Ölpest Zum Anfassen

Die Katastrophe im Golf von Mexiko ist altmodisch. Das könnte helfen

Sonnenuntergang über der Öl-Plattform in Louisiana

Sonnenuntergang über der Öl-Plattform in Louisiana

Welch eine irre Ölgeschichte das war: Als Kapitän Joseph Hazelwood seinen Tanker Exxon Valdez am 24. März 1989 auf eine neue Route gebracht hatte, um Eisbergen auszuweichen, legte der Mann sich schlafen, verständlich, er war ja betrunken. Das Schiff lief dann auf das seither legendäre Bligh-Riff auf, verlor 40.000 Tonnen Rohöl, der Sund hat sich bis heute nicht davon erholt, besonders der gute alte Hering nicht, der in der Gegend aber dringend gebraucht wird. 

Eine Katastrophe alles in allem, die noch herrlich erzählbar war. Die klassisch tragische Einheit von Zeit, Raum und Handlung, mit Akteuren und prompt spürbarer Wirkung, alles auf offener Bühne für jedermanns Augen noch augenblicks sichtbar! Was heutzutage für die klimatischen Spätfolgen des trivialen Berufsverkehrs an einem nasskalten Maimorgen 2010 im gut geheizten Großraum Hamburg ja nicht mehr gilt. Die alltägliche CO₂-Katastrophe sieht hier kein Mensch, also taugt sie auch schlecht zum Erschrecken, zum Erzählen und erst recht zum politischen Handeln.

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Soll man nun also dankbar sein? Katastrophengeschichtlich ist jetzt mit der Ölpest im Golf von Mexiko gleichsam ein Rückgriff in die Historie erfolgt, der das Verursacherprinzip noch einmal so deutlich vor Augen führt, dass man sagen möchte: Kinderchen, seht ihr, so geht das schief mit unserer Lebensweise. Jetzt ist zwar nicht die Trunkenheit eines Kapitäns schuld, sondern ein Ventil, das alles angeblich hätte verhindern können, irgendein Fehlerchen findet sich halt immer im Verlauf der westlichen Fortschrittsgeschichte, aber in Wirklichkeit ist diese selbst das Problem. Wir sind nun mal Mängelwesen, ihr Lieben, so ließe sich fortfahren, dieser furchtbare Ölteppich, in dem alles Lebendige trostlos verklebt und erstickt, sind ja wir, hoffnungslose Fälle allesamt, und da seht ihr’s.

Natur in Gefahr

Anfangs hieß es noch, dass aus den Lecks unter der explodierten Bohrinsel Deepwater Horizon nach Schätzungen des Ölkonzerns BP und der Behörden täglich rund 5000 Barrel Öl schießen würden. Das sind knapp 800.000 Liter der zähen schwarzen Masse. Mittlerweile hat die US-Regierung ihre Schätzung deutlich nach oben korrigiert. Sie liegt nun zwischen 35.000 und 60.000 Barrel pro Tag. Das wären bis zu 9,5 Millionen Liter. Seit Wochen weisen Forscher auf entsprechende Mengen hin.

Bedroht ist nicht nur die Küstenregion des amerikanischen Bundesstaates Louisiana, wo das Öl bereits auf Land getroffen ist. Nach Angaben der Wetter- und Ozeanografiebehörde der USA (NOOA) kommt es auch zu Auswirkungen für Tiere und Pflanzen entlang der Küsten der Nachbarstaaten Mississippi, Alabama und Florida. Derzeit schätzt NOOA, dass allein in Louisiana zehn Tierschutzgebiete betroffen sind.

Die Sumpflandschaften in der Region sind artenreiche Ökosysteme, die fast 40 Prozent der Feuchtgebiete der USA ausmachen.

Meerestiere

Louisianas Ministerium für Natur und Fischerei sieht 445 Fischarten, 45 Säugetierarten, 32 Amphibienarten und 134 Vogelarten unmittelbar durch den wabernden Ölteppich in Gefahr.

Meeressäuger, wie die Delfinart Großer Tümmler oder der Pottwall können sich im klebrigen Öl verfangen, wenn sie zum Luftholen auftauchen. Der Karibik-Manati, eine bereits gefährdete Seekuhart, wandert entlang der Golfküste in warme Gewässer.

Auch einige Schildkrötenarten könnten unter dem Öl leiden. Gerade beginnt die Zeit, in der sie ihre Eier an den Stränden ablegen und auf Futtersuche sind.

Einige Umweltschützer fürchten sogar, dass der Alligator Schwierigkeiten bekommen könnte, im brackigen Mündungsgebiet des Mississippi-Delta Nahrung zu finden. Viele Fischarten, die auf seinem Speiseplan stehen, könnten vom Öl eingefangen werden.

Vögel

Eine Vielzahl an Vogelarten lebt und zieht an der Golfküste entlang, um hier Eier zu legen, Nester zu hüten und nach Futter zu suchen. Allein an der Küste Louisianas zählt man rund fünf Millionen Zugvögel in den Sumpfgebieten.

Kommen die Vögel mit Öl in Verbindung und verkleben sich ihre Flügel, können die Tiere weder Wasser abweisen noch Luft aufnehmen. In der Folge können sie ihre Körpertemperatur nicht mehr regulieren und unterkühlen.

Der offizielle Vogel des Staates Louisiana, der Braunpelikan, hat gerade angefangen auf den Sandinseln, die parallel zur Küstenlinie verlaufen, zu brüten. Weitere rund hundert Zugvögelarten, darunter Schwalben, Ammern und Waldsänger, legen derzeit einen Zwischenstopp in der Region ein.

Hinzu kommen zahlreiche Vogelarten, die an den Stränden nisten.

Pflanzen

Besonders die weitverbreiteten Mangrovenwälder an der Küste des Golfs von Mexiko reagieren sehr empfindlich auf eine Ölverschmutzung. Sie sterben ab, sobald das Öl ihre Luftöffnungen in den Wurzeln verklebt.

Dies ist nicht nur ein ökologisches Problem. Die Mangroven spielen auch eine wichtige Rolle im Küstenschutz. Gerade in der Region vor Louisianas Küste kommt es immer wieder zu starken Hurrikans. Die Mangroven bieten als eine Art natürliche Barriere Schutz für das gesamte Mississippi-Delta.

Künftige Stürme könnten größere Schäden anrichten, weil Mangroven nur langsam nachwachsen.

Fischerei

Der Golf von Mexiko ist der einzige Ort, an dem der Blauflossenthun im Westatlantik seine Laichgründe hat. Die Laichzeit hat gerade begonnen und die Meerestiere sind ohnehin eine gefährdete Art. Ihre Eier schwimmen an der Wasseroberfläche und auch die Larven bleiben in den oberen Wasserschichten, die direkt vom Öl verseucht sind.

Auch der Menaden, eine Heringsart, ist direkt vom Öl betroffen. Die Fische ziehen ihre Nahrung aus dem Wasser, indem sie es filtern. So kann das Öl direkt in ihren Organismus gelangen.

In den Gewässern vor der US-Küste leben zudem riesige Mengen Austern, Krabben, Muscheln und weitere Fische.

Noch geht die örtliche Industrie zwar nicht von einem dramatischen Einfluss auf die Fischereibetriebe aus. Dennoch geht die Furcht um. Einige Krabbenfischer haben bereits BP, Transocean und die anderen an dem Bohrvorhaben beteiligten Konzerne Halliburton sowie Cameron wegen Fahrlässigkeit verklagt.

Aber ließe sich aus dem Faktum des Altmodischen, der unzeitgemäßen Sichtbarkeit des Unglücks nicht auch ein Fünkchen politischer Hoffnung schlagen? Paul Krugman, Nobelpreisträger der Ökonomie, schreibt nun in der New York Times, die Amerikaner hätten zwar eben erst in einer Umfrage geäußert, sie seien in Umweltdingen weniger besorgt als noch vor zwanzig Jahren. Aber nun sei der Preis für den Ölhunger ihres Lebensstils unübersehbar. Er liegt geradezu furchtbar nah. Ihn wieder aus den Augen, aus dem Sinn zu schaffen: Das will jetzt, für alle Welt sichtbar, nicht recht glücken, und darin könnte, sagt Krugman, der Albtraum vielleicht auch ein Gutes haben.

Exxon Mobil hat seine havarierte Exxon Valdez übrigens nach China verkauft: Sie fährt, repariert, nun als Erzfrachter neue Routen, nur erkennt man sie nicht so leicht, sie heißt jetzt Dong Fang Ocean.

 
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