Es wird mir ewig ein Rätsel bleiben, warum Chou Chou lächelt. Sie ist ein hilfloser Säugling und hat Schuhe aus Hartplastik an, die ihr üble Schmerzen bereiten müssen. Sie trägt einen hellgelben Synthetikstrampler mit Bärchen drauf, der wie ihr Name keinen Zweifel an ihrem sozialen Status lässt. Chou Chou wird nicht gewickelt, nicht gefüttert, und ihre Klamotten liegen zum Knäuel geballt in einer in die Ecke gefeuerten Kiste.

Chou Chou ist die Puppe meiner fünfjährigen Tochter. Meine Tochter findet Puppen zum Gähnen, Chou Chou genauso wie deren Freundinnen Baby Born und Baby Annabell. Dass meine Tochter Chou Chou prekariatsmamamäßig links liegen lässt, befördert nicht eben Chou Chous geistige Entwicklung, ihr Lächeln darf man debil nennen. Oder ist es sogar ein bisschen aggressiv, dieses Lächeln, das jede Lebenslage, die nicht zum Lachen ist, ignoriert?

Puppen sollten einen freundlichen Gesichtsausdruck haben, sagt Katharina Schultze, Marketingfrau bei Zapf Creation in Rödental, Bayern. Dort haben sie sich Chou Chou ausgedacht ("frech und farbenfroh"), auch Baby Born ("am beliebtesten bei den Kindern") und Baby Annabell ("bevorzugt von Müttern, die ihre Tochter mädchenhaft erziehen"). Die drei sind die meistverkauften Marken des Landes, 600.000 Puppen aus dem Hause Zapf landen jedes Jahr in deutschen Kinderzimmern.

In Rödental sitzen sie also, die Herrscher der Kulleraugen und Bärchenstrampler. Kulleraugen sind das Wichtigste, sagt die Marketingfrau, der Schlüsselreiz. Lässt man Kinder wählen, entscheiden sie sich für die kullerigsten Augen und für Rosa.

Seit einiger Zeit aber scheinen Kulleraugen und Rosa nicht mehr zu reichen. In den vergangenen Jahren sind Puppen immer mehr das geworden, was die Hersteller lebensecht nennen. Dass Puppen irgendwann lernten, zu sprechen, zu trinken und in die Windel zu machen, war Pipikram. Dann machten die Puppen groß. Sie aßen und schieden aus (wobei man ein wenig aufpassen musste; meine Nichte gab einer ihrer Puppen den Namen Schimmel). Inzwischen haben sie sich bei Zapf eine Chou Chou ausgedacht, die krabbelt, aufsteht und an der Hand ein paar Schritte läuft, einer anderen wachsen Zähne.

Eine Erzieherin aus unserem Kindergarten hat beobachtet, dass Kinder heute viel früher die Lust an Puppen verlieren als früher. Mit fünf sei es bei den meisten schon vorbei. Früher ging das locker bis neun. Die Kinder entwickelten sich heute schneller, vermutet sie. Vielleicht ist auch die Konkurrenz durch technisches Spielzeug zu groß, als dass die Puppen noch eine Chance hätten. Konsequenz: Die Puppen selbst werden immer technischer, und irgendwie haben sie dabei ihre Seele verloren.

Wollen Kinder so was wirklich?

Die Seele, ach. Das Innere einer Puppe von heute ist längst nicht mehr aus Watte. Schneidet man sie auf, stößt man auf ein Gedärm aus mechanischen und elektronischen Bauteilen, Plastikbehältern und Schläuchen. Ein Chou-Chou-Modell, das ausgestattet ist mit einer Lampe unter den Wangen, bekommt rot glühende Fieberbäckchen und wird, sobald es eine Medizin geschluckt hat, wieder blass. 

"Einen Skandal" sieht die Entwicklungspsychologin Insa Fooken im Trend zur Technisierung. Puppen können nämlich in Wahrheit nicht immer mehr, sondern im Gegenteil immer weniger: Je mehr funktional festgelegt werde, desto weniger könnten Kinder kreativ mit ihrer Puppe umgehen, "das Spiel wird immer normierter". Ständig neu auf den Markt geworfene Zubehörartikel nehmen noch das Absurdeste vorweg, was Kinder sich selbst ausdenken könnten: Baby Born hat Schlittschuhe und ein Taucherset. Eines der erfolgreichsten Accessoires von Zapf war ein Cabrio, mit dem Baby Born durch die Gegend brauste, auch der ferngesteuerte Motorroller lief sehr gut.

Ein Baby mit Motorroller? Wollen Kinder so was wirklich?

"Kinder merken genau, worüber sie sich freuen sollen", sagt Insa Fooken. Im Erfolg der Hightech-Puppen spiegelt sich ihr zufolge das Bedürfnis der Eltern wider, dem Kind etwas Perfektes zu schenken. Und dann geht der Wettbewerb los: Wer hat die neueste, die echteste Puppe? Wie bei den Erwachsenen wird die Puppe als Partner heute schneller ersetzt als früher: wenn ein neuer Partner auf dem Markt ist.

Manche Kinder lassen es aber auch ganz. Früher gab Chou Chou noch ein paar Geräusche von sich. Sie konnte "A-ba-gaga-ba!" sagen, sie konnte weinen, und wenn sie ein bisschen geweint hatte, klappten irgendwann die Schlafaugen zu, dann war noch ein leiser Atemhauch zu hören, wie von einem müden Staubsauger. Inzwischen ist Chou Chou verstummt, die Batterien sind leer, aber sie lächelt. Vielleicht geben wir sie irgendwann zur Adoption frei.