Die Badstraße ist Murats Revier. Die Leute mustern ihn, die meisten weichen aus. Murat ist auf dem Weg zum Arzt, weil ihm sein Bruder gestern beim Torjubel ins Kreuz gesprungen ist. Eigentlich wollte er schon morgens hin. Jetzt hat das Ärztehaus geschlossen. »Mittwoch«, murmelt Murat. »Hätte ich mir denken können.« Er überlegt kurz, dann steuert er in Richtung Bolzplatz und setzt sich dort auf eine Bank. Alles ruhig, noch niemand da.

Murat geht zum Bolzplatz, um seine Aggressionen loszuwerden, diese unbestimmte Wut. »Das Leben strengt mich an«, sagt Murat. Bald läuft seine Aufenthaltsgenehmigung ab, und die Ausländerbehörde hat gedroht, ihn abzuschieben: Im Herbst hat Murat am Gesundbrunnen auf einen Fremden eingedroschen. Ein schiefer Blick, ein falsches Wort, da rastete er aus. Er wurde erwischt, als sie im Viertel in Geschäfte eingestiegen waren, um Handys rauszuschaffen, Schmuck, Navigationsgeräte. »Beschaffungskriminalität«, sagt Murat. Die 350 Euro, die ihm das Amt im Monat überweist, gehen fürs Kiffen drauf.

Seit seine Mutter tot ist, lebt er mit seinem Zwillingsbruder Mehmet in einer betreuten Wohngemeinschaft. »Unser Vater hat sich längst verpisst«, sagt Murat. Er war ein Säufer, der im Suff nach Opfern suchte. Murat deutet auf die kleinen Narben, die sich durch sein kantiges Gesicht ziehen. Er sieht älter aus als 17 Jahre. Die Mädchen mögen seine Augen.

Er müsse jetzt regelmäßig in die Schule, fordert die Behörde. Es ist Murats letzte Chance, aber obwohl ihn jeden Morgen ein Betreuer weckt, scheitert er schon daran, aufzustehen. Er schafft es nicht, all die Termine einzuhalten, bei seinem Fallmanager im Jugendamt, bei seinem Vormund, dem Bewährungshelfer. »Ich bräuchte eine Struktur«, sagt Murat. Er redet manchmal wie sein eigener Sozialarbeiter.

Murat geht auf eine Schule für Drucktechnik und Mediengestaltung. In seiner Freizeit bearbeitet er Fotos. Murat zieht sein Handy aus der Tasche und zeigt einige Bilder, die aussehen wie Filmplakate. Eins zeigt ihn mit seiner Waffe. Auf einem anderen hält er die Erdkugel in seinen Armen.

»Ich bin nicht blöd«, sagt Murat immer wieder. Er interessiert sich für Obama und den Klimawandel. Er wäre gern Bundeskanzler oder Entertainer, aber erst mal überlegt er, mit den Techniken, die er in der Schule lernt, falsches Geld zu drucken. »Eine Million Euro«, sagt er. »Die bräuchte ich, falls man mich abschiebt. In der Türkei gibt’s kein Hartz IV.«

Dann kommt sein Bruder Mehmet in den Park und setzt sich zu ihm auf die Bank. »Und«, fragt Murat, »hast du was bekommen?« Mehmet zieht ein Päckchen Gras aus seiner Tasche. Dann zerbröselt er etwas Tabak in der Hand und baut aus Pappe einen Filter. Dabei erzählen sie Geschichten, die von Typen handeln, die mit Müllzangen durch Einfamilienhaussiedlungen laufen sollen und Portemonnaies durch Briefschlitze angeln, von Pärchen, die beim Juwelier angeblich gefälschte Uhren gegen echte tauschen, und dabei klingen sie so nüchtern wie Mechaniker, die über neue Scheibenwischer reden.

»Ich bin Krimineller«, sagt Mehmet. »Für 50.000 würde ich jemanden töten.« 2500 Euro macht er mit seinen Brüchen jeden Monat. Als er mit 13 anfing, Handys abzuzocken, hatte er noch Mitleid, doch das schleifte sich ab, als es zur Gewohnheit wurde. »Diebstahl tut niemand weh«, sagt Murat.

Er kennt niemanden, der für sein Geld arbeitet. Wer arbeitet, ist ein Opfer. Murats Helden sind entweder berühmt oder kriminell, und manche sind sogar beides, wie die Berliner Pokerräuber, die er aus dem Viertel kennt. Eine Million oder Hartz IV. »Für mich gibt’s nur alles oder nichts«, sagt Murat.

Kevin Boateng nahm den Zug, als er Ende 2008 zurück in die Bundesliga reiste. Boateng hatte sich von Tottenham zu Borussia Dortmund ausleihen lassen, er wollte von vorn anfangen. Jürgen Klopp, sein neuer Trainer, war überrascht, als er ihn das erste Mal traf: Vor ihm stand ein freundlicher, etwas schüchterner junger Mann, der hoffte, endlich wieder als Fußballer aufzufallen. Ob es okay sei, fragte Boateng, wenn er mit seinem Hummer-Jeep zum Training komme?

»Na klar«, sagte Klopp.

Boateng hängte sich rein im Training, und wenn Klopp ihn auf die Bank setzte, akzeptierte er es ohne Murren. Boateng sei lernbegierig gewesen, sagt Klopp, er integrierte sich in die Mannschaft, aber dann passierte diese Sache mit Klose. Bayerns Stürmer Klose kam im Strafraum zu Fall, und Boateng trat auf dessen Oberschenkel. Franz Beckenbauer nannte das »unsportlich«. Wenig später passierte die Sache mit Hasebe. Boateng sprang mit gestrecktem Bein in den Wolfsburger Hasebe und erwischte ihn im Gesicht. Der Kommentator Marcel Reif urteilte: »Dieser Boateng ist nicht sozialisierbar.«

Als er nach seiner Roten Karte vom Platz schlich, umarmte ihn Klopp. »Du spielst hier nicht auf Bewährung«, sagte er. Aber Boateng kam gegen sein Image nicht mehr an. Die Bild titelte: RAMBOateng – tritt er seine Karriere kaputt?

»Diese Fouls waren keine Absicht. Kevin war übermotiviert«, sagt Klopp heute, »er setzte sich wahnsinnig unter Druck.« Klopp wollte ihm helfen. Seine Frau lud ihn zweimal nach Hause zum Essen ein, aber Boateng sagte ab. Er wollte nicht, dass die Mannschaft denkt, dass er beim Trainer seinen Vorteil sucht.

»Wenn Kevin den Ball in seiner Nähe hat, weiß und spürt er alles«, sagt Klopp, »aber wenn er woanders ist, fällt es ihm noch schwer, die richtigen Wege zu laufen.«