Berufseinstieg Zum Glück gezwungen
In Pflichtseminaren müssen sich Bachelorstudenten auf den Arbeitsmarkt vorbereiten. Besonders Geisteswissenschaftler maulen darüber. Ein Beispiel aus Hamburg
Wenn Nemanja Novkovic über den neuen Studienbereich ABK spricht, wird er wütend: »In diesen Lehrveranstaltungen wird dem mündigen Studenten ganz klar etwas aufgezwungen«, sagt der 23 Jahre alte Germanistikstudent. Novkovic engagiert sich im Fachschaftsrat, und in letzter Zeit hieß das häufiger: Er engagierte sich gegen den Bologna-Prozess .
ABK, das heißt ausgeschrieben Allgemeine Berufsqualifizierende Kompetenzen . An manchen Universitäten bekannt als »Praxisorientierte Lehrveranstaltungen« oder auch einfach nur »Schlüsselqualifikationen«. Es sind typische Bologna-Wortungetüme, hinter denen sich das erklärte und umstrittene Ziel der europaweiten Studienreform verbirgt, Uni-Absolventen zielgenauer auf den Arbeitsmarkt vorzubereiten. Überall im Land müssen Bachelorstudenten deshalb vergleichbare Seminare belegen.
Doch es gibt eine Besonderheit an Novkovics Hochschule, der Universität Hamburg: Dort überlegt sich in Hamburg jeder Fachbereich selbst wie er die ABK-Seminare am besten mit Inhalt füllt. Der Fachbereich Geisteswissenschaften nimmt sich des Themas besonders an. Wer hier einen ersten Abschluss machen will, muss 15 Prozent seines Studiums den ABK-Lehrveranstaltungen widmen. Noten dafür gibt es keine, stattdessen eine Anwesenheitspflicht und 27 Leistungspunkte. Weil der Fachbereich Sprach-, Literatur- und Medienwissenschaften mit 1500 Studierenden in Hamburg groß ist und man weiß, dass Geisteswissenschaftler die Problemkinder der Universitäten sind, hat man 2005 eine eigene Arbeitsstelle Studium und Beruf eingerichtet. Fünf wissenschaftliche Mitarbeiter kümmern sich ausschließlich um die Inhalte der Berufsvorbereitung in den Sprach-, Literatur- und Medienwissenschaften. »Die Vielfalt an beruflichen Einsatzfeldern ist in unserem Bereich hoch«, umschreibt die Leiterin der Arbeitsstelle Ulrike Job die Problemlage der Geisteswissenschaftler. »Es ist kein Geheimnis, dass die persönlichen Perspektiven erarbeitet werden müssen.«
Weniger diplomatisch formuliert heißt das: Viele Studenten haben noch gegen Ende ihres Studiums keine Ahnung, was genau sie beruflich einmal machen wollen. Ulrike Job begreift ihre Tätigkeit daher als ihre Mission – und kritische Studenten wie Nemanja Novkovic kann sie nur schwer verstehen. »Früher, als es noch den Magister gab, schickte man die Absolventen in kostspielige Fortbildungen. Heute werden die Studierenden motiviert, sich früher einen Kopf zu machen, sich damit zu beschäftigen, was es für Chancen gibt.« Ulrike Job kennt die Schwierigkeiten aus ihrer eigenen Vita. Schließlich hat sie selbst Geisteswissenschaften studiert, zu einer Zeit, als man an der Uni noch mehr auf sich gestellt war: »Ich wäre dankbar für so ein Angebot gewesen. Es hätte vieles transparenter gemacht.«
Doch Nemanja Novkovic ist nicht allein mit seiner Kritik. Auch an anderen Hochschulen beklagen sich Studenten zunehmend, die Seminare zum Schlagwort Schlüsselqualifikationen seien allzu häufig Zeitverschwendung. Besonders kritisch sind dabei offenbar jene, die eine stärkere Anleitung Job zufolge besonders nötig hätten: die Geisteswissenschaftler. »In den Seminaren wird reines Buchwissen vermittelt«, sagt Novkovic. »Warum soll ich da meine Zeit absitzen?« Zudem seien viele der Kurse zu sehr an den Interessen der Wirtschaft ausgerichtet, so gebe es Vorlesungen, in denen ein Experte aus dem Marketing von seiner Arbeitswelt in einem großen Kosmetikkonzern referiert habe. »Ob das für jeden Geisteswissenschaftler etwas ist, ist mehr als fraglich.«
- Datum 12.05.2010 - 15:18 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 12.05.2010 Nr. 20
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»Viele Geisteswissenschaftler studieren in erster Linie aus Interesse an ihrem Studienfach, weniger im Hinblick auf eine berufliche Orientierung«
"Natürlich, wieso anders?", möchte man fragen? Natürlich braucht man in den Geisteswissenschaften eine hohe Frustrationstoleranz, will man seine Neigungen in bare Münze umgewertet wissen. Gerade deshalb erscheint es mir zwingend auch ein Recht, einige Jahre ganz einer eigenen Sache aus reinem Interessen und reiner Vorliebe zu widmen, ohne auf die Verwertbarkeit zu schielen.
Studiert man aus Zweck und nicht aus Neigung - und geht dann der Plan nicht auf, bleibt später die Ahnung, man hätte wenigstens seinen Neigungen Nahrung geben können, so aber bleibt von beidem wenig. So traurig das Schicksal ist, als Historiker dann in der Unterhaltungsindustrie oder als Literaturwissenschaftler im Marketing eines Konsumgüter-Unternehmens zu enden, die Jahre des Neigungsstudiums kann einem niemand mehr nehmen.
Daran sollte sich gerade die Universität orientieren.
Ein valides Angebot für die, die Unverstützung wollen ist notwendig, eine Zwangspackung für alle eher hinderlich und eine ziemlich zeitgeistlose Erscheinung.
natürlich können kindergärten und behütungsstationen für hilflose wesen eingerichtet werden, die es vor den folgen ihres eigenen tuns zu schützen gilt. natürlich kann man universitäten zu sozialen therapiestationen ausbauen, die aufgaben übernehmen, die früher in den bereich der arbeitslosenberatung und des sozialamtes gehörten. natürlich werden universitäre sozialarbeiterInnen ihre stellen mit dem hinweis auf ihre soziale verantwortung verteidigen. wenn die politik daran arbeitet, die durchschnittliche einstiegsqualifikation in unbezahlte praktika und volontariate (früher hieß das mal "lehre") vom hauptschullabschluss für 6-jährige zum bachelor für 23-jährige zu steigern, ist das vielleicht sogar nötig. erst recht, wenn bestimmte fächer zu aufenthaltsstzationen für menschen degradiert werden können, die nicht wissen, was sie sonst tun sollen. "deutsch" kann ich eh schon, also studiere ich halt germanistik. die müssen dann halt so betreut werden, dass es nicht mehr dem fach, sondern den studierenden angemessen ist.
wo aber kann und darf noch ein fach (ruhig auch germanistik) studiert werden, ohne dass der gute, qualifizierte student sich wie ein derartiger sozialfall behandeln lassen muss?
Ich halte die Berufsvorbereitungskurse für absolut notwendig. Gerade, weil ich die Luftschlösser meiner Studienkollegen noch zu gut in Erinnerung habe.
In einer Umfrage, die wir damals am (geisteswissenschaftlichen) Fachbereich durchgeführt haben, schienen nur rund 25% der Antworten von Studenten zu stammen, die sich über das Thema "danach" ernsthaft Gedanken gemacht hatten. Der Rest träumte nicht selten davon, "irgendwas mit Medien" zu machen (das geisteswissenschaftliche Äquivalent zum Traumberuf "Model" oder "Superstar" an einer deutschen Hauptschule). Manche schrieben dann auch noch eine Abschlussarbeit zu einer Thematik, die alle potenziellen Arbeitgeber (mit Ausnahme der TAZ und der Rosa-Luxemburg-Stiftung) schon mal von vornherein abschrecken musste.
Eine Proseminar zur Arbeitsmarktrealität kann da sicher nicht schaden. Das heisst ja nicht, dass nachher alle gezwungen sind, den "Kapitalisten" zu dienen. Aber es macht vielleicht ein paar der Träumer zu Realisten. Und Realismus hat noch niemandem geschadet...
Mag sein, dass viele Studierende Luftschösser bauen möchten. Häufig wird vielleicht eine Holzhütte daraus; und die werden dann Politiker. ;) Liebe Leute, schon mal was von "Autonomie" gehört. Und dazu gehört auch, dass man auf die Schnauze fallen darf.
Mag sein, dass viele Studierende Luftschösser bauen möchten. Häufig wird vielleicht eine Holzhütte daraus; und die werden dann Politiker. ;) Liebe Leute, schon mal was von "Autonomie" gehört. Und dazu gehört auch, dass man auf die Schnauze fallen darf.
Böse Studenten: »Viele Geisteswissenschaftler studieren in erster Linie aus Interesse an ihrem Studienfach, weniger im Hinblick auf eine berufliche Orientierung« Böse, böse, böse. Da gibt es doch wirklich Leute, die sich zumindest eine Zeitlang trauen Ihren Interessen nachzugehen, da muss doch sofort eine Förderung einsetzen. Das Nächste ist, dass Studierende einen Coach in Anspruch nehmen müssen, um ihn zum arbeitsmarktlich-stromlinienförmigen Fachidioten zu dressieren. Ach, was rede ich da, wahrscheinlich gibt's die schon.
Natürlich gibt es unter den Studenten Luschen, na und? Auch die werden ihren Weg finden - früher oder auch später. Langsam geht mir das Förder-Gesülze auf den Keks. Läuft etwas nicht wie die BWL-Jüngelchen das ausgerechnet haben, dann muss "gefördert" werden. Die "Helfer" spüren selbst, irgendwann einmal, dass sie nicht gebraucht werden. Der Artikel deutet das selbst an.
Mag sein, dass viele Studierende Luftschösser bauen möchten. Häufig wird vielleicht eine Holzhütte daraus; und die werden dann Politiker. ;) Liebe Leute, schon mal was von "Autonomie" gehört. Und dazu gehört auch, dass man auf die Schnauze fallen darf.
"Liebe Leute, schon mal was von "Autonomie" gehört. Und dazu gehört auch, dass man auf die Schnauze fallen darf."
Das Besuchen eines Informationsseminars zur Berufswahl raubt einem wohl kaum die Möglichkeit zur autonomen Entscheidung. Und wer danach unbedingt auf die Schnauze fallen will, bekommt das auch mit Seminar hin. Ich sehe aber keinen Grund, warum die Uni nicht versuchen sollte, die unangenehme Erfahrung eines Scheiterns so vielen Studenten wie möglich zu ersparen. Bei Ihnen klingt das ja schon fast so, als wäre der potenzielle "Fall auf die Schnauze" eine Errungenschaft, die es zu verteidigen gilt.
Bei vielen der Unbedarften kann das Seminar sicher dazu führen, dass sie sich etwas mehr Gedanken darüber machen, weshalb sie eigentlich ein Studium angefangen haben.
Eine Antwort, in der das Wort "Karriere" keinen zentralen Platz einnimmt, ist dabei völlig legitim. Wir brauchen auch Leute im Land, die nicht alles unter dem Gesichtspunkt der wirtschaftlichen Verwertbarkeit betrachten.
Aber ich bevorzuge es, wenn diese Leute die Entscheidung bewusst treffen können. Dem überwiegenden Rest, da bin ich sicher, hilft eine realistische Darstellung ihrer Optionen weiter. Davon gibt es im geisteswissenschaftlichen Bereich nämlich eine ganze Menge. Und ohne Hilfe gewinnt man da nur schwer einen Überblick...
"Liebe Leute, schon mal was von "Autonomie" gehört. Und dazu gehört auch, dass man auf die Schnauze fallen darf."
Das Besuchen eines Informationsseminars zur Berufswahl raubt einem wohl kaum die Möglichkeit zur autonomen Entscheidung. Und wer danach unbedingt auf die Schnauze fallen will, bekommt das auch mit Seminar hin. Ich sehe aber keinen Grund, warum die Uni nicht versuchen sollte, die unangenehme Erfahrung eines Scheiterns so vielen Studenten wie möglich zu ersparen. Bei Ihnen klingt das ja schon fast so, als wäre der potenzielle "Fall auf die Schnauze" eine Errungenschaft, die es zu verteidigen gilt.
Bei vielen der Unbedarften kann das Seminar sicher dazu führen, dass sie sich etwas mehr Gedanken darüber machen, weshalb sie eigentlich ein Studium angefangen haben.
Eine Antwort, in der das Wort "Karriere" keinen zentralen Platz einnimmt, ist dabei völlig legitim. Wir brauchen auch Leute im Land, die nicht alles unter dem Gesichtspunkt der wirtschaftlichen Verwertbarkeit betrachten.
Aber ich bevorzuge es, wenn diese Leute die Entscheidung bewusst treffen können. Dem überwiegenden Rest, da bin ich sicher, hilft eine realistische Darstellung ihrer Optionen weiter. Davon gibt es im geisteswissenschaftlichen Bereich nämlich eine ganze Menge. Und ohne Hilfe gewinnt man da nur schwer einen Überblick...
Ich surfe gerade auf Spon und wie die Faust aufs Auge, must du gucken: http://www.spiegel.de/uni...
"Liebe Leute, schon mal was von "Autonomie" gehört. Und dazu gehört auch, dass man auf die Schnauze fallen darf."
Das Besuchen eines Informationsseminars zur Berufswahl raubt einem wohl kaum die Möglichkeit zur autonomen Entscheidung. Und wer danach unbedingt auf die Schnauze fallen will, bekommt das auch mit Seminar hin. Ich sehe aber keinen Grund, warum die Uni nicht versuchen sollte, die unangenehme Erfahrung eines Scheiterns so vielen Studenten wie möglich zu ersparen. Bei Ihnen klingt das ja schon fast so, als wäre der potenzielle "Fall auf die Schnauze" eine Errungenschaft, die es zu verteidigen gilt.
Bei vielen der Unbedarften kann das Seminar sicher dazu führen, dass sie sich etwas mehr Gedanken darüber machen, weshalb sie eigentlich ein Studium angefangen haben.
Eine Antwort, in der das Wort "Karriere" keinen zentralen Platz einnimmt, ist dabei völlig legitim. Wir brauchen auch Leute im Land, die nicht alles unter dem Gesichtspunkt der wirtschaftlichen Verwertbarkeit betrachten.
Aber ich bevorzuge es, wenn diese Leute die Entscheidung bewusst treffen können. Dem überwiegenden Rest, da bin ich sicher, hilft eine realistische Darstellung ihrer Optionen weiter. Davon gibt es im geisteswissenschaftlichen Bereich nämlich eine ganze Menge. Und ohne Hilfe gewinnt man da nur schwer einen Überblick...
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