Die Opfer müssen ins Zentrum der Überlegungen gerückt werden
ZEIT ONLINE : Was wissen wir über die möglichen Schäden für die Kinder?
Sigusch : Die Auswirkungen reichen von einer seelischen Traumatisierung, die das ganze Leben des Opfers vergällt, bis hin zu Erfahrungen, von denen diejenigen, die sie gemacht haben, als Erwachsene sagen, sie hätten ihnen in ihrer familiären Situation geholfen – weil sie keinen anderen Schutz gehabt hätten, weil sie anderen Kindern vorgezogen und umsorgt und geliebt worden seien. Das Stück Sex, das sie eher eklig fanden, hätten sie ihrem großen Freund "geschenkt". Ob ein Kind geschädigt wird, hängt also sehr davon ab, in welcher sozialen und seelischen Verfassung es mit welcher Vorgeschichte in welchem sozialen Umfeld in eine Beziehung zu einem Pädosexuellen gerät.
ZEIT ONLINE : Wir wissen heute von sexuellem Missbrauch in Schulen, Kindergärten, Kinderheimen, Internaten, Sportvereinen, Jugendvereinen und in den Familien. Allerorten spielt Vertuschung eine große Rolle. Was sagt das über das Verhältnis einer Gesellschaft zu ihren Kindern aus?
Das Tabu gegenüber der kindlichen Sexualität ist heute größer als vor 200 Jahren
Volkmar Sigusch
Sigusch : Die allgemeine Verbreitung pädosexueller Handlungen zeigt, dass Erwachsene in unserer Kultur nach wie vor Kinder erotisch besetzen und auch sexuell benutzen, wenn Hemmungen oder Hindernisse entfallen. Kanadische Sexualforscher haben experimentell nachgewiesen, dass ganz normale Männer durchgängig durch Fotos vorpubertärer Mädchen sexuell erregt werden. Noch zur Zeit der deutschen Klassik hat sich übrigens niemand darüber aufgeregt, wenn ein Gelehrter mit einem aus heutiger Sicht minderjährigen Mädchen sexuell verkehrte oder es heiratete. Heute ist das Tabu gegenüber der kindlichen Sexualität trotz aller Liberalisierungen oder vielleicht gerade wegen dieser Liberalisierungen stärker als vor zweihundert Jahren. Daher resultiert das bisherige, beinahe allgemeine Wegschauen und Verschweigen. Andererseits ist diese Ignoranz auch möglich, weil die Gesellschaft ihre Kinder nicht wirklich schützt und fördert. Um das zu erkennen, brauchen wir nur an den oft erbärmlichen Zustand unserer Schulen zu denken oder daran, welche Rechte Kinder und Jugendliche bei uns nicht haben.
ZEIT ONLINE : Was schlagen Sie also vor? Was müsste man tun?
Sigusch : Die Opfer müssen ins Zentrum der Überlegungen und Entscheidungen gerückt werden. Kinder und Jugendliche sollten in der Gesellschaft kraft Verfassung eigene Rechte, ja Priorität bekommen. Sie müssten so stark gemacht werden, dass sie sich gegen Übergriffe wehren können. Die Kritik, dass immer nur über Täter und damit über Erwachsene gesprochen wird, ist sehr berechtigt. Über den Missbrauch durch Priester und Lehrer reden wir jetzt seit Monaten. Und wer von den Verantwortlichen hat in dieser Zeit Geld bereitgestellt, um wenigstens sofort hoch qualifizierte Therapien der Opfer zu bezahlen? Welche Institution hat Entschädigungszahlungen an die Opfer zugesagt, Zahlungen, die in einer materiell orientierten Gesellschaft von großer symbolischer Bedeutung sind? Denn erst wenn in unserer Gesellschaft größere Summen Geldes freiwillig gezahlt werden, ist die Schuld schmerzhaft anerkannt.
Das Gespräch führte Meike Fries
- Datum 12.05.2010 - 12:02 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle ZEIT ONLINE
- Kommentare 26
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:






Es fehlt in dem -- gleichwohl sehr interessanten -- Interview ein wenig die saubere Differenzierung zwischen Kindern (präpubertär) und Jugendlichen (postpubertär). Da Pädophile sich nur für Kinder interessieren, irritiert der Schwenk zu den "minderjährigen" Gespielinnen der Klassik. Oder inwieweit sind die psychischen Aspekte vergleichbar, sowohl seitens der Erwachsenen als auch der Minderjährigen verschiedenen Alters?
Das sexuelle Interesse an geschlechtsreifen Jugendlichen ist ja immerhin "biologisch normal".
zwischen Kindheit und Jugend machen eine saubere Differenzierung wohl schwer. Als der 22-jährige Novalis sich in die 12-jährige Sophie verliebte, war sie da noch ein Kind oder schon Jugendliche? Und heiratete 27-jährige Poe in seiner 13-jährigen Cousine ein spätes Kind oder eine frühe Jugendliche? Wie sah Lewis Carrolls Verhältnis zu der 10-jährigen Alice wirklich aus?
An eine, wie Sie es nennen, "biologische Normalität" die sich auf die Fortpflanzung richtet kann ich nicht recht glauben und die Forschung scheint dem ja recht zu geben: "Kanadische Sexualforscher haben experimentell nachgewiesen, dass ganz normale Männer durchgängig durch Fotos vorpubertärer Mädchen sexuell erregt werden." (Zitat aus dem Interview)
[...]
Jugend ist definiert als Zeitspanne zwischen Kindheit und Erwachsenenalter, umfasst somit eine Altersspanne von 13 -21.
Es ist ja wohl logisch, dass sich innerhalb dieses Alters die Pubertaet vollzieht, die je nach Kind frueher oder spaeter abgeschlossen ist. Bei Kindern die spaetentwickler sind, kann sie auch erst mit 18 oder 19 abgeschlossen sein, auch wenn sie dann noch (auch juristisch) noch als jugendlich gelten.
Postpubertaer kann also in einigen Faellen erst ab 17,18 oder 19 sein, und selbst dann ist der Mensch in Punkto Reife noch nicht erwachsen.
Indem Sie behaupten postpubertaer sei schon im Jugendalter, also die Pubertaet schon im Jugendalter abgeschlossen und der junge Mensch dadurch als Erwachsener anzusehen, der eigene Entscheidungen trifft, legitimieren Sie Uebergriffe Erwachsener, da der Junge Erwachsene Ihrer Einschaetzung nach ja schon eigene Entscheidungen faellen kann.
[...]
Gekürzt. Bitte achten Sie auf einen respektvollen Umgang mit anderen Diskussionsteilnehmern und vermeiden Sie persönliche Angriffe und Unterstellungen. Die Redaktion/cs
zwischen Kindheit und Jugend machen eine saubere Differenzierung wohl schwer. Als der 22-jährige Novalis sich in die 12-jährige Sophie verliebte, war sie da noch ein Kind oder schon Jugendliche? Und heiratete 27-jährige Poe in seiner 13-jährigen Cousine ein spätes Kind oder eine frühe Jugendliche? Wie sah Lewis Carrolls Verhältnis zu der 10-jährigen Alice wirklich aus?
An eine, wie Sie es nennen, "biologische Normalität" die sich auf die Fortpflanzung richtet kann ich nicht recht glauben und die Forschung scheint dem ja recht zu geben: "Kanadische Sexualforscher haben experimentell nachgewiesen, dass ganz normale Männer durchgängig durch Fotos vorpubertärer Mädchen sexuell erregt werden." (Zitat aus dem Interview)
[...]
Jugend ist definiert als Zeitspanne zwischen Kindheit und Erwachsenenalter, umfasst somit eine Altersspanne von 13 -21.
Es ist ja wohl logisch, dass sich innerhalb dieses Alters die Pubertaet vollzieht, die je nach Kind frueher oder spaeter abgeschlossen ist. Bei Kindern die spaetentwickler sind, kann sie auch erst mit 18 oder 19 abgeschlossen sein, auch wenn sie dann noch (auch juristisch) noch als jugendlich gelten.
Postpubertaer kann also in einigen Faellen erst ab 17,18 oder 19 sein, und selbst dann ist der Mensch in Punkto Reife noch nicht erwachsen.
Indem Sie behaupten postpubertaer sei schon im Jugendalter, also die Pubertaet schon im Jugendalter abgeschlossen und der junge Mensch dadurch als Erwachsener anzusehen, der eigene Entscheidungen trifft, legitimieren Sie Uebergriffe Erwachsener, da der Junge Erwachsene Ihrer Einschaetzung nach ja schon eigene Entscheidungen faellen kann.
[...]
Gekürzt. Bitte achten Sie auf einen respektvollen Umgang mit anderen Diskussionsteilnehmern und vermeiden Sie persönliche Angriffe und Unterstellungen. Die Redaktion/cs
Es dauert ein Leben lang?
Ich hoffte es gäbe eine Zeit ohne Erinnerung.
Was bleibt dann übrig?
Vielen Dank für das gutgeführte Interview.
Es schmerzt, einmal mehr.
Im Text steht folgendes: "(...)forscher haben experimentell nachgewiesen, dass ganz normale Männer durchgängig durch Fotos VORpubertärer Mädchen sexuell erregt werden."
Gutes Interview! Lasst die Diskussion nicht verebben, das Thema ist wichtig und sollte falsch besprochen werden wie hysterisch von Frau von der Leyen (zu Wahlkampfzwecken) und momentan auf die Täter beschränkt.
zwischen Kindheit und Jugend machen eine saubere Differenzierung wohl schwer. Als der 22-jährige Novalis sich in die 12-jährige Sophie verliebte, war sie da noch ein Kind oder schon Jugendliche? Und heiratete 27-jährige Poe in seiner 13-jährigen Cousine ein spätes Kind oder eine frühe Jugendliche? Wie sah Lewis Carrolls Verhältnis zu der 10-jährigen Alice wirklich aus?
An eine, wie Sie es nennen, "biologische Normalität" die sich auf die Fortpflanzung richtet kann ich nicht recht glauben und die Forschung scheint dem ja recht zu geben: "Kanadische Sexualforscher haben experimentell nachgewiesen, dass ganz normale Männer durchgängig durch Fotos vorpubertärer Mädchen sexuell erregt werden." (Zitat aus dem Interview)
meinen Kommentar überhaupt gelesen? Ich wollte den ersten Kommentator nur darauf hinweisen, dass die "minderjährigen Gespielinnen der Klassik" eben nicht unbedingt in die von ihm verkündete "biologische Normalität" fallen, sondern teilweise durchaus noch als Kinder (zumindest aus heutiger Sicht) betrachtet werden können.
Im übrigen sind Ihre Definitionen auch nur starre Konstrukte mit denen etwas zu fassen versucht wird, das in der Grauzone der Individualität jedesmal anders aussehen kann und zudem - ich sprach ja über Fälle des 18. und 19. Jahrhunderts - nicht einfach aus der heutigen Gesellschaft in eine frühere übertragen werden kann.
Aber danke, dass Sie mir wieder einmal vor Augen führten warum man sich jegliche Diskussionen im ZEIT-Forum sparen sollte.
meinen Kommentar überhaupt gelesen? Ich wollte den ersten Kommentator nur darauf hinweisen, dass die "minderjährigen Gespielinnen der Klassik" eben nicht unbedingt in die von ihm verkündete "biologische Normalität" fallen, sondern teilweise durchaus noch als Kinder (zumindest aus heutiger Sicht) betrachtet werden können.
Im übrigen sind Ihre Definitionen auch nur starre Konstrukte mit denen etwas zu fassen versucht wird, das in der Grauzone der Individualität jedesmal anders aussehen kann und zudem - ich sprach ja über Fälle des 18. und 19. Jahrhunderts - nicht einfach aus der heutigen Gesellschaft in eine frühere übertragen werden kann.
Aber danke, dass Sie mir wieder einmal vor Augen führten warum man sich jegliche Diskussionen im ZEIT-Forum sparen sollte.
[...]
Jugend ist definiert als Zeitspanne zwischen Kindheit und Erwachsenenalter, umfasst somit eine Altersspanne von 13 -21.
Es ist ja wohl logisch, dass sich innerhalb dieses Alters die Pubertaet vollzieht, die je nach Kind frueher oder spaeter abgeschlossen ist. Bei Kindern die spaetentwickler sind, kann sie auch erst mit 18 oder 19 abgeschlossen sein, auch wenn sie dann noch (auch juristisch) noch als jugendlich gelten.
Postpubertaer kann also in einigen Faellen erst ab 17,18 oder 19 sein, und selbst dann ist der Mensch in Punkto Reife noch nicht erwachsen.
Indem Sie behaupten postpubertaer sei schon im Jugendalter, also die Pubertaet schon im Jugendalter abgeschlossen und der junge Mensch dadurch als Erwachsener anzusehen, der eigene Entscheidungen trifft, legitimieren Sie Uebergriffe Erwachsener, da der Junge Erwachsene Ihrer Einschaetzung nach ja schon eigene Entscheidungen faellen kann.
[...]
Gekürzt. Bitte achten Sie auf einen respektvollen Umgang mit anderen Diskussionsteilnehmern und vermeiden Sie persönliche Angriffe und Unterstellungen. Die Redaktion/cs
... muss Mann als potentieller Täter herhalten.
Zitat:
Kanadische Sexualforscher haben experimentell nachgewiesen, dass ganz normale Männer durchgängig durch Fotos vorpubertärer Mädchen sexuell erregt werden.
Solche Aussagen/Studien sind doch kompletter Schwachsinn.
Ansonsten aber ein interessantes Interview.
meinen Kommentar überhaupt gelesen? Ich wollte den ersten Kommentator nur darauf hinweisen, dass die "minderjährigen Gespielinnen der Klassik" eben nicht unbedingt in die von ihm verkündete "biologische Normalität" fallen, sondern teilweise durchaus noch als Kinder (zumindest aus heutiger Sicht) betrachtet werden können.
Im übrigen sind Ihre Definitionen auch nur starre Konstrukte mit denen etwas zu fassen versucht wird, das in der Grauzone der Individualität jedesmal anders aussehen kann und zudem - ich sprach ja über Fälle des 18. und 19. Jahrhunderts - nicht einfach aus der heutigen Gesellschaft in eine frühere übertragen werden kann.
Aber danke, dass Sie mir wieder einmal vor Augen führten warum man sich jegliche Diskussionen im ZEIT-Forum sparen sollte.
.. Benedikt und dem Vatikan mal ein paar Exemplare Sigusch Literatur zu schicken, damit sie ihre 'Mannschaft' besser verstehen lernen!
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren