Der Citroën DS3 ist ein dreitüriger Kleinwagen mit Schrägheck © Citroën Communication/ Jean-Brice LE MAL

Deutschland sei eine Klassengesellschaft, sagen die Sozialdemokraten immer. Wer als Sohn eines Handwerkers geboren wird, habe wenig Chancen, der nächste Josef Ackermann zu werden. Deutschland ist aber auch eine Spurengesellschaft. Ein, sagen wir, Renault Twingo, der sich auf die linke Autobahnspur traut, wird vom Mercedes-BMW-Audi-Establishment ähnlicher Arroganz behandelt wie ein Klempnermeistersohn, der im fleckigen Blaumann beim Champagnerbrunch auf Sylt aufkreuzt und eine Jakobsmuschel mit Zitronengras bestellt. Und wer als Citroën aus der Fabrik rollt, kann sich schon mal auf der Mittelspur oder gleich ganz rechts einfädeln – nur weil er zur falschen Marke gehört. Die Linien auf Deutschlands Autobahnen, liebe Genossinnen und Genossen, sind nur scheinbar gestrichelt!

Die Autotests aus dem ZEITmagazin © Zeit Online

So gesehen ist die Geschichte des Citroën DS3, um den es hier geht, die eines sozialen Aufsteigers. Eine richtige Hollywoodstory. Der DS3 hat alles, was man auf der Überholspur braucht. Aber nichts davon gehört ihm wirklich. Er hat ein Riesending unter der Haube, 156 Pferdestärken, aber sein Motor stammt von BMW. Er hat eine im Windkanal entwickelte Karosserie, aber sie sieht aus wie eine französische Kopie des britischen Mini Coupé. Das ist das Karma dieses Wagens: Der DS3 ist und bleibt ein Gernegroß.

Ich habe ihn ein Wochenende lang 1200 Kilometer weit gefahren. Einmal fühlte ich mich wie der Klempnermeistersohn auf Sylt. 195 Stundenkilometer, A5, kurz vor dem Frankfurter Kreuz. Ich fuhr ganz links, aus einem einfachen Grund: weil ich es mir leisten konnte. Von hinten kam ein silberner 5er-BMW und wollte mich mit der bekannten Denver-Clan-Mentalität von »seiner« Fahrbahn runterblinken.

Ich dachte: Das ist die Sorte Deutschland, vor der Willy Brandt immer gewarnt hat. Es war an der Zeit, ein Exempel zu statuieren: Auch wir, wir Jedermänner, wir Citoyens und Citroëns, können die ganze Breite der Autobahn befahren! Der BMW machte die reaktionär-bourgeoise Geste einer Lichthupe. Ich dachte: Wohlan, Kapitalist! Schaltete vom sechsten in den vierten Gang und drückte das Gaspedal auf den Boden. Ein Röhren begann, tief und wütend, wie der Kampfruf eines Klassenkämpfers im achten Arrondissement. 200, 210, bei 220 ist die Tachonadel am Anschlag, der Wagen ist bergab aber viel schneller.

Als der BMW am Horizont verschwunden war, sagte ich zu mir selbst: Dieser Wagen ist vielleicht das politischste Automobil seit dem Trabant 600.

Technische Daten:

Motorbauart: 4-Zylinder-Benzinmotor
Leistung: 115 kW (156 PS)
Beschleunigung (0–100 km/h): 8,1 s
Höchstgeschwindigkeit: 214 km/h
CO 2 -Emission: 155 g/km
Durchschnittsverbrauch: 6,7 Liter
Basispreis: 19800 Euro

Justus Bender ist ZEIT-Autor.