Goethes "Farbenlehre" Schöner irrenSeite 3/3
Es ist diese Wirklichkeitsgewissheit, die Goethes Naturforschung ihre Originalität verleiht und die ihn Kant anders lesen lässt, als seine dichtenden Zeitgenossen es tun. Solchen Realismus hat der Wissenschaftstheoretiker Yehuda Elkana mit Blick auf Einstein vor ein paar Jahren in seiner Anthropologie der Erkenntnis als eine »Wechselwirkung zwischen Natur und Beobachter« beschrieben, die sich »auf ein breites Spektrum von Wissensquellen stützt«. Er zählt viele geistige Fähigkeiten des Menschen dazu, den Intellekt wie auch die Gewissheit, die der Glauben an eine das Subjekt einschließende Natur bedeutet. Ein Realist in diesem Sinne, wie auch Einstein einer war, ist offen für die geschichtlich verschiedenen Vorstellungen von Gewissheit. Er braucht sie, um »Komplikationen wegzudenken«, wie Elkana es nennt. Das passt auf die merkwürdige Konsequenz des Farbenforschers Goethe, der die erfahrbare Welt des modernen Individuums davor schützen wollte, durch Newtons Versuchsanordnung minimiert und durch Kants Kategorien ins Unerreichbare entrückt zu werden. Und so eigensinnig dieser Alleingang wirken mag: heute ist in ihm auch der machtvolle Einsatz für das Subjekt und für die Bedeutung der Wahrnehmung zu erkennen, die in all den Statistiken, Labors, Industrien und Theorien der Moderne marginal wurden.
Goethes Konsequenz hieß: in einer Geschichte der Farbenlehre nach den historischen Ausprägungen der Vernunft und der Erfahrunge zu suchen, nach der Geschichte also des Wahrnehmens, Wissens und der Gewissheiten, die er festhielt, hier stückhaft, dort referierend, da narrativ, alle Lücken und Brüche und Rückschritte der Überlieferung reflektierend. So ist ein modernes Buch entstanden, das weit zurückgreift und weit in die Zukunft, weil es als erstes mit dem avantgardistischen Erzählstil des Spätwerks experimentiert. Schöne List der Vernunft: Aus dem Irrtum ist eine aufgeklärte Wahrnehmungslehre und Ideengeschichte geworden.
Und all dies, weil Newton angeblich die Natur foltert und Kant sie nicht spürt.
- Datum 14.05.2010 - 17:08 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 12.05.2010 Nr. 20
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Goethe wollte wohl mit seinem Leben, an die grossen Universalgelehrten anknüpfen, was als Intension erstmal nicht falsch ist.
Zumindest würde ein Universalgelehrter verantwortlicher mit seiner Forschung und Forschungsausrichtung umgehen, als die Fachidioten, die man in diesem System heranzüchtet.
Ich weis, ich weis, früher hatte man ja nicht soviel zu lernen wie heute und damit ist der Gedanke ja wieder utopisch? Echt, oder redet sich gerade die Katze die Beute madrig, weil sie sie nicht erreichen kann?
Auch braucht man dann nicht mehr die alte Grundsatzdiskussion zu führen, von wegen Subjekt-Objekt und das Wesen des "Objektes für sich".
darüber soll man bekanntlich schweigen. Das gilt umso mehr, wenn man von einer Sache nichts versteht. Wer 1000 Seiten über Farben schreibt, will ja nicht andere überzeugen, sondern sich selbst.
Lichtenberg war auf den Werther generell nicht gut zu sprechen, vermutlich schon deshalb, weil der Roman ein echter Bestseller war. "Die schönste Stelle im Buch ist die, wo er den Dummkopf erschießt" oder so ähnlich soll er ja auch geschrieben haben, ein grandioser Witz. Goethe wäre sicher ein erträglicherer Zeitgenossen geworden, wenn er nicht zu früh zu berühmt geworden wäre. So aber blieb ihm gar nichts anderes übrig, als größenwahnsinnig zu werden. Man hätte es ihm gar nicht abgenommen, wenn er sich nicht als Genius verstanden hätte. Jesus fragt ja zuerst auch seine Begleiter danach, ob er möglicherweise der Messias ist. Erst danach glaubt er es selbst.
Goethe ist keinesfalls vorzuwerfen, dass er eine Meinung vertrat die nach heutigem Erkenntnisstand nicht zutreffend ist. Ebensowenig kann ihm vorgeworfen werden, dass er dem heheren, rationalen Verstand vorrang vor der Empirie gegeben hat. Er konnte es nicht besser wissen.
Das wahrhaft erschreckende ist, dass sich Goethes Einstellung gerade in Deutschland bis heute hält. Während in den Naturwissenschaften die Empirie als Königsdisziplin gilt, wird sich in der Soziologie, Pädagogik und teilweise der Psychologie noch gestritten. Es tritt die selbe Haltung an den Tag, die systematische Auswertung von sorgfältig Beobachtetem als Folter wider die Natur ablehnt. Stattdessen wird die Welt "bedacht" und Personen nicht systematisch befragt sondern qualitativ interviewt. Dass somit jegliches objektive Prüfkriterium für die gefolgerten Theorien fehlt scheint niemanden zu stören.
Allein schon PISA war ein Kampf. Welch Tabubruch die armen Seelen unschuldiger Kinder mit Mathematik in verbindung zu bringen. Oder grausame Intelligenztests statt dem freudschen Couchgespräch.
Doch ist Goethe kaum der Verursacher als eher durch und durch Deutsch. So stammt der Begriff Statistik aus Deutschland als "Lehre von den Daten über den Staat". Von Systematik und Mathematik wollte man aber hier nichts wissen. Zur heutigen Statistik hat den Begriff dann ein Schotte (John Sinclair) erhoben.
Das unerreichte Grosskaliber Goethe müsste uns allen unheimlich sein, wenn er nicht auch grandiose Fehlgriffe abgeliefert hätte. Die Farbenlehre ist ex post ein ideales Gebiet zum Danebenhauen, da man hier erfrischend schnell reinen Tisch machen kann. Allein für den jahrhundertefesten Volltreffer "Faust" lässt man Goethe sämtliche Fehler und Unarten gerne durchgehen.
Sinngemäss hat Reich-Ranicki einmal geäussert, Goethe sei deshalb so gigantisch, weil er stets einer von uns geblieben sei: Er konnte sich ärgern und fluchen wie sein Kutscher und er verlangte den Rausschmiss von Theaterkritikern, die es gewagt hatten seine Inszenierung nicht als letzte Offenbarung zu beurteilen. Man kann sich aus den Portraits geradezu plastisch die erbosten Kulleraugen des Dichterfürsten vorstellen, mit denen er Widriges gekontert haben mag.
Kurzum, Goethe war ein absolutes Genie, das glücklicherweise nicht in die Sphären seiner Spezialitäten entrückt war, nicht schwebte, sondern täglich die Bodenhaftung bekam und mit dem Achtersteven aufsetzte , wenn sein kritisiertes Gegenüber Recht behielt. Zum Beispiel bei der Farbenlehre. An seiner absoluten Ausnahmestellung ändert das nichts.
Ist ja erstaunlich, daß es noch Leute gibt, die das Bedürfnis haben, über Goethe zu diskutieren, und die sogar etwas zu sagen wissen. Die meisten Zeitgenossen sonst verwechseln ihn doch mit dem Münzhändler Goede, den sie aus seiner Werbung kennen.
Mit dem Titel „Ein Dilettant gegen Newton“ wird GOETHEs „Farbenlehre“ im ZEIT-Kultur-Ressort „Literatur“ besprochen, die vor 200 Jahren erschienen ist. „Über die seltsame Rechthaberei des Dichters gegenüber seinem Antipoden Newton“ schreibt Elisabeth von THADDEN – Aussagen, denen widersprochen werden sollte. Der Darstellung im Artikel kann mein WIDERSPRUCH apropos „Dilettant“ GOETHE – ein Prä-EVOLUZZER – nur in einem ausführlichen Kommentar erfolgen, der sich mittlerweile zu einem (bebilderten) Essay entwickelt hat, den man a.a.O. kommentieren kann; auch in ZEIT ONLINE. Dass der Dichter als Naturforscher großes – auch mit der FARBENLEHRE – geleistet hat und etwas von der FARBEN/LICHTER-Sache verstanden hat, habe ich in einem Buch nachgewiesen, das Frau von THADDEN mutmaßlich nicht kennt; in Deutsch 1989 – Englisch (erweitert) 1998. GOETHE war übrigens nicht „größenwahnsinnig“! Er konnte inter- & transdisziplinär denken und arbeiten – was heute gefragt ist.
Also Lesen & Diskutieren – möglichst konstruktiv & sachlich, wenn man Ahnung von der Sache FARBENLEHRE hat: IN Leserartikel-BLOG: http://community.zeit.de/user/wernerhahn/beitrag/2010/05/21/präevolluzzer-jw-von-goethe-war-kein-dilettand-200-jahre-farbenle –
Vorher möglichst meine BILDERGALERIE (28 Bilder) zum Artikel ansehen; zum besseren Verständnis:
http://www.myheimat.de/gl...
Und dann gibt es ja auch noch den Langweiler Goethe mit "Wilhelm Meisters Wanderjahren"...
Goethe ist vor allem ein Trademark, das uns Zeitgenossen wenig sagt. Seine Unverbindlichkeit macht ihn so brauchbar.
Kümmert Euch lieber um Konsalik, das ist wirkmächtiger und verschwendet weniger Zeit.
Die griechischen Philosophen Platon (428-348 v. Chr.) und Plotin (etwa 205-270) könnte man verwechseln, allerdings ist Platon der weltweit bekanntere Genius.
Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) und Isaac Newton (1642-1726) waren und sind beide weltbekannt.
Der eine war ein genialer Dichter, ein Mann des Wortes. Zusätzlich aber interessierte sich Goethe auch für die Naturwissenschaften (u.a. Geologie, Botanik, Mineralogie und Osteologie) und forschte und publizierte darüber. Des Weiteren befasste sich Goethe mit der Farbe, deren Gedanken er in einer wissenschaftlichen Schrift "Zur Farbenlehre" akribisch festhielt.
Der andere, Isaac Newton, war ein einzigartig begabter Mathematiker, Physiker, Philosoph, Astronom und Alchemist. Zwei Jahre befasste er sich intensiv mit der "Optik" - dabei interessierte ihn besonders die sog. Lichtbrechung. 1672 veröffentlichte er seine damals umstrittene Schrift New Theory about Light and Colours.
Genies kümmern sich nicht um die Befindlichkeiten anderer Genies. Sie folgen ihren Gedanken und Entdeckungen. Das scheint zunächst irritierend zu sein, lässt sich aber erklären. Hätte sich Goethe sozusagen an Newton "angelehnt", wäre er nicht zu subjektiven und damit eigenen Erkenntnissen gekommen.
Plotin ist nicht Platon. Beide aber waren Philosophen. Goethe ist nicht Newton. Beiden Denkern aber genügte das Schwarz-Weiß-Denken nicht. Ergo: Beide entwickelten eine eigene Theorie einer allumfassenden "Farbenlehre".
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