Kultur in Griechenland Athen, du Ärmste
Ist das hier wirklich die Wiege der abendländischen Kultur? Ein Besuch in der Hauptstadt Griechenlands
© Aris Messinis/AFP/Getty Images

Auch wenn sein Konterfei heute die griechische 10-Cent-Münze schmückt, das Standbild stellvertretend für ein korruptes System zu beschmutzen ist nicht angemessen. Immerhin starb der griechische Dichter und Revolutionär Rigas Fereos 1798 für seine Ideale von Freiheit und Demokratie
Es sind die weggetretenen Tage: Am 5. Mai starben bei Protesten drei Menschen im Feuer einer Bank , dann musste das Parlament, das nicht mehr entscheiden, nur noch handeln kann, das Sparpaket durchwinken . Und nun spielt auch noch dieser Taxifahrer verrückt – er benimmt sich exakt so, wie der Deutsche sich einen Athener Taxifahrer vorstellt: schimpfen, hupen, Vollgas. Das ganze Land sei kaputt, so der Fahrer, warum sollte er sich dann noch einen Straßennamen merken? Der unvermeidliche Taxifahrer spricht, als bekäme er es bezahlt, die drei am häufigsten gesprochenen Sätze der europäischen Gegenwart: Die Reichen bereicherten sich, die Armen müssten alles bezahlen, die Gewerkschaften seien Teil des Systems, also korrupt. Die Krise, so verstand der Reporter in Athen, ist natürlich auch deshalb eine Krise, weil die Worte ausgehen. Frage vom lustigen Dicken am Steuer in Richtung Rückbank: »Seid ihr Krawalltouristen?« So ähnlich.
Wir haben Verabredungen mit Vertretern der griechischen Kultur: derzeit auch keine ganz unkomplizierte Sache. Der bekannteste Grieche der Gegenwart, so konnte man in den (natürlich dummen, manchmal leider aber auch ganz lustigen) Hetz- und Schmähtexten von Bild- Zeitung und Focus lesen, sei der Fußballtrainer Otto Rehhagel, der letzte griechische Kulturexport von internationalem Rang heiße Maria Callas.
Das stimmt nicht ganz, aber fast. Jedenfalls fällt es dem Kulturreporter nicht leicht, fünf, sechs Gespräche mit im Ausland bekannten griechischen Künstlern aufzustellen. Verabredungen werden getroffen und wieder abgesagt: Das Selbstbewusstsein der griechischen Intelligenz scheint angeknackst. Man wolle zum Niedergang des Landes nicht dadurch beitragen, dass man auch noch darüber rede. (Echt? Interessanter Standpunkt.) Die Kultur brauche Zeit, um die Katastrophe zu verarbeiten – in fünf, sechs Jahren ließen sich die Früchte der Krise in Kunst, Theater und Literatur betrachten.
Also erst mal, was ja immer das Schönste ist, die Straßen auf- und abrennen: Hier, auf den Straßen Athens, läuft ja derzeit das ganze europäische Drama, der Film, das Theaterstück ab.
Die oft beschriebene, absolut gleichförmige Hässlichkeit der Stadt (Beton). Die Scherben der vergangenen Nächte sind noch nicht aufgekehrt. Banken und Geschäfte liegen hinter heruntergelassenen Metalljalousien. Das Metall vor Hermès, Chopard und Louis Vuitton wirkt auch deshalb großartig, weil es das Böse und Aggressionsfördernde, das zum Reiz des Luxus dazugehört, in einer bisher ungekannten Art ausstellt (der Luxus gehört weg, man möchte ihn kaputt machen, aber das geht nicht einfach, gegen diese Metallvorhänge kommt kein Mensch an). Am Syntagma, dem Platz vor dem Parlament, ziehen am 6. Mai die Demonstranten auf. Polizeilinien. Rote Fahnen. Es heißt, es wird nicht knallen, da der Schreck über die Toten tief sitzt. Die Uniform des jungen Linksalternativen: lustiges T-Shirt, Dreiviertelhose, Irokesenkamm. Sprechchöre: »Der Parlamentspuff soll brennen.« Einer ruft in Richtung Regierungsgebäude: »Macht das Licht hinter den Scheiben aus, das zahlen wir.« Die unbeschreibliche coole Art des Polizisten, der sich eine Gasmaske vor das Gesicht zieht. Man sieht: So ein Polizeischild ist auch dafür gut, um sich darauf zu stützen. Die demonstrationstypische Ratlosigkeit: Weshalb tun wir das hier eigentlich? Weil es möglich ist, deshalb. Rumschreien macht Spaß, das Demonstrieren ist nicht nur ein Grundrecht, sondern ein Grundbedürfnis des Menschen. Der Abendhimmel im berühmten attischen Licht. Die besten Zuschauerplätze der Revolution liegen auf den Dachterrassen der Luxushotels Grande Bretagne, King George Palace und Athens Plaza. Wir fahren zu einer Ausstellungseröffnung in das Contemporary Art Center, eine der etablierten Galerien der Stadt, in den engen Straßen hinter dem Fußballstadion von Panathinaikos Athen gelegen. Das Gebäude einer ehemaligen Druckerei: Betonböden, Glas, Metall. Die Kunstszene in Athen sieht natürlich nicht anders aus als die in Berlin Mitte: das diskret und klug investierte Geld der Bourgeoisie. Elegante Kostüme, die Männer mit teuren Brillen und Turnschuhen. Eine Vernissage einen Tag nach dem Generalstreik? Die Galeristin Ileana Tounta erklärt: Die Einladungen seien seit Wochen draußen, da habe man nicht mehr reagieren können. In Athen gebe es eine aktive Galerieszene, der Kreis der Käufer sei allerdings traditionell begrenzt. Die Galeristin: »Wir gehen durch eine schwierige Phase, die Leute sind deprimiert und verängstigt und bleiben zu Hause.« Tatsächlich ist bei den Gästen in diesen Räumen weniger die Kunst an den Wänden als die Unruhe vor dem Parlament Gesprächsthema.
Athen erlebe die größten Demonstrationen seit der Revolution vor 35 Jahren. Erst eineinhalb Jahr ist es her, dass der Tod eines 15-jährigen Demonstranten bürgerkriegsartige Unruhen ausgelöst hatte, die monatelang immer wieder aufflammten, ein wahres Fest der Gewalt, inszeniert von jungen Autonomen und Anarchisten. Ein junger Mann mit Lockenkopf und Weißweinglas in der Hand, er stellt sich als Betreiber eines Kunstraums namens 6 Dogs vor: »Wir sind geschockt.« Wirklich geschockt? Oder sagt sich das nur so dahin, weil, wenige Kilometer von den weiß getünchten Galerieräumen entfernt, die Stadt zur Straßenschlacht rüstet?
Der Locken-Typ wirkt verärgert. Dann muss er lächeln: »Wir haben, was ja jeder weiß, vor 2500 Jahren Europa erfunden. Nun stellen wir erneut die Avantgarde – in den Problemen: Wenn wir heute um die Probleme Griechenlands ringen, dann ringen wir um die Probleme, die ihr in Zukunft haben werdet. Wir leben die Zukunft Europas, mein Freund.«
- Datum 19.05.2010 - 10:21 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 12.05.2010 Nr. 20
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Genau so, wie der verärgerte Lockenkopf es sagt, ist es: Griechenland ist mal wieder Avantgarde — ob es will oder nicht.
Wie kann man eine Kultur belächeln die so viel älter ist als die eigene? Wer nimmt sich die Freiheit so untreffende Aussagen zu machen? Man soll Griechenland dort kritisieren, wo es einer Kritik bedarf, aber hier wird über Griechenland hergefallen als wäre alles Übel der Welt dort entsprungen(und das schon seit geraumer Zeit, in allerlei Form). Wenn man nicht objektiv berichtet, sollte man es gar nicht tun bevor man jemanden möglicherweise beleidigt. Das nächste Mal auf faktischer Basis! Wenn ich in Berlin bin, vermisse ich Athen......
Sucht mal ein positives Wort über Athen!(Welches auch nicht in Ironie gehüllt ist)
Ihr werdet nur schwerlich eins finden
Ein wirklich merkwürdiger Artikel. der Autor klappert ein paar Galerien ab (wo sich naturgemäß immer die engagiertesten Menschen aufhalten), spricht mit einem Taxifahrer und zwei Künstlern. Danach kann er nur noch Mitleid erübrigen.
Witzig: So ging es mir in Berlin auch schon. Nach einigen Runden im Berliner Nachtleben kam mir da auch einiges oberflächlich und selbstbezogen vor - naiv und verwöhnt. Trotzdem mag ich die Stadt - auch Athen mag ich sehr und kenne dort einige Menschen mit wenig naiven Gedanken zur Zeit.
Es tut mir leid das sagen zu müssen, aber die Art, wie der Autor hier der Wiege der abendländischen Kultur auf den Zahn fühlen will, erscheint mir selbst etwas naiv zu sein.
Vielleicht steigt er ja mal von seinem Olymp herab und lernt noch mehr Menschen in Athen kennen, wenn er sich aus seiner Zivilisation heraus traut...
Ein wirklich merkwürdiger Artikel. der Autor klappert ein paar Galerien ab (wo sich naturgemäß immer die engagiertesten Menschen aufhalten), spricht mit einem Taxifahrer und zwei Künstlern. Danach kann er nur noch Mitleid erübrigen.
Witzig: So ging es mir in Berlin auch schon. Nach einigen Runden im Berliner Nachtleben kam mir da auch einiges oberflächlich und selbstbezogen vor - naiv und verwöhnt. Trotzdem mag ich die Stadt - auch Athen mag ich sehr und kenne dort einige Menschen mit wenig naiven Gedanken zur Zeit.
Es tut mir leid das sagen zu müssen, aber die Art, wie der Autor hier der Wiege der abendländischen Kultur auf den Zahn fühlen will, erscheint mir selbst etwas naiv zu sein.
Vielleicht steigt er ja mal von seinem Olymp herab und lernt noch mehr Menschen in Athen kennen, wenn er sich aus seiner Zivilisation heraus traut...
ich muss an den Hautarzt und Dichter Gottfried Benn denken. Er wusste, medizinisch, bei alten Männern bleibt nur noch das "Pflegen und Hochbinden". Zu Griechenland fiel ihm ein dieses ein
.
"Politik - eine typische Balkan-Idee".
Ein wirklich merkwürdiger Artikel. der Autor klappert ein paar Galerien ab (wo sich naturgemäß immer die engagiertesten Menschen aufhalten), spricht mit einem Taxifahrer und zwei Künstlern. Danach kann er nur noch Mitleid erübrigen.
Witzig: So ging es mir in Berlin auch schon. Nach einigen Runden im Berliner Nachtleben kam mir da auch einiges oberflächlich und selbstbezogen vor - naiv und verwöhnt. Trotzdem mag ich die Stadt - auch Athen mag ich sehr und kenne dort einige Menschen mit wenig naiven Gedanken zur Zeit.
Es tut mir leid das sagen zu müssen, aber die Art, wie der Autor hier der Wiege der abendländischen Kultur auf den Zahn fühlen will, erscheint mir selbst etwas naiv zu sein.
Vielleicht steigt er ja mal von seinem Olymp herab und lernt noch mehr Menschen in Athen kennen, wenn er sich aus seiner Zivilisation heraus traut...
Autoren wie z.B. Petros Markaris & Nikos Dimou haben sich sehr wohl schon zur Krise geäußert - die Sorge durch ein Interview zum Niedergang des Landes noch weiter bei zu tragen, scheint demnach nicht von allen geteilt zu werden. Das erscheint in dem Artikel aber so und ist damit eine unrichtige Darstellung.
Autoren wie z.B. Petros Markaris & Nikos Dimou haben sich sehr wohl schon zur Krise geäußert - die Sorge durch ein Interview zum Niedergang des Landes noch weiter bei zu tragen, scheint demnach nicht von allen geteilt zu werden. Das erscheint in dem Artikel aber so und ist damit eine unrichtige Darstellung.
Autoren wie z.B. Petros Markaris & Nikos Dimou haben sich sehr wohl schon zur Krise geäußert - die Sorge durch ein Interview zum Niedergang des Landes noch weiter bei zu tragen, scheint demnach nicht von allen geteilt zu werden. Das erscheint in dem Artikel aber so und ist damit eine unrichtige Darstellung.
......aus einem Land, in dem Dieter Bohlen die Bestsellerlisten anführt......
Kein Wunder! LOL!
... da fliegt ein "journalist" nach Athen um dann einen Artikel zu schreiben der mit der Phrase endet "... sah ich auf die Stadt hinab und vermisste die Zivilisation von Berlin."
Bei keinem Respekt, solch einen oberflächlichen Unsinn habe ich selten gelesen. Wäre ich Chef-Redaktuer da hätten Sie bereits eine Abmahnung auf dem Tisch liegen
Hätten Sie sich ernsthaft mit diesem Thema beschäftigt dann hätten Sie erkannt, dass allein ein Besuch im Neuen Acropolis Museum eine Reise nach Athen wert ist. Auch wenn Sie sonst nichts anderes auf Ihre Reise sehen würden, Sie hätten mehr Kultur erlebt als Sie höchstwahrscheinlich jemals erlebt haben.
Wären Sie von Ihrer arroganten und vordefinierten Wahrnehmung nicht so geblendet , hätten Sie vorher recherchiert, so hätten Sie erkannt welche unglaubliche Möglichkeiten Ihnen in Athen geboten werden um Kultur zu erleben.
Eine Stadt überzogen mit Monumenten, 63 Museen und 60 Galerien.
Würde man heute nach Athen fliegen hätte man die Möglichkeit eine von 44 Theateraufführungen zu besuchen, eins von über 90 Konzerten zu besuchen, eine von über 100 Veranstalltungen oder 100 Ausstellungen zu besuchen.
Dass Sie sich nicht schämen Herr Moritz von Uslar solch einen Artikel zu veröffentlichen...
http://www.breathtakingat...
http://www.greekfestival....
http://www.elculture.gr/
http://www.athinorama.gr/
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