner hat früher in der Rüstungsindustrie gearbeitet. Seine alten Kollegen, erzählt er, treffen sich im Donutladen, essen Fettgebackenes und reden über Dinge, die ihn nicht interessieren. Das ist ihm zu lasch.

Der Himmel ist so blau, wie er blauer nicht sein könnte. Das Wetter in Montecito, vor den Toren Santa Barbaras an der amerikanischen Riviera gelegen, ist für Pflanzen und Menschen äußerst bekömmlich, nie zu kalt und nie zu heiß. "Hier gedeiht alles", erklärt die Botanikerin Virginia Hayes, die sich seit 18 Jahren als Kuratorin um die Pflanzensammlung von Lotusland kümmert; sie wohnt sogar auf dem Gelände. Dicht an dicht stehen Aloen, Palmen und Kakteen. Was allerdings nicht allein eine Folge des milden Klimas ist. Als erklärte Feindin des Kleinkarierten kaufte Madame Ganna Walska Pflanzen en gros ein. Nicht eine, zwei, drei, sondern 10, 20, 30.

Lotusland liegt in einer der reichsten, begehrtesten Wohngegenden der USA. Villen in Montecito werden vom Makler "ab 1395000 Dollar" angeboten, man kann aber auch welche für 29000000 kriegen. Steven Spielberg und Oprah Winfrey, Kirk Douglas und Jeff Bridges haben hier Häuser. Wenn ihre Nachbarn auf Weltreise gingen, gab Madame ihnen eine Einkaufsliste mit. Sie wollte von allem das Größte, das Beste, das Meiste, das Exotischste haben. Schließlich war sie Sammlerin, sammelte Kacheln, Hüte, tibetische Kunst, Diamanten, Vögel und Ehemänner, sechs an der Zahl, die hatten sie schwerreich gemacht. Und eben Pflanzen. So kam sie auf mittlerweile 3200 Arten.

Psst! Madame Ganna Walska spricht. Aus dem Drachenbaum ertönt ihre Stimme, irgendwo hoch im Geäst muss sie sitzen: "What glory in beauty! Not even the sky was my limit, for there could be no limit to my ecstasy…" Nun gut, ihre eigene Stimme ist es nicht, Madame ist seit 26 Jahren tot. Aber ihre Worte sind es schon. Die Berliner Künstlerin Kirsten Reese hat sie als Teil einer temporären Klanginstallation in den Baum gepflanzt: Zitate aus der Autobiografie der Diva. Unter dem bezeichnenden Titel Always Room at the Top erschien diese am Ende jener Jahre, als Madame Ganna Walska für Schlagzeilen sorgte, am Beginn ihres neuen Lebens.

Eigentlich hatte sie nämlich Opernstar werden wollen. Sie fand, Gesang sei die ihr gemäße künstlerische Ausdrucksform, und gab sich viel Mühe, das zu beweisen. Die Kritiker waren anderer Meinung. Aber dank ihrer legendären Schönheit lagen die Männer Madame zu Füßen, mehrere machten ihr einen Heiratsantrag nach der ersten oder zweiten Begegnung.