Manche Geschichten gehen so: Sitzen drei Männer an der Bar. Langeweile. Einer ruft laut: "Ich brauch jetzt was Scharfes!" Notstand. Geistesblitz. Einer kippt dem anderen Chili in die Cola, fertig ist der Werbespot für den Szenedrink Cola Rebell aus Hamburg.

Gut, etwas plump. Zu betont lässig. Doch wer eine Brause erfindet, muss auf jeden Fall lässig wirken. Limonade ist ein Lebensgefühl, das will verkauft werden. Wegen des Inhalts würde sie wohl kaum jemand trinken.

Limonade ist billig und einfach herzustellen: zusammenschütten, umrühren, abfüllen, fertig. Das Konzentrat kostet etwa zwei Cent, Zucker, Wasser, Kohlen-, Zitronensäure kosten ungefähr drei Cent pro Flasche. Gar nichts also, quasi. Man kann damit aber viel Geld verdienen.

Seit einem Jahr zum Beispiel ist Wostok auf dem Markt, das heißt auf Russisch Osten, steht aber hier für eine neue Kräuterlimonade aus Kreuzberg. Der Hersteller ist bereits aus den roten Zahlen heraus, die Limo wird inzwischen in 230 Bars ausgeschenkt, nicht nur in Berlin, auch in Köln, Hamburg, Frankfurt, München und im Schwäbischen.

Der Gast zahlt dafür zwei bis drei Euro, der Wirt macht dann den größten Gewinn von allen, lässt dem Händler aber immerhin noch 65 Cent. Auch der behält etwas ein, aber 44 Cent gehen an die "Hauptzentrale der Brause", wie man bei dem Unternehmen erfährt, das sich beim näheren Hinsehen als die Baikal GmbH outet, noch einfacher ausgedrückt: die Brausemacher. Dort bezahlt man nochmal 13 Cent für den Transport, zehn für das Abfüllen in einer Apfelwein-Kelterei im hessischen Butzbach. Am Ende bleiben von jeder Flasche 21 Cent Gewinn.

Das ganz große Geld ist das noch nicht, das muss man zugeben. Wer wie Joris van Velzen, Eigentümer der Baikal GmbH, jeden Monat 15.000 Flaschen Wostok ausliefert, verdient 3150 Euro. Nicht genug, sagt er, um von der Taigabrause zu leben, dem "Getränkeabenteuer", seinem "Kunstprojekt".

Aber es geht ja auch gerade erst los. Bisher arbeitete der 41-jährige Niederländer als Fotograf. 19 Jahre lang hat er in Moskau gelebt. Als sein Sohn in die Schule kam, zog er mit der Familie vor zwei Jahren nach Berlin. Als Aufträge ausblieben, dachte van Velzen in einer Kneipe daran, was er auf Reportagen in Häfen, Fabriken und Bahnhofskiosken gern getrunken hatte, Baikal, eine russische Volksbrause mit Tannenaroma.

1973 hatte sie Galina Leontjewna am sowjetischen Staatsinstitut für nichtalkoholische Getränke, Bierbraukunst und Weinbau der Akademie für Landwirtschaft der UdSSR entwickelt – als Antwort auf Coca-Cola und Pepsi. Vom ehemaligen Leiter besorgte sich der Niederländer das Rezept und vergaß es gleich wieder. "Die Russen mögen alles knallsüß", sagt van Velzen, und überhaupt ließ er bei Döhler in Darmstadt, einem der weltweit führenden Konzentrathersteller, sein eigenes Wald- Aroma entwickeln.

Weniger Zucker, auch kein Johanniskraut, drin sind nun Taigawurzel, Kardamom, Tee, Eukalyptus und Fichtennadelöl. "Beim Aufstoßen kommt die Fichte vor", sagt van Velzen.

Was nach Badewasser klingt, schmeckt besser als erwartet, frisch, würzig. Auch Red Bull erinnert schließlich an aufgelöste Gummibärchen, setzte aber 2008 noch 3,3 Milliarden Euro um. Fast ein Drittel davon fließt in die Werbung, die Pflege des Images: frech, selbstironisch, polarisierend. Auf sie kommt es wirklich an. Van Velzen macht es ähnlich wie die bei Red Bull. Von Werbung versteht er etwas, in Moskau hatte er eine eigene Agentur.

Das Etikett seiner cognacfarbenen Brause zeigt eine Kolchosebäuerin im Retro-Stil, ein kommunistisches Rotbäckchen für Erwachsene, und auf www.tannenwald.de kann man sich "Propagandafilme" anschauen, einen absurden Mix aus Eisenstein (Panzerkreuzer Potemkin) und Riefenstahl. Fröhliche Bauern feiern Baikal-Brause und eine Zeit, als "Liebe und Freude noch unbegrenzt" waren.