Es war ein Sommermärchen. Und obwohl es vor einem halben Jahr war, wirkt es lange her. Bei einem Kennenlernabend der Piratenpartei in einer Kneipe in Kreuzberg saß eine junge Frau an einem Tischchen und kam nicht mehr damit nach, die Eintrittsformulare an die Schlange stehenden Interessenten zu verteilen. Was für junge Leute: ein Informatiker, der schwärmte, dass es jetzt endlich eine Partei gebe, mit der er sich identifizieren könne. Eine Studentin, die erzählte, dass sie Online-Fantasyspiele möge und nicht verstehe, dass das nun »Killerspiele« sein sollten, die auf den Index gehörten. Junge Menschen waren hier versammelt, von denen man sagte, sie seien unpolitisch. Jene, zu denen die klassische Politik den Draht verloren hatte, für die sie aber so gern attraktiv wäre.

Die Piratenpartei erschien nicht als Partei, sondern als eine Bewegung einer Generation. Die Partei derer, die mit dem und im Internet lebten und von denen, die das Land regierten, nicht verstanden wurden. Und die aufgebrochen waren, ihre Welt zu verteidigen.

Der Gegner war die Mutter der Nation selbst. Ursula von der Leyen, die damalige Familienministerin, hatte die Kinderporno-Debatte als Wahlkampfthema ausgerufen. Um Kinderporno-Angebote im Netz unzugänglich zu machen, so behaupteten die Piraten, wollte sie eine Art Zensurbehörde einführen. Das Bundeskriminalamt sollte Seiten, die auf einem Index gelandet waren, umgehend sperren. Der Staat hätte, so der Vorwurf, in die Informationsfreiheit eingegriffen. Die Konfrontation war perfekt: Die Mutter der Nation, die mit ihren sieben Kindern Hausmusik machte, die Supernanny der CDU, dämonisierte ein Medium, das für viele junge Menschen zur Heimat geworden war. Das wollte sich die »Generation Facebook« nicht gefallen lassen. Eine Onlinepetition gegen das Sperrgesetz bekam über 134.000 Unterstützer. Fast aus dem Nichts wuchs die Partei mit bislang 12.000 Mitgliedern zur stärksten Kraft hinter den Grünen.

Wo sind die alle jetzt?

Die neue Koalition schickte die Idee der Internetsperren kurzerhand ins Nirwana. »Zensursula« ist von der Kinderporno-Front abgetreten, ins Arbeitsministerium. Ihre Nachfolgerin Kristina Schröder wirkt selbst wie eine Vertreterin der Internet-Generation. Sie ist 32 – und kommuniziert ständig über Facebook, was sie so gerade macht.

Der politische Gegner hat sich verjüngt. Die Piraten aber, die bei der Bundestagswahl am Ende ernüchternde zwei Prozent holten, sind innerhalb von sieben Monaten um gefühlte 20 Jahre gealtert.

Wer sich heute aufmacht, die Piratenpartei zu besuchen, landet zum Beispiel in der Kneipe Walden im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg. Ein gemütlicher Ort mit alternativem Touch. Dort trifft sich jede Woche die Crew »Bjarne Stroustrup«. Das hört sich an wie »Stoßtrupp«, ist aber nach einem dänischen Mathematiker benannt, der sich um Programmiersprachen verdient gemacht hat. Und »Crew« klingt viel moderner als »Ortsverein«, unterscheidet sich aber ansonsten nicht davon: Männer mittleren Alters, alle durchaus sympathisch, sitzen zusammen beim Bier. Jemand klappt einen Laptop auf und geht die Tagesordnung durch: TOP 1: Organisation eines Parteifrühstücks, TOP 2: Bericht aus der Landesvorstandssitzung, TOP 3: Mitfahrgelegenheiten zum Bundesparteitag in Bingen.

»Bjarne Stroustrup« ist eine der aktivsten Crews in einem der engagiertesten Landesverbände der Partei. Aber von einer Jugendbewegung ist nicht viel zu spüren. Der Jüngste am Tisch ist 25, ansonsten sind alle Piraten deutlich älter als die amtierende Familienministerin. Einer ist Wirtschaftsprüfer, ein anderer leitet eine Bankfiliale. Es ist auch ein Recke aus der SPD dabei. Und all die Jungen? Die Jungen, sagt Fred, der die Gruppe leitet und ziemlich viele Ringe im Ohr hat, die sehe man nicht so oft hier: »Die stehen vielleicht nicht so drauf, sich zu treffen und Bier zu trinken.«