Neandertalergenom Die Formel Sapiens

Von Menschen und Neandertalern: Forscher entdecken in den Genen Spuren einer gemeinsamen Vergangenheit. Unterschiede aber zeigen, was unsere Spezies so einzigartig macht.

Viel ist nicht geblieben. Aus dem Mittelpunkt des Universums verjagt, dann vom Thron der Schöpfung gestoßen. Der Mensch, eine Existenz ohne Sinn und Bestimmung. Voll seelenloser Tristesse zeichnen die Befunde der Wissenschaft die Stellung des Menschen in der Natur – ein harter Gegenschnitt zum abendländischen Menschenbild. In der vergangenen Woche bekam das Bild des Menschen einen weiteren Makel: Homo sapiens hat sich noch in jüngerer Vergangenheit mit »niederen« Verwandten gepaart, verkündeten internationale Wissenschaftler in der Zeitschrift Science. Auf zwölf Druckseiten, für das Magazin ungewöhnlich üppig, präsentierte das 56-köpfige Team um den Paläogenetiker Svante Pääbo vom Leipziger Max-Planck-Institut (MPI) für Evolutionäre Anthropologie den ersten Report zur Entzifferung des Neandertaler-Genoms – und wartete mit einer spektakulären Botschaft auf . »Menschen hatten Sex mit Neandertalern«, verkündeten Tagesschau und heute-journal bereits am Donnerstagabend. Tags darauf war die Nachricht von der humanen Promiskuität in allen Tageszeitungen zu lesen.

»Gratulation an die Jungs, ein außerordentlicher Befund«, urteilt der britische Anthropologe Paul Mellars von der Cambridge University . »Das bedeutet, Menschen und Neandertaler gehörten ein und derselben Spezies an.« Die Menschheit ist demnach nichts weiter als die letzte überlebende Population der Sippe Homo – eine von vielen, die lange Zeit vor und mit ihr existierten. Bis zu vier Prozent des menschlichen Erbmaterials stammten nach den bisherigen Befunden aus dem Genbestand der ausgestorbenen Frühmenschen, rechnen die Forscher vor. Man habe gezeigt, dass Mischlinge zwischen beiden Menschengruppen biologisch möglich waren, versichert Pääbo: »Es konnte passieren, und es ist tatsächlich passiert.«

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Die Wiedergeburt

Ist eine Auferstehung der Neandertaler in Fleisch und Blut bloß Science-Fiction? Ethische Bedenken einmal beiseite gelassen: Es ist durchaus denkbar, sie durch Klonen wieder ins Leben zurückzubringen. Zwar sind ihre Erbmoleküle physisch für immer verloren, die Rekonstruktion ihres Genoms besteht nur aus einer gewaltigen Menge digitaler Informationen in einer Computerdatenbank.

Genome engineering

Gleichwohl wäre es möglich, wenn auch derzeit sehr aufwendig, menschliche Zellen im Labor nach und nach mit den genetischen Neandertalermerkmalen aus dieser Datenbank zu versehen. Für dieses Genome engineering existieren seit Kurzem sehr effiziente Methoden, mit denen künstlich synthetisierte Neandertalergene jeweils gegen ihre menschlichen Pendants ausgetauscht werden können. Neandertalerzellen werden also bald sehr wahrscheinlich in den Laboren wachsen können.

Dann wäre es auch möglich, solche Zellen in pluripotente Stammzellen umzuwandeln, aus denen man verschiedene Gewebetypen züchten kann. Nerven-, Leber- oder Muskelzellen von Neandertalern ließen sich dann auf ihre Eigenschaften untersuchen.

Spermien

Um aber einen lebenden Neandertaler zu klonen, müssten auch Spermien und Eizellen aus diesen Zellen zu gewinnen sein. Das funktioniert bislang noch nicht. Allerdings werden Labormäuse heute längst routinemäßig aus Stammzellen hergestellt. Auf diese Weise ließen sich vielleicht auch Neandertalerstammzellen direkt in einen Embryo verwandeln, wie das bei Labormäusen längst Praxis ist. Ob dieses Verfahren auch bei Primaten erfolgreich eingesetzt werden kann, ist allerdings offen.

Leihmutter

Wenn es in prähistorischer Zeit wirklich Mischlinge zwischen Mensch und Neandertaler gab, dürften weibliche Anatomie und Stoffwechsel das Austragen eines geklonten Neandertalerfötus wohl erlauben. Die Frage ist allerdings: Welche Frau würde sich als Leihmutter zur Verfügung stellen? Und wenn das Kind groß ist, bekommt es dann Bürgerrechte?

In der Aufregung um die steinzeitlichen Mesalliancen – sex sells – ging die weitaus brisantere Nachricht beinahe unter. Ziel des seit 2006 vorangetriebenen Forschungsfeldzugs war es nie, etwaige Beiträge des Vorzeitlers zum genetischen Erbe der Menschheit zu beleuchten. Sein Genom wurde nicht durchbuchstabiert, um festzustellen, ob er rothaarig und blasshäutig war (wahrscheinlich) oder sprachbegabt (eher unklar) – es ist Mittel zum Zweck: Die Rekonstruktion des Neandertalers dient der Dekonstruktion des menschlichen Geistes.

Die Neandertaler repräsentierten eine fremde Intelligenz

Kein Wesen in der bekannten Evolutionsgeschichte war dem Menschen so ähnlich wie diese frühen Europäer, und dennoch waren sie ihm an Schöpfergeist ganz offenbar unterlegen. »Die Neandertaler waren keine Aliens«, sagt der Harvard-Forscher George Church , »doch sie repräsentierten eine fremde Intelligenz.« Was genau also fehlte ihnen, und was hat der Mensch ihnen voraus? Welche besondere Raffinesse liegt der conditio humana zugrunde, der menschlichen Natur?

In der belebten Natur ist das Menschenhirn eine überlegene Macht. Sein Denken reicht zum Anfang des Universums, in fernste Galaxien und hinein in die nur noch mathematisch fassbaren Bausteine der Materie. Gescheitert ist es bislang nur an der größten Herausforderung – an sich selbst. Kann die Geistmaschine sich selbst verstehen? Mit dem lang erwarteten Forschungsbericht der Paläogenetiker ist ein weiterer Pfad ins Zentrum des Mysteriums freigelegt, ein weiterer Schritt getan, um die Frage zu beantworten: Was genau macht die überlegene menschliche Kognition aus?

Leser-Kommentare
  1. 1. Heute

    Würde er heute auftauchen(lebend), die Pharmazeutische Industrie würde ihn sich greifen .

  2. Zitat ZEIT:
    "Die Rekonstruktion des Neandertalers dient der Dekonstruktion des menschlichen Geistes."

    Zitat LINK "Leihmutter":
    "Wenn es in prähistorischer Zeit wirklich Mischlinge zwischen Mensch und Neandertaler gab, dürften weibliche Anatomie und Stoffwechsel das Austragen eines geklonten Neandertalerfötus wohl erlauben. Die Frage ist allerdings: Welche Frau würde sich als LEIHMUTTER zur Verfügung stellen? Und wenn das Kind groß ist, bekommt es dann Bürgerrechte?"

    Zitat LUCY:
    "Das Forschungsziel der Rekonstruktion des Neandertalers zeigt die Perversion des männlichen Geistes":
    Machbarkeitswahn um jeden Preis!

    Fazit:
    Das "Neandertaler-Genom" scheint offenbar stark aktiviert, was hier an seinem geistigen Niederschlag mühelos zu entziffern ist.
    Oder ist die „Hirnsteuerung“ außer Kontrolle geraten???

    Jedenfalls erübrigt damit so wohl die "Leihmutter-Frage"
    - als auch die Frage nach den „Bürgerrechten“,
    die die Fragesteller bereits von Kindesbeinen an besitzen.

  3. "Der Inhalt des Denkens wirkt zurück auf die biologische Maschine, die das Denken erzeugt"

    Das macht allerdings Sinn: Die singuläre geistige Überlegenheit des Menschen könnte also eine Art von Resonanzzustand sein.

    Wenn man die Parameter eines Systems, also zum Beispiel die Windgeschwindigkeit in dem berühmten Film mit der einstürzenden Brücke, nur leicht ändert, kann man ja bekanntlich dramatisch unterschiedliche Ergebnisse erhalten.

    So kann also aus dem selben Ur-Hominiden ein Schimpanse oder ein Mensch werden.

  4. Wenn ich das richtig in Erinnerung habe, ist man bisher davon ausgegangen, dass es zu keiner Vermischung mit den Neandertalern kam, weil sich die Mitochondrien zu sehr unterschieden. Ist dieser ehemalige Befund mit vielen Unsicherheiten verbunden, oder wie kann es jetzt zu der gegenteiligen Einschätzung gekommen sein?
    Oder kann ich jetzt davon ausgehen, dass nur Nachfahren zwischen homo sapiens-Frauen und homo neandertalis-Männern entstanden sind, da Mitochondrien nur von der Mutter vererbt werden?
    Auch entzieht es sich etwas meinem Verständnis, wie man zu einer Prozentzahl von 4 kommt bezüglich der Menge an Genvermächtnis von den Neandertalern. Man liest ja oft in der Presse, dass selbst Mäuse eine Genübereinstimmung von über 90% mit uns Menschen haben, Neandertaler dementsprechen vermutlich über 99%? Wieviel Genvarianz gibt es denn innerhalb der heute lebenden Menschen? Wie stark unterscheiden sich nach wie vor Europäer und Asiaten (und dann wohl auch die Ureinwohner Amerikas, Ozeaniens und Australien) von Neandertalern?
    Und die ersten Nachfahren, hatten die dann 50% Neandertaler-Gene in sich? Und die haben sich dann nach und nach auf 4% verwässert?

    Wär toll, wenn jmd zumindest Teilweise meinen Wissensdurst stillen kann - ich freu mich auf Antworten!

  5. Zitat: "Ein erster Erbgutvergleich ergab bereits: Die Wesen waren weder Menschen noch Neandertaler."

    Während der Autor viel zu viel in die Gen-Unterschiede ("überlegenes Gehirn") interpretiert und zudem noch eine neue Demütigung der Menschheit sehen will, kommt er auf eine Kleinigkeit jedoch gar nicht zu sprechen. Menschen und Neandertal-Menschen konnten, zumindest in einem gewissen Stadium/während einer Zeitspanne, fortpflanzungsfähige Nachkommen zeugen. Beide waren Menschen. Während dieser Zeit gehörten sie nach unserer Interpretation auch der selben Art an. Eine Unterscheidung zu "niederen" Verwandten sollte hier _nicht_ herausgestellt werden. Da bringt es auch nichts das diskriminierende Wort in Anführungszeichen zu setzen.
    Glücklicherweise hat der Autor darauf verzichtet herauszustellen, dass die Afrikaner (zwei Individuen(!!)) einen Entwicklungsschritt nicht mitgemacht haben und deshalb keine Menschen wären, sondern Afrikaner.

    • LP
    • 12.05.2010 um 6:02 Uhr

    ...die man durch befruchten einer Elefanten-Eizelle mit künstlicher Mammut DNA wieder zum Leben erweckt.

    Der Neandertaler hingegen müsste sich allein durch gezielte Rückzüchtung sehr leicht wieder herstellen lassen.

    Ähnlich wie die Gebrüder Heck –die glaubten durch die Kreuzung unterschiedlichster Rinderrassen die "versprengten Gene" des Auerochsen wieder "zusammenführen zu können"– müssten bloß immer wieder Menschen mit besonders hohem Anteil an Neandertaler DNA miteinander verkuppelt werden. So würden nach und nach Wesen entstehen, welche uns zumindest einen ersten Eindruck von Antlitz des Neandertaler vermitteln könnten.
    ...und mit denen wir dann zum Beispiel ne runde Schach spielen könnten oder xBox.

  6. Wenn die nationaldeppen durch die Straßen ziehen, mit haßverzerrten Visagen "Doitschland" völkisch umbauen wollen und das was sie für "Ausländer" halten abschieben möchten und krankenhausreif prügeln und (seit 1990 bereits 149 mal) totschlagen spürten wir schon lange vor den wissenschaftlichen beweisen, daß DA noch viele neandertalergene schlummern ...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    manche aussagen in diesem forum spiegeln nur wieder, was bisher als tatsache galt. homo sapiens ist einzigartig und allen überlegen. natürlich muss der neanderthaler schlicht dumm gewesen sein, deshalb auch gleich der nazivergleich.
    wie war das nochmal mit den später geborenen besserwissern? schöne verharmlosung des problems übrigens.
    aber anstatt sich überaus spannenden wissenschaftlichen erkenntnissen zu erfreuen, muss natürlich alles sofort wieder in den dreck gezogen werden.

    manche aussagen in diesem forum spiegeln nur wieder, was bisher als tatsache galt. homo sapiens ist einzigartig und allen überlegen. natürlich muss der neanderthaler schlicht dumm gewesen sein, deshalb auch gleich der nazivergleich.
    wie war das nochmal mit den später geborenen besserwissern? schöne verharmlosung des problems übrigens.
    aber anstatt sich überaus spannenden wissenschaftlichen erkenntnissen zu erfreuen, muss natürlich alles sofort wieder in den dreck gezogen werden.

  7. manche aussagen in diesem forum spiegeln nur wieder, was bisher als tatsache galt. homo sapiens ist einzigartig und allen überlegen. natürlich muss der neanderthaler schlicht dumm gewesen sein, deshalb auch gleich der nazivergleich.
    wie war das nochmal mit den später geborenen besserwissern? schöne verharmlosung des problems übrigens.
    aber anstatt sich überaus spannenden wissenschaftlichen erkenntnissen zu erfreuen, muss natürlich alles sofort wieder in den dreck gezogen werden.

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