FußballDer Nabel ihrer Welt

Berlin-Wedding, ein Bolzplatz am Panke-Kanal: Jeden Nachmittag treffen sich hier die Jungs aus dem Viertel. Sie dribbeln, flanken, foulen und wollen mal berühmt werden, wie ihre Idole Kevin-Prince und Jérôme Boateng. Die beiden Fußballprofis, die in diesem Käfig das Spielen gelernt haben von 

Kevin-Prince Boateng jubelt über sein Tor im FA-Cup gegen Tottenham Hotspur

Kevin-Prince Boateng, im Wedding aufgewachsen, schießt mittlerweile Tore für Portsmouth   |  © Shaun Botterill/Getty Images

Mittelpunkt ihrer Welt ist ein Gitterkäfig, groß wie ein Strafraum, der Boden aus Asphalt. »Komm, lass Panke gehen«, sagen sie, als sie sich an einem sonnigen Nachmittag im April aus ihren Häusern klingeln, der 13-jährige Ali, der seine Haare wie Cristiano Ronaldo trägt, und seine Kumpel, die im selben Haus wohnen wie früher die Familie Boateng. Dann dribbeln sie mit ihrem abgewetzten Ball über die schmale Brücke des Panke-Kanals, rennen die Wiese runter in den Park, vorbei an der Luisenbad-Bibliothek, in die sie nur zum Pinkeln gehen, und warten auf dem Bolzplatz darauf, dass die anderen kommen.

Der 17-jährige Murat, der sich wie immer einen Joint gedreht hat, ist schon da. Er klatscht sie ab. Dann nähert sich eine Gruppe polnischer Jungs mit breiten Schultern.

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»Was ist?«, fragt einer. »Spielt ihr gegen uns?«

Die Polen machen Dehnübungen. Sie haben Ballpumpen dabei und Schienbeinschoner, sie sehen aus wie Profis. Dann drischt einer den Ball gegen das Netz, das in zehn Meter Höhe über dem Platz gespannt ist, und es geht los, vier gegen vier, Straßenschuhe gegen Fußballschuhe. Ali lässt zwei Gegenspieler aussteigen und passt den Ball mit der Hacke zu Murat, der ihn mit Gewalt zwischen die Holzpfosten jagt. Wenig später dreht sich der dicke Zoran ein paarmal um die eigene Achse und flankt den Ball nach vorne, wo ihn Ali mit dem Kopf über den Torwart lupft.

»Kurva!«, ruft einer der Polen. Seine Mannschaft liegt nach zehn Minuten 0:5 zurück.

Es geht zu schnell für sie. Ali, Murat und die anderen winden sich wie Entfesselungskünstler um ihre Gegner. Immer wieder fliegt der Ball durchs Tor und klatscht gegen das Gitter, und das Geräusch vermischt sich mit dem Donnern all der Flugzeuge, die nicht weit von hier in Berlin-Tegel starten. Sie fliegen nach Spanien, wo einer wie Ronaldo Tore schießt, nach England, wo Kevin Boateng jetzt spielt, nach Manchester und Barcelona, in Städte, von denen die Jungs auf dem Bolzplatz träumen.

Sie kommen aus dem Wedding, einem der härtesten Stadtteile in Deutschland. Der Wedding, das sind 15.000 Straftaten im Jahr, Morde, Diebstähle und Drogen. Das sind Kinder, die nichts anderes kennen als Hartz IV. Murat kann seine Straftaten kaum zählen und befürchtet, dass er abgeschoben wird. Ali wurde kürzlich in eine andere Klasse strafversetzt, weil er immer wieder mit seinen Mitschülern aneinandergeriet.

Die Panke ist einer von 30 Bolzplätzen hier im Viertel, einer von Hunderten in ganz Berlin. Diese Käfige sind Orte, um die sich Mythen ranken wie Unkraut um ihr Gitter. Maradona, der bei der Weltmeisterschaft in Mexiko in einem Lauf über das ganze Feld fünf englische Gegenspieler und am Ende den Torwart austanzte, hatte auf so einem Platz gespielt, in einem armen Vorort von Buenos Aires. Zidane ist groß geworden auf so einem Platz, zwischen grauen Plattenbauten in Marseille. Sie alle, Maradona und Zidane, Ribéry und Rooney, Genies und Wahnsinnige, haben in der Enge dieser Käfige gelernt zu fliegen. Hier entwickelten sie ihren Instinkt, einen ungezähmten, unberechenbaren Fußball, der die Verteidiger in den Vereinen überforderte und sie selbst zu Millionären machte.

Auf dem Bolzplatz an der Panke haben die Halbbrüder Kevin-Prince und Jérôme Boateng das Fußballspielen gelernt. Heute, zehn Jahre später, sind sie Nationalspieler. In wenigen Wochen werden sie wohl bei der WM in Südafrika gegeneinander antreten, Jérôme für Deutschland, Kevin für Ghana.

Über dem Bolzplatz zieht schon der Abendhimmel auf, als Kevin Boateng seinen schwarzen Geländewagen in Richtung Siegessäule steuert. Boateng ist in den letzten Wochen auf Krücken gelaufen, bei einem Spiel der englischen Premier League hat er sich am Knöchel verletzt. Nun hofft er, dass ihm die deutschen Ärzte helfen. Seine größte Sorge aber ist, dass sein Wechsel vom deutschen zum ghanaischen Verband vor der WM nicht rechtzeitig klappt. Der Fifa fehlen noch ein paar Papiere. Im CD-Spieler läuft ghanaischer Reggae. Boateng trommelt im Takt auf das Lenkrad. Er tastet sich heran an das Land seines Vaters. Er ist jetzt 23, aber er war noch nie in Afrika.

»Die Panke war mein Zuhause«, sagt Boateng. »Ihr hab ich alles zu verdanken.« Manche seiner alten Mitspieler betreiben heute Dönerbuden, andere sind Drogendealer geworden und sitzen im Knast. Sein älterer Bruder George, der immer der Beste auf dem Bolzplatz war, züchtet heute Kampfhunde. »Jede freie Sekunde war ich in diesem Käfig«, sagt Boateng, und wenn er sich erinnert, muss er lächeln. Bei Regen besorgten sie sich in der Autowerkstatt nebenan einen Besen und kehrten die Pfützen weg, bis sie weiterspielen konnten. Einmal schmissen sie all ihre Ersparnisse zusammen, 130 Euro, und kauften im Baumarkt Nylonseile, kletterten die Zaunpfähle hinauf und spannten dieses Netz, das heute noch verhindert, dass der Ball rausfliegt.

Und dann stand irgendwann ein Jugendtrainer von Hertha BSC am Rand. Er sah, wie dieser Junge immer wieder den »Okocha« machte, einen Trick, benannt nach dem Nigerianer Jay-Jay Okocha, der damals bei Eintracht Frankfurt spielte. Der Junge schlug den Ball mit der Hacke über den Kopf und fing ihn vorn mit dem Fuß wieder auf. Es gab einige, die den »Okocha« konnten. Aber dieser Junge war sieben. Und seine Füße steckten in Gummistiefeln. Am nächsten Tag hatte Kevin sein erstes Probetraining bei der Hertha. 

Zehn Jahre später lief er das erste Mal in der Bundesliga auf, kurz darauf wählte man ihn zum besten Nachwuchsspieler Deutschlands. Da hatte er gerade bei der U-19-Europameisterschaft den Ball aus 40 Meter Entfernung im Tor versenkt. Boateng habe eine romantische Art, Fußball zu spielen, sagte der Trainer Uli Stielike. »Kevin kennt tausend verschiedene Arten, an einem Gegenspieler vorbeizugehen«, sagt der Trainer Jürgen Klopp. Nur er selbst, schrieben die Hauptstadtzeitungen, könne sich im Weg stehen.

Als Kevin Boateng an diesem Abend das italienische Restaurant La Cascina im feinen Berliner Stadtteil Grunewald betritt, folgen ihm die Blicke der anderen Gäste: Seine Jeans ist zwei Nummern zu groß, im Ohr trägt er einen Brillanten, am Hals zwei große Tätowierungen. Er wählt einen Tisch, der versteckt hinter einer Säule liegt. Auf die Frage, was er gerne wäre, antwortet er: »Unsichtbar.«

Boateng war in den letzten Jahren zu oft sichtbar: mit seinen Tattoos, mit dicken Autos, Roten Karten. »Ich hab Fehler gemacht«, sagt er. Er spricht leise. Zu offen hat er in der Vergangenheit über seine Herkunft geredet, zu oft kam es irgendwie falsch an. Selbst in England nennen sie ihn »the ghetto kid«. Die deutschen Zeitungen haben Gefallen daran gefunden, ihn gegen seinen Halbbruder Jérôme auszuspielen. Der Plot ist immer derselbe: Jérôme, der Musterprofi, Kevin, der Gangster. Zwei Brüder, beide gleich talentiert. Der eine, Jérôme, hat es geschafft, Stammspieler in der deutschen Nationalelf zu werden, der andere, Kevin, ist auf der Flucht nach Ghana, obwohl er über Jahre das Trikot der deutschen Jugendnationalmannschaft getragen hat.

Man fragt sich, was da schiefgelaufen ist. Wie kann es sein, dass einer wie Kevin Boateng nicht ankommt im System des deutschen Profifußballs? Wie kann es sein, dass so viele Jungs vom Bolzplatz abkommen auf ihrem Weg in die Gesellschaft?

Jérôme und Kevin haben denselben Vater, den Ghanaer Prince Boateng. Aber Jérôme wuchs im bürgerlichen Stadtteil Charlottenburg auf, Kevin auf der lautesten Kreuzung des Wedding. »Kevin war immer mein Vorbild«, sagt Jérôme Boateng. »Er hat sich alles selbst erkämpft. Er hat andere Dinge erlebt als ich.«

Jérôme kam nur in den großen Ferien in den Wedding, zum Fußballspielen. Als er noch klein war, machte er mit seiner Mutter, einer Stewardess, Club-Urlaube in der ganzen Welt. Kevin kannte so etwas wie Urlaub nicht. Er konnte gerade laufen, als der Vater die Familie verließ. Weil der Kühlschrank häufig leer war, wärmte er sich mittags chinesische Nudeln aus der Tüte auf. Sooft es ging, war er bei seinen arabischen Freunden. Mit neun sah er vom Balkon, wie jemand im Hof erschossen wurde, mit 14 stach einer seinen Kumpel ab. Als er mit 16 seinen ersten Profivertrag unterschrieb, nahm er sich eine Wohnung in Berlin-Charlottenburg. Ein paar Jahre danach besuchte er noch einmal seine alte Grundschule. Es war eine PR-Aktion seines Vereins Hertha BSC. »Herr Bleimling«, rief er seinem alten Klassenlehrer auf dem Schulhof zu, »ich fahr jetzt ein dickeres Auto als Sie!«

Die Augen des kleinen Ali leuchten, wenn er erzählt, wie er sich damals von Boateng ein Autogramm auf seine roten Puma-Schuhe schreiben ließ. Ali ist einer der Besten an der Panke. Auf sein TShirt hat er sich mit Edding eine Neun gemalt, die Nummer von Ronaldo. Ali ist der Kleinste, aber er wird immer als Erstes gewählt. Wenn einer von uns es schafft, sagen die anderen, dann Ali.

Eine knappe Stunde haben sie an diesem Nachmittag gespielt, ehe die Polen die Lust verloren. Jetzt sitzen sie in der Abendsonne. Ein Rottweiler jagt über die Wiese.

»Was heißt eigentlich curva?«, will Ali wissen.

»Arschloch oder Schlampe«, sagt Murat.

Als man in der Dunkelheit den Ball schon fast nicht mehr sieht, gehen sie noch einmal auf den Platz, nur Ali und Murat. Auf Murats nacktem Oberkörper liegt eine schwere Silberkette. In seiner Hand brennt eine Kippe. Sie spielen one-touch , es geht darum, den Ball mit einer einzigen Berührung ins Tor zu schießen. Ali feixt, als Murat die Puste ausgeht. Er ruft: »Ey, Opfer, keine Pause jetzt!«

Es ist nicht lange her, dass Murat nur zum Kiffen in den Park kam. Murat ist hier nicht als Fußballer berüchtigt, sondern wegen all seiner Diebstähle, der Überfälle, Schlägereien. Auch wegen Jungs wie ihm hat Alis Mutter manchmal Angst, wenn ihr Sohn zur Panke geht.

Ali hat ein zierliches Gesicht mit großen, dunklen Augen. Sein Vater, ein Libanese, hat die Familie verlassen, als Ali zwei war. Vor ein paar Wochen hat man ihn zu einem Probetraining für die Landesauswahl eingeladen. Jetzt wartet er voller Ungeduld auf einen Anruf vom Verband.

Ali spielt bei Meteor 06. Sie trainieren zweimal in der Woche, und Ali ist immer eine Stunde zu früh da. »Schusstraining«, sagt er mit ernster Miene. Nach dem Training geht er dann zur Panke und probiert die Tricks aus, die im Verein verboten sind. Hier brüllt kein Trainer rein, wenn er zehn Übersteiger macht und seine Gegner tunnelt. Wenn er den Ball hinter dem Standbein schießt oder im Nacken landen lässt. Auf dem Bolzplatz gibt es keinen Schiedsrichter, der unterbricht. Hier gelten ungeschriebene Regeln. Wer foult, entschuldigt sich, wer jünger ist, respektiert die Älteren, wer am besten spielt, hat recht. Auf dem Bolzplatz stellt niemand unbequeme Fragen. Hier ist es egal, wann einer kommt und wie er aussieht, ob er Libanese, Türke, Serbe oder Pole ist. Die Sprache an der Panke versteht jeder: »Scheißtürke, gib Ball!«, rufen sie oder: »Hurensohn, spiel ab!«

Boateng kaufte einen Lamborghini, einen Cadillac und einen Hummer

»Auf dem Bolzplatz hat Ali gelernt, sich durchzusetzen«, sagt sein Trainer. Immer wieder versuchen andere Vereine, ihn abzuwerben, aber Ali will nicht wechseln. Er sagt: »Wir sind Tabellenführer«, und dabei klingt er wie ein Fußballer, der nach dem Spiel im Fernsehstudio steht. Wenn man ihn fragt, wie er sich das Leben eines Profis vorstellt, lächelt er verlegen. »Als Profi«, sagt er, »kann man den ganzen Tag nur Fußball spielen. Und ich kann mir einen Porsche kaufen.«

Ali ist jetzt dreizehn. Von den Parkbänken wehen Marihuanawolken herüber, seit Kurzem interessieren Ali Mädchen. Die Frage ist: Wird er wie Murat oder wie Kevin Boateng?

Boateng war der Anführer der vielleicht besten Jugendmannschaft, die Deutschland je hatte: einer Clique aus Weddinger Straßenfußballern, die spielend deutscher Meister wurde, mit Spielern wie Dejagah, Ebert, Chahed oder Fatih. Sie lachten ihre Gegner aus, und wenn sie ein Tor geschossen hatten, tanzten sie um die Eckfahne wie eine Freibadgang, die mal eben die Blondinen am Beckenrand klarmacht. Boateng beschallte die Kabine mit Bushido-Songs, er sah aus wie ein Rapper, nicht wie ein Fußballer. Für Zeitungen posierte er in einer Abbruchwohnung, im Unterhemd, mit einem Vorschlaghammer in der Hand. Einmal gab er vor Reportern als Saisonziel aus, sich möglichst viele neue Tattoos zu stechen. Der Boulevard liebte ihn.

Boateng verhielt sich, als wäre das Olympiastadion ein Bolzplatz, und es gab niemanden, der ihn bremste. »Ich dachte damals, ich wäre der Größte«, sagt Boateng. Er sitzt in seinem Dachgeschoss-Apartment im südenglischen Southampton, ein altes viktorianisches Gebäude am Hafen, früher verbrachten hier Passagiere der Titanic ihre letzte Nacht an Land. Boateng hat es vor drei Monaten von einem Mannschaftskameraden übernommen; an der Wand im Wohnzimmer lehnt ein Bild in Öl, sein erstes Bundesligator. Es ist der einzige persönliche Gegenstand in dieser Wohnung.

Boateng wirkt etwas verloren auf seinem großen, weißen Designersofa. Er ist gerade mal 23, aber er hat mehr Vereine hinter sich gelassen als andere in ihrer ganzen Karriere. Jetzt spielt er beim FC Portsmouth, beim Tabellenletzten in der Premier League. Und vielleicht ist er auch deshalb hier gestrandet, weil er den Wedding nie so ganz verlassen hat.

»Ich wollte mich ja anpassen«, sagt Boateng. Doch irgendwas kam immer dazwischen, wie dieses Interview, das sein Berliner Trainer Falko Götz dem Magazin Focus gab. Götz sprach über Disziplinprobleme. Man müsse verstehen, sagte er, »Boateng hat viele Geschwister, alle von anderen Vätern«. Am nächsten Tag beschwerte sich Boateng bei ihm, und als Götz sagte, es tue ihm leid, forderte Boateng, dass er dies auch seiner Mutter sagen solle. Als Götz sich weigerte, drohte Boateng ihm Prügel an.

2007 bot der Londoner Klub Tottenham Hotspurs unglaubliche acht Millionen Euro für Boateng, und in Berlin wollte keiner ihn aufhalten.

Boateng glaubte nun, er hätte es geschafft. In London würde er 1,5 Millionen Pfund im Jahr verdienen und mit Rooney und Ronaldo in einer Liga spielen. Kurz bevor er nach London zog, heiratete er seine Freundin, die in einer Stretchlimousine vor dem Standesamt vorfuhr. Boateng trug einen teuren Anzug, die alte Weddinger Clique stand Spalier. Doch an seinem ersten Tag in England eröffnete ihm sein neuer Trainer Martin Jol, dass er unter ihm nicht spielen werde. Jol war selber neu. Er hatte ihn nicht eingekauft. Er hatte 40 Profis im Kader, und Boateng war nur einer unter vielen.

Boateng trainierte wie besessen, aber spielen durfte er nur im Reserveteam. Er saß jetzt allein in einer Londoner Vorortvilla mit sieben Schlafzimmern, seine schwangere Frau brachte ihren Sohn in Deutschland zur Welt. Sein Manager, der Millionen an seinem Wechsel verdient hatte, ging nicht mehr ans Telefon. Boateng begann sich abzulenken. In einer Woche kaufte er einen Lamborghini, einen Cadillac, einen Hummer-Jeep. Er kaufte 200 Baseballkappen und 160 Paar Schuhe. Schon vor dem Training legte er sein Party-Outfit zurecht, in manchen Nächten verprasste er 3000 Euro. Er war jetzt nicht mal mehr im Kader.

Wenn seine Nachbarin, eine Psychologin, ihm Fragen stellte, sagte er: »Lass das!« Wenn die Nummer seines Vaters auf dem Handydisplay aufleuchtete, drückte er sie weg. »Ich hab niemanden mehr an mich rangelassen«, sagt Boateng. Eines Tages wachte er auf und guckte in den Spiegel: Er war aufgedunsen, hatte Pickel und sah zehn Jahre zu alt aus. Scheiße, dachte er, was hat das noch mit dem Jungen zu tun, der damals an der Panke spielte?

An diesem Morgen löschte er die Nummern all seiner neuen Bekannten aus dem Handy. Er versprach seiner Frau, sich wieder mehr um die Familie zu kümmern. Dann suchte er sich einen neuen Manager, um einen anderen Verein zu finden. Er spürte, dass er die Logik des Wedding durchbrechen musste, um sein Talent nicht zu verspielen. Er sehnte sich nach der alten Leichtigkeit, nach diesem Gitterkäfig, in dem der Ball niemals im Aus ist. »Es gibt Tage«, sagt Boateng, »da beneide ich meine alten Freunde, die noch immer an der Panke spielen.«

»Der Kevin ist ohne Ball nicht mal zum Mülleimer gegangen«, sagt Marcel, sein ehemaliger Nachbar. »Das letzte Mal, als ich ihn sah, betrat er mit verspiegelter Sonnenbrille eine Dönerbude«, sagt Herr Ergün, der Hausmeister. »Früher war er manchmal bei uns und hat mit meinem Onkel Tamer ›Mensch ärgere Dich nicht‹ gespielt«, sagt der kleine Ali auf dem Bolzplatz. Jeder hier im Viertel kann so was erzählen, eine Anekdote oder ein Gerücht, auch wenn Boateng schon lange weg ist.

»Wahnsinn, dass der Kevin jetzt in einer Villa lebt«, sagt sein alter Kumpel Bane, der immer noch an der Panke spielt. Wenn sie noch Kontakt hätten, dann könnte er ihm erzählen, dass die Welt, nach der er sich sehnt, nicht mehr dieselbe ist.

Anders als früher klingeln sie sich heute nur bei schönem Wetter aus den Häusern, und selbst dann können sie froh sein, wenn sie zwei Mannschaften zusammenkriegen. Damals wäre es nicht vorgekommen, dass sich der Verlierer eines one-touch - Spiels an einen Pfosten bückt, den Hintern rausstreckt und die anderen mit voller Wucht den Ball draufhalten. Das Netz, das sie gespannt haben, hat mittlerweile Risse, in den Ecken sammeln sich die Tetrapaks. Es gibt jetzt Jungs, die vor dem Spiel ihr Messer ans Gitter hängen, und in der Dämmerung graben Dealer ihre Heroinvorräte aus den Büschen.

Wahrscheinlich hatte sich die Stadt das anders vorgestellt, als sie vor drei Jahrzehnten in die Parkanlage investierte. Damals wollte man Erholungsräume schaffen im dicht bebauten Wedding, und deshalb legte man die Wiese vor dem Bolzplatz an, bepflanzte sie mit Bäumen und stellte Skulpturen darauf. Internationale Architekten wurden damit beauftragt, das alte Luisenbad in eine moderne Bibliothek umzuwandeln, damit sich die Arbeiter im Viertel bilden, und an der Kreuzung Schwedenstraße/Koloniestraße entstand das Haus, in das 1995 die Boatengs einzogen.

Heute, 15 Jahre später, funktioniert dort keine Klingel mehr. Der Flur ist mit Graffiti vollgeschmiert. Mit all den Satellitenschüsseln und Antennen wirkt es wie ein Raumschiff, das hier gelandet ist, als die Zukunft noch ein Versprechen war.

Es gibt jetzt kaum noch Arbeiter im Wedding. Die, die eine Arbeit haben, zogen weg, und übrig blieben die, die sich nichts anderes leisten können. In der Badstraße reihen sich die Dönerbuden, Spielhallen und Telecafés aneinander, die Ramschläden und Kuaföre , wo ein Haarschnitt 4,99 Euro kostet. Eins der wenigen Geschäfte, das die Jahre überlebt hat, ist Kurowskis Waffenladen, wo man alles kriegen kann, Messer ab zwölf Euro, Pistolen ab 129.

Wolfgang Bleimling, Alis Lehrer, sagt, dass schon die Fünftklässler mit Wurfsternen und Schlagringen in den Unterricht kommen. Sie beklagen sich über die Ferien, weil sie nicht wissen, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollen. Es sind Kinder, die nicht wissen, was ein Dorf ist, eine Stadt, ein Kontinent. Als Kevin Boateng vor zehn Jahren bei ihm in der Klasse war, sprach Bleimling elf Gymnasialempfehlungen aus, heute, in Alis Jahrgang, sind es sechs.

»Eine Million Euro bräuchte ich, wenn man mich abschiebt«, sagt Murat

»Überall Dreck und Asoziale«, sagt Murat, als er mit wiegenden Schritten die Badstraße hinunterschlendert. Er trägt eine verspiegelte Sonnenbrille. »Das ist die beste Brille, die ich jemals hatte«, sagt er. »Wenn ich die aufhab, komme ich mir vor, als laufe ich durch einen Actionfilm.«

Die Badstraße ist Murats Revier. Die Leute mustern ihn, die meisten weichen aus. Murat ist auf dem Weg zum Arzt, weil ihm sein Bruder gestern beim Torjubel ins Kreuz gesprungen ist. Eigentlich wollte er schon morgens hin. Jetzt hat das Ärztehaus geschlossen. »Mittwoch«, murmelt Murat. »Hätte ich mir denken können.« Er überlegt kurz, dann steuert er in Richtung Bolzplatz und setzt sich dort auf eine Bank. Alles ruhig, noch niemand da.

Murat geht zum Bolzplatz, um seine Aggressionen loszuwerden, diese unbestimmte Wut. »Das Leben strengt mich an«, sagt Murat. Bald läuft seine Aufenthaltsgenehmigung ab, und die Ausländerbehörde hat gedroht, ihn abzuschieben: Im Herbst hat Murat am Gesundbrunnen auf einen Fremden eingedroschen. Ein schiefer Blick, ein falsches Wort, da rastete er aus. Er wurde erwischt, als sie im Viertel in Geschäfte eingestiegen waren, um Handys rauszuschaffen, Schmuck, Navigationsgeräte. »Beschaffungskriminalität«, sagt Murat. Die 350 Euro, die ihm das Amt im Monat überweist, gehen fürs Kiffen drauf.

Seit seine Mutter tot ist, lebt er mit seinem Zwillingsbruder Mehmet in einer betreuten Wohngemeinschaft. »Unser Vater hat sich längst verpisst«, sagt Murat. Er war ein Säufer, der im Suff nach Opfern suchte. Murat deutet auf die kleinen Narben, die sich durch sein kantiges Gesicht ziehen. Er sieht älter aus als 17 Jahre. Die Mädchen mögen seine Augen.

Er müsse jetzt regelmäßig in die Schule, fordert die Behörde. Es ist Murats letzte Chance, aber obwohl ihn jeden Morgen ein Betreuer weckt, scheitert er schon daran, aufzustehen. Er schafft es nicht, all die Termine einzuhalten, bei seinem Fallmanager im Jugendamt, bei seinem Vormund, dem Bewährungshelfer. »Ich bräuchte eine Struktur«, sagt Murat. Er redet manchmal wie sein eigener Sozialarbeiter.

Murat geht auf eine Schule für Drucktechnik und Mediengestaltung. In seiner Freizeit bearbeitet er Fotos. Murat zieht sein Handy aus der Tasche und zeigt einige Bilder, die aussehen wie Filmplakate. Eins zeigt ihn mit seiner Waffe. Auf einem anderen hält er die Erdkugel in seinen Armen.

»Ich bin nicht blöd«, sagt Murat immer wieder. Er interessiert sich für Obama und den Klimawandel. Er wäre gern Bundeskanzler oder Entertainer, aber erst mal überlegt er, mit den Techniken, die er in der Schule lernt, falsches Geld zu drucken. »Eine Million Euro«, sagt er. »Die bräuchte ich, falls man mich abschiebt. In der Türkei gibt’s kein Hartz IV.«

Dann kommt sein Bruder Mehmet in den Park und setzt sich zu ihm auf die Bank. »Und«, fragt Murat, »hast du was bekommen?« Mehmet zieht ein Päckchen Gras aus seiner Tasche. Dann zerbröselt er etwas Tabak in der Hand und baut aus Pappe einen Filter. Dabei erzählen sie Geschichten, die von Typen handeln, die mit Müllzangen durch Einfamilienhaussiedlungen laufen sollen und Portemonnaies durch Briefschlitze angeln, von Pärchen, die beim Juwelier angeblich gefälschte Uhren gegen echte tauschen, und dabei klingen sie so nüchtern wie Mechaniker, die über neue Scheibenwischer reden.

»Ich bin Krimineller«, sagt Mehmet. »Für 50.000 würde ich jemanden töten.« 2500 Euro macht er mit seinen Brüchen jeden Monat. Als er mit 13 anfing, Handys abzuzocken, hatte er noch Mitleid, doch das schleifte sich ab, als es zur Gewohnheit wurde. »Diebstahl tut niemand weh«, sagt Murat.

Er kennt niemanden, der für sein Geld arbeitet. Wer arbeitet, ist ein Opfer. Murats Helden sind entweder berühmt oder kriminell, und manche sind sogar beides, wie die Berliner Pokerräuber, die er aus dem Viertel kennt. Eine Million oder Hartz IV. »Für mich gibt’s nur alles oder nichts«, sagt Murat.

Kevin Boateng nahm den Zug, als er Ende 2008 zurück in die Bundesliga reiste. Boateng hatte sich von Tottenham zu Borussia Dortmund ausleihen lassen, er wollte von vorn anfangen. Jürgen Klopp, sein neuer Trainer, war überrascht, als er ihn das erste Mal traf: Vor ihm stand ein freundlicher, etwas schüchterner junger Mann, der hoffte, endlich wieder als Fußballer aufzufallen. Ob es okay sei, fragte Boateng, wenn er mit seinem Hummer-Jeep zum Training komme?

»Na klar«, sagte Klopp.

Boateng hängte sich rein im Training, und wenn Klopp ihn auf die Bank setzte, akzeptierte er es ohne Murren. Boateng sei lernbegierig gewesen, sagt Klopp, er integrierte sich in die Mannschaft, aber dann passierte diese Sache mit Klose. Bayerns Stürmer Klose kam im Strafraum zu Fall, und Boateng trat auf dessen Oberschenkel. Franz Beckenbauer nannte das »unsportlich«. Wenig später passierte die Sache mit Hasebe. Boateng sprang mit gestrecktem Bein in den Wolfsburger Hasebe und erwischte ihn im Gesicht. Der Kommentator Marcel Reif urteilte: »Dieser Boateng ist nicht sozialisierbar.«

Als er nach seiner Roten Karte vom Platz schlich, umarmte ihn Klopp. »Du spielst hier nicht auf Bewährung«, sagte er. Aber Boateng kam gegen sein Image nicht mehr an. Die Bild titelte: RAMBOateng – tritt er seine Karriere kaputt?

»Diese Fouls waren keine Absicht. Kevin war übermotiviert«, sagt Klopp heute, »er setzte sich wahnsinnig unter Druck.« Klopp wollte ihm helfen. Seine Frau lud ihn zweimal nach Hause zum Essen ein, aber Boateng sagte ab. Er wollte nicht, dass die Mannschaft denkt, dass er beim Trainer seinen Vorteil sucht.

»Wenn Kevin den Ball in seiner Nähe hat, weiß und spürt er alles«, sagt Klopp, »aber wenn er woanders ist, fällt es ihm noch schwer, die richtigen Wege zu laufen.«

Im Sommer 2009, kurz vor der Europameisterschaft, fuhr Boateng mit der U-21-Nationalmannschaft in ein Trainingslager. Abends gingen die Spieler aus, sie tranken, und als zwei Mannschaftskameraden mit Gästen aneinandergerieten, ging Boateng dazwischen und setzte sie ins letzte Taxi. Dann rief er sich selbst eins. Weil es ein kleiner Ort war, musste er 45 Minuten warten. Es war halb zwei, als er im Hotel ankam. Der Trainer wollte eine Erklärung, doch Boateng erklärte nichts, er nannte keine Namen. »Es war eine Frage der Ehre«, sagt Boateng. »Es war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte«, sagt Horst Hrubesch, der Trainer. Boateng hatte Massagetermine verpasst, und da gab es diese Anzeige, weil er mit seinem alten Hertha-Kollegen Ebert nachts angeblich Autospiegel abgetreten hatte.

Als Hrubesch ihn suspendierte, liefen Boateng Tränen übers Gesicht.

Matthias Sammer vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) attestierte ihm öffentlich »Defizite in der Persönlichkeitsentwicklung«. »Sammer kennt mich nicht persönlich«, schoss Boateng zurück. »Ich würde auch nie erzählen, dass Sammer nicht einschlafen kann. Weil ich es nicht weiß.« Noch bevor sein Bruder Jérôme mit der U21 Europameister wurde, gab Boateng bekannt, dass er von jetzt an für Ghana spielen werde.

Es war das letzte Glied in einer Kette von Missverständnissen zwischen Kevin Boateng und dem deutschen Profifußball, einem Geschäft, in dem Spieler Kapitalanlagen sind, möglichst effizient, gewinnbringend, geräuschlos. Immer wieder hatte Boateng die ungeschriebenen Regeln dieses Geschäfts gebrochen: im richtigen Moment zu schweigen; etwas zu sagen, ohne etwas zu sagen, wie ein Politiker. Mit dem, was Boateng im Käfig an der Panke groß gemacht hatte, eckte er an in der hierarchischen Welt des DFB, die jemanden wie den Stürmer Kevin Kurányi für das Verlassen des Stadions während eines Länderspiels lebenslang ausschließt. Es ist eine Welt, deren Helden sein sollen wie der Teammanager Oliver Bierhoff, glatt geschliffen und geföhnt. Mit Anfang 20 sollen sie Playstation spielen, mit Mitte 20 ein Fernstudium absolvieren und mit Ende 20 an ihrem Golfhandicap arbeiten. Es ist eine Welt, in der es – anders als auf dem Bolzplatz – nicht reicht, einfach nur gut zu sein.

Horst Hrubesch sagt: »Boateng hätte vielleicht schon früher Leitplanken gebraucht.« Hrubesch hat die Brüder lange trainiert. Er möge beide, sagt er: impulsiv und fordernd Kevin, ruhig und zurückhaltend Jérôme. Kevin, der Angreifer, Jérôme, der Verteidiger; der eine will Gegentore vermeiden, der andere sucht den entscheidenden Pass. »Jérôme hat gelernt, wie man Kompromisse macht«, sagt Hrubesch. »Kevin will immer alles oder nichts.«

Es ist seltsam. All die Kommentatoren, Experten und Trainer urteilen über Kevin Boateng wie enttäuschte Sozialarbeiter. Sie alle sagen: Wir haben es ja versucht.

Es ist ein kühler Nachmittag, als Murat auf dem Bolzplatz seine neuen weißen Turnschuhe schnürt. Er trägt jetzt seinen Bart so fein gestutzt wie Kevin Kurányi; seit Kurzem spielt er ernsthaft mit. Es geht zwei gegen zwei, und Murat rennt, bis er hustet. »Komm, lass den Scheiß!«, ruft er, wenn sein Bruder Mehmet den Ball gedankenlos gegen das Gitter drischt. Seit Murat Ferien hat, zerfließen seine Tage zwischen Internetcafé, McDonald’s und Wettbüro. »Mir platzt der Kopf«, sagt er. »Mich stresst die Langeweile.« Um nicht zu vergessen, was er getan hat, fotografiert er neuerdings mit seinem Handy. Der Bolzplatz ist das Einzige, was sein Leben jetzt ein bisschen strukturiert.

Am Abend sitzt er mit Mehmet zu Hause auf dem Sofa. Vor ihnen auf dem Großbildfernseher läuft ein Fußballspiel ohne Ton. Murat steckt sich einen Joint an. In der Küche wäscht Mehmets 15-jährige Freundin Fatma ab. Vor ein paar Tagen ist sie von zu Hause abgehauen, jetzt wohnt sie hier.

»Weißt du, wie viel Zentimeter zwischen Muschiloch und Arschloch liegen?«, fragt Mehmet.

»Kein Ahnung«, sagt Murat.

»Anderthalb bis zwei, ich hab nachgemessen.«

Vor Mehmet auf dem Tisch steht eine Flasche Wodka. »Zum Auspegeln«, erklärt er.

Auf dem Bolzplatz herrscht Respekt. Hier gibt es eine Art Waffenstillstand

Seit zehn Monaten leben sie in diesem Wohnprojekt. Sie haben geputzt, aufgeräumt, und überall stehen diese Kunstblumen herum, die ihre Mutter so sehr liebte, neben dem Sofa, auf dem Küchentisch, ein Strauß klemmt am Badezimmerspiegel. Murat sagt: »Ich konnte die nicht wegwerfen.«

Seine Gaspistole liegt nebenan im Schlafzimmer. Er denkt darüber nach, was zwei Jahre Knast bedeuten, wenn er 80 Jahre lebt. Murat hebt die Schultern. »Ist eh alles egal.«

Sein Betreuer vom Wohnprojekt glaubt, dass Murat erkennt, was schiefläuft. Nur ändern könne er nichts. Sie haben ihm erklärt, dass eine Therapie ihm helfen könnte, mit dem Kiffen aufzuhören. Doch bevor Murat zu seiner ersten Sitzung ging, rauchte er erst mal einen Joint. Er glaube nicht, sagt der Betreuer, dass Murat jemals einer geregelten Arbeit nachgehen werde.

»Diese Leute tun ihren Job«, sagt Murat. Aber er hält Distanz zu ihnen, weil er glaubt, dass sie sich in Dinge einmischen, die sie nichts angehen. In gewisser Weise sind sie an ihm gescheitert wie der DFB an Kevin Boateng, und vielleicht spielt Murat jetzt auch deshalb so oft auf dem Bolzplatz mit: weil man dort nichts von ihm fordert. »Da gibt es Respekt«, sagt Murat. Respekt ist eine Art Waffenstillstand.

»Ich vertraue fast niemandem mehr in diesem Fußballgeschäft«, sagt Kevin Boateng. Nach der Saison in Dortmund hätte der Trainer Jürgen Klopp ihn gern behalten, aber dem Verein fehlte das Geld. Bei anderen Bundesligaklubs war er mit seinem Ruf kaum mehr vermittelbar. Alles stand jetzt auf dem Spiel, und es lag allein an ihm. Der Bolzplatz hatte ihm ermöglicht, seinen Traum zu leben, aber er wusste, wenn er weiter Fußball spielen wollte, dann musste er sich dessen Regeln endgültig abtrainieren. Er musste berechenbarer werden, sich unterordnen. Er musste sich zähmen.

Er ging zu Portsmouth, einem Verein, der kurz vor der Pleite stand, aber vielleicht lag genau darin seine Chance. Sie beide, Boateng und Portsmouth, kämpften gegen den Abstieg. Endlich war Boateng unsichtbar.

Er trainierte mehr als je zuvor und ging nun nicht mehr aus. Er saß zu Hause, hoch über dem Hafen von Southampton, und las Der kleine Prinz, ein Buch, das ihm sein neuer Manager geschenkt hatte. Er verkaufte seine Autos und suchte nach Jahren zum ersten Mal wieder Kontakt zu seinem Vater. Seiner Mutter schrieb er eine Postkarte.

Es war eine seltsame Saison. Je tiefer Portsmouth in den Keller rutschte, desto höher ragte Boateng heraus. Gegen Manchester United verloren sie mit 1:4, Wayne Rooney schoss drei Tore, aber zum Spieler des Tages wählte man Boateng. Die Fans begannen ihn zu lieben, diesen Deutschen, der nie aufgab. In Interviews sagte er jetzt Dinge wie: »Ich gebe 100 Prozent in jedem Spiel. Ich bin einfach nur froh, immer zu spielen.«

»Kevin hat sich geändert«, sagt sein Vater Prince Boateng, der jetzt wieder regelmäßig von ihm hört. Kevin zeige jetzt Demut.

Es ist offen, was nach dieser Saison passiert. Boateng wird wechseln, vielleicht bleibt er in England, vielleicht geht er nach Spanien, er weiß es nicht. Es kommt jetzt auf jedes Spiel an, jedes Tor. Darauf, wie es mit Ghana läuft bei der WM und ob er mit Portsmouth vielleicht noch den englischen Pokal gewinnt. Wenn man ihn fragt, was seine Ziele sind, zuckt Boateng mit den Schultern. An seinem Hals hat er sich gerade eine neue Tätowierung stechen lassen: zwei Würfel, die fallen.

Es ist der 11. April, als Boateng sich im ausverkauften Wembley-Stadion aufwärmt. In wenigen Minuten wird das englische Pokal-Halbfinale angepfiffen. Es ist ihr wichtigstes Spiel in dieser Saison, sie werden absteigen, aber vorher können sie hier noch triumphieren. Portsmouth gegen Tottenham. David gegen Goliath, die Wettquoten stehen 1:10.

Zur selben Zeit wärmen die letzten Strahlen der Nachmittagssonne den Park, wo Murat und Ali ihren Ball hochhalten. Ali, der immer als Erstes auf dem Platz ist, darf nun immer seltener zur Panke. Seine Mutter will umziehen, nach Pankow, »weil da nur Deutsche wohnen«. Murats Aufenthaltsgenehmigung wurde vor ein paar Tagen verlängert. Er will jetzt seinen Abschluss machen, aber Kumpel haben ihm erzählt, dass im Büro eines Schrottplatzes eine halbe Million in bar herumliege.

Um die Ecke in der Prinzenallee tänzelt Murats Bruder Mehmet mit roten Augen vor dem Buchmacher Albers herum. 700 Euro hat er letzte Nacht erbeutet und sie gleich im Einarmigen Banditen versenkt. Während er auf dem Bordstein ein Bündel Wettscheine abfackelt, flimmert drinnen auf den Bildschirmen die 115. Minute im Stadion von Wembley.

Es ist jetzt eine Schlacht des Willens. Eins zu null für Portsmouth in der Verlängerung. Zweimal hat Boateng auf der eigenen Linie geklärt, das Führungstor mit dem Kopf vorbereitet, jetzt schleppt er sich über den Platz wie ein Boxer in der zwölften Runde. Es ist das erste Spiel seit seiner Verletzung, aber als der Trainer ihn auswechseln möchte, schüttelt Boateng den Kopf. Es geht gegen Tottenham, seinen alten Verein. In der Nacht hat er geträumt, dass er ein Tor schießt.

Die 117. Minute bricht an, als ein Stürmer von Portsmouth gefoult wird und der Schiedsrichter auf den Elfmeterpunkt zeigt. Boateng legt sich den Ball zurecht, und während er auf den Pfiff wartet, ruht die Kamera für einen Moment auf den Würfeln an seinem Hals. 85.000 Menschen halten den Atem an. Dann schiebt Boateng den Ball ins Tor.

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Leserkommentare
  1. Entfernt. Trotz Ärgernis über das Foul bringen Sie sich argumentativ in die Diskussion ein. Danke. Die Redaktion/is

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    • monz
    • 17. Mai 2010 14:04 Uhr

    Sind Sie ignorant, verbittert oder beides zusammen?

    Entfernt. Bitte beleidigen Sie nicht. Die Redaktion/is

  2. 2. Curva

    Curva gibt es nicht. Das Schimpfwort heisst Kurwa.
    Curva wuerde Zurva ausgesprochen werden.

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    Redaktion

    Danke für den Hinweis. Statt "Curva" heißt es im Artikel nun "Kurva".

    Beste Grüße
    Sebastian Horn

    • oooo
    • 26. Mai 2010 22:24 Uhr

    Warum denn immer noch Kurwa mit v geschrieben? Wurde doch von meinem Vorposter richtig korregiert.Oder irre ich mich?

  3. 3. Naja,

    spätestens seit heute dürfte er es sich grundlegend in Deutschland verratzt haben :-)
    Ich nehme mal an, dass ihn seine Mitspieler in der Pranke ordentlich eine auf den Deckel gegeben hätten, wenn er so gegen sie eingestiegen wäre, wie er es mit seinen Gegenspielern macht. Von daher hat er eine Lektion auch nicht in der Pranke gelernt: Respekt vor dem Spiel.
    Auch wenn er zweifelsohne ein richtig guter Spieler ist.

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    @ karkmeidrobbe: Alta, det heest "Panke", nüscht "Pranke"! Listu mal rischtisch, sonst machstu mein Ehre schlescht!

    Die Panke ist übrigens ein kleines Flüßchen quer durch Berlin. Links und rechts ein überraschender Grünstreifen, der gut für Fahrradtouren geeignet ist. Höchst idyllisch, ein Touri-Geheimtipp!

    Keine Sorge, die "Ghetto-Kids" beißen nicht, und der Wedding ist weniger gefährlich als hier aufgebauscht.

    Go, Panke-Kid, go!

  4. Redaktion
    4. Stimmt

    Danke für den Hinweis. Statt "Curva" heißt es im Artikel nun "Kurva".

    Beste Grüße
    Sebastian Horn

    Antwort auf "Curva"
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    • th
    • 17. Mai 2010 13:48 Uhr

    Das polnische Schimpfwort wird mit "w" geschrieben, nicht mit "v" - ein Buchstabe, den es im polnischen selten, höchstens für Fremdwörter, gibt.
    Es heißt übrigens in deutscher Übersetzung "Hure", "Nutte" o. ä.

  5. wurde von deutschen Metallbauern, unter Anlöeitung ihrer Abteilungsleiter gebaut.

    • th
    • 17. Mai 2010 13:48 Uhr

    Das polnische Schimpfwort wird mit "w" geschrieben, nicht mit "v" - ein Buchstabe, den es im polnischen selten, höchstens für Fremdwörter, gibt.
    Es heißt übrigens in deutscher Übersetzung "Hure", "Nutte" o. ä.

    Antwort auf "Stimmt"
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    • Ndeko
    • 04. Januar 2013 17:35 Uhr

    kurwa mać, die begreifen das einfach nicht ;)

  6. "Wie kann es sein, dass so viele Jungs vom Bolzplatz abkommen auf ihrem Weg in die Gesellschaft?" fragt der Autor?

    Weil Fussball und Sport überhaupt gar nicht DIE Sozialisierunsgaufgabe schafft, die ihm oberflächlich betrachtet zugeschrieben oder gar aufgefrachtet wird, laut Untersuchungen.

    Und anzunehmen, dass Sport soziale Unterschiede in der Breite nivellieren könnte, ist eh naiv.

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