Bachelorstudium Schlechtes Image? Letzte Chance

Nur wenn das Bachelorstudium von Grund auf neu gedacht wird, kann es zur Erfolgsgeschichte werden. Ein Kommentar

Tausenden Studenten gingen vergangenes Jahr auf die Straßen und machten ihrem Unmut über die Bologna-Reform Luft, wie hier in München

Tausenden Studenten gingen vergangenes Jahr auf die Straßen und machten ihrem Unmut über die Bologna-Reform Luft, wie hier in München

Gemessen an der Schwerfälligkeit, mit der in Deutschland allzu oft dringend nötige Reformen angegangen werden, ist der Umbau der Hochschulen eine Erfolgsgeschichte. Selbst die Initiatoren der Studienreform, zu denen ich mich zähle, hat zeitweise die Geschwindigkeit überrascht, mit der die Neugestaltung der Studiengänge in den vergangenen Jahren umgesetzt wurde. Der Preis für die Geschwindigkeit war indes hoch. Zu hoch. Es ist nicht gelungen, dem Bachelorstudium ein eigenes Profil zu geben. Dass das Image des neuen Studienabschlusses so schlecht ist, hängt vor allem damit zusammen, dass der Bachelor immer noch als ein verkürztes Magister- oder Diplomstudium verstanden wird und nicht als ein eigenwertiger Abschluss.

Harro Müller-Michaels

war Germanistikprofessor an der Ruhr-Universität Bochum und hat die Studienreform dort schon zu Beginn der neunziger Jahre geprägt.

Natürlich hat es zahlreiche staatliche Aktionsprogramme gegeben, um die Qualität des Studiums an deutschen Hochschulen zu erhöhen. Um die Zahl der Langzeitstudenten zu senken, wurden die Inhalte gestrafft, wurde die allgemeine gegenüber der speziellen Bildung gestärkt, es wurden neue Lernformen erprobt, sogar die Leistungsanforderungen gesenkt.

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Doch all diesen mit ähnlichen Namen ausgestatteten Initiativen, von »Qualität der Lehre« 1990 in Nordrhein-Westfalen bis zum kürzlich von der Bundesregierung angekündigten »Qualitätspakt für die Lehre«, liegt ein gemeinsamer Irrtum zugrunde: Anstatt das Studium wirklich neu zu denken, festigen sie Strukturen, die abgeschafft gehören. Ich bin davon überzeugt: Der Bachelor hat nur dann eine Chance, wenn das alternative Hochschulstudium in Deutschland wirklich und erstmals neu konzipiert wird. Dass ein grundlegend anderes Erststudium nötig wird, ist unbestritten, da

  • ein immer höherer Anteil eines Jahrgangs an die Hochschulen kommt,
  • Langzeitstudiengänge nach einer OECD-Studie weltweit nur von 11 bis 14 Prozent eines Jahrgangs nachgefragt werden,
  • die Internationalisierung eine Vergleichbarkeit der Studiengänge und -abschlüsse fordert,
  • den Studierenden verschiedene Optionen für ihre Lebensplanung angeboten werden müssen.

Immerhin hat die Bundesregierung inzwischen zwei Milliarden Euro für ein solches Vorhaben versprochen, wenn auch auf zehn Jahre gestreckt und über die Republik verteilt. Notwendig wäre, wie im Fall der Forschung durch die Exzellenzinitiative geschehen, die Ausschreibung von Modellversuchen für zehn Hochschulen; nur dann käme mit dem Wettbewerb eine Diskussion in Gang, in der es um optimale Formen, Inhalte und Methoden von Bachelorstudiengängen ginge.

Wenn sich das klassische Verständnis des Studiums als Ausbildung zur Wissenschaft beschreiben ließe, dann möchte ich das alternative Profil eines wirklich stimmigen Bachelorstudiums als Bildung durch Wissenschaft charakterisieren – für eine akademische Profession und für ein anspruchsvolles Leben. Bildung zur Wissenschaft ist nur für jene Berufe nötig, in denen komplexe Probleme eigene Forschungen fordern werden. Für diese Ausbildung ist das Masterstudium gedacht. Solange jedoch das neue Gesicht akademischer Bildung in einem gelungenen Bachelormodell nicht erkennbar ist, werden die Studierenden mit guten Gründen weiter den alten Langzeitstudiengängen nachtrauern und das Masterstudium als obligatorisch für sich einfordern.

Richtig gedachte Bachelorstudiengänge bestehen im Kern aus vier Elementen: dem Studium generale, dem Fachstudium (Major) , der Forschungsteilhabe und der Berufsorientierung. Dabei darf das Studium generale nicht die Fortsetzung des Gymnasiums sein, sondern der Erwerb von Kompetenzen wissenschaftlichen Denkens und Handelns: Erklären versus Verstehen, quantitative versus qualitative Studien, reine Forschung versus Anwendungsbezug, Denken in Modellen, methodische Konsequenz, Ethik der Wissenschaften. Es gibt Beispiele von Hochschulen, wo dies bereits geschieht: an der Universität Lüneburg etwa komplementär zum Hauptstudium oder an der Zeppelin University in Friedrichshafen integrativ.

Leser-Kommentare
    • Pyr
    • 16.05.2010 um 11:36 Uhr

    Die genaue Ausgestaltung des (keinesfalls auch nur deutschlandweit vergleichbaren!) Bachelors ist in erster Linie Hochschulsache. Hier ist also die Politik nicht wirklich gefragt und sie kann in meinen Augen auch keine allgemeingültigen Rahmenbedingungen schaffen, die allen Hochschulen zugute kommen.

    Gefragt ist vielmehr, in den Prüfungsausschüssen und Komissionen als Studierender mitzuwirken und neue Lehrkonzepte zu erarbeiten. Der Studienverlauf der Informatik an der RWTH Aachen wird beispielsweise alle paar Jahre angepasst, man steht gerade im Moment vor der Verabschiedung einer neuen Prüfungsordnung, die an die von der RWTH gegebenen Rahmenbedingungen geknüpft ist. Man kann mit fug und Recht behaupten, dass das ein "guter" Bachelor ist (sprich: keinesfalls schlechter als das Diplom!).

    Eine Spezialisierung so früh im Studium, wie der Autor dies vorschlägt, halte ich für sinnlos. Grundlegende mathematische Kompetenzen werden beispielsweise in allen MINT-Fächern abverlangt. Der Bachelor ist mehr als eine Ausbildung, es sollen daher ganz bewusst nicht nur Inhalte gelehrt werden, die eine praktische Relevanz für den eigenen Berufsweg haben.

    Groß von Grundstudium-Hauptstudium muss sich Bachelor-Master eigentlich nicht unterscheiden. Nur mit der lächerlichen Aussage, der Bachelor sei berufsqualifizierend, sollte man wirklich mal aufhören - ein solches Schmalspurstudium ist sowieso für die Katz.

    • mhmmmm
    • 16.05.2010 um 11:58 Uhr

    Warum eigentlich? Der Autor schreibt, diese Reform war dringend notwendig, begründet dies aber sehr schwach.

    - "ein immer höherer Anteil eines Jahrgangs an die Hochschulen kommt", sensationelles Argument, also auch noch die Unis kaputtmachen, da immer weniger Ausgebildet wird, anstatt da anzusetzen.

    - "Langzeitstudiengänge nach einer OECD-Studie weltweit nur von 11 bis 14 Prozent eines Jahrgangs nachgefragt werden", tolles Argument, aber ohne weitere Informationen dazu, was damit gemeint ist, wie diese Studie erstellt wurde etc, völlig wertlos.

    - "die Internationalisierung eine Vergleichbarkeit der Studiengänge und -abschlüsse fordert", tja, hat ja leider überhaupt nicht geklappt, sondern das Gegenteil ist eingetreten, im Ausland weiß man nämlich noch weniger, was der Bachelor aus D eigentlich kann.

    -"den Studierenden verschiedene Optionen für ihre Lebensplanung angeboten werden müssen", ähmmm....hatten wir das nicht schon: Universitätsstudium, FH-Studium, Ausbildung????

  1. Es macht mir Mühe, unter "die grossen Fragen der Wissenschaften" etwas konkretes vorzustellen. Noch schwieriger scheint es mir, diese Inhalte auf eine Berufstätigkeit zu beziehen. Nicht dass ich dagegen bin, dass diese Fragen jeder Student kennenlernt und versucht, seine Position dazu zu erarbeiten - ganz im Gegenteil. Allerdings bezweifle ich, dass es auch nur für die Definition dieser Fragen eine ausreichend solide und eindeutige wissenschaftliche Grundlage gibt, die es erlaubt, Studenten anzuleiten, ohne zufällige und simplistische Auswahlen anzubieten. Verpflichtung muss sein, Studenten im Grundstudium den soliden und akzeptierten Wissenskanon eines Faches zu vermitteln, das so definiert ist, dass der Absolvent darauf seine Berufstätigkeit oder weitere Ausbildung aufbauen kann. Für die Neugestaltung von Studiengängen fehlen Grundlagen, die den systematischen Aufbau des Wissenskanons erlauben. Die jetzt ablaufenden Studiengänge sind Experimente am lebenden Objekt. Die Studenten von heute laufen Gefahr, ausser einem für sie schön angedachten Bildungserlebnis nicht genug vom Studium zu profitieren. Mich schmerzt die Begegnung mit Teilnehmern meiner Seminare der letzten Jahrzehnte, die mich nun gelegentlich im Taxi chauffieren. Das war doch das, was verhindert werden sollte.

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    Ich weiß nicht was daran so schrecklich sein soll!?
    Wieso muss jemand, der eine Hochschule besucht später ein 6-stelliges Akademikergehalt beziehen?

    Man studiert doch nicht aus ehrgeizigen Karriereplänen heraus (Ausnahme BWL und Jura natürlich) sondern, weil man ein Interesse an seinem Studiengang hat.

    Auch wenn Sie es gut meinen, argumentieren Sie für dieses neoliberale Pack, für die Menschen an der Uni sind um sich ihr "Humankapital" zu steigern.

    Noch ein schöner Satz: "Deutschlands Resourcen sind die Köpfe unserer Kinder".

    Ich weiß nicht was daran so schrecklich sein soll!?
    Wieso muss jemand, der eine Hochschule besucht später ein 6-stelliges Akademikergehalt beziehen?

    Man studiert doch nicht aus ehrgeizigen Karriereplänen heraus (Ausnahme BWL und Jura natürlich) sondern, weil man ein Interesse an seinem Studiengang hat.

    Auch wenn Sie es gut meinen, argumentieren Sie für dieses neoliberale Pack, für die Menschen an der Uni sind um sich ihr "Humankapital" zu steigern.

    Noch ein schöner Satz: "Deutschlands Resourcen sind die Köpfe unserer Kinder".

    • Topf86
    • 16.05.2010 um 15:32 Uhr

    Das ist noch eine sehr euphemistische Darstellung der Umsetzung des Bolognaprozesses. Die Realität ist weit härter:
    Sie, die "Iniatoren" der Reform in Deutschland, haben es geschafft, innerhalb von 10 Jahren eine Reform durchzudrücken. Soweit so gut - in der Realität hat sich die Reform an den meisten Unis in 3 Jahren abgespielt; 2005-2007. Ein Großteil der Studiengänge wurde im Hau-Ruck Verfahren umgestellt...ohne nennenswerte Testphase, ohne wirkliches Konzept. Das Ergebnis sind entweder anders ettikierte Diplomstudiengänge oder Schmalspurabschlüsse, die wichtiges Fachwissen nicht beinhalten.

    Sie, die "Initiatoren", haben es versäumt, zunächst Modellstudiengänge einzurichten und diese zu evaluieren. Sie haben es versäumt, den Hochschulen starke Partner bei der Umstellung auf BA/MA zur Seite zu stellen, denn die Hochschulen waren mit der Umsetzung hoffnungslos überfordert. Und schlussendlich wurden auch die Mitbestimmungsrechte der Studierenden in den letzten 10 Jahren soweit reduziert, dass diese kaum noch Einfluss auf die Gestaltung der neuen Studiengänge hatten.

    Doch statt Reue und konkreten Vorschlägen hört man von IHNEN, den Iniatoren der Reform nur eines:
    Die Politik ist schuld, weil sie nicht genug Geld locker gemacht hat.
    Wie SIE auf die Idee kamen, eine Struktur zu schaffen, die absehbar unterfinanziert sein würde, verschweigen Sie lieber.

    Verständlich, sie haben schließlich bloß mit der Lebensplanung von zigtausenden jungen Menschen gezockt.

  2. - Wenn die Bachelorstudiengänge eine "gegenüber dem Master eine eigene Prägung" haben soll, dann ist nicht einzusehen, warum beide Modelle nicht grundständig nebeneinander geführt werden sollen. Wenn aber der Bachelor eine Phase ist, auf der der Master aufbaut, muß er auf den Master als Fortsetzung ausgerichtet sein.
    - Die Vorstellung, die Studenten müßten auf neu zu bauenden Geländen zusammenleben, grenzt für mich - mit ihrem Willen, alle Lebensäußerungen zu verplanen - ans Totalitäre. Es werden scheints auch Menschen aus anderen Kulturen als Objekte zum Mit-Ihnen-Leben eingeplant. Praktische Erfahrungen zeigen allerdings, daß die Vorstellung, durch bloßen Kontakt entstünde Verständnis für andere Kulturen, häufig ein Irrtum ist.
    - Die Vorstellung, es gebe ungefähr fünf bis sechs wichtige Fragen, auf die sich ein Student konzentrieren solle, ist Schwachsinn - was man sich leicht daran klarmachen kann, daß die aktuell schienenden Fragen alle paar Jahre wechseln. (Wer hätte z.B. vor 15 Jahren den Islam in einen solchen Fragekatalog aufgenommen?)
    - Vielleicht "darf" ein besseres Hochschulsystem "nicht an der Finanzierung scheitern", es wird genau dies aber unweigerlich tun.

    • Yman
    • 17.05.2010 um 10:49 Uhr

    Wer glaubt was Müller-Michaels schreibt, glaubt auch, daß Zitronenfalter Zitronen falten.
    Fakt ist:
    1. daß der „Umbau der Hochschulen eine Erfolgsgeschichte“ mitnichten ist. Die akademische Bildung ist spätestens im Jahr 2008/ 09 komplett zusammengebrochen. Wir bewegen uns international vergleichbar auf Berufsschulniveau. Das einzige was passiert ist, ist daß niedere Ausbildungsberufe, ob ihrer Modularisierbarkeit, „akademisiert“ werden konnten.
    Unis und Berufsschulen, wie eine Berufsakademie, haben die gleichen wertlosen Abschlußbezeichnungen – akademisch ist hier nichts mehr. Berufsqualifizierend ist der BA in keinem Fall.
    2. daß die Einführung dieses Schwachsinns nur durch administrative Gewalt möglich war, weil keine Uni den Mist wollte. Die freie Wahl zwischen Diplom und Bachelor gab und gibt es nicht! Wenn es so wäre, wären die BA- Kurse lehr. Die Geschwindighkeit war indes nicht aus irgendwelchen Gründen zu hoch. Sie wurde durch Zwang oktroyiert.

    • Yman
    • 17.05.2010 um 10:49 Uhr

    3. Die „Reform“ ist in jedem Punkt ihres vermessenen Anspruchs komplett gescheitert. Alles was übrig geblieben ist, war die angebliche Studienzeitverkürzung. Diese ist nun ebenfalls gescheitert, weil der BA- Unsinn 8 Semester dauern soll. Im nichtkonsekutiven Bereich hat man die Studienzeit also verlängert und im konsekutiven zweisemestrige „berufsqualifizierende„ Master geschaffen…….
    Nein Herr Professor, Sie sollten nicht philosophieren wie man Dummsinn noch besser machen kann und anderen die Schuld geben. Sie sollten überlegen, was Sie den Müttern sagen, deren Kinder mit einem wertlosen Stück Papier „ins Nichts geschickt werden“ (Prof. Reiser) anstatt sich selbst in die Tasche zu lügen!

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