JobeinstiegGestatten, Bachelor!

Von Anfang an hagelte es Kritik an ihrem Abschluss. Jetzt kämpfen die Bologna-Studenten auf dem Jobmarkt um Anerkennung von Andreas Unger

Junge Leute bei einem Assessmentcenter

Jetzt müssen sie ihren Bachelor-Abschluss unter Beweis stellen: Die ersten Uniabsolventen drängen mit den neuen, internationalen Studienabschlüssen auf den Arbeitsmarkt  |  © Spencer Platt/Getty Images

Das ist doch mal wieder alles so typisch, auf den ersten Blick: Bei der Wahl der Uni orientiert sich Laura Bergedieck an Hochschulrankings; beim Auslandssemester in Madrid achtet sie darauf, dass die Scheine, die sie macht, auch angerechnet werden, um keine Zeit zu verlieren; und eine spannende Psychologievorlesung lässt sie lieber bleiben – es gibt keine Credit Points dafür. Während der Semesterferien macht sie ein Praktikum bei einem Versicherer. Und auf die Frage, ob sie sich neben dem Studium sozial engagiert habe, sagt sie: »Es gab mal eine Studentendemo gegen irgendwas, aber mitgemacht habe ich nicht.«

Karrierebewusst, stromlinienförmig und irgendwie konturlos , so haben die Kritiker der Studienrefom die erste Generation der Bachelorstudenten kritisiert. Dumm nur, dass sich Laura Bergedieck, auf den zweiten Blick, in dieses Bild nicht fügt. Sie sitzt in einem Café am Schiffbauerdamm in Berlin-Mitte, ein paar Hundert Meter vom Brandenburger Tor, trägt grünen Pulli zu grünen Augen, schaut auf die Spree und erzählt. Etwa von ihren Kunstkursen bei der Volkshochschule, für die sie einfach Zeit frei geräumt hat. Dass sie während des Studiums durchaus noch zum Feiern kam. Und wie sie sich nach dem Abschluss den Luxus erlaubte, noch nicht zu wissen, wohin sie beruflich steuern will.

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Viel wird über Bachelorabsolventen geredet. Sie selbst fragt man selten

Jetzt kommt sie auf dem Arbeitsmarkt an , die erste große Welle von Bachelorabsolventen, und mit ihr deren zweifelhafter Ruf. Doch spätestens wer mit jemandem wie Laura Bergedieck spricht, bekommt seine Zweifel: Haben die neuen, stärker verschulten Stundenpläne bei ihnen tatsächlich so tiefe Spuren hinterlassen, dass sie jetzt gleichgeschaltet sind, meinungsschwach und noch dazu akademisch unfertig? Sind die Bologna-Absolventen wirklich so?

Oder beruht manches Vorurteil den Neuen gegenüber darauf, dass in der Debatte über die Hochschulreform meist nur Hochschulrektoren, Bildungspolitiker und Unternehmenssprecher zu Wort kommen? Je nach Lager fühlen die sich dann dem Humboldtschen oder dem Humankapital-Bildungsideal verpflichtet und malen die Realität der neuen Absolventen in den dazu passenden Farben. Höchste Zeit, die Absolventen selbst sprechen zu lassen.

Für Umweltschutz oder Menschenrechte habe sie kämpfen wollen, erzählt Laura Bergedieck von ihren Überlegungen nach ihrem Uni-Abschluss. Das Ganze habe aber auch zu ihrem Hauptfach Volkswirtschaftslehre passen sollen. Sie entschied sich, noch eine Weile Praktika zu absolvieren, schließlich war sie zum Studienabschluss erst 23. »Stelle finden«, »unterkommen«, die klassischen Erstziele der angeblich so karrierebewussten Absolventen, interessierten sie vorerst nicht.

Als sie beim »Carbon Disclosure Project« in Berlin hospitiert, bekommt sie einen Zweijahresvertrag angeboten. Jetzt hilft sie mit, Daten über CO₂-Emissionen von Unternehmen zu sammeln und vergleichbar zu machen. Diese Daten sollen dann Investoren helfen, die Unternehmen auch nach Umweltaspekten zu beurteilen. Klingt ziemlich spannend. Trotzdem unterschreibt Bergedieck nur für einen Einjahresvertrag. Weil sie sich noch nicht festlegen mag. Obwohl sie dadurch weniger Geld verdient. Karrierebewusst, stromlinienförmig, konturlos geht anders.

Wer sich umhört unter den Bachelors, die auf dem Arbeitsmarkt ihre ersten Schritte getan haben, hört Geschichten wie die von Laura Bergedieck immer wieder. Selbstverständlich beharren auch die »Neuen« auf ihrem Recht, sich erst mal zu orientieren und gegebenenfalls Umwege einzuschlagen. Ganz so wie ihre Vorgänger in den alten Magister- und Diplomstudiengängen. Dass die meisten von ihnen, anders als die früheren Magister- und Diplomabsolventen, beim Abschluss noch nicht mal Mitte 20 sind, gibt ihnen sogar zusätzlich Raum, den richtigen Weg für ihre berufliche Zukunft zu suchen. Mit ihrem Pragmatismus füllen sie die Gräben auf, die sich zwischen Befürwortern und Gegnern der Bologna-Reformen aufgetan haben. Wie etwa steht es um die Praxisnähe, eines der Hauptziele des Studienumbaus? Die Studenten sollten doch raus aus ihrem angeblichen Elfenbeinturm und rein ins echte Berufsleben. »Nicht für die Schule lernen wir, sondern für das Leben!«, hatten dagegen diejenigen gerufen, die die Lehrpläne nicht allein nach Anwendbarkeit ausgelegt wissen wollen und für die die Universität ein Ort der Reifung ist, nicht nur der Wissensvermittlung. Und was sagen die Absolventen? Fühlen sie sich auf ihren Beruf gut vorbereitet?

»Praxiserfahrung ist ja nichts, was man im Studium konsumieren könnte oder vor die Füße geschmissen bekommt«, sagt Lucas Rüngeler. »Hauptsache, man findet dabei heraus, wozu man geeignet ist, und bekommt dafür das theoretische Rüstzeug.« Für Rüngeler hat der neue Abschluss das geleistet: Er hat in Bayreuth das Bachelorprogramm in »Philosophy and Economics« absolviert und anschließend ein knappes Jahr für zwei Start-ups gearbeitet, nämlich bei Talentory, einem Marktplatz für Unternehmen und Headhunter, und Mirapodo, einem Online-Schuhshop.

Leserkommentare
  1. ... ich (50 mit DDR-Abi und Hochschulabschluss) schneller einen Job finden würde, als ein sogenannter Bachelor?

    Dafür sprechen schon die staatliche Altersförderung für über 50-jährige AN, die geringeren Lohnkosten, mein Willen, überhaupt arbeiten zu wollen (egal wo und zu welchen Konditionen).

    Nun fragen Sie sich bestimmt in welchem Job?

    Als unterbezahlter Zeitarbeiter mit helferischen Aufgaben und dem imaginären Versprechen auf eine Übernahme in ein festes Arbeitsverhältnis durch die Firma, für die ich mich auf Kosten der Zeitarbeitsbranche täglich "krumm machen" müsste - hier habe ich dann noch gute Chancen, meine Rente nicht zu erleben.

    2 Leserempfehlungen
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    als promovierter Diplom-Mathematiker aus der DDR mußte ich in der brD als sklavenartiger Hilfsarbeiter in Zeitarbeitsfirmen schuften, wurde wegen meiner DDR Herkunft und meiner akademischen Qualifikation ständig verhöhnt, beleidigt und erniedrigt.
    Durch Altersdikriminierung, gepaart mit dem gesellschaftlich iniziiertem Rachefeldzug gegen die ehemalige DDR-Intelligenz, züchtet sich dieser Staat erbitterste Feinde heran.

    • noon44
    • 15. Mai 2010 11:59 Uhr

    Was soll das denn bitte, die Sache liegt doch auf der Hand. Klar kann man in ein dreijähriges Studium gezielt Qualifikationen vermitteln, die einen Absolventen auf dem Arbeitsmarkt "verwertbar" machen. Und klar machen drei Jahre Uni aus einem jungen Menschen mit Idealen keinen gleichgeschalteten Roboter. Nur: Das Ausprobieren in verschiedenen Bereichen, 3-4 Praktika usw., das können nur die machen, die sich das von ihrem Elternhaus her leisten können. Für alle anderen ist nach 3 Jahren Schluss mit lustig und dann bleibt entweder (wenn man denn Glück hat und entsprechende Noten erzielen konnte) der Master oder nur irgendwie, irgendwo in einem Beruf unterzukommen um zu überleben. Was im Bachelor fehlt ist der Freiraum sich zu entwickeln innerhalb des geschützten Bereiches des Studium - und dieser Schutz ist wichtig. In diesem Schutz kann auch der VWLer mal Nietzsche lesen und der Informatiker mal in eine Vorlesung über Kunstgeschichte gehen. Auch die Dauer der alten Studiengänge sind dabei ein wichtiger Faktor: Mit 23 weiß man selten wirklich was man will und wer man ist, das dauert eine Weile. Mit Glück weiß man das dann eben mit Ende zwanzig, dann wenn man nach dem alten System das auch wissen sollte. Es war schön daß man diese Suche früher auch ohne Berufsstress durchführen konnte, daß ein solcher Weg erlaubt war. Im Bacherlor gibt es nur noch Marktorientierung, egal ob zur festen Berufsfindung oder zum Ausprobieren. Aus humanistischer Sicht einfach eine Katastrophe.

    • rod
    • 15. Mai 2010 12:23 Uhr
    3. B. Sc.

    Diplom studiert, mit Bachelor abgeschlossen, seit 7 Monaten fertig und arbeitsuchend.

    Mein Lebenslauf in kurzer Fassung. Ich sage: Der Bachelor lohnt sich nicht. Neben dem äußerst schlechten Ruf, den der Bachelor-Titel vorweisen kann, ist er bei kleinen und mittelständischen (beim Arbeitsamt sowieso) weitgehend unbekannt. Dementsprechend gestaltet sich das Arbeitsangebot. Als Bachelor ist man quasi gezwungen, den Master im Anschluss zu studieren, um auf das Niveau eines Diplomanden zu kommen. Dabei ist nicht das qualitative Niveau gemeint, sondern der Grad der Anerkennung in der (dt.) Wirtschaft.

    Rückblickend betrachtet, hätte ich in meinem alten Ausbildungsberuf weiter arbeiten sollen. Zum einen hätte ich sehr viel Geld gespart (Bafög bekommt man scheinbar nur, wenn die Eltern beide ALGII beanspruchen) und Zeit sowieso. Zudem Berufserfahrung gesammelt, die einen höheren Mehrwert besitzt als der "akademische" Grad B. Sc.

    Gruß

  2. Ich habe einen geisteswissenschaftlichen BA in einer mediokren Stadt an einer geht-so Uni abgeschlossen - bereits 2004. Danach ein Praktikum, dann der direkte Einstieg. Muss also nicht immer der große Leidensweg sein. Wichtig ist, dass man sich gut verkaufen kann, mal im Ausland war - done.

  3. Zwischen "einen Job" finden und "den Job" finden besteht doch ein riesen Unterschied! Aus erster Hand habe ich erfahren, dass Bachelor-Absolventen der wissenschaftliche Status verweigert wird! Zum einen fehlt hier völlig die Anerkennung und zum anderen wird man wie ein wissenschaftlicher Hilfsarbeiter bezahlt. Das spiegelt den Stellwert eines Bachelor in der Wirtschaft wieder. An dem Beispiel des Ingenieurs am Ende des Artikels wird das Ausbildungsloch sehr deutlich. Möglich, dass Herr Patrik Lengerer der Statik mächtig ist, das lern man wohl im Bachelor. Jedoch stellt man ihm eine Frage bezüglich der Elektrotechnik, Elektronik oder Informatik, dann wird er passen müssen. Denn das und noch einiges wurde mit einzug des Bachelors aus dem Lehrplan gestrichen.
    Als ich letztens der studentsichen Vollversammlung beiwohnte, hörte ich folgende Worte meines Dekans:".... als ich heute Morgen die Süddeutsche Zeitung aufschlug, mir die Stellenanzeigen durchlas, stellte ich fest, dass die Industrie ausschließlich nach Masterabsolventen sucht. Aus diesem Grund bilden wir nichts aus, was die Industrie nicht gebrauchen kann.....". Ich selbst studiere Maschinenbau auf Diplom!

  4. Ich habe nach einem Diplom-Studium an mehreren deutschen Universitäten in den 80er Jahren noch im Alter von 50 Lebensjahren einen Master-Titel an einer deutschen Universität erworben. Somit habe ich die Vergleichsmöglichkeit zwischen beiden Anforderungen zum Uni-Abschluss: Während der Master-Abschluss ein reines Auswendiglernen von Fachwissen ohne geistige Reflexion war, musste ich zum Diplom eigene wissenschaftliche Standpunkte erarbeiten, die einerseits nicht immer nur Zustimmung bei den Fachprofessoren fanden und anderseits aber in der Fachnote ihre positive Berücksichtigung erhielten!

    Zum gegenstromförmigen Querdenker hat mich meine Diplom-Ausbildung gemacht; die Master-Ausbildung war wie in der theoretischen Führerscheinprüfung zum Pkw ein Abspulen von Faktenwissen ohne eigenes "Herzblut". Mit vielen Praktika und manchem sozialen Engagement kann die Ausbildung heute nicht annähernd zu einer gefestigten "Persönlichkeit" führen. Wie in allen Unternehmen üblich, ist der stromlinienförmige Manager Typ A zu finden; weil ja gewollt so ausgebildet! Ob wir da unsere Zukunft recht meistern?

    Eine Leserempfehlung
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    Darf man nach Ihren Gründen fragen, noch ein zweites Studium aufzunehmen? Welche Studiengänge waren das?
    Danke für Ihren Beitrag.

  5. ...etwas das schlimmer wiegt ist eher wie unterschiedlich er in verschiedenen Ländern sein kann.

    Ich studiere in England Mathe - 12 Stunden pro Woche...

    Sind da die 3000 Pfund Studiengebühren fürs Faulenzen?? - anders kann man sich das nicht erklären... und "Scheine" so etwas gibt es in England gar nicht... - ich kriege einen Zettel am Ende des Jahres mit % - das wars...
    Und bei der geringen Arbeitslast muss man aufpassen dass man nicht faul wird...

    Der Bachelor sollte ja eigentlich Abschlüsse vergleichbar machen... das tut er aber nicht...

    • Zoola
    • 16. Mai 2010 0:52 Uhr

    Alle bis hierher abgegebenen Kommentare treffen die Realität besser als der eigentliche Artikel. Das liegt vielleicht daran, dass dort reale Erfahrungen mit dem Bachelor verarbeitet wurden. Scheinbar im Gegensatz zum Beitrag, dessen Autor den Eindruck vermittelt, einen PR-Auftrag des Bildungsministeriums umgesetzt zu haben, wofür er sich innerhalb von 1 1/2 Tagen mal schnell und abstrakt ins Thema eingearbeitet hat. Nichts gegen diese Arbeitsweise, dafür kann man ja als Journalist heutzutage oftmals selber gar nicht so viel. Aber vielleicht hätte er mal mit ein paar echten Studenten, vielleicht sogar mal aus einer Fachhochschule, wo es oft weniger gute und intelligente Anpassungen an Bologna als in vielen Unis gibt, reden sollen.
    Mich ärgert zudem, dass bei dieser Diskussion stets nur junge Menschen mit Anfang 20 gefragt werden, wie ihre Erfahrungen mit dem Bachelor so seien. Das das neue System in seiner bestehenden Form in keiner Weise mehr Rücksicht auf die vielfältigen Lebenswirklichkeiten von Menschen mit angestrebter Hochschulausbildung nimmt, wird insofern kaum reflektiert. Nicht jeder ist 20 und hat außer seinem Studium sonst keine Kühe zu melken. Studieren mit Kind, studieren 30 und auf dem 2. Bildungsweg, studieren und Nebenjob(s), studieren an einer Hochschule mit inkompatiblen Studieninhalten, was einen Wechsel unmöglich macht, oder gar alles zusammen, etc. Der Bachelor nimmt darauf keine Rücksicht mehr. Ich bin heilfroh, dass nicht mehr mitmachen zu müssen.

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    • Liisa
    • 14. September 2010 22:15 Uhr

    Ich kann mit meinem jungen Alter von gerade mal 22 Jahren zwar keine Vergleiche mit dem alten System ziehen. Allerdings kann ich meine Meinung als persönlich Betroffene wiedergeben: Zumindest auf meinen Studiengang trifft dieser optimistische Artikel nämlich durchaus zu!
    Ich muss mein Studium über einen Nebenjob und zusätzliche Arbeiten während der "Ferienzeit" finanzieren; ich kann zahlreiche "fachfremde" Vorlesungen besuchen und meine eigenen Schwerpunkte setzen, die in keinem Studienplan vermerkt sind; und ich finde trotz allem Zeit, mich gelegentlich in diversen Projekten zu engagieren, welche mir später als Praktika anerkannt werden könn(t)en, und für Freunde und Hobbys. Ob dies nun wirklich am Studienfach liegt oder doch einfach nur an meinem Selbst- und Zeitmanagement, bleibt zumindest für mich zweitrangig. Ich sehe jedenfalls durchaus Perspektiven, später im Berufsalltag Fuß zu fassen...

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