Island Heiter bis wolkigSeite 2/2
© EMMANUEL DUNAND/AFP/Getty Images

Ein Pony grast vor der Kulisse des rauchenden Vulkans
»Wir leben so nah an der Natur, da muss man sich anpassen können«, sagt Íris Marelsdottír, neu ernannte Projektleiterin im Katastrophenschutz. Eigentlich ist Gesundheit ihr Fach. Aber die zuständige Kollegin saß in Spanien fest, da sprang sie eben ein. Es waren zwei anstrengende Wochen. Menschen mussten evakuiert, Wege gesperrt und Dämme geöffnet werden. Noch immer sind Chemiker, Ärzte, Putztruppen von Hof zu Hof unterwegs. Wer dafür aufkommt? Die Krisenmanagerin stutzt, merkwürdige Frage. »Jetzt räumen wir erst einmal auf. Über Geld reden wir später.«
Die Isländer denken über den Vulkanausbruch so ähnlich wie das übrige Europa über seine Folgen für den Flugverkehr: keine Katastrophe, aber ein gewaltiges Ärgernis. »Wir werden sicher noch in hundert Jahren daran denken«, meint Íris Marelsdottír. »Der 17. April, das ist von nun an Aschetag.«
Die Landschaft um den Eyjafjallajökull hat sich tatsächlich »erneuert«. Als die angestaute Magma durch das 200 Meter dicke Gletschereis brach, schossen Aschefontänen in den Himmel und Wassermassen ins Tal. Der idyllische See an der Westflanke ist jetzt ein Geröllhaufen. Über die Wiesen ziehen sich schwarz-weiße Rinnen aus Schlamm und Eis. Über der rissigen Gletscherzunge stehen bedrohlich die spitzen Wolken, die in einer Schmutzfahne verwehen und am Horizont mit dem Grau des Nordatlantiks verwischen. Darüber strahlt die Sonne groß und mild, wie hinter Milchglas. Schön sieht das aus.
An die hässliche Seite kommt man, wenn man dem Wind nach Osten folgt. Auf der Straße nach Skógar wirbelt unser Wagen Staub auf, als durchquerten wir eine Wüste. Eine zentimeterdicke Ascheschicht hat die Hänge entfärbt. Aus schwarzen Äckern ragen blassgrüne Keime, wie nach einer Brandrodung. Die kleine Stadt Skógar liegt eine halbe Autostunde vom Eyjafjallajökull entfernt. Aber noch hier hört man ihn grollen, ein dumpfer, mahlender Ton. Dem Volksglauben nach sind das die verdammten Seelen, die in der Hölle ächzen.
Þórður Tómasson hat diesen Klang schon einmal gehört. Das war im März 1947, als ein anderer Vulkan in der Nähe ausbrach. »Der machte dasselbe Geräusch. Dann fing die Erde an zu beben, und ich sah die Wolke am blauen Himmel.« Der alte Herr von bald neunzig Jahren ist der Gründer des Heimatmuseums von Skógar. Und er streift noch immer fast täglich darin herum. Rückt etwas zurecht, spinnt Wolle, knüpft Rosshaar, erzählt, bricht ab, verschwindet, kommt wieder; und man weiß nicht, ob er eine Führung macht oder nur Erinnerungen auffrischt. »Ich brachte schnell die Pferde ins Haus. Für eine Stunde wurde es dunkel wie in der Mittwinternacht, dann blies der Wind die Asche weg. Diesmal ist es schlimmer, es dauert so lange, und meine Ausstellungsstücke werden schmutzig.«
Das Glasdach des Museums ist schwarz verkleistert. Wenn man vor die Tür tritt, rieseln noch immer Ascheteilchen vom Himmel, obwohl es gar nicht regnet. Sie prickeln unangenehm auf der Haut. Hatte er Angst, als der Vulkan ausbrach? Herr Tómasson lächelt. Nein, das nicht. »Wir müssen stets guter Hoffnung sein«, deklamiert er wie aus einem Gebetbuch. Dann wendet er sich wieder seiner Sammlung zu. »Und wir dürfen uns auf nichts verlassen.«
- Datum 06.05.2010 - 13:03 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 06.05.2010 Nr. 19
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