Bologna-Konferenz Tagungstheater

Bildungsministerin Schavan lädt zum Bologna-Gipfel

Studentenproteste 2009: Auch für diesen Sommer sind wieder Aktionen angekündigt

Studentenproteste 2009: Auch für diesen Sommer sind wieder Aktionen angekündigt

Nein, so ein Satz wird ihr kein zweites Mal rausrutschen. Die Proteste der Schüler und Studenten seien »zum Teil gestrig«, sagte die Bildungsministerin Annette Schavan voriges Jahr in einem Radiointerview. Die Aktionen weiteten sich danach zum größten Bildungsstreik seit Jahrzehnten aus, am Ende war auf Seite eins aller Zeitungen zu lesen, dass die Bologna-Reform, gegen die sich der Streik hauptsächlich richtete, irgendwie total misslungen sei.

Und die für ihren Satz arg gescholtene Schavan äußerte mit einem Mal Verständnis, unterstützte zur Verwunderung aller Experten sogar Forderungen wie einen freien Masterzugang für alle. Sie war nicht allein in ihrer plötzlichen Einsicht: Die Kultusminister und Hochschulrektoren überschlugen sich in ihrer Zerknirschung über die schädlichen Folgen der Reform, die sie ja so gar nicht vorhergesehen hätten. Diesen Montag folgt der vorläufig letzte Akt des Bologna-Theaters: Schavan hat zur Tagung eingeladen, Studenten, Rektoren und Politiker wollen schonungslos Bilanz ziehen.

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Schonungslos wäre es, wenn mal ein Bildungspolitiker sagen würde, was in Wirklichkeit alle von Anfang an wussten. Zum Beispiel, dass zu jeder grundlegenden Reform drei Phasen gehören. Eine, in der man das Bestehende umwirft. Eine, in der man die Folgen seiner Handlungen zu spüren bekommt. Und eine, in der man die positiven Konsequenzen beibehält und die negativen, hoffentlich erfolgreich, aussortiert. Wer von den Bologna-Reformern jetzt im Nachhinein behauptet, es wäre möglich gewesen, ohne die zweite Phase auszukommen, ohne sozusagen eine Studentengeneration als Testkaninchen durchs System zu schicken – der ist naiv oder zu feige, sich der Verantwortung den Betroffenen gegenüber zu stellen.

Jetzt sind wir in Phase drei angekommen. Und wieder ist Mut gefragt. Mut, nicht gleich alles wegzuschmeißen, was Unmut auslöst. Sondern hartnäckig nachzufragen: Ist es wirklich so, dass der Bachelor die internationale Mobilität einschränkt? Die Zahlen geben das nicht klar her. Ist es so, dass acht Semester in jedem Fall besser sind als sechs? Und Hand aufs Herz: Ist ein »freier Zugang« zum Master, ohne Auswahl der Bewerber, wirklich im Sinne der Studenten? Für viele Fragen gibt es längst Modelle, die Antwort geben können . Hoffentlich schauen die Tagenden genau hin. Und wenn die Kultusminister schon wieder etwas auf die Schnelle beschließen wollen, dann bitte dies: Das seit Beginn der Bologna-Reform überfällige, endlich von Schavan versprochene Milliardenprogramm für eine bessere Hochschullehre muss dringend um reichlich Ländermillionen ergänzt werden. Das wäre mal eine sinnvolle Maßnahme. Und mutig dazu. 

 
Leser-Kommentare
  1. Zu einigen aufgeworfenen Fragen:
    - Ist ein achtsemestriges Studium besser (oder schlechter) als ein sechssemestriges?
    Antwort: Es kommt ganz darauf an., freilich ist immer klar, daß im Bachelor-Studium weniger erlernt wird, als in den älteren Modellen. Es gibt einerseits Studienfächer, wo der Inhalt wenig mit dem später ausgeübten Beruf zu tun hat (Geisteswissenschaften sind oft ein klassisches Beispiel); da kann man im Prinzip kürzen oder ausdehnen. Wenn aber Kenntnisse und Fähigkeiten für den Beruf relevant sind, geht das nicht; Beispiele sind Recht, Medizin, Pharmazie..., aber auch die Dolmetscher- und Übersetzerstudiengänge. Bei letzteren hat man eine Teilung eingeführt, derart daß der B.A. zwar formal als "berufsqualifizierend" gilt, man aber für die eigentliche Tätigkeit als Übersetzer oder Dolmetscher den M.A. machen muß. Dementsprechend kommt hier der B.A. als einziger Anschluß eigentlich nur für diejenigen in Frage, die sich im Grunde für das Studium nicht eignen. Und ein freier Zugang zum M.A. ist unbedingt nötig.
    - Was die versprochenen Milliarden oder Millionen betrifft. Erstens kann die Bundesministerin Schavan nicht über Landesmittel verfügen. Zweitens braucht Herr W. nur die Wirtschaftsnachrichten zu lesen, um zu begreifen, daß er dankbar sein kann, wenn die gegenwärtigen BIldungsausgaben nicht auch noch gekürzt werden. Wenn aber die alten Studiengänge billiger waren, waren sie schon deshalb eindeutig besser.

    • Topf86
    • 17.05.2010 um 10:04 Uhr

    Achso. Es war also absehbar, dass meine Studierendenkohorte verheizt werden würde?

    Na danke...hätte man uns das nicht vorher sagen können? Dann hätte ich nämlich eine Ausbildung gemacht.

  2. Bei allem Respekt, aber ich würde sagen, da hat jemand nicht richtig recherchiert...
    Nicht die Aussage von Annette Schavan, die Bildungsstreik-Forderungen wären gestrig waren der Auslöser für den großen Bildungsstreik. Die gute Frau hat diese Aussage nämlich erst nach den großen Protesten im Juni geäußert.
    Im Gegenteil, schließlich wurde der Bildungsstreik ursprünglich von Schülerinnen und Schülern initiiert, um auf die grauenhaften Zustände im Schulsystem aufmerksam zu machen. Klar, irgendwie haben die Studenten das Thema "Bildungsstreik" in den Medien übernommen, wobei ich nicht verstehen kann, wieso Medien von hunderttausenden Studenten berichten, wenn da in den Demos fast nur Schüler laufen, besser hingucken oder mal an den richtigen Stellen nachfragen wäre vielleicht angebracht.
    Aber nun gut, das ist hier ja nicht Thema. Aber wie gesagt: Schavan war nicht der Auslöser für den Bildungsstreik, auch wenn ihr Verhalten einer der besten Gründe ist, weiterzumachen.
    Achso, und dann noch der Hinweis: Die Studenten, die sich da mit der Bildungsministerin treffen stammen nicht aus der Bildungsstreik-Bewegung, die kennt niemand, wer weiß, wo die aufgetrieben wurden, von uns stammen sie nicht.

  3. Nach einiger Zeit wird klar, dass es so nicht funktioniert und dass nachgebessert werden muss, was genau wie die Erstplanung aufgrund vielfältiger Problemverzerrung in einem nur schwach vorangeschrittenen und nun komplett sanierungsbedürftigen Problemkomplex endet! Rechtschreibung, Gesundheit, Bologna, Arbeitsmarkt ....

  4. ... ich zitiere erstmal:
    "Schonungslos wäre es, wenn mal ein Bildungspolitiker sagen würde, was in Wirklichkeit alle von Anfang an wussten. Zum Beispiel, dass zu jeder grundlegenden Reform drei Phasen gehören. Eine, in der man das Bestehende umwirft. Eine, in der man die Folgen seiner Handlungen zu spüren bekommt. Und eine, in der man die positiven Konsequenzen beibehält und die negativen, hoffentlich erfolgreich, aussortiert."

    Schoener laesst sich der Hase ja nicht in den Pfeffer legen!!!! Demnach -- und ich glaube im Allgemeinen durchaus der gefuehlten Erfahrung entsprechend -- gehoert zur grundlegenden Reform genau eins nicht: Dass man sich vorher gruendlich ueberlegt, was man eigentlich erreichen will, mit welchen Mitteln die Ziele verwirklicht werden sollen, und dass man sich schon vorab darueber Gedanken macht, was wieso und mit welchen Konsequenzen schiefgehen koennte. Stattdessen, blinder Eifer und selbstverliebte "Revoluzzerposen", und die alberne Verhinderungstaktik gegenueber einer sachlichen oeffentlichen Debatte vorab, mit der ewig wiederkehrenden Masche, die Kritiker zu Reformfeinden (denn es gibt ja immer nur die Eine) und zu Ewiggestrigen zu erklaeren, den Wind aus den Segeln zu nehmen.
    .

  5. ich würde mir wünschen, das die note für ein fach sich aus anwesenheit, referaten, gruppenarbeiten und essays zusammensetzt. und am ende eine prüfung die z.b. 25 % zählt. zumindest in einigen fächern.
    ansonsten kann ich die beschwerden nicht verstehen. klar, gibt es auch langweilige vorlesungen, aber freunde die im ausland studieren, haben auch nicht nur superspannende.

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