Griechenland-Krise Die Euro-Attacke

Josef Joffe: Der Euro ist nur zu retten, wenn sein Geburtsfehler korrigiert wird

Den Euro beerdigen? Griechische Demonstranten in Athen, Ende März 2010

Den Euro beerdigen? Griechische Demonstranten in Athen, Ende März 2010

Europa mag keine Grand Designs, weshalb es sich seit den Römern jedem Vereinigungszwang widersetzt hat. Erfolg hatte allein die EU, ein ebenso freiwilliges wie unordentliches Projekt: ein Schritt vor, ein halber zurück, ein neuer Versuch. Aus den sechs sind so die 27 geworden.

Die griechische Krise dramatisiert abermals die Grenzen des Durchwurstelns. Ob der Pleitestaat saniert werden kann, wie die EU mit dem Einsatz von 110 Milliarden Euro gewettet hat? Die erste Antwort der Märkte lautet: »Nein.« Schlimmer: Nun zielt der Angriff nicht nur auf das kleine Griechenland, sondern auch auf den großen Euro. In der Attacke aber liegt die Chance.

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Josef Joffe
Josef Joffe

ist Herausgeber der ZEIT. Von 2001 bis 2004 war er auch ihr Chefredakteur, gemeinsam mit Michael Naumann. Davor leitete er das außenpolitische Ressort der Süddeutschen Zeitung. Weitere Texte von ihm finden Sie hier

Die Krise ist der lauteste Weckruf seit Geburt des Euro. Er lautet: Eine gemeinsame Währung ohne gemeinsame Wirtschaftspolitik kann auf Dauer nicht funktionieren. Das ist, als wenn man einen Zug aus lauter Lokomotiven (Ländern) zusammenkoppelt, die alle ihrem eigenen Lokführer (Regierung) gehorchen. Wenn sie nicht das gleiche Tempo halten, reißen die Kupplungen, oder der Zug entgleist. An diesem Punkt sind wir jetzt (fast) angelangt. An Warnungen der Euro-Kritiker hat es weiland nicht gefehlt. Wie konnte man das stabilitätsgläubige Deutschland mit Italien zusammenspannen, das sehr gut mit Inflation und Abwertung gelebt hatte? Wie die niederländischen Freihändler mit den französischen Etatisten? Das Zauberwort war »Konvergenz« und der Zauberstab der »Stabilitätspakt« mit seinen schmalen Defizit- und Schuldenmargen, der für fiskalische Tugend sorgen würde.

Tatsächlich aber hat der Euro das Laster begünstigt. Die Verschwender konnten plötzlich die gleichen niedrigen Zinsen genießen wie die Braven und umso fröhlicher auf Pump leben. Jetzt ist Zahltag für Hellas und Kollegen. Jetzt muss Athen sein Defizit von 14 Prozent der Wirtschaftsleistung bis 2012 auf fünf senken, damit seine Schuldenquote zumindest nicht weiter steigt und so freiwillige Geldgeber angelockt werden. Das kann kein Land schaffen, und deshalb wird der default, die Zahlungsunfähigkeit, nur hinausgeschoben.

Just in diesem Zeitgewinn aber liegt die Chance. Wenn der Zug nicht in den nächsten Wochen entgleist, hat Europa eine Atempause, um den Geburtsfehler des Euro wenigstens an den Rändern zu korrigieren. 16 Loks und 16 Zugführer summieren sich zur nächsten Krise. Da der Stabilitätspakt so offenkundig versagt hat, muss ein stärkerer Mechanismus her. Erstens eine scharfe Aufsicht, eine Art EU-Wirtschaftsprüfer, der sich nicht von kreativer Buchführung verwirren lässt. Dann eine laute Sirene – wie bei einer Bank, die ihre Kunden warnt, wenn sie den Überziehungskredit ausgereizt haben. Dazu automatische Sanktionen, die sich nicht in milden Blauen Briefen erschöpfen.

Aber bleiben wir realistisch. Solange die EU kein Bundesstaat ist, wird sie die Mitglieder nicht zu den brutalen Marktreformen zwingen können, welche die Sünder wieder wettbewerbsfähig machen. Die logischen Konsequenzen sind die geordnete Insolvenz und die Abwertung, mithin der Austritt aus dem Euro. Das wird teuer, aber nicht so teuer wie die Daueralimentierung. Außerdem: In einem kürzeren Zug fährt es sich leichter.

 
Leser-Kommentare
  1. ... da stimme ich tatsächlich mal teilweise mit Herrn JJ überein:

    "...geordnete Insolvenz und die Abwertung, mithin der Austritt aus dem Euro."

    Nur hätte ich das ganz gern auch für D nicht nur für Griechenland.

    Auch würde mich, angesichts der Modephrase von der "gemeinsamen Wirtschaftspolitik", mal interessieren, was sich die Befürworter darunter vorstellen. Soli-Zuschlag? Staatlich verordnete Löhne? Subventionen (gibts ja schon, offenbar erfolglos)? Gemeinsame Steuer- und Sozialpolitik?

    Nichts davon gefällt mir, der europäische Bundesstaat, der alle zu *brutalen Marktreformen* (was immer Herr JJ darunter versteht) zwingen kann, erscheint mir sogar als ausgesprochene Ausgeburt der Hölle.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • joG
    • 07.05.2010 um 10:37 Uhr

    ....haben gegen das GG verstoßen, indem sie die Souveränität der damaligen Verfassung ins Ausland verlagerten. Wenn man das will, ist das auch völlig ok. Dann aber sollte man es juristisch klar und transparent Tun und nicht mit schlechten Verträgen, die keiner versteht, oder deren Inhalt Krisen wie die jetzige herbei zwingen, weil man sie der Bevölkerung sonst nicht aufzwingen könnte.

    • keox
    • 07.05.2010 um 15:41 Uhr

    "Nichts davon gefällt mir, der europäische Bundesstaat, der alle zu *brutalen Marktreformen* (was immer Herr JJ darunter versteht) zwingen kann, erscheint mir sogar als ausgesprochene Ausgeburt der Hölle."

    aus gutem Grund.

    Joffee träumt offenbar von europaweitem weiteren Abbau der Lohn- und Sozialstandards, also weiterer Zerstörung der Binnenmärkte, um Exportgewinne wenigsten noch für eine kleine Zeit zu garantieren.

    Daß durch diese Politik erst die Gelder freigesetzt werden, die dann als frei flottierendes Finanzkapital die Völker zweifach plündern, das verschweigt unser amerikanischer Freund.

    • joG
    • 07.05.2010 um 10:37 Uhr

    ....haben gegen das GG verstoßen, indem sie die Souveränität der damaligen Verfassung ins Ausland verlagerten. Wenn man das will, ist das auch völlig ok. Dann aber sollte man es juristisch klar und transparent Tun und nicht mit schlechten Verträgen, die keiner versteht, oder deren Inhalt Krisen wie die jetzige herbei zwingen, weil man sie der Bevölkerung sonst nicht aufzwingen könnte.

    • keox
    • 07.05.2010 um 15:41 Uhr

    "Nichts davon gefällt mir, der europäische Bundesstaat, der alle zu *brutalen Marktreformen* (was immer Herr JJ darunter versteht) zwingen kann, erscheint mir sogar als ausgesprochene Ausgeburt der Hölle."

    aus gutem Grund.

    Joffee träumt offenbar von europaweitem weiteren Abbau der Lohn- und Sozialstandards, also weiterer Zerstörung der Binnenmärkte, um Exportgewinne wenigsten noch für eine kleine Zeit zu garantieren.

    Daß durch diese Politik erst die Gelder freigesetzt werden, die dann als frei flottierendes Finanzkapital die Völker zweifach plündern, das verschweigt unser amerikanischer Freund.

  2. Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende. Was soll der Zeitsaufschub? Wenn die Griechen die "Zuwendung" verfrühstückt haben - und das wird sehr bald sein - dann die nächste Sendung bitte! Eine geordnete Insolvenz, eine kompetente Insolvenzverwalter-Crew, den Anleihespekulanten mit drastischen Abschlägen die Laune daran verderben, sich die nächsten Kandidaten vorzunehmen... Bei diesem "Durchwurschtel"-Versuch ist das Scheitern schon vorprogrammiert. Wie sagte Joschka Fischer: Das Licht am Ende des Tunnels ist nicht das Ende des Tunnels, sondern der entgegenkommende Zug.

  3. Ich will die DM wieder zurück.

    […]

    Unterlassen Sie geschmacklose Vergleiche. Die Redaktion / mh

    • WIHE
    • 06.05.2010 um 17:21 Uhr

    Soviel Realismus
    wie von Herrn Joffe an den Tag gelegt,
    hätte ich bei der Zeit nicht erwartet.

    Vor 13 Jahren hätte ich meine Leserbriefe, die
    in DIEWelt und DieWoche veröffentlicht wurden,
    und in denen der Euro mit Sprengstoff für Europa
    in Verbindung gebracht wurde,
    in der Zeit wohl nicht veröffentlichen können.

    Das wäre damals wohl unmöglich gewesen.

    • oeki
    • 07.05.2010 um 3:07 Uhr

    Das tote Pferd heißt Euro. Der Niedergang der Fehlkonstruk- tion Euro ist nicht mehr durch sinnlose Versuche und Kosme- tik zu retten. Nur die wenigsten "gebildeten" Politiker wollen erkennen, daß die gegenwärtige Krise erst ein Vorausläufer einer Abwärtsentwicklung ist, die in den nächsten Jahrzehnten existenzgefährdende Ausmaße annehmen wird. OHNE Überbrückungskredit ist Griechenland am 19. Mai zahlungsunfähi;hätte dann gar keine andere Wahl, als aus dem Euro auszutreten und die Drachme wieder einzuführen. Portugal,Spanien,Belgien,Italien und Irland würden folgen. Wenn dann noch das hoch verschuldete Frankreich den Franc wieder einführt, um sich per Notenpresse zu entschulden, ist der Euro endgültig tot. MIT dem Überbrückungskredit ist Griechenland zahlungsunfähig, sobald die Kredite fällig werden. Auf die 300 Mrd. €, werden wahrscheinlich weitere 110 Milliarden € draufgesattelt. Macht 410 Mrd. €, die die Griechen erst recht nicht zurückzahlen können. Bei der nächsten Kreditfälligkeit müssen in spätestens 2 Jahren weitere ca. 200 Mrd. € neue Notkredite draufgelegt werden. Hinzu kommt, daß Portugal, Spanien, Belgien, Italien und Irland durch Ihre Entscheidung eingeladen wurden, dem Beispiel der Griechen zu folgen. Wie soll das funktionieren? Wer soll das je zurückzahlen? Die Lösung des Problems könnte sich in dem Buch "Die Geldlawine" und dem
    darin beschriebenen Bandbreitenmodell.de finden.

    • knuham
    • 07.05.2010 um 6:10 Uhr

    """Die logischen Konsequenzen sind die geordnete Insolvenz und die Abwertung, [...]"""

    Ein Austritt aus der Eurozone, bedeutet für die Deutschen keine Abwertung, sondern eine AUFWERTUNG von ca. 30%, was einer "Exportnation" bekanntlich nicht gut "schmeckt". Deshalb wird diese Logik auch vehement von der Politik und den Lobbyisten bekämpft. Ob die Vorzüge des gemwinsamen Wirtschaftsraum damit erhalten werden können, bleibt ebenso fraglich. Auf jeden Fall muss Bewegung in die träge Veranstaltung EU-Währungsunion kommen, mit den alten "Lebenslügen" kann es nicht so weitergehen. Schön dass Sie meiner bisherigen Argumentation gefolgt sind.

  4. Das eigentliche Problem ist doch ein ganz anderes. Nur müsste man sich da auch an die eigene Nase fassen und mehr in Frage stellen als eine griechische Elite die in Saus und Braus lebt, während sie nichts für das an der Armutsgrenze lebende Volk tut.
    Wie weit haben wir es denn schon geschafft, den ehrlich arbeitenden Menschen an die Armutsgrenze zu bringen?
    Unser gesamtes Wirtschafts und Finanzsystem ist fragwürdig und Griechenland ist nur der erste EU-Staat, der am Ende dieser Sackgasse angekommen ist.

    http://www.heise.de/tp/r4...

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