Marius Müller-Westernhagen Jetzt reicht’s!
Der Unterhaltungskunst fehlt heute jede Haltung. Ein Plädoyer für eine neue Nachhaltigkeit in der Massenkultur.
© Warner Music

Der Wunsch des Künstlers nach Vermittlung: Marius Müller-Westernhagen hat genug von der Unterhaltungsindustrie ohne Haltung
Wenn man sich heutzutage viele Produkte der Unterhaltungsindustrie ansieht oder anhört, könnte man zu dem Schluss kommen, dass dort der Begriff Unterhaltung so interpretiert wird, als sei Unterhaltung etwas, was sich unter einer Haltung – also gänzlich ohne Haltung – abspielt. Vom ursprünglichen Wortsinn her geht es hierbei aber um das genaue Gegenteil. Unterhaltung geschieht zwischen mindestens zwei Menschen (»unter«), und jeder der Beteiligten gibt etwas von sich preis (»Haltung«). Egal, ob als Gespräch oder als Kartenspiel, es handelt sich bei Unterhaltung immer um einen Austausch.
Das gilt auch für die Live-Unterhaltung, in der man als Künstler direkt mit dem Publikum und dessen Reaktionen konfrontiert wird. Der Künstler tritt dabei mit dem Wunsch an, etwas zu vermitteln. Etwas, was ihm am Herzen liegt, an das er glaubt. Gelingt ihm das nicht, wird er das als Scheitern empfinden und seine Form der Vermittlung vielleicht überdenken. Besitzt er Haltung, wird er weiter an seiner Botschaft festhalten und umso mehr versuchen, sein Publikum zu überzeugen.
Bei den elektronischen Medien verhält es sich nicht anders. Auch hier gilt das Grundprinzip der Unterhaltung, auch hier gibt es Darbietung und Feedback. Der entscheidende Unterschied zum Live-Auftritt sind aber die Menschen, die das meinungsbildende Publikum für den Darstellenden verkörpern. Es sind im TV und Radio nämlich nicht die Fans oder die besonders Interessierten, die sich bemerkbar machen, sondern diejenigen, die bereit sind, Auskunft über sich selbst zu geben. Nicht kulturelle Meinungsführer, sondern potenzielle Sozial-Exhibitionisten oder einsame Seelen, die froh sind, überhaupt einmal gefragt zu werden, melden sich zu Wort. Wer sonst kein Meinungsführer ist, wird es in Umfragen von der GfK (Fernsehen) und AgMa (Radio) auch nicht sein. Die Ergebnisse, die in Form von Zuschauerquoten und Stundenreichweiten veröffentlicht werden, müssen deshalb zwangsläufig progressive Unterhaltung infrage stellen.
Abbilden kann man mit solchen Messmethoden nur einen kleinsten gemeinsamen Nenner, also etwas, auf das sich noch jeder einigen mag. Ein langweiliger Kompromiss wird somit Programm. Solange es läuft – keine Experimente. Die Quote oder Reichweite ist die Währung. Sie definiert den Preis der Werbung, sichert den Job der Macher. Den Pfad der Mainstream-Langeweile kann ein Programmchef ohne wirtschaftlichen Schaden nur verlassen, wenn niederste Bedürfnisse bedient werden. Voyeurismus ist ein solches. Erfolgreiche, aber verantwortungslose TV-Shows führen deshalb Teenager vor, die von einer Karriere als Model oder Sänger, Bauern, die von Liebe und Partnerschaft, und Stars von gestern, die von einem Comeback träumen. Die Musik, die sie begleitet, penetriert dazu in Radiostationen als Soundtrack für den Hintergrund die Hörer – der sogenannte Top-Ten-Terror. Inflationäre Award-Shows der Sendeanstalten, Programmzeitschriften und die Unterhaltungsindustrie loben Preise aus, die nur in seltenen Fällen den Unterhaltern mit Inhalten, sondern fast ausschließlich den kommerziell Erfolgreichsten und Populärsten verliehen werden. Da wäscht eine Hand die andere.
Bei einem derart auf das schnelle Geld ausgerichteten Denken bleibt die Ethik auf der Strecke. Künstlerische Qualität und Erfolg müssen einander selbstredend nicht ausschließen. Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der Musiker wie Bob Dylan, Jimi Hendrix oder auch Led Zeppelin die Massen begeisterten. Nur hatten diese Künstler die Zeit, zu reifen, sich zu entwickeln. Man hatte Geduld mit ihnen. Das wäre heute unvorstellbar.
- Datum 13.05.2010 - 19:12 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 06.05.2010 Nr. 19
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...was ich von Ihnen inzwischen halte, habe ich bereits hier ausführlich niedergelegt:
http://community.zeit.de/user/wawerka/beitrag/2010/02/10/wenn-man-sich-verraten-fühlt
Erstaunlich, dass Sie das Wort "Authentizität" noch verwenden.
... (seines Zeichens Lehrer von Hermann Hesse) und lebt asketisch in einer Felsspalte?
Der allgemeinen Empörung nach zu urteilen, sehr viele.
Ansonsten bitte Vorsicht beim Werfen von belehrend-beleidigenden und empört-beleidigten Verbalsteinchen aus den Glashäuschen.
Was ist denn schon dabei wenn jemand Werbung macht? Wenn's hilft, dass einer die Bilderzeitung liest, der vorher gar keine Zeitung angeschaut hat...
Wer so wenig Medienkompetenz besitzt, dass er Werbung nicht vom echten Leben unterscheiden kann, sollte bitte davon Abstand nehmen, Anderen ihre Lebensweise vorzuhalten und über ethische Grundsätze zu belehren.
... (seines Zeichens Lehrer von Hermann Hesse) und lebt asketisch in einer Felsspalte?
Der allgemeinen Empörung nach zu urteilen, sehr viele.
Ansonsten bitte Vorsicht beim Werfen von belehrend-beleidigenden und empört-beleidigten Verbalsteinchen aus den Glashäuschen.
Was ist denn schon dabei wenn jemand Werbung macht? Wenn's hilft, dass einer die Bilderzeitung liest, der vorher gar keine Zeitung angeschaut hat...
Wer so wenig Medienkompetenz besitzt, dass er Werbung nicht vom echten Leben unterscheiden kann, sollte bitte davon Abstand nehmen, Anderen ihre Lebensweise vorzuhalten und über ethische Grundsätze zu belehren.
das trifft genau den Kern des Problems und ich freue mich, dass sie es sind der sich meldet.
was haben wir heute. Eine Industrie die gezielt Massenware produziert. Sänger die nicht singen können, Musiker die nur drei Akkorde können und der Texte sowie Musik wird extra für Sie geschrieben! Wer heute noch Radio hört, glaubt es gibt nur 200 Titel übers Jahr. Von Morgens bis Abends, durch alle Radiostationen, mehr oder weniger die gleichen Titel. Ich höre seit langem kein Radio mehr. Dazu muss man auch sagen die Konzerte heute sind viel zu teuer, bis auf wenige ausnahmen!
...geht es eigentlich? Fernsehquoten? Tantiemenausschuettungen?
Den Musikliebhabern ist das ohnehin egal - sie unterstuetzen die Kuenstler und Kuenstlerinnen, fuer die sie sich begeistern durch das Kaufen von Konzerttickets. Ueber Tontreaeger selbst wird doch schon lange kein Geld mehr verdient.
Und sorry, aber dass es dem Kuenstler in erster Linie darum ginge "Etwas, was ihm am Herzen liegt, an das er glaubt" zu vermitteln - das ist doch ein recht angejahrtes Verstaendnis von Kunst - was sollte das denn Im Falle von Herrn Westernhagen sein? Dass Uebergewichtige am besten vom Angesicht der Erde verschwinden sollten und dass vier Akkorde absolut ausreichen um ein paar Platten zu produzieren? Soo hoch sind die Qualitaetsstandards nun auch nicht, die er bedient.
Mag sein, dass Qualitaet heute keinen Musiker mehr richtig reich macht - aber warum auch? Jenseits von Castingshows gibt es heute doch so viel mehr grossartige Bands und Musiker als je zuvor - und die haben es heute doch wirklich leicht, tracks zu veroeffentlichen - ein kleines Kuechenstudio reicht absolut aus. Verzweifeln muss man da nur, wenn man sich erhofft hatte durch Musik zu grossem Wohlstand zu kommen.
Müller - Westerhagen
ist ein Mensch, der weiss, was ein Begriff ist und mit diesen gestalten kann. Sehr, sehr gut!
Zu viele machen heute aber auf KUNST, sodass das gutmütige Talent umso schwerer bei den vielen rationalistisch- statusgierige Pseudokünstern auffällt und dauerhaft geschätzt wird.
Das ist in allen Gestaltungs- und Künsterberufen und darüber hinaus heute so!
Es fehlt jedes Filter für Qualität.
So können leicht die Besten auf der Strecke bleiben, die Holzköpfe setzen sich durch.Das nennt sich dann Demokratie, weil jeder darf... ist aber nur allgemeine Proletarisierung.
niemand MUSS den mist kaufen. ich höre musik von bands die teilweise eine cd-auflage von 200 stück haben (http://www.myspace.com/de...) und freu mich meines lebens. aber gut das sies mal erwähnt haben herr westernhagen. sie sind eine ehrliche haut und sich immer selbst treu geblieben, die bild-werbung nervt mich persönlich nicht, die hirntoten die bild lesen lesen sie auch ohne marius.
was mir auffällt ist, dass durch die castingshows hass aufgebaut wird unter den verschiedenen protagonisten. ein gnadenloser konkurrenzkampf unter den Sänger/sängerinnen. auch das publikum spaltet sich, statt sich gemeinsam zu erfreuen.. ich meine, dass man sich früher auf jeden künstler gefreut und jeden auf seine art respektiert hat.
ähnlich geht das ja heut bei den modells zu.
allerdings, wenn ich so richtig überlege waren ja westernhagen und grönemeyer auch nicht die besten freunde.
Ergo::alles beim alten!
...Llandudno in der Nähe von Kapstadt sich ein großes Haus zu bauen und dann von Nachhaltigkeit zu sprechen, hat eine schöne Ironie.
Danke, Herr Westernhagen.
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