Klagenfurt/Triest/Zagreb/Savudrija
Die älteste Villa am Golf von Triest befindet sich auf halbem Weg zwischen den Schlössern von Duino und Miramar. Noch vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges hatte hier der österreichische Linienschiffskapitän Ritter von Trapp, der Stammvater der Sound of Music- Familie, eine Sommerresidenz für seine stetig wachsende Kinderschar errichten lassen. Damals verband noch keine Küstenstraße die umliegenden Fischerdörfer, einsam stand das Haus inmitten der Terrassen, die mit Olivenbäumen und Weinstöcken bewachsen waren.

Heute wird das Anwesen auf halber Höhe über der Strada Costiera von dem deutschen Schriftsteller Veit Heinichen bewohnt. Er sitzt auf der Veranda, einen Feldstecher griffbereit, und blinzelt über das Meer hinüber zu der Halbinsel Istrien, wo auf einer schmalen Landzunge, nur wenige Kilometer Luftlinie entfernt, das kroatische Dorf Savudrija liegt. Die kalten Sturmwinde der Bora haben abgeflaut, leichter Dunst liegt über dem Golf, in der Ferne ist die Silhouette eines ausufernden Gebäudekomplexes auszumachen: die gerade erst eröffnete Rezidencija Skiper, eine luxuriöse Ferienanlage mit Villen, Appartementhäusern, Fünfsternehotel, Golfklub und eigenem Hubschrauberlandeplatz wurde in die einst unberührte Küstenlandschaft hineingeklotzt, eines der zahlreichen Spekulationsprojekte, die in den vergangenen Jahren auf dem Gebiet des zerfallenen Jugoslawien aus dem Boden gewachsen sind.

Heinichen blättert in seinem Roman Totentanz und zitiert eine Passage, die sich mit dem protzigen Millionärsrefugium beschäftigt: »Vor Jahren bereits hatte dort eine Allianz aus Angehörigen der scharfmacherischen Lega Nord, Kärntner Hochfinanz und alter kroatischer Nomenklatura mitten im Naturschutzgebiet einen enormen Betonkomplex in Angriff genommen… Inzwischen ermitteln die Staatsanwälte wegen betrügerischem Bankrott.« Diese Sätze schrieb Heinichen vor drei Jahren.

Schon damals richtete er stets seinen Blick nach Klagenfurt, wenn er in seinen Kriminalromanen von sinistren Finanztransaktionen in und aus der Grenzregion an der Adria erzählte: Stets operiert darin die Hausbank der Balkan-Mafia am Ufer des Wörthersees. Und zum Dank wird das dienstbare Geldinstitut von seinen ehrenwerten Geschäftspartnern ausgenommen wie eine Weihnachtsgans.

Tatsächlich ermitteln heute im Fall der Rezidencija Skiper und ihrer Geldgeber Staatsanwälte in Klagenfurt und Zagreb und versuchen, das verworrene Finanzabenteuer rund um das ehrgeizige Investitionsprojekt zu durchleuchten. Unterstützt werden sie dabei von kroatischen Geheimdienstleuten, Finanzfahndern, Wirtschaftspolizisten und einer Ermittlungstruppe des Finanzministeriums in Wien, die sich plakativ »CSI Hypo« nennt.

Fast täglich stößt die Aufräumtruppe auf verdächtige Spuren

Das Luxusdomizil an der idyllischen Küste gilt nunmehr als einer von vielen Tatorten in einem atemraubenden Kriminalfall, der weit über den Rahmen eines Finanzskandals hinausgeht. Es handelt sich um die vielleicht spektakulärste Pleite der Kärntner Skandalbank Hypo Group Alpe Adria, die im Dezember 2009 in einer Nacht-und-Nebel-Aktion von der Republik Österreich notverstaatlicht werden musste, weil die damaligen Eigentümer, die Bayerische Landesbank, das Bundesland Kärnten und die Grazer Wechselseitige Versicherung, weder in der Lage noch willens waren, weitere 1,5 Milliarden Euro, die für die Erstellung einer Bilanz dringend benötigt wurden, in dieses Fass ohne Boden zu kippen. 

Jetzt hängt auch der pompöse Klotz der Investitionsruine Skiper der Republik am Bein. Zu Beginn des Monats zog das neue Hypo-Management eine Option, die der Bank erlaubt, um einen symbolischen Euro die restlichen Anteile vom bisherigen Mehrheitseigentümer (die Bank hielt bis dahin 25 Prozent an dem Komplex), einem insolvenzgefährdeten Baukonzern in Slowenien, zu erwerben, da dieser längst nicht mehr die ausstehenden Kredite bedienen kann. Seit 1996 waren insgesamt 199 Millionen Euro aus Klagenfurt in das kühne Unternehmen geflossen, getilgt wurden lediglich 18 Millionen (ZEIT Nr. 4/10) . Sollte sich nun auch noch der Betreiber des Nobelhotels, die deutsche Kempinski-Gruppe, aus der Ferienanlage zurückziehen, was im Raum steht, wären die Chancen, langfristig zumindest einen Teil der Investitionen zurückzuverdienen, drastisch gesunken – geradezu ein Musterbeispiel für die risikofreudige Geschäftsgebarung der Desperados vom Wörthersee.