Island Heiter bis wolkig
Der Vulkan Eyjafjallajökull brodelt noch immer – und wird zur Sehenswürdigkeit.
©EMMANUEL DUNAND/AFP/Getty Images

Die Kirche von Asolfsskali am Fuß des Berges
Hat es nicht im Fernsehen geheißen, die Aschewolke könne man nicht sehen? Die bemerke man erst, wenn man drin sei, und dann sei es auch schon zu spät? Wir fliegen gerade darauf zu und sehen sie schon von Weitem: einen dunkelgrauen Blumenkohl, der vom Eyjafjallajökull kilometerhoch in den Himmel wächst. »Islands jüngster Ausbruch« heißt der Rundflug, den man von Reykjavík aus täglich buchen kann. Er führt an den Rand des Vulkans, der den europäischen Luftverkehr lahmgelegt hat und immer noch aktiv ist.
Die Cessna überfliegt Schafweiden, Springquellen, Lavafelder, auf denen sich Schwefelablagerungen wie blonde Strähnen durch das Gestein ziehen. Bis auf ein paar Hundert Meter nähern wir uns dem Schlot, der sich unter seiner Wolke verbirgt. Ein unheimliches Gebilde, das sich bläht und wölbt. An den Rändern regnet Asche herab. Ein verbrannter Geruch dringt bis in die Kabine. Ist das nicht gefährlich? Nein, nein, sagt der Pilot: »Unser Propellermotor ist nicht so anfällig wie die Düsentriebwerke. Aber ich achte genau auf die Windrichtung. Wie ich den Boss kenne, zwingt er mich, neue Scheiben zu kaufen, wenn der Ruß sie mir verkratzt.«
So schnell können die Zeiten sich ändern. Mitte April fürchteten Fluggäste um ihr Leben, Tausende Kilometer von der Aschewolke entfernt. Ende April knattern Maschinen mit neugierigen Urlaubern um sie herum. Und niemand nimmt das Unglück so gelassen wie die, die am meisten darunter zu leiden haben: die Isländer selbst.
»Zum Krater gab es einen tollen Wanderpfad«, sagt die Tourismusministerin, eine lebhafte junge Frau Anfang dreißig. »Der hat sich jetzt erneuert.« Gelächter bei den ausländischen Journalisten. Sie sitzen in der gemütlichsten Krisenpressekonferenz, die man sich vorstellen kann. Eine zwanglose Runde in der moosgrün getäfelten Nationalbibliothek in Reykjavík. Kein Protokoll, keine Mikrofone. Wer etwas sagen will, steht auf.
Das mit der Erneuerung war kein Scherz. Lava zerstört, aber sie schafft auch Neuland, neue Chancen. Schon in der Wirtschaftskrise haben die Isländer ihr Improvisationstalent bewiesen. Mit günstigem Tauschkurs und Galgenhumor lockten sie Touristen ins Land. Und auch jetzt fällt ihnen manches ein. Die Fluggesellschaft Icelandair manövrierte so geschickt, dass während der Luftraumsperrungen noch mehr als jeder zweite Flug stattfand. Die Hochglanzmagazine des Landes laden mit Fotostrecken zum Vulkan-Spotting ein: »Das Beste, was Island zu bieten hat«. Und auch die Bauern, deren Felder jetzt schwarz sind, machen das Beste daraus: Sie nutzen die Asche als Dünger.
- Datum 06.05.2010 - 13:03 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 06.05.2010 Nr. 19
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren