FußballDer Nabel ihrer Welt

Berlin-Wedding, ein Bolzplatz am Panke-Kanal: Jeden Nachmittag treffen sich hier die Jungs aus dem Viertel. Sie dribbeln, flanken, foulen und wollen mal berühmt werden, wie ihre Idole Kevin-Prince und Jérôme Boateng. Die beiden Fußballprofis, die in diesem Käfig das Spielen gelernt haben von 

Kevin-Prince Boateng jubelt über sein Tor im FA-Cup gegen Tottenham Hotspur

Kevin-Prince Boateng, im Wedding aufgewachsen, schießt mittlerweile Tore für Portsmouth   |  © Shaun Botterill/Getty Images

Mittelpunkt ihrer Welt ist ein Gitterkäfig, groß wie ein Strafraum, der Boden aus Asphalt. »Komm, lass Panke gehen«, sagen sie, als sie sich an einem sonnigen Nachmittag im April aus ihren Häusern klingeln, der 13-jährige Ali, der seine Haare wie Cristiano Ronaldo trägt, und seine Kumpel, die im selben Haus wohnen wie früher die Familie Boateng. Dann dribbeln sie mit ihrem abgewetzten Ball über die schmale Brücke des Panke-Kanals, rennen die Wiese runter in den Park, vorbei an der Luisenbad-Bibliothek, in die sie nur zum Pinkeln gehen, und warten auf dem Bolzplatz darauf, dass die anderen kommen.

Der 17-jährige Murat, der sich wie immer einen Joint gedreht hat, ist schon da. Er klatscht sie ab. Dann nähert sich eine Gruppe polnischer Jungs mit breiten Schultern.

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»Was ist?«, fragt einer. »Spielt ihr gegen uns?«

Die Polen machen Dehnübungen. Sie haben Ballpumpen dabei und Schienbeinschoner, sie sehen aus wie Profis. Dann drischt einer den Ball gegen das Netz, das in zehn Meter Höhe über dem Platz gespannt ist, und es geht los, vier gegen vier, Straßenschuhe gegen Fußballschuhe. Ali lässt zwei Gegenspieler aussteigen und passt den Ball mit der Hacke zu Murat, der ihn mit Gewalt zwischen die Holzpfosten jagt. Wenig später dreht sich der dicke Zoran ein paarmal um die eigene Achse und flankt den Ball nach vorne, wo ihn Ali mit dem Kopf über den Torwart lupft.

»Kurva!«, ruft einer der Polen. Seine Mannschaft liegt nach zehn Minuten 0:5 zurück.

Es geht zu schnell für sie. Ali, Murat und die anderen winden sich wie Entfesselungskünstler um ihre Gegner. Immer wieder fliegt der Ball durchs Tor und klatscht gegen das Gitter, und das Geräusch vermischt sich mit dem Donnern all der Flugzeuge, die nicht weit von hier in Berlin-Tegel starten. Sie fliegen nach Spanien, wo einer wie Ronaldo Tore schießt, nach England, wo Kevin Boateng jetzt spielt, nach Manchester und Barcelona, in Städte, von denen die Jungs auf dem Bolzplatz träumen.

Sie kommen aus dem Wedding, einem der härtesten Stadtteile in Deutschland. Der Wedding, das sind 15.000 Straftaten im Jahr, Morde, Diebstähle und Drogen. Das sind Kinder, die nichts anderes kennen als Hartz IV. Murat kann seine Straftaten kaum zählen und befürchtet, dass er abgeschoben wird. Ali wurde kürzlich in eine andere Klasse strafversetzt, weil er immer wieder mit seinen Mitschülern aneinandergeriet.

Die Panke ist einer von 30 Bolzplätzen hier im Viertel, einer von Hunderten in ganz Berlin. Diese Käfige sind Orte, um die sich Mythen ranken wie Unkraut um ihr Gitter. Maradona, der bei der Weltmeisterschaft in Mexiko in einem Lauf über das ganze Feld fünf englische Gegenspieler und am Ende den Torwart austanzte, hatte auf so einem Platz gespielt, in einem armen Vorort von Buenos Aires. Zidane ist groß geworden auf so einem Platz, zwischen grauen Plattenbauten in Marseille. Sie alle, Maradona und Zidane, Ribéry und Rooney, Genies und Wahnsinnige, haben in der Enge dieser Käfige gelernt zu fliegen. Hier entwickelten sie ihren Instinkt, einen ungezähmten, unberechenbaren Fußball, der die Verteidiger in den Vereinen überforderte und sie selbst zu Millionären machte.

Auf dem Bolzplatz an der Panke haben die Halbbrüder Kevin-Prince und Jérôme Boateng das Fußballspielen gelernt. Heute, zehn Jahre später, sind sie Nationalspieler. In wenigen Wochen werden sie wohl bei der WM in Südafrika gegeneinander antreten, Jérôme für Deutschland, Kevin für Ghana.

Über dem Bolzplatz zieht schon der Abendhimmel auf, als Kevin Boateng seinen schwarzen Geländewagen in Richtung Siegessäule steuert. Boateng ist in den letzten Wochen auf Krücken gelaufen, bei einem Spiel der englischen Premier League hat er sich am Knöchel verletzt. Nun hofft er, dass ihm die deutschen Ärzte helfen. Seine größte Sorge aber ist, dass sein Wechsel vom deutschen zum ghanaischen Verband vor der WM nicht rechtzeitig klappt. Der Fifa fehlen noch ein paar Papiere. Im CD-Spieler läuft ghanaischer Reggae. Boateng trommelt im Takt auf das Lenkrad. Er tastet sich heran an das Land seines Vaters. Er ist jetzt 23, aber er war noch nie in Afrika.

»Die Panke war mein Zuhause«, sagt Boateng. »Ihr hab ich alles zu verdanken.« Manche seiner alten Mitspieler betreiben heute Dönerbuden, andere sind Drogendealer geworden und sitzen im Knast. Sein älterer Bruder George, der immer der Beste auf dem Bolzplatz war, züchtet heute Kampfhunde. »Jede freie Sekunde war ich in diesem Käfig«, sagt Boateng, und wenn er sich erinnert, muss er lächeln. Bei Regen besorgten sie sich in der Autowerkstatt nebenan einen Besen und kehrten die Pfützen weg, bis sie weiterspielen konnten. Einmal schmissen sie all ihre Ersparnisse zusammen, 130 Euro, und kauften im Baumarkt Nylonseile, kletterten die Zaunpfähle hinauf und spannten dieses Netz, das heute noch verhindert, dass der Ball rausfliegt.

Und dann stand irgendwann ein Jugendtrainer von Hertha BSC am Rand. Er sah, wie dieser Junge immer wieder den »Okocha« machte, einen Trick, benannt nach dem Nigerianer Jay-Jay Okocha, der damals bei Eintracht Frankfurt spielte. Der Junge schlug den Ball mit der Hacke über den Kopf und fing ihn vorn mit dem Fuß wieder auf. Es gab einige, die den »Okocha« konnten. Aber dieser Junge war sieben. Und seine Füße steckten in Gummistiefeln. Am nächsten Tag hatte Kevin sein erstes Probetraining bei der Hertha. 

Zehn Jahre später lief er das erste Mal in der Bundesliga auf, kurz darauf wählte man ihn zum besten Nachwuchsspieler Deutschlands. Da hatte er gerade bei der U-19-Europameisterschaft den Ball aus 40 Meter Entfernung im Tor versenkt. Boateng habe eine romantische Art, Fußball zu spielen, sagte der Trainer Uli Stielike. »Kevin kennt tausend verschiedene Arten, an einem Gegenspieler vorbeizugehen«, sagt der Trainer Jürgen Klopp. Nur er selbst, schrieben die Hauptstadtzeitungen, könne sich im Weg stehen.

Als Kevin Boateng an diesem Abend das italienische Restaurant La Cascina im feinen Berliner Stadtteil Grunewald betritt, folgen ihm die Blicke der anderen Gäste: Seine Jeans ist zwei Nummern zu groß, im Ohr trägt er einen Brillanten, am Hals zwei große Tätowierungen. Er wählt einen Tisch, der versteckt hinter einer Säule liegt. Auf die Frage, was er gerne wäre, antwortet er: »Unsichtbar.«

Boateng war in den letzten Jahren zu oft sichtbar: mit seinen Tattoos, mit dicken Autos, Roten Karten. »Ich hab Fehler gemacht«, sagt er. Er spricht leise. Zu offen hat er in der Vergangenheit über seine Herkunft geredet, zu oft kam es irgendwie falsch an. Selbst in England nennen sie ihn »the ghetto kid«. Die deutschen Zeitungen haben Gefallen daran gefunden, ihn gegen seinen Halbbruder Jérôme auszuspielen. Der Plot ist immer derselbe: Jérôme, der Musterprofi, Kevin, der Gangster. Zwei Brüder, beide gleich talentiert. Der eine, Jérôme, hat es geschafft, Stammspieler in der deutschen Nationalelf zu werden, der andere, Kevin, ist auf der Flucht nach Ghana, obwohl er über Jahre das Trikot der deutschen Jugendnationalmannschaft getragen hat.

Leserkommentare
  1. Entfernt. Bitte unterlassen Sie beleidigende Formulierungen. Die Redaktion/is

    • monz
    • 17. Mai 2010 14:04 Uhr

    Sind Sie ignorant, verbittert oder beides zusammen?

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    ,,Die Boateng-Br"uder", das w"aere der Stoff eines neuen Doku-Dramas oder einer Familienserie, um zu zeigen, wie die Konzeptualisierung von ,,Anderssein" und ,,des Anderen" sich in dem Multi-Kulti-Deutschland und in anderen europ"aischen L"andern entfaltet. Ich erinnere an: Ika H"uegel-Marshall (Daheim unterweges/Invisible Woman) und auch an Hansa Rostock. Wir k"onnen alle dazulernen.

  2. 11. Anita,

    den Artikel haben Sie aber richtig gut geschrieben.

    Könnte glatt ein Buch draus werden.

    Gruss

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  3. Entfernt. Bitte beleidigen Sie nicht. Die Redaktion/is

  4. Kevin Boateng ist für seine schwierige Persönlichkeit und seine Ausraster bekannt. Er ist unberechenbar und läuft als unkalkulierbare Zeitbombe über das Fußballfeld. Man kann von Glück sagen, dass er auf diese Art außergewöhnlich viel Geld verdienen kann und es sich nicht auf anderen Wegen in seinem ursprünglichen Milieu 'besorgen' muss.

    Bitte versuchen Sie Ihre Meinung differenzierter kundzutun. Die Redaktion/is

  5. sehr romantisch geschrieben! ;)
    aber wenigstens wird Boateng fair behandelt und nicht nur verurteilt wie in der yellow press!!

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  6. Gut, dass neben dem Hass, der nun in den Medien über Boateng ausgeschüttet (werden) wird, auch mal Vorgeschichte und Rahmenbedingungen berichtet werden.
    Danke!

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  7. Sehr geehrte Frau Blasberg,

    das ist ein richtig toller Artikel! Eigentlich lese ich in Onlinemedien nur kurze Texte, aber dieser Artikel fesselt einen ja geradezu an den Bildschirm. Inhaltlich ausgewogen stilistisch geschliffen: mehr davon!

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