Er gehörte zur Journaille, wurde Prinz genannt und wie ein König verehrt. Ein König der Feinschmecker war er tatsächlich, dieser Curnonsky, der 1872 als Maurice-Edmond Sailland im französischen Angers geboren wurde. Er war einer der ersten Mitarbeiter des Guide Michelin, für den er unter Pseudonym schrieb. Nach dem Ersten Weltkrieg unternahm er mit einem gleichgesinnten Freund Reisen in alle französischen Provinzen und veröffentlichte darüber 28 Tagebücher.

Damit war der Gastronomie-Tourismus auf den Weg gebracht. Allerorten wurden Gourmet-Clubs gegründet, es bildeten sich Feinschmecker-Vereine und Koch-Akademien. Und überall saß Curnonsky im Vorstand oder war Präsident. Die Kochkunst wurde durch ihn gesellschaftsfähig und modern. Dem Initiator des bis heute anhaltenden Trends ist nun ein reich bebildertes Buch der Autorin Inge Huber gewidmet: Curnonsky oder das Geheimnis des Maurice-Edmond Sailland (Collection Rolf Heyne).

Curnonsky war ein Mann der Belle Epoque. Er genoss einen unbekümmerten und verschwenderischen Lebensstil aus vollen Schüsseln und Flaschen. Er begann als Klatschreporter und Vielschreiber für alle Gelegenheiten, arbeitete auch als Ghostwriter für Willy, den Mann der Schriftstellerin Colette, der ein Schreibbüro unterhielt und ununterbrochen Texte für den Boulevard produzierte. Dabei schien Curnonsky – wie Inge Huber immer wieder andeutet – einen ebenso großen Appetit auf junge, leichte Mädchen gehabt zu haben wie auf Damen, mit denen er ein Bratkartoffelverhältnis unterhielt.

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Als ich einer bedeutenden bretonischen Wirtin vor vielen Jahren meine Aufwartung machen wollte, war sie schon tot, und ihre Tochter führte jenes Restaurant in der Bretagne, wo Curnonsky sich lange Zeit durchfüttern ließ: Chez Mélanie in Riec-sur-Bélon. Die Wirtin Mélanie Rouat besaß eigene Austernbänke und war für ihre bürgerliche Küche berühmt. Ein befreundeter Künstler malte Curnonsky und sie an einem Tisch mit zwei Hummern, ihrer Tochter und Austern. Das Bild sah der bissige Tagebuchschreiber Paul Léautaud 1937 im Museum und nannte es "ganz entschieden ein Greuel an Vulgarität". Womit er weniger seine Kompetenz als Kunstkritiker bewies als die notorische Aversion des Intellektuellen gegenüber kulinarischer Sinnlichkeit.

1952, als Curnonsky achtzig wurde, feierte das gastronomische Paris diesen Geburtstag wie ein nationales Ereignis. In den achtzig besten Restaurants von Paris war je ein Tisch festlich eingedeckt und auf seinen Namen reserviert. Der Journalist wurde geehrt wie ein Spitzensportler. Nicht weil er soziale Missstände aufgedeckt oder eine humane Rettungsaktion ins Leben gerufen hätte. Sondern weil er in Frankreich die allgemeine Freude am Genuss in eine nationale Obsession verwandelt hatte.