SchulpolitikBildungsfern

Die Union macht keine Schulpolitik mehr. Dafür wird sie bei Landtagswahlen bestraft – zu Recht. von 

Vor zehn Jahren wäre die Frage noch undenkbar gewesen. Jetzt, nach den Wahlen in Nordrhein-Westfalen, muss sie gestellt werden: Gibt es eigentlich eine Bildungspolitik der CDU/CSU?

Die erstaunliche Antwort: Die Union hat sich aus der Bildungspolitik verabschiedet.

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Erstaunlich deshalb, weil die Union vor knapp zehn Jahren ihren größten bildungspolitischen Triumph feierte: den Erfolg der von ihr regierten Bundesländer in der Pisa-Studie. Bayern und Baden-Württemberg lagen mit den Leistungen ihrer Schüler nicht nur klar vor Hessen und Nordrhein-Westfalen, den Experimentierfeldern der SPD-Schulpolitik. Die Union hatte die SPD auch in deren Lieblingsdisziplin geschlagen – in der Gerechtigkeit. Im unionsdominierten Süden kamen die Arbeiter- und Einwandererkinder zu besseren Ergebnissen als in den Stammlanden der Sozialdemokratie.

Erstaunlich ist der Abschied der Union von der Bildungspolitik auch, wenn man an die Schwergewichte denkt, die dieses Politikfeld früher für die Partei besetzten: Hans Maier und Hans Zehetmair etwa oder die jüngst verstorbene Hanna-Renate Laurien. Und heute? Besitzen gerade einmal vier von sechzehn Kultusministern ein CDU-Parteibuch – und kaum jemand kennt ihre Namen. Bezeichnende Pointe: Mit Jan-Hendrik Olbertz, Kultusminister in Sachsen-Anhalt, koordinierte bislang ein Parteiloser die unionsgeführten Länder in der Kultusministerkonferenz. Jetzt wechselt Olbertz an die Spitze der Berliner Humboldt-Universität.

Die einzige bekannte CDU-Bildungsministerin ist die Bundesministerin Annette Schavan. Doch sie hat an den Schulen nichts zu melden, weil die Ländersache sind.

Die personelle Auszehrung der CDU/CSU-Bildungspolitik ist nicht ihr einziges Problem. Sie hat auch inhaltlich nichts mehr zu bieten. Im CDU-Programm finden sich die gleichen Floskeln, wie man sie auch von der SPD kennt, zum Beispiel: Die soziale Herkunft eines Menschen dürfe nicht über seine Zukunft entscheiden. Bildung müsse schon im Kindergarten anfangen, die Abiturientenzahlen sollten ausgeweitet werden.

Das ist nicht zu kritisieren. Wenn die CDU die Betreuung von Kindern im Kindergarten nicht mehr als Angriff auf die Familie verteufelt, ist es sogar zu begrüßen. Aber es fehlt eine eigene Handschrift. Und in einigen Bundesländern hat die CDU die Schulpolitik sogar bewusst beim Koalitionspartner entsorgt: In Schleswig-Holstein bei der FDP, in Thüringen bei der SPD, in Hamburg und im Saarland bei den Grünen. Dass aus Gründen des Machterhalts immer die Bildungspolitik geopfert wird, lässt sich nicht mehr als Zufall deuten.

Dass es so weit kommen konnte, dass die Union ohne Not ein derart zentrales Politikfeld geräumt hat, hat mehrere Gründe: der Abgang der großen Bildungspolitiker wurde nicht kompensiert; Schulpolitik ist Ländersache, und in den Ländern fehlt es besonders an fähigem Politiknachwuchs. Zudem kann man mit Schulpolitik Wahlen nicht gewinnen, wohl aber verlieren. Sie braucht Überzeugungstäter, die zunehmend von Technokraten abgelöst wurden. Und auf Bundesebene fehlte eine Stimme, die – wie Ursula von der Leyen in der Familienpolitik – ohne Rücksicht auf Zuständigkeiten das Thema Bildung besetzt hätte.

Es wäre fatal, wenn die ehedem erfolgreichste Bildungspartei Deutschlands nicht wieder mit Macht (und guten Leuten) aufs Feld der Schulpolitik zurückkehrte. Fatal für die Partei, weil sie die Eltern und Lehrer abstieße. Und fatal für die Schulen, weil ihnen die Aufmerksamkeit einer Volkspartei abhanden käme.

Leserkommentare
    • Buh
    • 11. Mai 2010 15:27 Uhr

    ...partaiische Journalisten. NRW ein experementierfeld? Wissen sie auch warum Bayern vorn liegt? Weil sie knallhart selektieren! Weil nur ein Elitärer Haufen überhaupt so weit kommt. Der rest kann sehen wo er bleibt. Wenn man sich aber gesellschaftlich verantwortlich in Punkto schulpolitik zeigen will,m muss man die breite Masse der schüler erreichen und dann auch Mittelmäßigkeit im Schnitt zulassen. In NRW wird nun hoffentlich eine durchdringende Schulreform erfolgen. Bayern wird immernoch besser abschneiden. Aber darüber lachen Menschen wie ich, mit einem Durchnits Abi und einem druchschnitts Hochschulstudium.

    Von daher ist dei CDU Schulpolitik seit jeher elitär und ungerecht. Sie selekteirt die Kinder nach Herkunft und Vermögen. Sie hällt an ein System fest, aus Kaiser Wilhelms Zeiten. Und das wird sie auch weiterhin tun, weil sie nich tzugeben will, dass Gesamtschulen wie in Nordeuropa, immernoch am besten funktionieren. Aber das wäre ja zu Menschenfreundlich, zu viel Nächstenliebe, zu viel Gerechtigkeit und Gemeinsamkeit, eben zuwenig Christlich zu wenig konservativ und zu wenig CDU.

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    • gauss
    • 11. Mai 2010 21:22 Uhr

    Beim besten Willen, eine Schulform, wie das Gymnasium, auf das 60% der Schüler gehen, soll elitär sein? Das Mantra von der Schulform: es gibt keinen Beweis dafür, dass dieses Attribut für sich stehend "gute" oder "schlechte" Schule ausmacht. Wenn Sie die finnische Gesellschaft mit der deutschen vergleichen, dann ist das sehr schräg. Nehmen Sie lieber Dänemark und Schweden. Schweden liegt sogar deutlich hinter unseren Ergebnissen. Aber eins fällt in beiden Ländern auf, es wird mehr Geld in die Bildung investiert. Das merkt man schon, wenn man in Dänemark eine Schule betritt.
    In Hamburg wird ja gerade mal wieder über die Schulform debattiert. Es soll ja um soziale Gerechtigkeit gehen und dass Migranten bessere Chancen haben. Ich bin sehr dafür! Aber die Methoden dies zu erreichen sind gänzlich andere. Denn was an der Schulreform an Geld verwendet werden muss, wird z.B. durch die Einsparung der Vorschulen wieder gespart. Oder bei der Hort-Betreuung. Viel wichtiger wäre, dass gerade die Migranten-Kinder, deren Umfeld als problematisch eingestuft wird, in die Kita gehen, ab dem ersten Lebensjahr. Entsprechend sprachlich und auch sozial gefördert werden. Aber mit der Prämie für die Betreuung zu Hause und höhere Kita-Gebühren wird das wohl kaum gelingen. Gute Schulförderung kann man doch auch im dreigleidrigen System machen. Wir haben dieses System nun einmal, wir sollten das beste drauß machen. Und wenn man schon reformiert, dann einmal, aber der Föderalismus läßt das nicht zu.

    "Wissen sie auch warum Bayern vorn liegt?"

    Weil man dort lange Zeit die Schulen nicht überzogen hat mit einer Aufeinanderfolge von einer nach der anderen jagenden Reform. Der Lehrer durfte dort lange Zeit das tun, was seines Amtes ist und war: unterrichten. Der Schüler wurde dort lange Zeit dazu angehalten, das zu tun, was von einem Schüler erwartet werden sollte: Wissen zu erwerben und zu lernen.

    In Bundesländern wie z.B. NRW, Hamburg und Berlin stellten sich die hier zwei geschilderten, eher einfach zu formulierenden Vorgänge - nämlich unterrichten und lernen - auf der Zeitachse als alles Mögliche und Verschiedene, nämlich als andauernd zu verändernde bzw. sich verändernde und als andauernd zu reformierende Aufgaben der Schule, des Lehres, des Schülers dar

    Für diese eher nördlich lokalisierbaren Bundesländer galten und gelten
    Schüler und Lehrer als bedenkenlos genutztes Permanenz-Reform-Treibhaus
    universitärer und administrativer, prophetischer, messianischer, und
    (wie sich inzwischen entsetzlicherweise herausgestellt hat)
    päderastischer hochbezahlter 'Schulflüchtlinge',
    deren Hauptleistung
    in der Kunst ihrer euphorischen Rede der Verkündigung von angeblichen Heilsgewissheiten
    und
    in der ohrenbetäubend hinausposaunten und den Schulen aufgezwungenen Verwechslung von Wunsch und Wirklichkeit
    lag und liegt.

    So einfach kann manchmal das Leben sein.

    • Buh
    • 11. Mai 2010 15:31 Uhr

    Und dass sie allen ernstes wagen die migrationspolitik der CSU in Bayern zu loben ist ein Skandal! Das beginnt bereits bei der Asylpolitik, wo die Menschen nicht in eigene Wohnungen ziehen dürfen und schon garnicht den Landstrich verlassen dürfen. Sie werden dann mit einem Haufen fremder in ein kleines Zimmerlein gesperrt in so genannten "Lagern".

    Das bessere Abschneiden der Kinder aus migrantenfamilien kann man auch bestens mit dem selektiven System begründen.

    Was da in Bayern passiert ist ein Skandal!
    http://www.fluechtlingsrat-bayern.de/beitrag/items/csu-und-fdp-setzen-fa...

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    Unverdächtig, Herrn Kerstan zu nahe zu stehen, müsste ich ihn an dieser Stelle eigentlich mal verteidigen. Ist aber, wenn ich's mir recht überlege, tatsächlich nicht nötig, denn der Angriff ist ja nicht mit treffenden Argumenten vorgetragen (Bsp.: An welcher Stelle lobt Herr Kerstan die Migrationspolitik Bayerns? Oder: Pisa testete über alle Schularten hinweg - wie kann man da "den Rest" einfach sehen lassen, wo er bleibt? Etc.).

    Also stattdessen auch von mir ein Hauch von Kritik oder besser: Differenzierung. "Leistung" ist sicherlich in der einen oder anderen Phase der vergangenen Jahrzehnte in den Schulen etwas zu kurz gekommen. Trotzdem ist mir das zu sehr Schlagwort. Ganz unironisch: Leistung muss sich auch lohnen.

    Es ist mir vollkommen unverständlich, dass in Sachsen die Kriterien für den Besuch des Gymnasiums jetzt wieder verschärft worden sind, obwohl sich nach Zugangserleichterung vor einigen Jahren die Quote der Sitzenbleiber bzw. Wechsler vom Gymnasium auf die Mittelschule nicht wesentlich erhöht, die Quote der nachträglichen Wechsler aufs Gymnasium aber deutlich verringert hat. Oder hat sich - von mir unbemerkt - der Kultusminister Wöller in diesem Zusammenhang dahingehend geoutet, dass man mit den Zugangshürden damals auch die Leistungsanforderungen deutlich gesenkt hat?

    (1) Beide Bundesländer sind tatsächlich als ländlich und mittelständig zu charakterisieren. In den Großstädten schnitten die beiden Bundesländer nicht besser als die anderen ab. Im übrigen Bayern und Baden-Württemberg schicken Handwerker ihre Kinder immernoch auf die Realschule, weil man als Maler kein Abitur braucht. Haupt- und Realschule erhalten so durchaus fleißige und gute Schüler mit einem praktischen Ehrgeiz, der mit handfesten beruflichen Zielen verbunden ist.

    (2) Baden-Württemberg und Bayern verfügen auf dem Land seit langem über Gesamtschulen ohne den im Norden üblichen ideologischen Streit. In den 90er Jahren war Baden-Württemberg sogar einmal das Bundesland mit den meisten Gesamtschulen.

    (3) G8 allerdings wurde in allen CDU regierten Ländern heftig versiebt und ein großers Chaos angerichtet. So flüchteten viele Eltern in Bayern, die in der Nähe von Thüringen und Sachsen wohnten, mit der Schulanmeldung ins benachbarte Bundesland. Denn diese Bundeländer verfügen im G8 über jahrzehntelange Erfahrung. Im Westen wurde leider das Rad schlecht neu erfunden, obwohl im Osten der Republik mehr als ausreichende pädagogische und didaktische Erfahrung vorhanden gewesen ist.

    (4) In der Schule dominiert das Prinzip der Selektion und eines falsch verstandenen Leistungsprinzips. Im Ergebnis sinkt die Qualtiät der Ausbildung durch alle Schulformen permanent. Weil das vorherrschende Trennungsprinzip viele Synergie-Effekte des gemeinsamen Lernens vor allem in den kindlichen Altersstufen außer Acht gelassen hat.

  1. Was für eine Überschrift!

    Wenn man Herrn Koch so reden höhrt - wie dumm Herr Koch

    Wenn man Herrn Rüttgers so reden höhrte - wie dumm

    Wenn man Frau Merkel so regieren sieht - wie dumm

    Ja, was haben die nur gelernt?

    Und die FDP beharrt bockig wie ein Pubertierender auf Vergangenes - aus Prinzip schon nichts dazu lernend....

    Schwamm drüber. Es muß sie auch geben, die Bildungsfernen.

    Nur eben nicht zwingend in der Regierung.

    • V0oD0o
    • 11. Mai 2010 16:53 Uhr

    Wenn die unionsgeführten Länder in der PISA-Studie besser abgeschnitten haben als die SPD-geführten, dann ist das noch lange kein Beweis für eine bessere Bildungspolitik von Seiten der CDU. Bildung ist deutlich mehr als ein bisschen Politik.
    Und so ist es genauso gut möglich, dass die Wahlergebnisse auf den gleichen Gründen beruhen wie die PISA-Ergebnisse, also zB eine vermehrten Bildungsferne in klassischen Arbeiterfamilien, wie sie in NRW wohl viel häufiger sind als sonstwo.
    Andersrum könnte es natürlich genauso gut sein, dass die Menschen die SPD wählen, weil sie eher bildungsfern bzw. einfach schlechter ausgebildet sind. ;)
    Aber genug davon. Jedenfalls ist es nur eine Behauptung, die sich anscheinend gar trefflich in die vorgeprägten Meinungen und Denkmuster des Autors eingliedert und deshalb unreflektiert als Wahrheit angenommen und dargestellt wurde.

  2. Zehn Jahre sind seid Pisa vergangen und es ist zwar einiges passiert, zB das Abitur mit 12 Jahren, Zentralabitur, Studiengebuehren, Exellenzinitiative usw.

    Das hat leider alles wenig mit der Bildungsqualitaet unserer Schulen zu tun, hoechstens mit denen der Universitaeten.
    Inzwischen melden sich bis zu 50% aller Kinder beim Gymnasium an und nehmen massenhaft Nachilfe - ein weiterer Schritt zur finanziellen Abhaengigkeit vom Schulerfolg. Eine aehnliche Wirkung hat das Abitur nach 12 Jahren. Ich kann mich in zehn Jahren Bildungspolitik nicht ein ein einziges konkretes Projekt der Politik erinnern, das die Qualitaet der Bildung geziehlt verbessern sollte. Stattdessen gibt es immer wieder "Umordnungsreformen". Die linke Seite der Politik fordert immer wieder die Gesamtschule, als wenn nur die Schulart an sich den Schluessel zum Erfolg bieten wuerde, als wenn die Ausbildung der Lehrer keine Rolle spielen wuerde oder die Art des Unterrichts. Genauso undiffernziert ist die Verteidung des dreiglidrigen Schulsystems mit dem Argument "Jedem, was ihm am besten passt".

    Nicht nur CDU/CSU haben keine Bildungspolitik, auch FDP, SPD und Gruene koennen ausser dem Ruf nach mehr gemeinsamen Unterricht nicht viel beiten. Im Grunde hat keine Partei mehr ein durchdachtes Bildungs-Konzept mehr.
    Und warum?
    Mit Bildungspolitik lassen sich keine Wahlen gewinnen. DIE WAEHLER interessieren sich nicht mehr genug dafuer.
    Warum sollte eine Partei dann noch Energie hineineinstecken?

  3. Gute Bildungspolitik zahlt sich erst langfristig aus und kann auch erst entsprechend traege die Konsequenzen schlechter Bildungspolitik korrigieren.
    Wie lange braucht unserer Gesellschaft noch, um zu begreifen, dass Bildung die Grundvorraussetzung fuer weniger Arbeitslosigkeit im Standortkampf mit den Schwellenlaendern, fuer eine funktionierende Demokratie, fuer funktionierende Integration ist? Muss es erst zum Einbruch des Sozialsystems kommen, zur Massenarbeitslosigkeit, weil Unternehmen immer hoeher qualifizierte Arbeitsplaetze outsourcen?

    Wenn wir heute nicht die Bildung unserer Kinder verbessern, verlieren wir morgen unsere Arbeitsplaetze und uebermorgen unseren Sozialstaat.

  4. an Bildung einer nachfolgenden Generation, die einmal eine Gesellschaft prägen und tragen soll, scheint keine politische Partei mehr interessiert zu sein. - Scheint! - Was sich wirklich tut, weiß ich nicht, aber in SH werden Gelder zurückgezogen, in Hessen soll es auch geschehen, was wird NRW tun? Wenn also Haushaltkonsolidierung als allererstes Kürzung von Geldern für die Bildung ins Auge faßt, dann "Gute Nacht, Marie"!

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