Jetzt müssen sie ihren Bachelor-Abschluss unter Beweis stellen: Die ersten Uniabsolventen drängen mit den neuen, internationalen Studienabschlüssen auf den Arbeitsmarkt © Spencer Platt/Getty Images

Das ist doch mal wieder alles so typisch, auf den ersten Blick: Bei der Wahl der Uni orientiert sich Laura Bergedieck an Hochschulrankings; beim Auslandssemester in Madrid achtet sie darauf, dass die Scheine, die sie macht, auch angerechnet werden, um keine Zeit zu verlieren; und eine spannende Psychologievorlesung lässt sie lieber bleiben – es gibt keine Credit Points dafür. Während der Semesterferien macht sie ein Praktikum bei einem Versicherer. Und auf die Frage, ob sie sich neben dem Studium sozial engagiert habe, sagt sie: »Es gab mal eine Studentendemo gegen irgendwas, aber mitgemacht habe ich nicht.«

Karrierebewusst, stromlinienförmig und irgendwie konturlos , so haben die Kritiker der Studienrefom die erste Generation der Bachelorstudenten kritisiert. Dumm nur, dass sich Laura Bergedieck, auf den zweiten Blick, in dieses Bild nicht fügt. Sie sitzt in einem Café am Schiffbauerdamm in Berlin-Mitte, ein paar Hundert Meter vom Brandenburger Tor, trägt grünen Pulli zu grünen Augen, schaut auf die Spree und erzählt. Etwa von ihren Kunstkursen bei der Volkshochschule, für die sie einfach Zeit frei geräumt hat. Dass sie während des Studiums durchaus noch zum Feiern kam. Und wie sie sich nach dem Abschluss den Luxus erlaubte, noch nicht zu wissen, wohin sie beruflich steuern will.

Viel wird über Bachelorabsolventen geredet. Sie selbst fragt man selten

Jetzt kommt sie auf dem Arbeitsmarkt an , die erste große Welle von Bachelorabsolventen, und mit ihr deren zweifelhafter Ruf. Doch spätestens wer mit jemandem wie Laura Bergedieck spricht, bekommt seine Zweifel: Haben die neuen, stärker verschulten Stundenpläne bei ihnen tatsächlich so tiefe Spuren hinterlassen, dass sie jetzt gleichgeschaltet sind, meinungsschwach und noch dazu akademisch unfertig? Sind die Bologna-Absolventen wirklich so?

Oder beruht manches Vorurteil den Neuen gegenüber darauf, dass in der Debatte über die Hochschulreform meist nur Hochschulrektoren, Bildungspolitiker und Unternehmenssprecher zu Wort kommen? Je nach Lager fühlen die sich dann dem Humboldtschen oder dem Humankapital-Bildungsideal verpflichtet und malen die Realität der neuen Absolventen in den dazu passenden Farben. Höchste Zeit, die Absolventen selbst sprechen zu lassen.

Für Umweltschutz oder Menschenrechte habe sie kämpfen wollen, erzählt Laura Bergedieck von ihren Überlegungen nach ihrem Uni-Abschluss. Das Ganze habe aber auch zu ihrem Hauptfach Volkswirtschaftslehre passen sollen. Sie entschied sich, noch eine Weile Praktika zu absolvieren, schließlich war sie zum Studienabschluss erst 23. »Stelle finden«, »unterkommen«, die klassischen Erstziele der angeblich so karrierebewussten Absolventen, interessierten sie vorerst nicht.

Als sie beim »Carbon Disclosure Project« in Berlin hospitiert, bekommt sie einen Zweijahresvertrag angeboten. Jetzt hilft sie mit, Daten über CO₂-Emissionen von Unternehmen zu sammeln und vergleichbar zu machen. Diese Daten sollen dann Investoren helfen, die Unternehmen auch nach Umweltaspekten zu beurteilen. Klingt ziemlich spannend. Trotzdem unterschreibt Bergedieck nur für einen Einjahresvertrag. Weil sie sich noch nicht festlegen mag. Obwohl sie dadurch weniger Geld verdient. Karrierebewusst, stromlinienförmig, konturlos geht anders.

Wer sich umhört unter den Bachelors, die auf dem Arbeitsmarkt ihre ersten Schritte getan haben, hört Geschichten wie die von Laura Bergedieck immer wieder. Selbstverständlich beharren auch die »Neuen« auf ihrem Recht, sich erst mal zu orientieren und gegebenenfalls Umwege einzuschlagen. Ganz so wie ihre Vorgänger in den alten Magister- und Diplomstudiengängen. Dass die meisten von ihnen, anders als die früheren Magister- und Diplomabsolventen, beim Abschluss noch nicht mal Mitte 20 sind, gibt ihnen sogar zusätzlich Raum, den richtigen Weg für ihre berufliche Zukunft zu suchen. Mit ihrem Pragmatismus füllen sie die Gräben auf, die sich zwischen Befürwortern und Gegnern der Bologna-Reformen aufgetan haben. Wie etwa steht es um die Praxisnähe, eines der Hauptziele des Studienumbaus? Die Studenten sollten doch raus aus ihrem angeblichen Elfenbeinturm und rein ins echte Berufsleben. »Nicht für die Schule lernen wir, sondern für das Leben!«, hatten dagegen diejenigen gerufen, die die Lehrpläne nicht allein nach Anwendbarkeit ausgelegt wissen wollen und für die die Universität ein Ort der Reifung ist, nicht nur der Wissensvermittlung. Und was sagen die Absolventen? Fühlen sie sich auf ihren Beruf gut vorbereitet?

»Praxiserfahrung ist ja nichts, was man im Studium konsumieren könnte oder vor die Füße geschmissen bekommt«, sagt Lucas Rüngeler. »Hauptsache, man findet dabei heraus, wozu man geeignet ist, und bekommt dafür das theoretische Rüstzeug.« Für Rüngeler hat der neue Abschluss das geleistet: Er hat in Bayreuth das Bachelorprogramm in »Philosophy and Economics« absolviert und anschließend ein knappes Jahr für zwei Start-ups gearbeitet, nämlich bei Talentory, einem Marktplatz für Unternehmen und Headhunter, und Mirapodo, einem Online-Schuhshop.