FußballDer Nabel ihrer WeltSeite 6/6

»Diese Leute tun ihren Job«, sagt Murat. Aber er hält Distanz zu ihnen, weil er glaubt, dass sie sich in Dinge einmischen, die sie nichts angehen. In gewisser Weise sind sie an ihm gescheitert wie der DFB an Kevin Boateng, und vielleicht spielt Murat jetzt auch deshalb so oft auf dem Bolzplatz mit: weil man dort nichts von ihm fordert. »Da gibt es Respekt«, sagt Murat. Respekt ist eine Art Waffenstillstand.

»Ich vertraue fast niemandem mehr in diesem Fußballgeschäft«, sagt Kevin Boateng. Nach der Saison in Dortmund hätte der Trainer Jürgen Klopp ihn gern behalten, aber dem Verein fehlte das Geld. Bei anderen Bundesligaklubs war er mit seinem Ruf kaum mehr vermittelbar. Alles stand jetzt auf dem Spiel, und es lag allein an ihm. Der Bolzplatz hatte ihm ermöglicht, seinen Traum zu leben, aber er wusste, wenn er weiter Fußball spielen wollte, dann musste er sich dessen Regeln endgültig abtrainieren. Er musste berechenbarer werden, sich unterordnen. Er musste sich zähmen.

Er ging zu Portsmouth, einem Verein, der kurz vor der Pleite stand, aber vielleicht lag genau darin seine Chance. Sie beide, Boateng und Portsmouth, kämpften gegen den Abstieg. Endlich war Boateng unsichtbar.

Er trainierte mehr als je zuvor und ging nun nicht mehr aus. Er saß zu Hause, hoch über dem Hafen von Southampton, und las Der kleine Prinz, ein Buch, das ihm sein neuer Manager geschenkt hatte. Er verkaufte seine Autos und suchte nach Jahren zum ersten Mal wieder Kontakt zu seinem Vater. Seiner Mutter schrieb er eine Postkarte.

Es war eine seltsame Saison. Je tiefer Portsmouth in den Keller rutschte, desto höher ragte Boateng heraus. Gegen Manchester United verloren sie mit 1:4, Wayne Rooney schoss drei Tore, aber zum Spieler des Tages wählte man Boateng. Die Fans begannen ihn zu lieben, diesen Deutschen, der nie aufgab. In Interviews sagte er jetzt Dinge wie: »Ich gebe 100 Prozent in jedem Spiel. Ich bin einfach nur froh, immer zu spielen.«

»Kevin hat sich geändert«, sagt sein Vater Prince Boateng, der jetzt wieder regelmäßig von ihm hört. Kevin zeige jetzt Demut.

Es ist offen, was nach dieser Saison passiert. Boateng wird wechseln, vielleicht bleibt er in England, vielleicht geht er nach Spanien, er weiß es nicht. Es kommt jetzt auf jedes Spiel an, jedes Tor. Darauf, wie es mit Ghana läuft bei der WM und ob er mit Portsmouth vielleicht noch den englischen Pokal gewinnt. Wenn man ihn fragt, was seine Ziele sind, zuckt Boateng mit den Schultern. An seinem Hals hat er sich gerade eine neue Tätowierung stechen lassen: zwei Würfel, die fallen.

Es ist der 11. April, als Boateng sich im ausverkauften Wembley-Stadion aufwärmt. In wenigen Minuten wird das englische Pokal-Halbfinale angepfiffen. Es ist ihr wichtigstes Spiel in dieser Saison, sie werden absteigen, aber vorher können sie hier noch triumphieren. Portsmouth gegen Tottenham. David gegen Goliath, die Wettquoten stehen 1:10.

Zur selben Zeit wärmen die letzten Strahlen der Nachmittagssonne den Park, wo Murat und Ali ihren Ball hochhalten. Ali, der immer als Erstes auf dem Platz ist, darf nun immer seltener zur Panke. Seine Mutter will umziehen, nach Pankow, »weil da nur Deutsche wohnen«. Murats Aufenthaltsgenehmigung wurde vor ein paar Tagen verlängert. Er will jetzt seinen Abschluss machen, aber Kumpel haben ihm erzählt, dass im Büro eines Schrottplatzes eine halbe Million in bar herumliege.

Um die Ecke in der Prinzenallee tänzelt Murats Bruder Mehmet mit roten Augen vor dem Buchmacher Albers herum. 700 Euro hat er letzte Nacht erbeutet und sie gleich im Einarmigen Banditen versenkt. Während er auf dem Bordstein ein Bündel Wettscheine abfackelt, flimmert drinnen auf den Bildschirmen die 115. Minute im Stadion von Wembley.

Es ist jetzt eine Schlacht des Willens. Eins zu null für Portsmouth in der Verlängerung. Zweimal hat Boateng auf der eigenen Linie geklärt, das Führungstor mit dem Kopf vorbereitet, jetzt schleppt er sich über den Platz wie ein Boxer in der zwölften Runde. Es ist das erste Spiel seit seiner Verletzung, aber als der Trainer ihn auswechseln möchte, schüttelt Boateng den Kopf. Es geht gegen Tottenham, seinen alten Verein. In der Nacht hat er geträumt, dass er ein Tor schießt.

Die 117. Minute bricht an, als ein Stürmer von Portsmouth gefoult wird und der Schiedsrichter auf den Elfmeterpunkt zeigt. Boateng legt sich den Ball zurecht, und während er auf den Pfiff wartet, ruht die Kamera für einen Moment auf den Würfeln an seinem Hals. 85.000 Menschen halten den Atem an. Dann schiebt Boateng den Ball ins Tor.

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Leserkommentare
  1. Entfernt. Trotz Ärgernis über das Foul bringen Sie sich argumentativ in die Diskussion ein. Danke. Die Redaktion/is

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    • monz
    • 17. Mai 2010 14:04 Uhr

    Sind Sie ignorant, verbittert oder beides zusammen?

    Entfernt. Bitte beleidigen Sie nicht. Die Redaktion/is

  2. 2. Curva

    Curva gibt es nicht. Das Schimpfwort heisst Kurwa.
    Curva wuerde Zurva ausgesprochen werden.

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    Redaktion

    Danke für den Hinweis. Statt "Curva" heißt es im Artikel nun "Kurva".

    Beste Grüße
    Sebastian Horn

    • oooo
    • 26. Mai 2010 22:24 Uhr

    Warum denn immer noch Kurwa mit v geschrieben? Wurde doch von meinem Vorposter richtig korregiert.Oder irre ich mich?

  3. 3. Naja,

    spätestens seit heute dürfte er es sich grundlegend in Deutschland verratzt haben :-)
    Ich nehme mal an, dass ihn seine Mitspieler in der Pranke ordentlich eine auf den Deckel gegeben hätten, wenn er so gegen sie eingestiegen wäre, wie er es mit seinen Gegenspielern macht. Von daher hat er eine Lektion auch nicht in der Pranke gelernt: Respekt vor dem Spiel.
    Auch wenn er zweifelsohne ein richtig guter Spieler ist.

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    @ karkmeidrobbe: Alta, det heest "Panke", nüscht "Pranke"! Listu mal rischtisch, sonst machstu mein Ehre schlescht!

    Die Panke ist übrigens ein kleines Flüßchen quer durch Berlin. Links und rechts ein überraschender Grünstreifen, der gut für Fahrradtouren geeignet ist. Höchst idyllisch, ein Touri-Geheimtipp!

    Keine Sorge, die "Ghetto-Kids" beißen nicht, und der Wedding ist weniger gefährlich als hier aufgebauscht.

    Go, Panke-Kid, go!

  4. Redaktion
    4. Stimmt

    Danke für den Hinweis. Statt "Curva" heißt es im Artikel nun "Kurva".

    Beste Grüße
    Sebastian Horn

    Antwort auf "Curva"
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    • th
    • 17. Mai 2010 13:48 Uhr

    Das polnische Schimpfwort wird mit "w" geschrieben, nicht mit "v" - ein Buchstabe, den es im polnischen selten, höchstens für Fremdwörter, gibt.
    Es heißt übrigens in deutscher Übersetzung "Hure", "Nutte" o. ä.

  5. wurde von deutschen Metallbauern, unter Anlöeitung ihrer Abteilungsleiter gebaut.

    • th
    • 17. Mai 2010 13:48 Uhr

    Das polnische Schimpfwort wird mit "w" geschrieben, nicht mit "v" - ein Buchstabe, den es im polnischen selten, höchstens für Fremdwörter, gibt.
    Es heißt übrigens in deutscher Übersetzung "Hure", "Nutte" o. ä.

    Antwort auf "Stimmt"
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    • Ndeko
    • 04. Januar 2013 17:35 Uhr

    kurwa mać, die begreifen das einfach nicht ;)

  6. "Wie kann es sein, dass so viele Jungs vom Bolzplatz abkommen auf ihrem Weg in die Gesellschaft?" fragt der Autor?

    Weil Fussball und Sport überhaupt gar nicht DIE Sozialisierunsgaufgabe schafft, die ihm oberflächlich betrachtet zugeschrieben oder gar aufgefrachtet wird, laut Untersuchungen.

    Und anzunehmen, dass Sport soziale Unterschiede in der Breite nivellieren könnte, ist eh naiv.

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