FußballDer Nabel ihrer WeltSeite 2/6

Man fragt sich, was da schiefgelaufen ist. Wie kann es sein, dass einer wie Kevin Boateng nicht ankommt im System des deutschen Profifußballs? Wie kann es sein, dass so viele Jungs vom Bolzplatz abkommen auf ihrem Weg in die Gesellschaft?

Jérôme und Kevin haben denselben Vater, den Ghanaer Prince Boateng. Aber Jérôme wuchs im bürgerlichen Stadtteil Charlottenburg auf, Kevin auf der lautesten Kreuzung des Wedding. »Kevin war immer mein Vorbild«, sagt Jérôme Boateng. »Er hat sich alles selbst erkämpft. Er hat andere Dinge erlebt als ich.«

Jérôme kam nur in den großen Ferien in den Wedding, zum Fußballspielen. Als er noch klein war, machte er mit seiner Mutter, einer Stewardess, Club-Urlaube in der ganzen Welt. Kevin kannte so etwas wie Urlaub nicht. Er konnte gerade laufen, als der Vater die Familie verließ. Weil der Kühlschrank häufig leer war, wärmte er sich mittags chinesische Nudeln aus der Tüte auf. Sooft es ging, war er bei seinen arabischen Freunden. Mit neun sah er vom Balkon, wie jemand im Hof erschossen wurde, mit 14 stach einer seinen Kumpel ab. Als er mit 16 seinen ersten Profivertrag unterschrieb, nahm er sich eine Wohnung in Berlin-Charlottenburg. Ein paar Jahre danach besuchte er noch einmal seine alte Grundschule. Es war eine PR-Aktion seines Vereins Hertha BSC. »Herr Bleimling«, rief er seinem alten Klassenlehrer auf dem Schulhof zu, »ich fahr jetzt ein dickeres Auto als Sie!«

Die Augen des kleinen Ali leuchten, wenn er erzählt, wie er sich damals von Boateng ein Autogramm auf seine roten Puma-Schuhe schreiben ließ. Ali ist einer der Besten an der Panke. Auf sein TShirt hat er sich mit Edding eine Neun gemalt, die Nummer von Ronaldo. Ali ist der Kleinste, aber er wird immer als Erstes gewählt. Wenn einer von uns es schafft, sagen die anderen, dann Ali.

Eine knappe Stunde haben sie an diesem Nachmittag gespielt, ehe die Polen die Lust verloren. Jetzt sitzen sie in der Abendsonne. Ein Rottweiler jagt über die Wiese.

»Was heißt eigentlich curva?«, will Ali wissen.

»Arschloch oder Schlampe«, sagt Murat.

Als man in der Dunkelheit den Ball schon fast nicht mehr sieht, gehen sie noch einmal auf den Platz, nur Ali und Murat. Auf Murats nacktem Oberkörper liegt eine schwere Silberkette. In seiner Hand brennt eine Kippe. Sie spielen one-touch , es geht darum, den Ball mit einer einzigen Berührung ins Tor zu schießen. Ali feixt, als Murat die Puste ausgeht. Er ruft: »Ey, Opfer, keine Pause jetzt!«

Es ist nicht lange her, dass Murat nur zum Kiffen in den Park kam. Murat ist hier nicht als Fußballer berüchtigt, sondern wegen all seiner Diebstähle, der Überfälle, Schlägereien. Auch wegen Jungs wie ihm hat Alis Mutter manchmal Angst, wenn ihr Sohn zur Panke geht.

Ali hat ein zierliches Gesicht mit großen, dunklen Augen. Sein Vater, ein Libanese, hat die Familie verlassen, als Ali zwei war. Vor ein paar Wochen hat man ihn zu einem Probetraining für die Landesauswahl eingeladen. Jetzt wartet er voller Ungeduld auf einen Anruf vom Verband.

Ali spielt bei Meteor 06. Sie trainieren zweimal in der Woche, und Ali ist immer eine Stunde zu früh da. »Schusstraining«, sagt er mit ernster Miene. Nach dem Training geht er dann zur Panke und probiert die Tricks aus, die im Verein verboten sind. Hier brüllt kein Trainer rein, wenn er zehn Übersteiger macht und seine Gegner tunnelt. Wenn er den Ball hinter dem Standbein schießt oder im Nacken landen lässt. Auf dem Bolzplatz gibt es keinen Schiedsrichter, der unterbricht. Hier gelten ungeschriebene Regeln. Wer foult, entschuldigt sich, wer jünger ist, respektiert die Älteren, wer am besten spielt, hat recht. Auf dem Bolzplatz stellt niemand unbequeme Fragen. Hier ist es egal, wann einer kommt und wie er aussieht, ob er Libanese, Türke, Serbe oder Pole ist. Die Sprache an der Panke versteht jeder: »Scheißtürke, gib Ball!«, rufen sie oder: »Hurensohn, spiel ab!«

Boateng kaufte einen Lamborghini, einen Cadillac und einen Hummer

»Auf dem Bolzplatz hat Ali gelernt, sich durchzusetzen«, sagt sein Trainer. Immer wieder versuchen andere Vereine, ihn abzuwerben, aber Ali will nicht wechseln. Er sagt: »Wir sind Tabellenführer«, und dabei klingt er wie ein Fußballer, der nach dem Spiel im Fernsehstudio steht. Wenn man ihn fragt, wie er sich das Leben eines Profis vorstellt, lächelt er verlegen. »Als Profi«, sagt er, »kann man den ganzen Tag nur Fußball spielen. Und ich kann mir einen Porsche kaufen.«

Ali ist jetzt dreizehn. Von den Parkbänken wehen Marihuanawolken herüber, seit Kurzem interessieren Ali Mädchen. Die Frage ist: Wird er wie Murat oder wie Kevin Boateng?

Boateng war der Anführer der vielleicht besten Jugendmannschaft, die Deutschland je hatte: einer Clique aus Weddinger Straßenfußballern, die spielend deutscher Meister wurde, mit Spielern wie Dejagah, Ebert, Chahed oder Fatih. Sie lachten ihre Gegner aus, und wenn sie ein Tor geschossen hatten, tanzten sie um die Eckfahne wie eine Freibadgang, die mal eben die Blondinen am Beckenrand klarmacht. Boateng beschallte die Kabine mit Bushido-Songs, er sah aus wie ein Rapper, nicht wie ein Fußballer. Für Zeitungen posierte er in einer Abbruchwohnung, im Unterhemd, mit einem Vorschlaghammer in der Hand. Einmal gab er vor Reportern als Saisonziel aus, sich möglichst viele neue Tattoos zu stechen. Der Boulevard liebte ihn.

Boateng verhielt sich, als wäre das Olympiastadion ein Bolzplatz, und es gab niemanden, der ihn bremste. »Ich dachte damals, ich wäre der Größte«, sagt Boateng. Er sitzt in seinem Dachgeschoss-Apartment im südenglischen Southampton, ein altes viktorianisches Gebäude am Hafen, früher verbrachten hier Passagiere der Titanic ihre letzte Nacht an Land. Boateng hat es vor drei Monaten von einem Mannschaftskameraden übernommen; an der Wand im Wohnzimmer lehnt ein Bild in Öl, sein erstes Bundesligator. Es ist der einzige persönliche Gegenstand in dieser Wohnung.

Leserkommentare
  1. Entfernt. Trotz Ärgernis über das Foul bringen Sie sich argumentativ in die Diskussion ein. Danke. Die Redaktion/is

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    • monz
    • 17. Mai 2010 14:04 Uhr

    Sind Sie ignorant, verbittert oder beides zusammen?

    Entfernt. Bitte beleidigen Sie nicht. Die Redaktion/is

  2. 2. Curva

    Curva gibt es nicht. Das Schimpfwort heisst Kurwa.
    Curva wuerde Zurva ausgesprochen werden.

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    Redaktion

    Danke für den Hinweis. Statt "Curva" heißt es im Artikel nun "Kurva".

    Beste Grüße
    Sebastian Horn

    • oooo
    • 26. Mai 2010 22:24 Uhr

    Warum denn immer noch Kurwa mit v geschrieben? Wurde doch von meinem Vorposter richtig korregiert.Oder irre ich mich?

  3. 3. Naja,

    spätestens seit heute dürfte er es sich grundlegend in Deutschland verratzt haben :-)
    Ich nehme mal an, dass ihn seine Mitspieler in der Pranke ordentlich eine auf den Deckel gegeben hätten, wenn er so gegen sie eingestiegen wäre, wie er es mit seinen Gegenspielern macht. Von daher hat er eine Lektion auch nicht in der Pranke gelernt: Respekt vor dem Spiel.
    Auch wenn er zweifelsohne ein richtig guter Spieler ist.

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    @ karkmeidrobbe: Alta, det heest "Panke", nüscht "Pranke"! Listu mal rischtisch, sonst machstu mein Ehre schlescht!

    Die Panke ist übrigens ein kleines Flüßchen quer durch Berlin. Links und rechts ein überraschender Grünstreifen, der gut für Fahrradtouren geeignet ist. Höchst idyllisch, ein Touri-Geheimtipp!

    Keine Sorge, die "Ghetto-Kids" beißen nicht, und der Wedding ist weniger gefährlich als hier aufgebauscht.

    Go, Panke-Kid, go!

  4. Redaktion
    4. Stimmt

    Danke für den Hinweis. Statt "Curva" heißt es im Artikel nun "Kurva".

    Beste Grüße
    Sebastian Horn

    Antwort auf "Curva"
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    • th
    • 17. Mai 2010 13:48 Uhr

    Das polnische Schimpfwort wird mit "w" geschrieben, nicht mit "v" - ein Buchstabe, den es im polnischen selten, höchstens für Fremdwörter, gibt.
    Es heißt übrigens in deutscher Übersetzung "Hure", "Nutte" o. ä.

  5. wurde von deutschen Metallbauern, unter Anlöeitung ihrer Abteilungsleiter gebaut.

    • th
    • 17. Mai 2010 13:48 Uhr

    Das polnische Schimpfwort wird mit "w" geschrieben, nicht mit "v" - ein Buchstabe, den es im polnischen selten, höchstens für Fremdwörter, gibt.
    Es heißt übrigens in deutscher Übersetzung "Hure", "Nutte" o. ä.

    Antwort auf "Stimmt"
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    • Ndeko
    • 04. Januar 2013 17:35 Uhr

    kurwa mać, die begreifen das einfach nicht ;)

  6. "Wie kann es sein, dass so viele Jungs vom Bolzplatz abkommen auf ihrem Weg in die Gesellschaft?" fragt der Autor?

    Weil Fussball und Sport überhaupt gar nicht DIE Sozialisierunsgaufgabe schafft, die ihm oberflächlich betrachtet zugeschrieben oder gar aufgefrachtet wird, laut Untersuchungen.

    Und anzunehmen, dass Sport soziale Unterschiede in der Breite nivellieren könnte, ist eh naiv.

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