Russland Runderneuerung auf Russisch

Moskau will die heimische Wirtschaft modernisieren. Eine Spurensuche im Land zeigt, weshalb dies nur so schleppend gelingt

Russland exportiert vor allem Gas, Rohöl und Metalle - an Innovationen mangelt es

Russland exportiert vor allem Gas, Rohöl und Metalle - an Innovationen mangelt es

Die russischen Entscheidungsträger sparen derzeit nicht mit Selbstkritik, wenn es um die Wirtschaft ihres Landes geht. Präsident Dmitrij Medwedjew nennt sie rückständig und international nicht konkurrenzfähig. Sein Chefideologe Wladislaw Surkow bezeichnet sie als Panzerzug ohne Lokomotive: »Darin sitzen Menschen mit Computern und glamouröse Damen, aber das Panzerschild ist schon fast abgefallen, und der Zug fährt nur noch langsam«, sagt Surkow. »Noch ein bisschen, und er bleibt stehen.« Doch Medwedjew will das verhindern – mit »Modernisierung durch Innovation«, wie er sagt.

Das klingt kühn in einem Land, in dem noch nicht mal Mobiltelefone hergestellt werden. Selbst die früher ruhmreichen Automobilwerke GAZ in Nishnij Nowgorod musste zuletzt alle Hoffnung auf einen Billig-Kleintransporter für die Landbevölkerung setzen. Die einst erfindungsreiche russische Luftfahrtindustrie entwickelte in den vergangenen 20 Jahren nur das Mittelstreckenflugzeug Suchoj Superjet 100 bis zur Testphase. Auch das gelang nur mithilfe amerikanischer und französischer Unternehmen. »Russisch ist an diesem Flugzeug nur das Metall«, kommentierte der Ehrenpräsident der Moskauer Luftfahrtschau MAKS, Magomed Tolbojew, den Superjet. »Der Intellekt kommt aus dem Ausland.«

Anzeige

Rohöl, Gas und Metalle machen vier Fünftel der russischen Exporte aus

Eigentlich hat Russland günstige Voraussetzungen, um sich selbst zu erneuern: Bodenschätze, eine gebildete Bevölkerung und eine entwickelte Infrastruktur. Aber die globale Krise hat die Schwächen offengelegt. Die Industrieproduktion sank im vergangenen Jahr um 10,8 Prozent. Rohöl, Gas und Metalle machen vier Fünftel der Exporte aus. Ein paar Jagdflugzeuge und Luftabwehrraketen füllen die Sparte der Ausfuhren an Hochtechnologie. Skeptiker befürchten den Niedergang zu einer Weltmacht dritter Klasse, die vom Ertrag aus Gas- und Ölbohrlöchern lebt. Gut fünf Jahre bleiben nach ihren Prognosen noch, um die Reste des wissenschaftlich-technischen Potenzials der Sowjetzeit zu retten.

Jetzt versucht Russlands Regierung, mithilfe einzelner Projekte umzusteuern und gezielt Innovationen zu fördern. Doch überall – in Wissenschaft, Bildung, Wirtschaft, Staat – mangelt es an Grundlagen für die innovative Wende.

Viele einst renommierte Fachrichtungen sind ausgeblutet. »Selbst die gepriesene Raumfahrt ist eher solides Handwerk als weiterführende Technologie«, sagt Gregor Berghorn, Leiter der Moskauer Außenstelle des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD). »Auch das Ingenieurswesen hat bei neuen Materialien und der Elektronik nachgelassen. Nur im Maschinenbau ist es noch stark.« Seit Jahren schon herrscht in Russland Ingenieursmangel. Die einstigen Prestigefächer Mathematik und Physik locken wenige Studenten an. Zuletzt zählte der DAAD unter 280 Nachwuchswissenschaftlern, die ein Stipendium beantragten, ganze drei Mathematiker.

Das Fachwissen an den Hochschulen ist oft veraltet. Die russische Wissenschaft hat in den neunziger Jahren eine ganze Generation an die Finanzbranche verloren. Zehntausende wechselten damals in die boomenden Banken und Investmentfirmen – oder sie wanderten aus. Die 35- bis 45-Jährigen, die heute Leitungsaufgaben übernehmen müssten, fehlen in den Hochschulen. »Mit 61 Jahren«, sagt der Chemiker Anatolij Jewdokimow vom Moskauer Mirea-Institut für Radiotechnik und Elektronik, »bin ich der Jüngste an meinem Lehrstuhl. Keiner will zu uns kommen, weil die Gehälter so klein sind.« Mancher Professor könnte seinen Kindern nicht die Studiengebühren der eigenen Universität bezahlen.

Steuergeld fließt eher in Vorzeigeprojekte wie Rosnano. Das Staatsunternehmen soll Erkenntnisse in der Nanotechnologie in marktfähige Produkte verwandeln: etwa korrosionsbeständig veredelte Metalle für Bohrplattformen, wärmeisolierende Textilien und neuartige Straßenbeläge. An die Spitze von Rosnano hat Russlands Regierung einen der fähigsten Manager des Landes gesetzt: Anatolij Tschubajs. Der 54-Jährige gilt als Vater der russischen Privatisierung der neunziger Jahre und hat bis vor Kurzem den Strommonopolisten RAO EES aufgeteilt und häppchenweise verkauft. Das Ziel Tschubajs’ ist, die Herstellung von Nanoprodukten bis 2015 um das 200-Fache zu steigern. Mehr als drei Milliarden Euro hat er dafür zur Hand.

Leser-Kommentare
  1. "Das klingt kühn in einem Land, in dem noch nicht mal Mobiltelefone hergestellt werden."

    Werden in D noch Mobiltelefone hergestellt? Die ruhmlose Nokia-Arabeske Richtung Rumänien liegt noch nicht weit zurück.

    "Die einst erfindungsreiche russische Luftfahrtindustrie entwickelte in den vergangenen 20 Jahren nur das Mittelstreckenflugzeug Suchoj Superjet 100 bis zur Testphase. Auch das gelang nur mithilfe amerikanischer und französischer Unternehmen."

    Das geht auch mit nichtwestlicher, z.B. indischer Hilfe. Von der Entwickung der neuen Suchoi T 50 PAK, einem Pendant zur amerikanischen F-22, kann Herr Voßwinkel natürlich nichts wissen.

    "Aber die globale Krise hat die Schwächen offengelegt. Die Industrieproduktion sank im vergangenen Jahr um 10,8 Prozent."

    Wollen wir mal nachsehen, um wieviel die Industrieproduktion in D, den USA und den anderen westlichen Ländern gesunken ist?

    "Rohöl, Gas und Metalle machen vier Fünftel der Exporte aus."

    Wenn ein Land wie Norwegen einen Großteil seiner Deviseneinnahmen durch den Verkauf von Öl bestreitet, sieht Herr Voßwinkel kein Anzeichen von Niedergang?

    "Ein paar Jagdflugzeuge und Luftabwehrraketen füllen die Sparte der Ausfuhren an Hochtechnologie."

    Ich könnte jetzt bösartig sein und mal die Statistik über die amerikanische Exportstruktur hervorkramen.

    "Die russische Wissenschaft hat in den neunziger Jahren eine ganze Generation an die Finanzbranche verloren."

    War das nicht die Zeit, als der Vorzeigedemokrat Jelzin am Ruder war?

  2. Nanotechnologie in marktfähige Produkte verwandeln: etwa korrosionsbeständig veredelte Metalle für Bohrplattformen, wärmeisolierende Textilien und neuartige Straßenbeläge."

    Was war jetzt wieder daran böse und schlecht vom Putin-Regime? Woanders nennt man so etwas staatliche Investitionen in Hochtechnologie, die es ja laut Artikel in Rußland nicht geben soll, wo ja "Skeptiker den Niedergang zu einer Weltmacht dritter Klasse, die vom Ertrag aus Gas- und Ölbohrlöchern lebt, (befürchten).

    "Zwischen 30.000 und 150.000 Hochqualifizierte werden je nach Schätzung künftig in der Nanotechnologie gebraucht. Es ist völlig unklar, woher die kommen sollen, zumal die staatlichen Ausgaben für Bildung und Forschung schrumpfen."

    Das Thema schrumpfende Budgets Bildung Forschung ist in D ein Dauerbrenner. Da ist das "Sparen wie noch nie" unserer Wirtschaftsweisen noch gar nicht eingepreist.

    "Doch nicht nur an Hochschulabsolventen mangelt es, auch die schlechte Berufsausbildung erschwert Russlands Selbsterneuerung. »Es gibt kein duales Ausbildungssystem"

    Gibts das überhaupt noch mal außer in D? Was die Qualität der Hochschulabsolventen angeht, so wende sich Herr Voßwinkel mal bitte an einheimische Hochschuldozenten und Personalchefs, denen oftmals die Haare zu Berge stehen.

    "Die Lehre sei theoretisch, weltfremd und ohne Sinn für die Förderung sozialer Fähigkeiten."

    Dito.

  3. "Keiner ist an den technischen Unterlagen interessiert«, sagt er, »keiner hat das Verständnis dafür.«

    Weil die russischen Muschiks ja eh nur das Saufen im Kopf haben und mit solchen komischen Kringeln auf dem Papier nichts anfangen können? Ich hätte mal eine Frage an die Redaktion: Werden diffamierende und volksverhetzende Beiträge eigentlich nur dann als solche bestraft, wenn es gegen anerkannte Minderheiten und als schützenswert eingestufte Religionen geht? Beim Thema Rußland geht man da anscheinend sehr großzügig heran.

    "Große Konzerne haben deshalb längst ihre eigene Berufsausbildung eingerichtet und geben dafür jährlich gut zehn Milliarden Euro aus. Das entspricht dem staatlichen Bildungsetat."

    Wie jetzt? Ich denke, es ist unklar, woher die geforderten Hochqualifizierten kommen sollen? Derlei Aussagen, wo nicht mal das Gegenteil des Gesagten richtig ist, würde ich, gelinde gesagt, als nicht ganz stringent bezeichnen. [...]

    "Schuld ist vor allem der Staat selbst, der die Firmen gängelt, die Monopolisierung ganzer Branchen toleriert und die Konkurrenz verzerrt."

    Welcher Staat? Derselbe, der ein paar Absätze weiter oben noch Zentren zur Förderung der Hochtechnologie fördert? Ach richtig, ich vergaß: Die Bildungsetats schrumpfen ja.

    Bitte vermeiden Sie unsachliche Vorwürfe. Danke. Die Redaktion/sh

  4. "Doch bislang blieb unklar, wie ernst Präsident Medwedjew es mit seiner angekündigten Runderneuerung Russlands meint. Viel Leidenschaft hat der Staatschef bislang nicht gezeigt, Modernisierung klingt bei ihm eher nach einem kühlen Businessplan."

    Wie sollte er es denn machen, damit es in den Augen von Herrn Voßwinkel leidenschaftlich und glaubhaft klingt? Gedichte rezitieren und die Nationalhymne absingen? Dieser Medwedjew: Der regiert ja ohnehin unter seinem bösbösen Regierungschef, dem advocatus diaboli Putin. Der war so diktatorisch und böse, daß er einfach die Ausplünderung der Naturresourcen durch ausländische Konzerne beendete und deren Kontrolle durch die amerikanische Administration verhinderte. Diese undemokratische und autoritaristische Politik wird ihm niemals verziehen werden. Die quasi oder ganz verstaatlichten Rohstoffkonzeren sind übrigens die, die mit dem "über 50 % in Staatsbesitz" gemeint sind.

    "»Nicht jeder nimmt Schmiergelder. Aber wenn nur jeder Zehnte eine große Summe haben will, reicht das schon.«"

    So was geht ja auch diskreter und geräuschloser, so wie im schönen Deutschland z.B. im Falle Schneider. Auch die Schnelligkeit der Verwaltung ist hier sprichwörtlich.

    "Es (Insor - d. Verf.) fordert ein unabhängiges Rechtssystem, den Schutz des Privateigentums, Entbürokratisierung und freie Medien."

    Wenn man darunter eine Kopie des Westens und die Wahrnehmung westlicher Interessen meint, kommt es da leicht zur begrifflichen Verwirrung.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ihrer Gegenanalyse hat mich nicht überzeugt...
    ich kann dem Ausgangsartikel mehr Glaubhaftigkeit schenken...Die situation, wie Herr Vosswinkel sie beschreibt, ist fuer mich nachvollziehbar und wirkt authentisch!
    Danke Herr Vosswinkel!

    Ihrer Gegenanalyse hat mich nicht überzeugt...
    ich kann dem Ausgangsartikel mehr Glaubhaftigkeit schenken...Die situation, wie Herr Vosswinkel sie beschreibt, ist fuer mich nachvollziehbar und wirkt authentisch!
    Danke Herr Vosswinkel!

  5. Stalingrad. Aber so unter uns gesagt, Deutschland wirkt auch ziemlich herungtergewirtschaftet, und produziert mit Vorliebe nur noch Wortmagie im Sinne von "esmusseinruckdurchdeutschlandgehen" etc.

    Der einzige Fortschritt ist, dass D. seine Regierung virtualisiert hat, und ein paar Avatare (WESTERMERKELWELLE unc Co.) das Geschäft erledigen lässt. Das verursacht weniger Kosten.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service