Wahlen in Großbritannien Wir Engländer müssen deutscher werden
Ganz gleich, wie die Koalitionsverhandlungen in Großbritannien ausgehen, das Land braucht mehr Merkel und weniger Thatcher
© Matt Cardy/Getty Images

Illuminiert: Westminster am Tag nach der Wahl
Als ich neulich in Berlin war, wurde ich ständig nach den britischen Unterhauswahlen gefragt. Ich wiederum wollte wissen, wie auf Deutsch heißt, was wir in Großbritannien hung parliament nennen: eine Volksvertretung, in der keine Partei eine klare Mehrheit besitzt. Niemand konnte mir helfen. Denn weil das deutsche Wahlrecht seit 1949 regelmäßig Bundestage ohne eindeutige Mehrheitsverhältnisse hervor bringt, lautet das deutsche Wort für diesen Zustand ganz einfach: »Parlament«.
Rasches Nachrechnen ergibt, dass die Bundesrepublik in den sechs Jahrzehnten ihrer Existenz nicht einmal zwei Jahre lang von einer Partei allein oder von einer Minderheitsregierung geführt wurde. Während der übrigen Zeit amtierten Koalitionsregierungen. Dennoch ist in Deutschland nie das Chaos ausgebrochen, das britische Boulevardzeitungen wie die Daily Mail oder die Sun seit Wochen beschwören, um ihre Leserschaft in Angst und Schrecken zu versetzen.
Ein Beispiel, besser als jede Parodie, für diese Panikmache war soeben in der Sun zu lesen. Über das barbusige Mädchen von Seite 3, »Becky (26) aus London«, berichtete das Massenblatt: »Becky macht sich Sorgen. Sie hat Angst, in einem Parlament ohne klare Mehrheit könnte es zu Wahlrechtsreformen kommen: ›In Parlamenten mit Verhältniswahlrecht sind Minderheiten- oder Koalitionsregierungen die Regel. Ich könnte es nicht ertragen, in einem Land wie Italien zu leben, das in 65 Jahren 61 Regierungen hatte – obwohl ich italienisches Essen liebe«. Diesem Meisterwerk journalistischer Kunst ging eine Titelseite mit der Schlagzeile Well hung… and shafted voraus. Das – ebenfalls nur schwer ins Deutsche übersetzbare – Wortspiel bedeutet ungefähr: »Gut abgehangen… und kräftig über den Tisch gezogen«. Der Politikchef der Zeitung wiederum schrieb am selben Tag unter der Überschrift: »Angst vor Koalitionsregierung erschüttert Großbritannien«.
Selbstverständlich ist die Annahme absurd, ein Parlament ohne klare Mehrheit werde Großbritannien unweigerlich italienische Instabilität (oder italienische Kochkunst) bescheren. Ebenso unsinnig wäre allerdings der Umkehrschluss, mittels einer Koalitionsregierung könnte Großbritannien automatisch deutsche Wirtschaftserfolge erzielen. Aber immerhin: Das Beispiel Deutschland zeigt, dass es möglich ist, mit Koalitionsregierungen eine wirksame Wirtschaftspolitik zu betreiben; der Fall Griechenland beweist umgekehrt, dass die klare Mehrheit einer einzigen Partei nicht vor jämmerlicher Wirtschaftspolitik schützt. Alles hängt davon ab, wer was tut – und wie es getan wird.
Jedes Wahlrecht hat seine Stärken und Schwächen. Geschaffen, um den Aufstieg eines neuen Hitler zu verhindern, besitzt das politische System Deutschlands inzwischen fast zu viele Elemente der Gewaltenteilung und Machtbegrenzung. So sah sich die deutsche Politik jüngst wochenlang außerstande, irgendeine Entscheidung über die deutsche Beteiligung am Programm zur Rettung Griechenlands zu treffen. Warum? Weil die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen die Zusammensetzung des Bundesrates verändern könnte. Spätestens seitdem die griechischen Staatsschulden auf den Status von Ramsch heruntergestuft worden sind, wurde allerdings klar, dass die Märkte keinesfalls geneigt waren, solche Entwicklungen abzuwarten.
Vor etwa zehn Jahren forderten manche Deutsche, auch die Bundesrepublik brauche ein Mehrheitswahlsystem nach britischem Vorbild. Nur so könnten in Deutschland die notwendigen Wirtschaftsreformen durchgesetzt werden. Aber das vergangene Jahrzehnt hat diese Behauptung widerlegt. Deutschland hat harte ökonomische Anpassungsleistungen vollbracht – überwiegend im Einvernehmen mit den Gewerkschaften. Der »Wandel durch Konsens« nach deutschem Muster braucht mehr Zeit als der Umbruch à la Thatcher, aber er erweist sich letztlich als dauerhafter.
In der Zwischenzeit wird Europa von den Haien der Anleihemärkte umkreist. Sie haben Blut gerochen: Vielleicht wird nach Griechenland Portugal an der Reihe sein. Und nach Portugal könnte sogar Großbritannien in Gefahr geraten. Das sind natürlich nicht die besten Rahmenbedingungen, um das traditionsreiche britische Wahlsystem grundlegend umzubauen. Die Gelegenheit dafür war 1997 gleich nach dem Wahlsieg von Tony Blair gekommen. Aber die Labour Party, angesichts ihrer neuen Mehrheit allzu selbstgewiss, ließ die historische Chance verstreichen.
- Datum 09.05.2010 - 15:38 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 06.05.2010 Nr. 19
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Vor ein paar Jahren hieß es gerade aus dem Angelsächsischen Raum immer noch Deutschland sei "Der kranke Mann Europas". Und heute muss man sich selbst von einem sehr renommierten Autor anhören, wie toll wir uns doch in den letzten Jahren reformiert haben.
Meiner Meinung nach muss Großbritannien selbst überlegen, ob es sein, seit Jahrhunderten bewertes Wahlsystem ändern möchte. Ändern wird diese Reform wenig, da das Problem in den meisten westlichen Demokratien darin liegt, dass Parteigrenzen miteinander verschwimmen. Die politischen Parteien verschwimmen langsam zu einem Einheitsbrei, der es unerheblich macht, wen man wählt. Im britischen System gibt es noch den großen Vorteil, dass durch das Wahlsystem kleinere, radikale Parteien vom Parlament ferngehalten werden und somit gar nicht erst eine Machtbasis aufbauen können. Letztendlich müssen wir in allen westlichen Demokratien, unabhängig vom System, die Politiker austauschen. Die Struktur meiner Firma Deutschland ist unerheblich solange in den Chefetagen 2. klassige Manager sitzen.
Ihre Artikel bereiten mir immer wieder große Freude.
Drum nur eine kleine Anmerkung: Vielleicht kommt es in Deutschland mehr als anderswo auf die Öffentlichen Diener an, gegen die schlichtweg nicht regiert werden kann. Mit jedem Generationsumschwung in den Verwaltungen ergibt sich eine andere Politik. Die Antidemokraten haben bis in die 50er bestimmt, nach 68 ergaben sich demokratische, stark an Politik interessierte Gepflogenheiten innerhalb der Verwaltungen und nunmehr scheint das Desinteresse und die Introversion um sich zu greifen. Das Wissen um die "Öffentliche Sache" kommt in Deutschland aus den staatlichen Hierarchien. Deshalb kommt die Kontinuität der deutschen Politik nicht von ungefähr und zumeist nicht von den Politikern. Ein britisches Sprichwort trifft die Sache ganz gut (freie Übertragung): Egal wer die Wahl gewinnt, es kommt immer die Regierung an die Macht.
"Nur so könnten in Deutschland die notwendigen Wirtschaftsreformen durchgesetzt werden. Aber das vergangene Jahrzehnt hat diese Behauptung widerlegt. Deutschland hat harte ökonomische Anpassungsleistungen vollbracht – überwiegend im Einvernehmen mit den Gewerkschaften."
Das war weniger eine Frage des Wahlrechts, als der durch die Übernahme Ost und dem Beitritt zum Euro verschlechterten Konkurrenzfähigkeit geschuldet. Es ist richtig, dass man mit HartzIV eine wesentliche Enteignung der älteren Arbeitslosenversicherten konsensuell durchsetzen konnte. Dagegen steht jedoch die Qualität dieses Gesetzes, das so schlecht wurde, weil im deutschen System so viele mitkochen, ist zwischenzeitlich kaum noch zu verbergen.
Da sehr viele Gesetze gegen die Bürger in dieser Art (Merkels Mehrwertsteuer zB) untergräbt dies auch bereit massiv und grundsätzlich die Akzeptanz des Staates in der Bevölkerung; aber das ist eine andere und zusätzliche Frage, wie dies auch die Stabilität der Mehrheitsverhältnisse in den deutschen Parlamenten zu Gunsten der Interessengemeinschaft öffentlich Bediensteter krass antidemokratisch ist. Aber wie dem auch sei....
Es ist immer intellektuell unprofitabel wie das der Artikel macht technische Abwägungen anekdotisch zu betrachten. Das tut man nur, wenn man die wichtigen Argumente nicht kennt oder sie fürchtet, die Leute aber trotzdem zu etwas beschwätzen will. Das nennt man Propaganda.
Wenn Sie Deutscher wären, dann würden Sie bei der derzeitigen politischen Lage in England sofort wissen, daß nur eine große Koalition in Frage käme. Unabhängig, ob der Wähler das so wollte!
Also bleiben Sie lieber Engländer!
... sind in der Regel nicht die Herrschaft einer Mehrheit(smeinung), sondern eben gerade dann nötig, um Mindermeinungen mittels Koalitionsvertrag gegen eine Mehrheit durchzusetzen. Beispiel: Wenn Merkel glaubte, sie und die Politischen Vorstellungen wären mehrheitsfähig, würde sie ohne Koalitionsverhandlungen bei der ersten Sitzung kandidieren und hernach Gesetzesvorlagen etc. im Bundestag einbringen.
Bevor die Briten sich auf die Schwierigkeiten des Verhältniswahlrechts (Parteien, Listenaufstellung etc.) einlassen, sollten sie sich wirklich genau alle andere europäischen Modelle anschauen; bei aller Begeisterung für die Deutschen (und das am 8./9. Mai!).
Es wäre vielleicht angesagt, das Mehrheitswahlrecht sanft zu modifizieren, indem der Gewählte eine absolute Mehrheit hinter sich bringen muss, notfalls mit einer Stichwahl.
".....Well hung… and shafted voraus. Das – ebenfalls nur schwer ins Deutsche übersetzbare – Wortspiel bedeutet ungefähr: »Gut abgehangen… und kräftig über den Tisch gezogen..."
Nein, mein lieber Autor, das bedeutet es vielleicht ebenfalls. Und das wissen Sie auch ganz genau- und, seien Sie versichert, das Ansehen Britanniens wird nicht im Geringsten leiden, wenn sie es so übersetzen, wie es im Zusammenhang mit dem Bild einer nackten Schönheit gemeint ist:
Well = Gut
hung = behangen
shafted = mit einem Schacht ausgestattet
Also heisst das in etwa: "Gute Brüste und Muschi..."
... ist auch vorbei. ;-)
Das Wortspiel hat in der Tat eine handfestere Bedeutung - aber "well hung" bezieht sich eindeutig nicht auf die weiblichen Körperteile und "shaft" ist das Gegenteil von "Schacht". *gg*
... ist auch vorbei. ;-)
Das Wortspiel hat in der Tat eine handfestere Bedeutung - aber "well hung" bezieht sich eindeutig nicht auf die weiblichen Körperteile und "shaft" ist das Gegenteil von "Schacht". *gg*
... ist auch vorbei. ;-)
Das Wortspiel hat in der Tat eine handfestere Bedeutung - aber "well hung" bezieht sich eindeutig nicht auf die weiblichen Körperteile und "shaft" ist das Gegenteil von "Schacht". *gg*
Möchte ich einbringen, dass dann Minen ("mine-shaft") in die Höhe gebaut würden... (Meiner Erfahrung nach kann "shaft" interessanterweise beide Bedeutungen haben.)
Möchte ich einbringen, dass dann Minen ("mine-shaft") in die Höhe gebaut würden... (Meiner Erfahrung nach kann "shaft" interessanterweise beide Bedeutungen haben.)
Möchte ich einbringen, dass dann Minen ("mine-shaft") in die Höhe gebaut würden... (Meiner Erfahrung nach kann "shaft" interessanterweise beide Bedeutungen haben.)
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