Im Sommer 2009, kurz vor der Europameisterschaft, fuhr Boateng mit der U-21-Nationalmannschaft in ein Trainingslager. Abends gingen die Spieler aus, sie tranken, und als zwei Mannschaftskameraden mit Gästen aneinandergerieten, ging Boateng dazwischen und setzte sie ins letzte Taxi. Dann rief er sich selbst eins. Weil es ein kleiner Ort war, musste er 45 Minuten warten. Es war halb zwei, als er im Hotel ankam. Der Trainer wollte eine Erklärung, doch Boateng erklärte nichts, er nannte keine Namen. »Es war eine Frage der Ehre«, sagt Boateng. »Es war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte«, sagt Horst Hrubesch, der Trainer. Boateng hatte Massagetermine verpasst, und da gab es diese Anzeige, weil er mit seinem alten Hertha-Kollegen Ebert nachts angeblich Autospiegel abgetreten hatte.

Als Hrubesch ihn suspendierte, liefen Boateng Tränen übers Gesicht.

Matthias Sammer vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) attestierte ihm öffentlich »Defizite in der Persönlichkeitsentwicklung«. »Sammer kennt mich nicht persönlich«, schoss Boateng zurück. »Ich würde auch nie erzählen, dass Sammer nicht einschlafen kann. Weil ich es nicht weiß.« Noch bevor sein Bruder Jérôme mit der U21 Europameister wurde, gab Boateng bekannt, dass er von jetzt an für Ghana spielen werde.

Es war das letzte Glied in einer Kette von Missverständnissen zwischen Kevin Boateng und dem deutschen Profifußball, einem Geschäft, in dem Spieler Kapitalanlagen sind, möglichst effizient, gewinnbringend, geräuschlos. Immer wieder hatte Boateng die ungeschriebenen Regeln dieses Geschäfts gebrochen: im richtigen Moment zu schweigen; etwas zu sagen, ohne etwas zu sagen, wie ein Politiker. Mit dem, was Boateng im Käfig an der Panke groß gemacht hatte, eckte er an in der hierarchischen Welt des DFB, die jemanden wie den Stürmer Kevin Kurányi für das Verlassen des Stadions während eines Länderspiels lebenslang ausschließt. Es ist eine Welt, deren Helden sein sollen wie der Teammanager Oliver Bierhoff, glatt geschliffen und geföhnt. Mit Anfang 20 sollen sie Playstation spielen, mit Mitte 20 ein Fernstudium absolvieren und mit Ende 20 an ihrem Golfhandicap arbeiten. Es ist eine Welt, in der es – anders als auf dem Bolzplatz – nicht reicht, einfach nur gut zu sein.

Horst Hrubesch sagt: »Boateng hätte vielleicht schon früher Leitplanken gebraucht.« Hrubesch hat die Brüder lange trainiert. Er möge beide, sagt er: impulsiv und fordernd Kevin, ruhig und zurückhaltend Jérôme. Kevin, der Angreifer, Jérôme, der Verteidiger; der eine will Gegentore vermeiden, der andere sucht den entscheidenden Pass. »Jérôme hat gelernt, wie man Kompromisse macht«, sagt Hrubesch. »Kevin will immer alles oder nichts.«

Es ist seltsam. All die Kommentatoren, Experten und Trainer urteilen über Kevin Boateng wie enttäuschte Sozialarbeiter. Sie alle sagen: Wir haben es ja versucht.

Es ist ein kühler Nachmittag, als Murat auf dem Bolzplatz seine neuen weißen Turnschuhe schnürt. Er trägt jetzt seinen Bart so fein gestutzt wie Kevin Kurányi; seit Kurzem spielt er ernsthaft mit. Es geht zwei gegen zwei, und Murat rennt, bis er hustet. »Komm, lass den Scheiß!«, ruft er, wenn sein Bruder Mehmet den Ball gedankenlos gegen das Gitter drischt. Seit Murat Ferien hat, zerfließen seine Tage zwischen Internetcafé, McDonald’s und Wettbüro. »Mir platzt der Kopf«, sagt er. »Mich stresst die Langeweile.« Um nicht zu vergessen, was er getan hat, fotografiert er neuerdings mit seinem Handy. Der Bolzplatz ist das Einzige, was sein Leben jetzt ein bisschen strukturiert.

Am Abend sitzt er mit Mehmet zu Hause auf dem Sofa. Vor ihnen auf dem Großbildfernseher läuft ein Fußballspiel ohne Ton. Murat steckt sich einen Joint an. In der Küche wäscht Mehmets 15-jährige Freundin Fatma ab. Vor ein paar Tagen ist sie von zu Hause abgehauen, jetzt wohnt sie hier.

»Weißt du, wie viel Zentimeter zwischen Muschiloch und Arschloch liegen?«, fragt Mehmet.

»Kein Ahnung«, sagt Murat.

»Anderthalb bis zwei, ich hab nachgemessen.«

Vor Mehmet auf dem Tisch steht eine Flasche Wodka. »Zum Auspegeln«, erklärt er.

Auf dem Bolzplatz herrscht Respekt. Hier gibt es eine Art Waffenstillstand

Seit zehn Monaten leben sie in diesem Wohnprojekt. Sie haben geputzt, aufgeräumt, und überall stehen diese Kunstblumen herum, die ihre Mutter so sehr liebte, neben dem Sofa, auf dem Küchentisch, ein Strauß klemmt am Badezimmerspiegel. Murat sagt: »Ich konnte die nicht wegwerfen.«

Seine Gaspistole liegt nebenan im Schlafzimmer. Er denkt darüber nach, was zwei Jahre Knast bedeuten, wenn er 80 Jahre lebt. Murat hebt die Schultern. »Ist eh alles egal.«

Sein Betreuer vom Wohnprojekt glaubt, dass Murat erkennt, was schiefläuft. Nur ändern könne er nichts. Sie haben ihm erklärt, dass eine Therapie ihm helfen könnte, mit dem Kiffen aufzuhören. Doch bevor Murat zu seiner ersten Sitzung ging, rauchte er erst mal einen Joint. Er glaube nicht, sagt der Betreuer, dass Murat jemals einer geregelten Arbeit nachgehen werde.