Die ZEIT: Sie werden als unabhängige Musliminnen an der neuen Runde der Islamkonferenz teilnehmen. Finden Sie es schwer, als muslimische Frau in Deutschland zu leben?

Sineb el Masrar: Für eine Muslimin, die wie ich kein Kopftuch trägt, ist es auf den ersten Blick nicht schwierig. Allerdings kommt immer wieder der Punkt, wo man merkt, dass man anders ist. Für viele beginnt das in der Schule, wo man als muslimische Schülerin mit der Erwartung konfrontiert wird, dass man nicht für das Gymnasium, sondern nur für die Hauptschule geeignet sei. Das höre ich von den Lesern meiner Zeitschrift immer wieder. Auch später bei der Berufssuche hat man es manchmal schwerer. Als ich mich einmal für eine Stelle als Speditionskauffrau bewarb, fragte mich der Chef, ob ich auch keinen Ärger bringen würde.

ZEIT: Was für Ärger?

El Masrar: Er fürchtete wohl, dass demnächst Väter oder Brüder in der Bürotür stehen würden.

Hamideh Mohagheghi: Ich trage das Kopftuch und habe persönlich – bis auf neugierige Blicke natürlich – noch niemals wirkliche Schwierigkeiten gehabt. Einmal wurde ich auf der Überfahrt nach Amrum von einer Frau angesprochen. Die konnte sich wahrscheinlich nicht vorstellen, dass eine muslimische Frau mit Kopftuch auf einer Nordseeinsel Urlaub macht. Aus meiner Beratungsarbeit mit muslimischen Frauen weiß ich jedoch, dass es Diskriminierungserlebnisse zuhauf gibt.

Armina Omerika: Die erste Wahrnehmung, dass mit dem Islam irgendetwas scheinbar nicht stimmt, machte ich, als ich 1991 aus Bosnien-Herzegowina nach Deutschland kam. Da wurde ich in der Schule gefragt, ob ich bereits versprochen sei. Ich habe die Frage gar nicht verstanden, weil ich vom Konzept der arrangierten Ehen noch niemals gehört hatte.

El Masrar: Bei mir war es die Debatte um den Ehrenmord in den deutschen Medien. Da mir das völlig unbekannt war und ich keine Türken kannte, war der erste Gedanke, auch unter marokkostämmigen Muslimen: Mein Gott, diese hinterwäldlerischen Türken! Viele von uns haben ihre muslimische Identität erst durch die öffentlichen Debatten und endgültig nach dem 11. September entdeckt. Schließlich ist das Islambild schon seit der Revolution im Iran oder Entführungsgeschichten wie Betty Mahmoudis Nicht ohne meine Tochter negativ besetzt. Da fragten sich viele Muslime: Gehöre ich tatsächlich einer so brutalen Religion an?

ZEIT: Die Debatte hat Sie also islamisiert?

El Masrar: Gerade für viele junge Leute gilt das ganz sicher. Sie fühlen sich heute zuerst als Muslim und dann als Türke oder Deutscher. Es ist die aus der gefühlten Ablehnung entstehende Sehnsucht nach der großen Gemeinschaft, der man angehören will und die man verteidigen muss.

ZEIT: Sind Muslime schnell beleidigt?

Mohagheghi: Ja!

El Masrar:(nickt) Manchmal ja.

Armina Omerika: Wir Muslime glauben uns immer rechtfertigen zu müssen. Doch statt berechtigte Kritik zu diskutieren oder auch mit inhaltlichen Debatten auf unberechtigte Kritiken zu antworten, wird sie oft pauschal abgewehrt mit dem Argument, das habe alles nichts mit dem Islam zu tun. Egal, ob es sich um Gewalt handelt oder um Zwangsheiraten. Gleichzeitig idealisiert man die eigene Religion und verklärt die Geschichte. Da heißt es dann: Wie harmonisch lebten doch damals alle Religionen in Andalusien unter muslimischer Herrschaft zusammen. Oder man beschwört die islamische Wissenschaft des Mittelalters. Dabei sollte man sich fragen, warum die islamischen Länder heute wissenschaftlich keine Rolle spielen.

Mohagheghi: Uns fehlt eine Debattenkultur…