Gewöhnlich beginnt die Rezension eines Films wie Der fantastische Mr. Fox mit der Frage nach der doppelten Adressierung. Ist es ein Kinderfilm, der auch Erwachsenen etwas bietet? Oder ist es ein Erwachsenenfilm, der sich als Kinderfilm maskiert? Erlaubt er Kindern einen kritischen Blick in die Erwachsenenwelt? Oder rekonstruiert er für Erwachsene eine Kindheit, die es nie gab?

Der Regisseur Wes Anderson – wir haben nichts anderes von ihm erwartet – treibt die doppelte Adressierung, die bereits in der Vorlage von Roald Dahl steckt, erst einmal auf die Spitze. Lustig, bunt und spannend geht es zu, doch unvermittelt fragt Mr. Fox seinen Sohn, was denn der »Subtext« der Sache sei. Oder er philosophiert in einer Sternennacht über seine Verurteilung zum Fuchs-Sein, »mehr so im Sinn des Existenzialismus«. Das sind die Köder, die ein erwachsener Zuschauer gern schluckt. So entsteht eine doppelte Spannung: Können die (irgendwie immer noch) wilden Tiere den Nachstellungen von drei fiesen Menschen-Bauern entkommen? Und kommen sie einer Lösung der philosophischen Grundkonflikte – Bestimmung und Freiheit, Individuum und Gesellschaft und so weiter – näher? 1.) Ja. 2.) Gegenfrage: Ist irgendjemand der Lösung der philosophischen Grundkonflikte überhaupt je nähergekommen?

Dabei ist die Geschichte erst einmal sehr einfach: Nachdem sie mit Mühe einer Fuchsfalle entkommen sind, verspricht Mr. Fox seiner schwangeren Frau, das Hühnerstehlen aufzugeben und einen ungefährlichen Beruf zu wählen. Dass er ausgerechnet Kolumnist einer offensichtlich nicht allzu intensiv gelesenen Zeitung wird, er und seine Frau nebst ihrem Sohn Ash in einer schäbigen Höhle wohnen und der Filius sich lieber mit Comics als mit den Dingen des Fuchslebens beschäftigt, macht die Sache nicht leichter. So beschließt Mr. Fox eines Tages, dass man sich wenigstens immobilienmäßig verbessere, und gegen den Rat ihres Anwalts beziehen die Foxens eine Wohnung in einem Baum, unglücklicherweise mit einer traumhaften Aussicht auf die Anwesen der drei Bauern, von denen es im Kinderlied sehr treffend heißt: »Boggis, Bunce & Bean, one fat, one short, one lean, these horrible crooks, so different in looks, were nonetheless equaly mean.« Trotzdem: Mr. Fox kann es nicht lassen. Der berühmte (dreifache) letzte Coup füllt erst einen Kühlschrank voll Geflügel und Apfelwein, führt zur ehelichen Vertrauenskrise und schließlich in die Katastrophe: Der Gegenschlag der bösen Bauern bringt die Familie von Mr. Fox und dann die gesamte Tiergesellschaft an den Rand des Untergangs.

Ab 13.5.2010: "Der fantastische Mr. Fox" von Wes Anderson

Wes Anderson hat aus Dahls Geschichte über einen Fuchs einen Film über eine Familie gemacht (das ist seine Art: Anderson erzählt so todsicher von einer Familie wie ein Fuchs Appetit auf frisches Geflügel hat). Er erweitert sie um einen Cousin namens Kristofferson, der als Sportskanone und Karatekämpfer mehr den Vorstellungen von Mr. Fox zu entsprechen scheint als Ash, der immer wieder vergeblich um Zuneigung und Aufmerksamkeit buhlt. Außerdem kommen noch ein paar Freunde dazu, die beinahe zur Familie gehören, etwa das verwirrte Oppossum Kylie mit höchst eigenen Problemen der Selbstidentifikation. Das ist eine dritte Lesart, in der sich die beiden anderen treffen, die Action und die Philosophie: Wie funktioniert eigentlich »Familie«?

Roald Dahl erzählt eine ziemlich böse Geschichte über Natur und Zivilisation, Charakter und Gesellschaft, vor allem aber von der Kunst, eine scheinbar perfekte Welt von Gewalt und Ausbeutung zu untergraben. Wes Anderson bedient durch seine Erweiterungen die Vorgaben des Family Entertainment – dass am Ende des Tages die heilenden Kräfte der Familie obsiegen sollen – nur oberflächlich. Seine Art von Familie ist eher eine subversive Erzählgemeinschaft, ein Raum zwischen Ich und Welt mit vielen Aus- und Eingängen. Ein utopischer oder doch ein heterotoper Ort, der nach ganz eigenen Regeln funktioniert.

So erweist sich auch die Entscheidung, statt auf die digitale Animationstechnik mit allem 3-D-Schnickschnack auf die altehrwürdige Puppen- und Stop-Motion-Technik zu setzen, als so mutig wie genial. Wir sehen dieser Welt an, dass sie aus Materie besteht, nicht aus Berechnungen. Man könnte diesen Film daher auch über die Kleinigkeiten, die Abschweifungen erzählen. Zum Beispiel über die Berufe der Helden. Dass Mr. Fox vom Hühnerdieb zum Journalisten geworden ist, das färbt auch auf seine Erzählweise ab. Zudem sollte nicht vergessen werden, dass es sich bei Mrs. Fox um eine Landschaftsmalerin handelt. Das gibt dem Film seine farbliche Genauigkeit. Andererseits hat Mrs. Fox ein Faible dafür, ihre schönen Landschaften mit schrecklichen Gewittern aufzuladen. Und schließlich ist Der fantastische Mr. Fox durch eine Abfolge von sehr präzis eingesetzten Songs der Beach Boys, der Rolling Stones, von Bobby Fuller und Jarvis Cocker strukturiert, der als Banjo spielender »Petey« auch »leibhaftig« auftritt (eine kleine Nebengeschichte von der Freiheit und Abhängigkeit des Pop-Musikers).

Dauernd geht es in diesem Film um Pläne, Regeln, Querschnitte, Karten (einschließlich der Spielregeln einer absurden Baseballparodie). So wie es für einen Menschen natürlich scheint, künstlich zu werden, so scheint es für das »wilde Tier« Fuchs natürlich, sich in raffinierter Planung der Logik seines Feindes anzupassen. Am Ende muss Mr. Fox deshalb auch einem Wolf begegnen, der, vielleicht, noch wirklich wild ist, jedenfalls keinen Anzug trägt und nicht Englisch spricht. Und Fox, sehr schnell von seiner Wolfphobie geheilt, erkennt, wiederum sehr menschlich, was sich ihm da zeigt: Schönheit. Dazu gehört auch eine sehr familiäre Hintergrundgeschichte – die vom Filmemacher, der an den Ort gereist ist, an dem Roald Dahl lebte und schrieb, zu dessen Witwe, zu den Wegen und den magischen Dingen der Autorenschaft. Mr. Fox hat ziemlich viel von einem Selbstporträt Dahls; Anderson hat diesen Aspekt des Buches keineswegs außer Acht gelassen, sondern ganz im Gegenteil diesen teils scharfen, teils ganz verschwommenen Selbstbildern ein Umfeld gegeben. Immer noch ist Mr. Fox die Hauptfigur, und es geht um sein Problem, gleichzeitig wildes Tier und Familienvater sein zu müssen. Aber nun kommen eben auch die Geflechte von Abhängigkeit und Verantwortung dazu. Mrs. Fox bekennt, dass sie ihn liebt – und sagt zugleich, dass sie ihn nicht hätte heiraten sollen. Eine Liebesgeschichte ist Der fantastische Mr. Fox ja auch.

Am Ende bringt Mr. Fox seinen Toast sehr berechtigt auf eine Sache aus, die Action, Philosophie und Familie vereinigt – er trinkt auf das Überleben. Genauer gesagt: auf das Überleben als man selbst. Und da wird klar, dass es gar keine doppelte Adressierung gibt. Überleben als man selbst, im Kampf und in der Erkenntnis, das fängt am ersten Tag des Lebens an und hört erst mit dem letzten auf.