Wer eine Ausstellung von Julian Rosefeldt besuchen will, der sollte vorher erst mal seinen Blick weiten. Denn Rosefeldt, geboren 1965 in München, ist der Großmeister im Superbreitwandformat, er projiziert meist gleich mehrere Filme oder Dias nebeneinander. So auch jetzt in einer Ausstellung in der Berlinischen Galerie , die er als Gewinner des Vattenfall-Kunstpreises selbst konzipieren durfte. In der Filminstallation Shift sieht der Betrachter dort vier Filme nebeneinander laufen: Ein und derselbe beleibte Mann verrichtet an vier verschiedenen Orten Nachtwächterarbeit. Die Orte sind real und doch seltsam unwirklich, man weiß nicht, ob sie noch aus unserer Gegenwart oder vielleicht schon aus unserer Zukunft stammen. Die Architekturen scheinen geradezu für den Kamerablick aus der Totalen entworfen zu sein: Eine der Kulissen könnte das Innere eines Raumschiffs sein, eine andere die Schaltzentrale eines veralteten Kraftwerks, die nächste eine Lobby in einem Konzerngebäude und die letzte die Sicherheitszentrale einer Tiefgarage. In der Welt von Shift scheint alles automatisch zu funktionieren, der Einsame – wahlweise im weißen Overall oder im dunkelblauen Blouson – muss den Kontrolllämpchen nur noch beim Blinken zuschauen. Irgendwann bricht der dicke Mann zu Kontrollgängen auf, läuft durch schier endlose Flure, schiebt sonderbare Speichermedien in Regalen umher, beginnt Stühle in einem gigantischen Auditorium umzuklappen. Und dann bläst er in der nächsten Szene einen langen Ton auf einem Waldhorn.

Etwas wunderbar Erhabenes liegt in diesen Szenen, die – und daraus erwächst die Spannung – ins Kitschige, ins unfreiwillig Komische umzukippen drohen. Doch Rosefeldt wendet diese Gefahr immer wieder ab, indem er die kühle Perfektion der Bilder, ihre Maßlosigkeit bricht – durch das Zeigen einer Pausenbrotschachtel etwa.

So wie Rosefeldt zuvor mit American Night die Mythen der Westernfilme analysierte, arbeitet er sich nun in Shift an den Mythen und Atmosphären von Science-Fiction-Filmklassikern wie Stanley Kubricks 2001: Odyssee im Weltraum oder Andreij Tarkowskijs Solaris ab und versucht dabei, Bilder von unserem einsamen Leben im großen Digitalen zu schaffen. Monatelang hatte er dafür nach passenden Drehorten recherchiert, um sie dann etwa im Kernforschungsinstitut CERN, in den Katakomben des Berliner Olympiastadions oder in einem modernen Krematorium zu finden. Dass Julian Rosefeldt nicht nur ein Experte für Filmmythen, sondern vor allem einer unserer wichtigsten Raum-Archäologen ist, beweist er in der Berlinischen Galerie auch mit zwei älteren Fotoarbeiten.

Für Hidden City, seine Diplomarbeit im Fach Architektur, hatte Rosefeldt 1994 zusammen mit dem Kommilitonen Piero Steinle die unterirdischen Räume der NS-Bauten am Münchner Königsplatz fotografiert und kartografiert. Es sind Aufnahmen aus einem gespenstischen Reich, in dem die Zeit eingefroren scheint.

Nicht wegen ihrer Geschichte, sondern wegen ihrer schieren Größe, ihrer Menschenleere gerät man beim Anblick der Schwarz-Weiß-Fotos aus der Serie München – Die unbekannten Kathedralen ins Staunen. Mithilfe von Luftbildern und Infrastrukturplänen hatten Rosefeldt und Steinle 1995 nach unbekannten Megaräumen in der Landeshauptstadt gesucht. Nun kann man in einer 180-Grad-Panorama-Installation durch ein gigantisches Wasserreservoir aus Beton schreiten, seinen Blick durch eine Müllverbrennungsanlage oder den Dachstuhl der Frauenkirche schweifen lassen. Und ist dann nach einer Weile gedehnten Schauens ganz froh, in einem kleinen, belebten Café den Blick wieder etwas einzuengen.

»Living in Oblivion«, Berlinische Galerie , bis 18. Oktober