Die Ölplattform Development Driller III im Golf von Mexiko © Gerald Herbert-pool/Getty Images

Es fing alles mal recht harmlos an, damals, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg am Golf von Mexiko. 17 Kilometer entfernt von der Küste Louisianas brauchte die amerikanische Firma Kerr-McGee nur 4,60 Meter tief in die Erde zu bohren, um zum Öl vorzudringen, so beschrieb es vor einigen Monaten der Economist .

4,60 Meter. Das war Bohren auf Sicht. In den Jahrzehnten danach steigerte die Branche sich zunächst langsam, in den neunziger Jahren war man, gemessen von der Wasseroberfläche, in knapp einem Kilometer Tiefe angelangt. Dann ging es immer schneller noch viel tiefer: Mittlerweile liegt die Höchstmarke bei drei Kilometern, vermutlich werden es bald vier sein. Das ist Bohren ohne Sicht, in absoluter Finsternis.

Spätestens seit der Explosion auf der Deepwater Horizon- Plattform von BP vor drei Wochen und den bis dato erfolglosen Versuchen, das Loch zu schließen, ist klar, was das eigentlich heißt – diese Tiefe und die Naturgewalten, die da unten kaum noch zu beherrschen sind. Das Öl sprudelt ungehindert ins Ökosystem Meer . 700.000 Liter am Tag. Die ersten vergifteten Wellen haben vergangene Woche die Küste erreicht. Ölmultis wie BP und Shell gehen offenbar Risiken ein, die kaum noch kontrollierbar sind. Sie tun es trotzdem, weil es sich lohnt.

Jedes Jahr verbraucht die Menschheit so viel Öl, wie in einer Million Jahre entstanden ist. Sie ist geradezu süchtig nach Öl – wie ein Alkoholiker, der nicht loskommt von dem Stoff, der Körper und Geist zerstört. Trotz Leberschaden verwüstet er auf der Suche nach dem letzten Tropfen lieber die eigene Wohnung, als auf Entzug zu gehen.

Die Energieindustrie arbeite im Meer sicher an den Grenzen der Geologie, Geografie und Technologie, räumte BP-Chef Tony Hayward nach der Katastrophe gegenüber dem Spiegel ein. Um im gleichen Atemzug klarzustellen, dass diese Grenzen überwindbar seien: Die Unfallstatistik sei bis zu der Explosion sehr positiv gewesen. Für Hayward steht daher "außer Frage, dass Tiefseebohrungen sehr sorgsam fortgeführt werden können".

Alles andere hätte auch verwundert. Zwar lagern immer noch riesige Reserven an Land: Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe schätzt, dass es etwa 74 Prozent der gesamten 157 Milliarden Tonnen sind – wobei es sich bei den Reserven nur um die sicher gewinnbaren Erdölvorräte handelt.

Aber das meiste davon lagert im Boden der Opec-Staaten des Nahen Ostens – und die lassen die privaten Ölmultis kaum noch zum Fördern ins Land. Zugriff auf die Welt-Ölreserven haben derzeit zu 80 Prozent staatliche Unternehmen. "Die Länder, die das billige Öl haben, machen es lieber selbst", sagt Klaus Matthies vom Hamburger Weltwirtschaftsinstitut.

Und so sind die BPs und Shells fast gezwungen, auf hoher See ihr Geschäft zu suchen. Das Festland ist vermessen und durchleuchtet, auf dem Meeresboden hat das große Schürfen gerade erst begonnen. Zwei Drittel aller zwischen 2003 und 2008 entdeckten Ölquellen sind fern der Küstengewässer geortet worden, offshore . Die Hälfte aller Neuentdeckungen liegt nicht nur im Wasser, sondern im tiefen Wasser, tausend Meter und mehr unter der Meeresoberfläche.

"Offshore ist die Zukunft", sagt Diplom-Geologe Hilmar Rempel von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe. Und wenig deutet darauf hin, dass selbst ein Unfall mit unabsehbaren Folgen wie jener der Deepwater Horizon daran viel ändern kann. "Die Suche wird weitergehen, wenn auch mit größeren Sicherheits- und Schutzmaßnahmen", glaubt der Experte. "Aber die höheren Kosten können die steinreichen Unternehmen leicht verkraften."

Vorerst hat US-Präsident Barack Obama allerdings dafür gesorgt, dass weite Teile der amerikanischen Gewässer für die Ölindustrie wieder tabu sind. Er erneuerte das Fördermoratorium, das er vor wenigen Wochen selbst aufgehoben hatte. Die Lockerung war Teil eines Deals gewesen, mit dem sich Obama die Zustimmung der Republikaner zum umkämpften Klimaschutzgesetz erkaufen wollte.

Bis zur Aufklärung der Unfallursachen soll es nun beim Förderverbot bleiben – oder bis die öffentliche Aufregung sich gelegt hat. Dabei kann die Förderung in den Tabuzonen selbst nach Expertenauskunft kaum etwas auf dem US-Ölmarkt bewegen. Bliebe es bei den Beschränkungen, wäre die tägliche Förderung nach Auskunft des US-Energieministeriums im Jahr 2020 gerade einmal um 4,2 Prozent niedriger als im Referenzfall ohne limitierten Zugang; der Preis pro Fass (à 159 Liter) betrüge 115,56 Dollar statt 115,45 Dollar. Im Jahr 2030 läge der Preisunterschied bei 1,33 Dollar. Pro Liter sind das weniger als ein US-Cent.