Ökumenischer Kirchentag Unterwegs ohne Illusionen

Unser Weltgefühl ist instabil. Wir fürchten uns nicht mehr vor der Apokalypse, wir haben sogar noch Ideale, aber wir sind realistischer geworden. Ein Gespräch über Hoffnung mit dem Sozialphilosophen Hans Joas

Die ZEIT: Es gibt ein legendäres Bonmot von Heiner Müller, der in höhnischem Pessimismus gesagt hat, Hoffnung sei etwas für Leute, die unzureichend informiert seien. – Stimmt es, dass wir Menschen, je mehr wir wissen desto weniger hoffen?

Hans Joas: Das hieße ja, wer sich freut, hat die schlechte Nachricht nur noch nicht vernommen. So eine Behauptung ist rhetorisch eindrucksvoll, weil der Pessimist von sich behauptet: Ich allein habe eine realistische Einsicht in die bevorstehenden Katastrophen. Wenn ihr so gut Bescheid wüsstet wie ich, würde euch das Lachen vergehen. Als empirischer Wissenschaftler behaupte ich dagegen: Man muss die Gegenwart möglichst vorurteilsfrei erforschen, um zu wissen, was die Zukunft bringt. Der Witz an der Hoffnung ist, dass wir auch bei schlechten Aussichten nicht verzweifeln.

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ZEIT: Worauf hoffen die Menschen heute noch?

Joas: Charakteristisch für die Zeitstimmung in Westeuropa ist nicht Hoffnungslosigkeit, allerdings gibt es ein nagendes Gefühl, dass es so nicht weitergeht. Es gibt einen auffälligen Kontrast zur Zeit nach 1945, als verschiedene Varianten von Fortschrittsoptimismus vorherrschten, die sich Ende der sechziger Jahre ins Utopistische steigerten. Unsere heutige Zeitstimmung ist eher von negativen Utopien gekennzeichnet.

Hans Joas

Bekannt wurde er als Theoretiker des sozialen Handelns. Der Soziologe Hans Joas, geboren 1948, schrieb über die Entstehung von Werten, über Kriege und Kriegsverdrängung. Zuletzt erschien von ihm u. a. »Braucht der Mensch Religion?« (Herder Verlag) und »Religion und die umstrittene Moderne« (Kohlhammer). Er leitet das Max-Weber-Kolleg an der Universität Erfurt und ist außerdem Professor an der University of Chicago. Beim Ökumenischen Kirchentag in München wird er über das Motto Hoffnung sprechen.

ZEIT: War die neue Hoffnung nach dem Zweiten Weltkrieg nicht eine wider besseres Wissen?

Joas: 1945 steht für das Ende einer Epoche, die viel länger dauerte als der Krieg. Schon der Erste Weltkrieg hatte die Fortschrittsbegeisterung des 19. Jahrhunderts schwer erschüttert, und Oswald Spenglers Untergang des Abendlandes wurde nicht zufällig zum Bestseller. Aber bald nach dem Zweiten Weltkrieg gab es eine Anknüpfung an den alten Fortschrittsoptimismus. Im Westen glaubte man an eine immerfort wachsende Wirtschaft, die sich von zyklischer Krisenhaftigkeit lösen kann, man träumte von der friedlichen Nutzung der Kernenergie als einer quasi kostenlosen Energiequelle.

ZEIT: Warum erleben wir derzeit relativ wenig Verzweiflung angesichts von Finanzkrisen, Staatsbankrotten, Ökokatastrophen, wachsender Armut?

Joas: Sie reden ja, als ob wir alle miteinander verzweifelt sein müssten. Das Zeitgefühl ist eher so: Es geht uns eigentlich gut, es geht sogar voran, aber die Grundlagen unseres Zusammenlebens sind erstaunlich instabil. Das ist noch kein Grund dafür, dass wir uns fühlen wie vor Dantes Höllentor: Die Ihr hier eintretet, lasst alle Hoffnung fahren! Positiv an der Überwindung eines naiven Zukunftsoptimismus ist, dass die Menschen, die sich ja keineswegs von Idealen verabschiedet haben, realistischer geworden sind.

ZEIT: Ist der Zweckoptimismus ausgestorben?

Joas: Nein, im Gegenteil. Auf dem Buchmarkt erleben wir eine regelrechte Konjunktur positiven Denkens: Ratgeberliteratur, die einem sagt, dass man nur an den eigenen Erfolg glauben muss, um erfolgreich zu sein. Obwohl die Finanzkrise den Glauben an diese Art der Autosuggestion erschüttert hat, obwohl die Kreditmentalität und das Über-die-Verhältnisse-Leben nicht mehr funktionieren, gibt es weiterhin die Tendenz zu diesem autosuggestiven Erziehungsstil. Darin liegt eine groteske Überschätzung des Einflusses unserer inneren Einstellungen auf äußere Handlungsresultate.

Leser-Kommentare
  1. Worte von Paulus aus Kol.2,8:
    "Seht zu, dass euch niemand einfange durch Philosophie und leeren Trug,gegründet auf die Lehre von Menschen und auf die Mächte der Welt und nicht auf Christus."

    Immer wieder werden Menschen befragt, welche die Gescheitheit mit dem Löffel eingenommen haben.Weise, Kluge, Schriftgelehrte.
    Warum fragen Journalisten nicht einfache Menschen, weshalb sie trotz erlebtem Leid, noch an Gott glauben?

    Solche Menschen werden gesucht.An ihnen könnte man sich hochziehen. Nicht an hochstudierten Schriftgelehrten. Nicht an den schlechten Vorbildern, wie Papst, Käßmann, Mixa und all die Superstudierten.

    Jesus sagte in Matth.11,25:
    "Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde,
    weil du dies den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es den Unmündigen offenbart."

    Paulus schrieb, dass die Weisheit der Welt,
    Torheit vor Gott ist:
    "Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weisen dieser Welt? Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht?"
    1.Kor.1,20

    "Nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Angesehene sind berufen. Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist; und das Geringe vor der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt, das, was nichts ist, damit er zunichte mache, was etwas ist, 29 damit sich kein Mensch vor Gott rühme."
    1.Kor.1,26-29

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    "Seht zu, dass euch niemand einfange durch Philosophie und leeren Trug,gegründet auf die Lehre von Menschen und auf die Mächte der Welt und nicht auf Christus."

    Nicht zu vergessen: Die Menschenfänger mit den Bibelzitaten.

    (Ich gehe nicht davon aus, dass es etwas bringt darauf hinzuweisen, dass auch die Bibel nur von Menschen geschrieben wurde.)

    "Seht zu, dass euch niemand einfange durch Philosophie und leeren Trug,gegründet auf die Lehre von Menschen und auf die Mächte der Welt und nicht auf Christus."

    Nicht zu vergessen: Die Menschenfänger mit den Bibelzitaten.

    (Ich gehe nicht davon aus, dass es etwas bringt darauf hinzuweisen, dass auch die Bibel nur von Menschen geschrieben wurde.)

  2. Ruhe! Fehler macht Jeder! War ein gefundenes Fressen für die Presse. Auf diesem Planten sind jede Menge "Scheinheilige" !!

  3. "Seht zu, dass euch niemand einfange durch Philosophie und leeren Trug,gegründet auf die Lehre von Menschen und auf die Mächte der Welt und nicht auf Christus."

    Nicht zu vergessen: Die Menschenfänger mit den Bibelzitaten.

    (Ich gehe nicht davon aus, dass es etwas bringt darauf hinzuweisen, dass auch die Bibel nur von Menschen geschrieben wurde.)

  4. sind älter als die Bibel selbst! Wie Funde belegen!

  5. Ich glaube nicht, dass Christen per se eine realistische und positive Sicht des Weltgeschehens
    besitzen. Die Grundausstattung jedes Menschen ist die liebevolle Zugewandtheit der Eltern,
    die so ein Urvertrauen schaffen, das die Kinder zu selbstbewussten, starken Persönlichkei-
    ten heranwachsen lässt, die durch die Liebe der Eltern sich selbst annehmen und lieben
    lernen. Wenn dieses lebenswichtige, in der frühen Kindheit zu legende Fundament fehlt,
    ist es sehr schwer, diesen Mangel durch einen wie immer gearteten Glauben zu kompensie-
    ren.

  6. 6. Bitter

    "Doch mit der Gründung der Vereinten Nationen wurden die Menschenrechte zur Erfolgsgeschichte."

    Ich würde ja lachen, wenn es nicht so traurig wäre.
    Frau Finger guckt wohl nicht alzu oft Nachrichten.

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