FußballDer Nabel ihrer WeltSeite 3/6

Boateng wirkt etwas verloren auf seinem großen, weißen Designersofa. Er ist gerade mal 23, aber er hat mehr Vereine hinter sich gelassen als andere in ihrer ganzen Karriere. Jetzt spielt er beim FC Portsmouth, beim Tabellenletzten in der Premier League. Und vielleicht ist er auch deshalb hier gestrandet, weil er den Wedding nie so ganz verlassen hat.

»Ich wollte mich ja anpassen«, sagt Boateng. Doch irgendwas kam immer dazwischen, wie dieses Interview, das sein Berliner Trainer Falko Götz dem Magazin Focus gab. Götz sprach über Disziplinprobleme. Man müsse verstehen, sagte er, »Boateng hat viele Geschwister, alle von anderen Vätern«. Am nächsten Tag beschwerte sich Boateng bei ihm, und als Götz sagte, es tue ihm leid, forderte Boateng, dass er dies auch seiner Mutter sagen solle. Als Götz sich weigerte, drohte Boateng ihm Prügel an.

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2007 bot der Londoner Klub Tottenham Hotspurs unglaubliche acht Millionen Euro für Boateng, und in Berlin wollte keiner ihn aufhalten.

Boateng glaubte nun, er hätte es geschafft. In London würde er 1,5 Millionen Pfund im Jahr verdienen und mit Rooney und Ronaldo in einer Liga spielen. Kurz bevor er nach London zog, heiratete er seine Freundin, die in einer Stretchlimousine vor dem Standesamt vorfuhr. Boateng trug einen teuren Anzug, die alte Weddinger Clique stand Spalier. Doch an seinem ersten Tag in England eröffnete ihm sein neuer Trainer Martin Jol, dass er unter ihm nicht spielen werde. Jol war selber neu. Er hatte ihn nicht eingekauft. Er hatte 40 Profis im Kader, und Boateng war nur einer unter vielen.

Boateng trainierte wie besessen, aber spielen durfte er nur im Reserveteam. Er saß jetzt allein in einer Londoner Vorortvilla mit sieben Schlafzimmern, seine schwangere Frau brachte ihren Sohn in Deutschland zur Welt. Sein Manager, der Millionen an seinem Wechsel verdient hatte, ging nicht mehr ans Telefon. Boateng begann sich abzulenken. In einer Woche kaufte er einen Lamborghini, einen Cadillac, einen Hummer-Jeep. Er kaufte 200 Baseballkappen und 160 Paar Schuhe. Schon vor dem Training legte er sein Party-Outfit zurecht, in manchen Nächten verprasste er 3000 Euro. Er war jetzt nicht mal mehr im Kader.

Wenn seine Nachbarin, eine Psychologin, ihm Fragen stellte, sagte er: »Lass das!« Wenn die Nummer seines Vaters auf dem Handydisplay aufleuchtete, drückte er sie weg. »Ich hab niemanden mehr an mich rangelassen«, sagt Boateng. Eines Tages wachte er auf und guckte in den Spiegel: Er war aufgedunsen, hatte Pickel und sah zehn Jahre zu alt aus. Scheiße, dachte er, was hat das noch mit dem Jungen zu tun, der damals an der Panke spielte?

An diesem Morgen löschte er die Nummern all seiner neuen Bekannten aus dem Handy. Er versprach seiner Frau, sich wieder mehr um die Familie zu kümmern. Dann suchte er sich einen neuen Manager, um einen anderen Verein zu finden. Er spürte, dass er die Logik des Wedding durchbrechen musste, um sein Talent nicht zu verspielen. Er sehnte sich nach der alten Leichtigkeit, nach diesem Gitterkäfig, in dem der Ball niemals im Aus ist. »Es gibt Tage«, sagt Boateng, »da beneide ich meine alten Freunde, die noch immer an der Panke spielen.«

»Der Kevin ist ohne Ball nicht mal zum Mülleimer gegangen«, sagt Marcel, sein ehemaliger Nachbar. »Das letzte Mal, als ich ihn sah, betrat er mit verspiegelter Sonnenbrille eine Dönerbude«, sagt Herr Ergün, der Hausmeister. »Früher war er manchmal bei uns und hat mit meinem Onkel Tamer ›Mensch ärgere Dich nicht‹ gespielt«, sagt der kleine Ali auf dem Bolzplatz. Jeder hier im Viertel kann so was erzählen, eine Anekdote oder ein Gerücht, auch wenn Boateng schon lange weg ist.

»Wahnsinn, dass der Kevin jetzt in einer Villa lebt«, sagt sein alter Kumpel Bane, der immer noch an der Panke spielt. Wenn sie noch Kontakt hätten, dann könnte er ihm erzählen, dass die Welt, nach der er sich sehnt, nicht mehr dieselbe ist.

Anders als früher klingeln sie sich heute nur bei schönem Wetter aus den Häusern, und selbst dann können sie froh sein, wenn sie zwei Mannschaften zusammenkriegen. Damals wäre es nicht vorgekommen, dass sich der Verlierer eines one-touch - Spiels an einen Pfosten bückt, den Hintern rausstreckt und die anderen mit voller Wucht den Ball draufhalten. Das Netz, das sie gespannt haben, hat mittlerweile Risse, in den Ecken sammeln sich die Tetrapaks. Es gibt jetzt Jungs, die vor dem Spiel ihr Messer ans Gitter hängen, und in der Dämmerung graben Dealer ihre Heroinvorräte aus den Büschen.

Wahrscheinlich hatte sich die Stadt das anders vorgestellt, als sie vor drei Jahrzehnten in die Parkanlage investierte. Damals wollte man Erholungsräume schaffen im dicht bebauten Wedding, und deshalb legte man die Wiese vor dem Bolzplatz an, bepflanzte sie mit Bäumen und stellte Skulpturen darauf. Internationale Architekten wurden damit beauftragt, das alte Luisenbad in eine moderne Bibliothek umzuwandeln, damit sich die Arbeiter im Viertel bilden, und an der Kreuzung Schwedenstraße/Koloniestraße entstand das Haus, in das 1995 die Boatengs einzogen.

Heute, 15 Jahre später, funktioniert dort keine Klingel mehr. Der Flur ist mit Graffiti vollgeschmiert. Mit all den Satellitenschüsseln und Antennen wirkt es wie ein Raumschiff, das hier gelandet ist, als die Zukunft noch ein Versprechen war.

Es gibt jetzt kaum noch Arbeiter im Wedding. Die, die eine Arbeit haben, zogen weg, und übrig blieben die, die sich nichts anderes leisten können. In der Badstraße reihen sich die Dönerbuden, Spielhallen und Telecafés aneinander, die Ramschläden und Kuaföre , wo ein Haarschnitt 4,99 Euro kostet. Eins der wenigen Geschäfte, das die Jahre überlebt hat, ist Kurowskis Waffenladen, wo man alles kriegen kann, Messer ab zwölf Euro, Pistolen ab 129.

Wolfgang Bleimling, Alis Lehrer, sagt, dass schon die Fünftklässler mit Wurfsternen und Schlagringen in den Unterricht kommen. Sie beklagen sich über die Ferien, weil sie nicht wissen, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollen. Es sind Kinder, die nicht wissen, was ein Dorf ist, eine Stadt, ein Kontinent. Als Kevin Boateng vor zehn Jahren bei ihm in der Klasse war, sprach Bleimling elf Gymnasialempfehlungen aus, heute, in Alis Jahrgang, sind es sechs.

»Eine Million Euro bräuchte ich, wenn man mich abschiebt«, sagt Murat

»Überall Dreck und Asoziale«, sagt Murat, als er mit wiegenden Schritten die Badstraße hinunterschlendert. Er trägt eine verspiegelte Sonnenbrille. »Das ist die beste Brille, die ich jemals hatte«, sagt er. »Wenn ich die aufhab, komme ich mir vor, als laufe ich durch einen Actionfilm.«

Leserkommentare
  1. Entfernt. Trotz Ärgernis über das Foul bringen Sie sich argumentativ in die Diskussion ein. Danke. Die Redaktion/is

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    • monz
    • 17. Mai 2010 14:04 Uhr

    Sind Sie ignorant, verbittert oder beides zusammen?

    Entfernt. Bitte beleidigen Sie nicht. Die Redaktion/is

  2. 2. Curva

    Curva gibt es nicht. Das Schimpfwort heisst Kurwa.
    Curva wuerde Zurva ausgesprochen werden.

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    Redaktion

    Danke für den Hinweis. Statt "Curva" heißt es im Artikel nun "Kurva".

    Beste Grüße
    Sebastian Horn

    • oooo
    • 26. Mai 2010 22:24 Uhr

    Warum denn immer noch Kurwa mit v geschrieben? Wurde doch von meinem Vorposter richtig korregiert.Oder irre ich mich?

  3. 3. Naja,

    spätestens seit heute dürfte er es sich grundlegend in Deutschland verratzt haben :-)
    Ich nehme mal an, dass ihn seine Mitspieler in der Pranke ordentlich eine auf den Deckel gegeben hätten, wenn er so gegen sie eingestiegen wäre, wie er es mit seinen Gegenspielern macht. Von daher hat er eine Lektion auch nicht in der Pranke gelernt: Respekt vor dem Spiel.
    Auch wenn er zweifelsohne ein richtig guter Spieler ist.

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    @ karkmeidrobbe: Alta, det heest "Panke", nüscht "Pranke"! Listu mal rischtisch, sonst machstu mein Ehre schlescht!

    Die Panke ist übrigens ein kleines Flüßchen quer durch Berlin. Links und rechts ein überraschender Grünstreifen, der gut für Fahrradtouren geeignet ist. Höchst idyllisch, ein Touri-Geheimtipp!

    Keine Sorge, die "Ghetto-Kids" beißen nicht, und der Wedding ist weniger gefährlich als hier aufgebauscht.

    Go, Panke-Kid, go!

  4. Redaktion
    4. Stimmt

    Danke für den Hinweis. Statt "Curva" heißt es im Artikel nun "Kurva".

    Beste Grüße
    Sebastian Horn

    Antwort auf "Curva"
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    • th
    • 17. Mai 2010 13:48 Uhr

    Das polnische Schimpfwort wird mit "w" geschrieben, nicht mit "v" - ein Buchstabe, den es im polnischen selten, höchstens für Fremdwörter, gibt.
    Es heißt übrigens in deutscher Übersetzung "Hure", "Nutte" o. ä.

  5. wurde von deutschen Metallbauern, unter Anlöeitung ihrer Abteilungsleiter gebaut.

    • th
    • 17. Mai 2010 13:48 Uhr

    Das polnische Schimpfwort wird mit "w" geschrieben, nicht mit "v" - ein Buchstabe, den es im polnischen selten, höchstens für Fremdwörter, gibt.
    Es heißt übrigens in deutscher Übersetzung "Hure", "Nutte" o. ä.

    Antwort auf "Stimmt"
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    • Ndeko
    • 04. Januar 2013 17:35 Uhr

    kurwa mać, die begreifen das einfach nicht ;)

  6. "Wie kann es sein, dass so viele Jungs vom Bolzplatz abkommen auf ihrem Weg in die Gesellschaft?" fragt der Autor?

    Weil Fussball und Sport überhaupt gar nicht DIE Sozialisierunsgaufgabe schafft, die ihm oberflächlich betrachtet zugeschrieben oder gar aufgefrachtet wird, laut Untersuchungen.

    Und anzunehmen, dass Sport soziale Unterschiede in der Breite nivellieren könnte, ist eh naiv.

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