Martenstein "Bischof Mixa ist das moderne Gegenstück zum Marquis de Sade"
Harald Martenstein neigt dazu, Moralpredigern ihre Sünden zu verzeihen.
Auch ich habe gesündigt, in Taten, in Gedanken, und auch im Ausland. Zu den wenigen Gestalten der Weltgeschichte, die ich für moralisch vorbildlich halte, gehört der Marquis de Sade. Bekanntlich hat der Marquis de Sade Tausende von Seiten mit Schilderungen sexueller Exzesse und Grausamkeiten aller Art bedeckt, auch seine Taten waren nicht immer so, dass sie sich für eine detaillierte Schilderung in unserem Magazin eignen würden. Er saß jahrelang im Kerker und im Irrenhaus, und zwar deswegen, weil seine Schwiegermutter ihn angezeigt hatte.
Als dann die Französische Revolution über das Land kam und so emsig Guillotinen errichtet wurden wie heute Windräder, hielten die Jakobiner den alten Marquis für den idealen Revolutionsrichter. Es war anzunehmen, dass er eine ziemliche Wut auf das verflossene Regime im Bauch hatte, als grausam und reizbar galt er sowieso. Aber de Sade verhielt sich ähnlich wie Nelson Mandela. Er war nicht nachtragend. Als ihm seine Schwiegermutter als Angeklagte vorgeführt wurde, sorgte er dafür, dass sie freigesprochen wurde und den Terror überlebte. Er wurde als Richter wegen erwiesener Milde abgesetzt und seinerseits zum Tode verurteilt.
Zwischen dem, was einer theoretisch vertritt, und dem, was er tatsächlich tut, gibt es oft bemerkenswerte Unterschiede. Ich habe in den vergangenen Wochen entdeckt, dass ein Bischof namens Mixa in gewisser Weise das moderne Gegenstück zum Marquis de Sade darstellt. De Sade predigte Grausamkeit und war in Wirklichkeit barmherzig, jener Marquis de Mixa predigte Barmherzigkeit und verteilte in Wirklichkeit Watschen.
Vor einiger Zeit unterhielt ich mich auch mit Eckart von Hirschhausen. Er verfolgt ein Medienprojekt in Zusammenhang mit Amok. Es ist nämlich so, dass die meisten Amokläufe Nachfolgetäter auf den Plan rufen, deshalb, weil die Berichterstattung in Fernsehen und Zeitungen auf potenzielle Täter anregend wirkt. Das sei, sagte Hirschhausen, bestens erforscht. Berichterstattung über solche Verbrechen müsse es natürlich geben, die Medien seien außerdem frei, aber man müsse den Schwerpunkt der Berichte verschieben. Keine großen Porträts oder Reportagen über den Täter mehr, über seine Motive, seinen persönlichen Hintergrund. Keine Fotos des Täters. Den Täter kann man kurz erwähnen, um sich dann ganz auf die Opfer und ihre Familien zu konzentrieren. Diese Maßnahme würde wahrscheinlich dafür sorgen, dass die Zahl der Amokläufe in Deutschland stark zurückginge. Er habe in diesem Sinn an verschiedene Zeitungen geschrieben, das Echo halte sich in Grenzen.
Man muss sich einmal kurz vorstellen, dass wir Medienleute, die nach jeder größeren Gewalttat nachdenkliche und betroffen machende Texte über diese schreckliche Welt veröffentlichen, es durchaus in der Hand hätten, etwas dagegen zu tun, es aber unterlassen. Nun regte der Kollege H. an, dass ich mich doch für seine Kampagne starkmachen könnte, allein ich hatte anderes zu tun und ließ es liegen, bis ich, Monate später, ein Thema für eine Kolumne brauchte. So sind wir Menschen nämlich und nicht anders. Falls es Gott gibt, wollte er es so haben, warum auch immer.
Was aber den Bischof Mixa betrifft, so neige ich dazu, im Geiste des großen Marquis de Sade, ihm all seine Sünden zu verzeihen. Im Gegenteil, man soll ihn salben, ihm Lieder singen, für ihn tanzen und ihm täglich Leckereien auftragen. Denn dort, wo, wie ich stark vermute, dermaleinst alle strengen Moralprediger landen, in der Hölle nämlich, wird es hart genug für ihn. Falls ich Zeit habe, leiste ich ihm dort Gesellschaft.
- Datum 07.05.2010 - 16:23 Uhr
- Quelle ZEITmagazin, 06.05.2010 Nr. 19
- Kommentare 2
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:






abgesehen davon das ich Ihre Kolumne und ihren unterschwellig gutmenschelnden-selbstgerechten Ton sowieso schon nicht mag, haben Sie sich mit diesem Meisterstück endgültig ins Abseits gestellt. Noch ist nichts bewiesen und natürlich gilt weiterhin die Unschuldsvermutung, aber es scheint als habe der werte Herr Mixa neben Watschen auch andere "Liebkosungen" verteilt. Salbe und tanze für ihn wer will, ich für meinen Teil kann nur noch kotzen!!!
[Anmerkung: Wir möchten Sie bitten, Ihre Kritik mit sachlicher Argumentation zu unterlegen. Vielen Dank. Die Redaktion/ew]
abgesehen davon, dass ich kommentatoren, die offenbar aus purem masochismus die ihnen verhassten kolumnen immer wieder lesen, nicht verstehen kann, hat martenstein hier in der tat (mal wieder) ein meisterstueck abgeliefert.
wie sie auf die idee kommen, hier sei "gutmenschentum" am werke, ist mir erst recht schleierhaft. es handelt sich vielmehr um bitteren sarkasmus, der in bester satirischer tradition und mit aller gebotenen tuecke scheinbar ganz harmlos auf die boese schlusspointe zusteuert.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren