Vor acht Jahren wurden die Bundesbürger erstmals von der Furcht befallen, dass der Euro für sie zu einer teuren Angelegenheit werden könnte. Als 2002 die neuen Scheine und Münzen eingeführt wurden, hatten viele das Gefühl, dass die Preise sprunghaft stiegen. Sie ließen sich nicht von den Statistikern beruhigen, die ihnen vorrechneten, dass die Inflationsrate gerade ein Prozent betrug. "Teuro" wurde zum Wort des Jahres.

Später stellte sich heraus, dass es eine "gefühlte Inflation" gibt, die nicht auf Einbildung beruht. Tatsächlich waren rund um die Euro-Einführung etliche jener Waren überdurchschnittlich teurer geworden, die die Leute besonders häufig kauften. Der Euro fühlte sich teurer an, als er objektiv war. 

Im Zuge der Griechenlandkrise hat sich eine ähnliche Stimmung breitgemacht. Viele Deutsche glauben, sie alimentierten das Land. Tatsächlich handelt es sich bislang eher um eine "gefühlte Hilfe", die Steuerzahler wurden gar nicht zur Kasse gebeten. Vielmehr leiht die KfW Griechenland Geld, das sie sich selbst am Kapitalmarkt borgt. Der Bund bürgt für die Kredite, er muss aber nur zahlen, wenn Griechenland sich drückt.

Der Unmut ist trotzdem groß. Waren die Griechen-Notkredite schon unpopulär, dürfte das in noch größerem Maße auf den Rettungsschirm zutreffen, den die europäischen Politiker nun aufspannten, um die Südländer vor den gestiegenen Zinsforderungen zu schützen, die ihnen nervöse Großanleger stellen.

Die Stabilitätsgemeinschaft, als die die Währungsunion konzipiert worden war, mutiert zur Transferunion, die einen Teil des deutschen Wohlstands umverteilt. "Wir schützen das Geld der Menschen in Deutschland", hat die Kanzlerin gesagt. Tatsächlich hat sie Garantien von bis zu 123 Milliarden Euro zugesagt, mit denen schwächeren Euro-Ländern geholfen werden soll. Es ist nicht abzusehen, in welchem Maße diese auf das Geld zugreifen werden, aber die Summe, für die Deutschland maximal bürgt, entspricht dem, was die deutschen Arbeitnehmer 2010 an Lohnsteuer abführen werden.

Es handelt sich um ein Versprechen, das Deutschland nur halten kann, wenn es sich selbst noch stärker von jenen Finanzmärkten abhängig macht, denen Europas Politiker die Schuld an der aktuellen Misere zuschieben. Die Bundesregierung nahm einen Verstoß gegen Artikel 125 des EU-Vertrages in Kauf, der es verbietet, dass die Union oder Mitgliedsländer für die Schulden eines anderen Mitgliedslandes einstehen ("no bailout"). Dabei waren es die Deutschen, die mit dieser und einigen anderen Regeln hatten sicherstellen wollen, dass die europäische Währung ebenso stabil werden würde wie die D-Mark. Deutschland habe bei einer Währungsunion "viel zu verlieren", sagte 1990 der damalige Bundesbank-Vize und spätere Präsident Hans Tietmeyer, "nämlich eine der erfolgreichsten und besten Geldverfassungen der Welt".

Zwei große Inflationen mit schrecklichen Folgen und Verwerfungen haben die Deutschen empfindlich gegenüber den Gefahren einer Geldentwertung gemacht. Die D-Mark wurde zu einem psychologischen Anker der Nation.

In Maastricht drückten die Deutschen 1992 dann immerhin ihre stabilitätspolitischen Vorstellungen durch. Die Europäische Zentralbank würde ebenso unabhängig sein, wie die Bundesbank es war, und verpflichtet, "die Preisstabilität zu gewährleisten". Die EZB darf die Wirtschaftspolitik der Gemeinschaft nur unterstützen, "soweit dies ohne Beeinträchtigung des Ziels der Preisstabilität möglich ist". In einem Zusatzprotokoll wurden strenge Kriterien dafür festgelegt, welche Länder an der Währungsunion teilnehmen durften.

Das Bundesverfassungsgericht gab dem Vertrag 1993 seinen Segen und ging dabei auf die Nichtbeistandsklausel ein, mit der unsolide wirtschaftende Staaten abgeschreckt werden sollten. "Diese Konzeption der Währungsunion als Stabilitätsgemeinschaft ist Grundlage und Gegenstand des deutschen Zustimmungsgesetzes", schrieben die Richter. "Sollte die Währungsunion die bei Eintritt in die dritte Stufe vorhandene Stabilität nicht kontinuierlich im Sinne des vereinbarten Stabilisierungsauftrages fortentwickeln können, so würde sie die vertragliche Konzeption verlassen." Das Gericht kündigte damals an, in einem solchen Fall einzuschreiten.

 

Darauf setzen jene Euro-Gegner um den Ökonomen Joachim Starbatty , die 1998 vergeblich nach Karlsruhe zogen und jetzt wieder klagten. Ihren Eilantrag haben die Richter abgelehnt. Von der 123-Milliarden-Zusage wussten sie da noch nichts.