Vor neun Jahren ragte hier, im Zentrum der tschetschenischen Hauptstadt Grosnyj, eine Blindgängerrakete aus dem Trümmerfeld. Der Sprengsatz ist längst weggeräumt, doch die Angst vor Anschlägen, Blutvergießen und Terror ist geblieben. Vor dem Eingang der neu erbauten Moschee aus sandfarbenem Marmor döst im Halbschatten der rituellen Waschräume ein stämmiger Wächter, die Kalaschnikow im Arm. Wer zum Gebet die Moschee betreten möchte, wird von ihm durchsucht. Über dem Metalldetektor am Eingang der Moschee warnt ein Schild: »Das Mitnehmen von Waffen ist streng verboten«. Grosnyj ist ein Ort der Gewalt geblieben.

Auch nach Europa ist der Tschetschenienkonflikt inzwischen vorgestoßen. Am Dienstag vergangener Woche legte der österreichische Verfassungsschutz einen brisanten Bericht vor. Auf 214 Seiten rekonstruierten die Wiener Beamten den Mord an dem Exil-Tschetschenen Umar Israilow, der am 13. Januar 2009 von zwei Auftragsmördern im Wiener Stadtteil Floridsdorf erschossen worden war. Die Ermittler verdächtigen den tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow, den Auftrag erteilt zu haben.

Es wäre nicht der erste Fall, in dem Kadyrow als Drahtzieher eines Mordes vermutet wird. Die Liste der Kritiker des tschetschenischen Präsidenten, die ihr Leben verloren haben, ist lang: Die Journalistin Anna Politkowskaja , die Menschenrechtlerin Natalja Estemirowa oder innenpolitische Konkurrenten wie die Brüder Ruslan und Sulim Jamadajew stehen drauf. Aber nun wird Kadyrow zum ersten Mal von einer Ermittlungsbehörde in Europa offiziell beschuldigt.

Laut österreichischem Verfassungsschutz habe das tschetschenische Killerkommando Israilow kidnappen sollen, da dieser eine Klage gegen Kadyrow vor dem Straßburger Gerichtshof für Menschenrechte eingereicht hatte. Die Entführung schlug fehl und endete tödlich. Die Wiener Staatsanwaltschaft prüft derzeit, ob sie einen internationalen Haftbefehl erlassen soll.

Der Hauptverdächtige Ramsan Kadyrow wurde im März 2007 vom damaligen russischen Präsidenten Wladimir Putin zum Präsidenten der russischen Teilrepublik Tschetschenien ernannt. Der unausgesprochene Deal der beiden: Solange er Moskau gegenüber loyal bleibt und die oberflächliche Befriedung der Republik erzwingt, darf Kadyrow so hart regieren, wie er will. In den drei Jahren seiner Amtszeit gelang es Kadyrow, den offenen Krieg zu beenden, indem er einen Großteil der Rebellen auf seine Seite zog. Die Kämpfer, die sich verweigerten, »vernichtete« er. Kadyrow baute seine Einmannherrschaft zu einem nordkaukasischen Putinismus mit Waffengewalt und asiatischem Personenkult aus. Kadyrow, so scheint es, ist in Tschetschenien überall. Bis zur Dachrinne schmückt sein Porträt das Flughafengebäude in Grosnyj. Auf den Hauswänden prangen seine Losungen wie heilige Verse: »Glück ist der Dienst am Volk«. Abends beginnt im lokalen Fernsehen die Ramsan-Show: Kadyrow verleiht Heldenmedaillen an seine Elitekämpfer, kanzelt in Monologen seine zum Rapport bereitstehenden Minister ab und schenkt in einer Musikshow einer Sängerin den Schlüssel eines neuen Toyota-Mittelklassewagens. Zur Belohnung, weil sie eine Ode auf seinen Vater geschrieben hat. Im Urlaub fährt er in Kommandeursuniform und Pudelmütze in die Berge und befiehlt per Walkie-Talkie eine Polizeiaktion. Und nach dem Halali schreitet er stolz die Strecke der erschossenen »Banditen« ab.

In den vergangenen Monaten ist der Pakt mit Moskau jedoch ins Wanken geraten. Der Kreml hat in Zeiten der globalen Krise die finanzielle Hilfe für Kadyrow gekürzt. Ohne ausreichend Geld aus Moskau ist Tschetschenien aber kaum lebensfähig. Die Führung reagiert mit Gewalt.