NRW-Wahl Klar zum Kentern

Vor der Bundestagswahl 2009 schrieb unser Autor über die Piratenpartei - und war begeistert. Was ist nur aus ihr geworden?

Es war ein Sommermärchen. Und obwohl es vor einem halben Jahr war, wirkt es lange her. Bei einem Kennenlernabend der Piratenpartei in einer Kneipe in Kreuzberg saß eine junge Frau an einem Tischchen und kam nicht mehr damit nach, die Eintrittsformulare an die Schlange stehenden Interessenten zu verteilen. Was für junge Leute: ein Informatiker, der schwärmte, dass es jetzt endlich eine Partei gebe, mit der er sich identifizieren könne. Eine Studentin, die erzählte, dass sie Online-Fantasyspiele möge und nicht verstehe, dass das nun »Killerspiele« sein sollten, die auf den Index gehörten. Junge Menschen waren hier versammelt, von denen man sagte, sie seien unpolitisch. Jene, zu denen die klassische Politik den Draht verloren hatte, für die sie aber so gern attraktiv wäre.

Die Piratenpartei erschien nicht als Partei, sondern als eine Bewegung einer Generation. Die Partei derer, die mit dem und im Internet lebten und von denen, die das Land regierten, nicht verstanden wurden. Und die aufgebrochen waren, ihre Welt zu verteidigen.

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Der Gegner war die Mutter der Nation selbst. Ursula von der Leyen, die damalige Familienministerin, hatte die Kinderporno-Debatte als Wahlkampfthema ausgerufen. Um Kinderporno-Angebote im Netz unzugänglich zu machen, so behaupteten die Piraten, wollte sie eine Art Zensurbehörde einführen. Das Bundeskriminalamt sollte Seiten, die auf einem Index gelandet waren, umgehend sperren. Der Staat hätte, so der Vorwurf, in die Informationsfreiheit eingegriffen. Die Konfrontation war perfekt: Die Mutter der Nation, die mit ihren sieben Kindern Hausmusik machte, die Supernanny der CDU, dämonisierte ein Medium, das für viele junge Menschen zur Heimat geworden war. Das wollte sich die »Generation Facebook« nicht gefallen lassen. Eine Onlinepetition gegen das Sperrgesetz bekam über 134.000 Unterstützer. Fast aus dem Nichts wuchs die Partei mit bislang 12.000 Mitgliedern zur stärksten Kraft hinter den Grünen.

Wo sind die alle jetzt?

Die neue Koalition schickte die Idee der Internetsperren kurzerhand ins Nirwana. »Zensursula« ist von der Kinderporno-Front abgetreten, ins Arbeitsministerium. Ihre Nachfolgerin Kristina Schröder wirkt selbst wie eine Vertreterin der Internet-Generation. Sie ist 32 – und kommuniziert ständig über Facebook, was sie so gerade macht.

Der politische Gegner hat sich verjüngt. Die Piraten aber, die bei der Bundestagswahl am Ende ernüchternde zwei Prozent holten, sind innerhalb von sieben Monaten um gefühlte 20 Jahre gealtert.

Wer sich heute aufmacht, die Piratenpartei zu besuchen, landet zum Beispiel in der Kneipe Walden im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg. Ein gemütlicher Ort mit alternativem Touch. Dort trifft sich jede Woche die Crew »Bjarne Stroustrup«. Das hört sich an wie »Stoßtrupp«, ist aber nach einem dänischen Mathematiker benannt, der sich um Programmiersprachen verdient gemacht hat. Und »Crew« klingt viel moderner als »Ortsverein«, unterscheidet sich aber ansonsten nicht davon: Männer mittleren Alters, alle durchaus sympathisch, sitzen zusammen beim Bier. Jemand klappt einen Laptop auf und geht die Tagesordnung durch: TOP 1: Organisation eines Parteifrühstücks, TOP 2: Bericht aus der Landesvorstandssitzung, TOP 3: Mitfahrgelegenheiten zum Bundesparteitag in Bingen.

»Bjarne Stroustrup« ist eine der aktivsten Crews in einem der engagiertesten Landesverbände der Partei. Aber von einer Jugendbewegung ist nicht viel zu spüren. Der Jüngste am Tisch ist 25, ansonsten sind alle Piraten deutlich älter als die amtierende Familienministerin. Einer ist Wirtschaftsprüfer, ein anderer leitet eine Bankfiliale. Es ist auch ein Recke aus der SPD dabei. Und all die Jungen? Die Jungen, sagt Fred, der die Gruppe leitet und ziemlich viele Ringe im Ohr hat, die sehe man nicht so oft hier: »Die stehen vielleicht nicht so drauf, sich zu treffen und Bier zu trinken.«

Leser-Kommentare
  1. Da hat sich also jemand die Mühe gemacht und etwas hingeschaut.
    Leider nicht genug und leider am falschen Ort, aber was nicht ist, kann noch werden. Sie sind herzlich eingeladen, uns diese Woche noch am 24/7-Infostand am Rheinufer in Düsseldorf zu besuchen, oder auch gerne auf der Wahlparty am Sonntag, ebenfalls in Düsseldorf.

    Antworten möchte ich aber konkret auf den letzten Absatz:

    "Während sich die Piraten streiten, wer eigentlich für wen sprechen darf, haben sich alle etablierten Parteien längst mit netzpolitischen Sprechern ausgerüstet. Und wenn sich die Konkurrenz hemmungslos beim Know-how der Piraten bedient, dürfen diese sich nicht einmal beklagen. Schließlich soll Kopieren im Netz legal sein."

    Die Piraten verstehen ihre Partei nicht als Selbstzweck, es geht darum, die Themen zu setzen und nach vorne zu bringen. Sollten die etablierten Parteien diese Themen also übernehmen und im Sinne der Piraten umsetzen, so betrachten die Piraten das schlicht als einen Erfolg!
    Leider aber können die etablierten Parteien aktuell so viele netzpolitische Sprecher benennen, wie sie wollen, ich sehe dennoch nicht, dass in naher Zukunft Ergebnisse im Sinne der Piraten zu erwarten sind. Da liegt also sowohl vor den Piraten, als auch vor den netzpolitischen Sprechern der Etablierten noch ein weiter Weg.

    • dth
    • 06.05.2010 um 18:30 Uhr

    Parteien sollte man ohnehin Wählen, weil man ihre Ziele für richtig hält und nicht, weil man sich mit deren Führsungsleuten irgendwie meint identifizieren zu können. Identifizieren kann man sich nämlich dann mit dem Bild, dass einem über die Medien präsentiert wird. Die großen Parteien tun aber natürlich sehr viel, um dieses zu konstruieren. In vielen Fällen bricht dieses Bild aber irgendwie zusammen, sei es aufgrund von Verfehlungen oder weil es dem Gegner gelingt, die Glaubwürdigkeit zu untergraben. Wenn man nicht zu sehr auf solche Gesichter setzt, hat man diese Probleme auch nicht und kann sich um Themen kümmern.
    Die Herausforderung ist natürlich dann, dass man sich auf Themen einigen muss und sich nicht hinter Führungsfiguren scharen kann, um innere Zerstrittenheit zu verdecken, wie das bei anderen Parteien immer wieder passiert.

  2. Vielen Dank für die konstruktive Kritik. Ich habe über die Piraten nicht geschrieben, weil ich sie für gescheitert halte, sondern weil ich ihr Engagement wichtig finde. Und der Meinung bin, dass die Partei aus ihrem großartigen Start im vergangenen Jahr viel zu wenig gemacht hat. Es ging mir nicht darum, den NRW-Wahlkampf zu beschreiben (das ist an anderer Stelle schon getan worden). Vielmehr kommentierte ich das Selbstverständnis der Partei.

    Es ist zur Zeit keine seriöse Schätzung möglich, wie viele Prozentpunkte die Piraten in NRW erlangen können. Sicher ist aber, dass keine Partei ernsthaft Themen setzen kann, die keine Aussicht hat, in Parlamente einzuziehen. Und ohne identifizierbare Gesichter wird das nicht möglich sein. Die Aussage, es gehe um "Themen" nicht um "Köpfe", halte ich für problematisch. Politik wird von Menschen formuliert, Menschen werden gewählt. Menschen müssen die Themen vertreten. Wenn eine Partei Ideen hervorbringt, aber keine Leute, die sie öffentlich machen können, wird sie keines ihrer Ziele durchsetzen können.

    Noch zwei Anmerkungen:
    - Die Crew »Bjarne Stroustrup«, die ich besucht habe, ist natürlich nicht "irgendein Stammtisch", sondern besteht aus sehr engagierten Piraten, von denen sich einer nun für den Bundesvorstand bewirbt.
    - Zu Dieter Nuhr: Nuhr hat eindeutig Bezug genommen auf massive Drohungen und Beschimpfungen, die er aus den Reihen der Piratenpartei erhalten hat. Dass es diese gegeben hat, wird in der Partei auch nicht geleugnet.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    > Politik wird von Menschen formuliert, Menschen werden gewählt.
    > Menschen müssen die Themen vertreten.

    Das ist eine Frage der Epistemologie. Vor dem Fernsehen wurden keine Menschen gewählt, sondern Themen und Parteien.

    Spätestens seit in den 70ern und 80ern Fernsehen das Massenmedium wurde, wird ein Image gewählt. Welches Image verkörpert der Politiker und dessen Werbung. Inhalte wurden auf ein Minimum geschrumpft - wie sollte man denn auch Themen, die man mehrere Stunden erörtern könnte oder über welche man ganze Bücher schreiben könnte in einen 20 Sekunden Wahlwerbespot oder in einer 30 Sekunden Übersicht bei der Tagesschau unterbringen.

    Dass heutzutage in der Politik Gesichter und Politiker von der Allgemeinheit für wichtiger erachtet werden als Themen, spricht Bände.

    Die Piratenpartei hat zweifellos einige Kinderkrankheiten, aber dass es dort um Themen geht und nicht um Gesichter und Menschen halte ich für einen ungemeinen Vorteil.

    Mehr Informationen zu diesem Thema findet man in "Wir amüsieren uns zu Tode" von Neil Postman.

    Sehr geehrter Herr Prüfer,

    Ihre Reaktion freut uns.

    Sie sagen, wir haben aus unserem Start im letzen Jahr zu wenig gemacht. In der Außenwirkung der Partei mag dieser Eindruck entstehen. Was die Köpfe angeht, stimme ich Ihnen zu. Unser Wahlkampfbudget ist, verglichen mit anderen, vernachlässigbar. Wer aber einen Infostand besucht oder irgendeinen Flyer erhält, kann sich sehr schnell via Internet www.piratenpartei-nrw.de ein Bild über Köpfe und Programm im Detail machen. Unsere Spitzenkandidaten, allen voran Nico Kern, turnen landauf-landab durch NRW und versuchen auch zu Podiumsdiskussionen eingeladen zu werden. Wir sind allzeit gesprächsbereit. Aber das ist nicht einfach, man will keine bislang nicht im LT vertretenen Parteien auf den Podien, genauer, man will wohl die Linke und ganz sicher proNRW nicht, deshalb diese "Regel". Insbesondere grüne Kandidaten haben mehrfach versichert, dass sie dies bedauern.

    Darüber hinaus führen wir intern eine heftige und vielleicht durch 3 Wahlen hintereinander längst überfällige Strukturdebatte. Außerdem probieren wir parteiintern Liquid Feedback aus, eine Software zur basisdemokr. Entscheidungsfindung. Im Grunde leisten wir da Forschungsarbeit! Und das alles mit knapp über 2000 meist auch beruflich stark eingespannten Mitgliedern im Flächenland NRW.

    Wir Piraten sind eben mitten aus dem Leben. Daher ist auch klar, wir sind bereit, Verantwortung zu übernehmen.

    Nochmal danke, lG
    Pirat Ergonaut twitter: Nick_Haflinger

    > Politik wird von Menschen formuliert, Menschen werden gewählt.
    > Menschen müssen die Themen vertreten.

    Das ist eine Frage der Epistemologie. Vor dem Fernsehen wurden keine Menschen gewählt, sondern Themen und Parteien.

    Spätestens seit in den 70ern und 80ern Fernsehen das Massenmedium wurde, wird ein Image gewählt. Welches Image verkörpert der Politiker und dessen Werbung. Inhalte wurden auf ein Minimum geschrumpft - wie sollte man denn auch Themen, die man mehrere Stunden erörtern könnte oder über welche man ganze Bücher schreiben könnte in einen 20 Sekunden Wahlwerbespot oder in einer 30 Sekunden Übersicht bei der Tagesschau unterbringen.

    Dass heutzutage in der Politik Gesichter und Politiker von der Allgemeinheit für wichtiger erachtet werden als Themen, spricht Bände.

    Die Piratenpartei hat zweifellos einige Kinderkrankheiten, aber dass es dort um Themen geht und nicht um Gesichter und Menschen halte ich für einen ungemeinen Vorteil.

    Mehr Informationen zu diesem Thema findet man in "Wir amüsieren uns zu Tode" von Neil Postman.

    Sehr geehrter Herr Prüfer,

    Ihre Reaktion freut uns.

    Sie sagen, wir haben aus unserem Start im letzen Jahr zu wenig gemacht. In der Außenwirkung der Partei mag dieser Eindruck entstehen. Was die Köpfe angeht, stimme ich Ihnen zu. Unser Wahlkampfbudget ist, verglichen mit anderen, vernachlässigbar. Wer aber einen Infostand besucht oder irgendeinen Flyer erhält, kann sich sehr schnell via Internet www.piratenpartei-nrw.de ein Bild über Köpfe und Programm im Detail machen. Unsere Spitzenkandidaten, allen voran Nico Kern, turnen landauf-landab durch NRW und versuchen auch zu Podiumsdiskussionen eingeladen zu werden. Wir sind allzeit gesprächsbereit. Aber das ist nicht einfach, man will keine bislang nicht im LT vertretenen Parteien auf den Podien, genauer, man will wohl die Linke und ganz sicher proNRW nicht, deshalb diese "Regel". Insbesondere grüne Kandidaten haben mehrfach versichert, dass sie dies bedauern.

    Darüber hinaus führen wir intern eine heftige und vielleicht durch 3 Wahlen hintereinander längst überfällige Strukturdebatte. Außerdem probieren wir parteiintern Liquid Feedback aus, eine Software zur basisdemokr. Entscheidungsfindung. Im Grunde leisten wir da Forschungsarbeit! Und das alles mit knapp über 2000 meist auch beruflich stark eingespannten Mitgliedern im Flächenland NRW.

    Wir Piraten sind eben mitten aus dem Leben. Daher ist auch klar, wir sind bereit, Verantwortung zu übernehmen.

    Nochmal danke, lG
    Pirat Ergonaut twitter: Nick_Haflinger

  3. 8. Und...

    Was hier auch ein wenig verloren geht: Wie leicht es ist, sich in der Piratenpartei einzubringen. Jeder kann einen Antrag fürs Wahlprogramm schreiben (strenggenommen sogar Leute, die nicht in der Partei Mitglied sind). Ein Journalist, der sich ernsthaft mit der Partei beschäftigt, müsste die Partei oder einige Mitglieder einfach einige Zeit begleiten. Es geht ganz entscheidend darum, wie Ergebnisse in der Piratenpartei zustande kommen.

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