Dem Papst ist »eine Kirche der kleinen, aber treuen Schar« lieber als »die große Menge Halbentschiedener«. Das hat Benedikt XVI. in einer Aufwallung frommen Trotzes gesagt, als er noch Josef Ratzinger hieß und der vatikanischen Glaubenskongregation vorstand. Es ist wahr: Die Heilige Schrift sagt von den Lauen, dass sie ausgespien werden aus dem Munde des Herrn. Aber haben sich die Wankelmütigen nicht längst von der Kirche gelöst? Es sind, neben alten Mütterchen und konservativ versteinerten Greisen, eben nicht die »Lauen«, sondern die Entschiedenen, die unterm Kreuz ausharren – freilich in wachsender Opposition zur vatikanischen Orthodoxie.

»Wir sind Kirche« nennen sie wohlbedacht ihre »KirchenVolksBewegung«, deren bekennende Anhängerschaft längst die Millionenmarke überschritten hat. Diese Katholiken betrachten sich nicht als Randfiguren in der altehrwürdigen Kathedrale römischer Konfession. Sie lassen sich nicht als Sektierer belächeln. Sie sagen von sich selber, dass sie dem Herzen der Kirche näher sind als die Hierarchen, näher als der allzu deutsche Papst, der seinen Kritikern mit gefrorener Seele begegnet, näher als die Bischöfe, die sich am Ende stets gehorsam den vatikanischen Ordnungsrufen fügen, manche widerstrebend, manche heimlich maulend, andere freilich – wie die Erzbischöfe von Regensburg, Köln oder Augsburg – dankbar für die Rechtfertigung.

Die aufbegehrenden Laien und einige couragierte Priester sehen sich als »kleine Schar« – jedoch nicht als jene verschworene Gemeinschaft der Unbeirrten, von der Josef Ratzinger sprach, nicht als die Festungswachen, die jedem misstrauen, der an die Pforten klopft. Sie sind eine Schar, die auf Reformen drängt, und sie könnten die Mehrheit von morgen sein. Sie sind die Saat, die aufgehen muss, wenn die Kirche leben soll. Unerschrocken wehren sie sich dagegen, dass Benedikt mit seinem hartköpfigen Widerstand gegen jede essentielle Veränderung die Katholiken weiter ins Abseits befördert. Nur noch elf Prozent aller deutschen Bürger »vertrauen« der katholischen Kirche, der offiziell 26 Millionen Menschen angehören. Die Zahl hat sich seit 1990 um mehr als acht Prozent verringert. Jedes negative Signal provoziert eine neue Austrittswelle. Fatal sind, so zeigte die gereizte Debatte über die Schläge, die Bischof Walter Mixa einst als Pfarrer austeilte, Leugnen, Lügen und halbherzige Geständnisse.

Es gibt keinen Zweifel, dass die Versündigungen in katholischen Internaten und in den Sakristeien die Kirchenflucht antreiben. Die Erstarrung des Papstes aber, als der Proteststurm um die Kirchtürme zu fegen begann, tat das Ihre. Kannte er nicht die Abwege seiner geistlichen Brüder genau genug? Fragte sich das Haupt der Glaubenskongregation, die als Erbinstanz der Inquisition auch über eine sittenrichterliche Autorität verfügt, denn niemals, was enthaltsame Wächter der Keuschheit dazu qualifiziert, über die Verfehlungen des Fleisches zu urteilen? Die Tradition, die seinen Instinkt geprägt hat, gebot ihm Schweigen. Es brauchte massive Pressionen, ehe er sich zum Gespräch mit den Opfern bereit fand – auf der entlegenen Mittelmeerinsel Malta, von den Medien abgeschirmt.

Schon einmal verweigerten Priester und Laien dem Vatikan den Gehorsam

Diese Unbeweglichkeit aber vertieft den Graben zwischen Kirchenoberen und Kirchenvolk und verleiht auch der Debatte über den Zölibat neue Dringlichkeit. Über 80 Prozent der deutschen Katholiken forderten schon Jahre vor den öffentlichen Skandalen die Abschaffung des Zölibates. Das Heirats- und Sexverbot bestimmt vor allem die Scheu junger Männer vor dem Beruf des Priesters. Die Folgen: Die Zahl der katholischen Geistlichen verminderte sich seit 1990 um fast ein Drittel. Die Seelsorge verkümmert. Nur noch jede dritte Gemeinde verfügt über einen ortsansässigen Pfarrer.

Es ist keineswegs undenkbar, dass die Zölibatsdebatte zum Auftakt einer großen Reform wird, die – zumindest im nördlichen Europa – eine zweite Reformation einleiten könnte. Die Resistenz des Vatikans wird das Verlangen nach dem Wandel nur steigern. So nahm das Kirchenvolk zornig zur Kenntnis, dass der Regensburger Erzbischof Müller kurzerhand den Diözesanrat und die Dekanatsräte abschaffte. Umso entschiedener bestehen die Oppositionsbewegung »Wir sind Kirche« und das »Zentralkomitee der deutschen Katholiken« auf dem Mitspracherecht der Laien, auch bei der Wahl von Bischöfen – und werden von mehr als 80 Prozent des Kirchenvolkes unterstützt. Über 70 Prozent sprechen sich für die Zulassung von Frauen zum Priesteramt aus.

Nein, die engagierten Laien beugen sich nicht länger devot den Befehlen des Vatikans. So weigerte sich die »KirchenVolksBewegung«, dem Geheiß des Heiligen Vaters zu folgen und auf die Beratung in Schwangerschaftskonflikten zu verzichten. Ihre Mitglieder kümmern sich auch nicht um das Verbot, das Abendmahl nach protestantischem Ritus zu feiern oder die evangelischen Brüder und Schwestern an der katholischen Kommunion teilnehmen zu lassen – obschon die Priester, die vor sieben Jahren beim Ökumenischen Kirchentag in Berlin zum gemeinsamen Eucharistie-Gottesdienst riefen, von ihren Bischöfen mit harten Strafen heimgesucht wurden. Der Prominenteste unter den Unbotmäßigen, der Theologieprofessor Gotthold Hasenhüttl, wurde vom Priesteramt suspendiert und verlor die Lehrbefugnis.