An manchen Abenden kann Gorch Pieken nicht einschlafen. Es fällt ihm schwer abzuschalten, nachdem er verletzte Soldaten zum Gespräch getroffen hat. Oder jene Witwe, für die das Leben vorbei zu sein scheint, seit ihr Mann im Einsatz in Afghanistan getötet wurde. Doch Pieken will und muss mit denen sprechen, die den Krieg erfahren haben. Nur so kann sich der wissenschaftliche Leiter des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden dem annähern, was er künftig ausstellen will: militärische Gewalt in all ihren Facetten. "Um zu begreifen, was Krieg mit denen macht, die ihn führen, und jenen, die ihm ausgeliefert sind, müssen wir zuhören", sagt der 48-Jährige, "den Überlebenden des Zweiten Weltkriegs ebenso wie den Bundeswehrsoldaten, die heute in Afghanistan oder anderswo stationiert sind."

Seit dem Jahr 2006 arbeitet der Historiker an der Neukonzeption des Museums, das nächstes Jahr im Norden Dresdens eröffnen soll. Er selbst hält dessen Konzept für "revolutionär". Große Worte, aber die neue Ausstellung, die auf 19.000 Quadratmetern etwa 7000 Exponate zeigen wird, soll in der Tat ganz anders sein als klassische Militärausstellungen. Nicht zu Unrecht gelten diese oft als selbstverliebte Waffenschauen mit viel glänzendem Gerät und gebügelten Uniformen, besucht von Armeeangehörigen und Militaria-Freaks. In Dresden hingegen soll eine Geschichte der Gewalt erzählt werden. "Der Krieg ist da nur die Spitze des Eisbergs, die meisten anderen Militärmuseen aber schauen nicht danach, was sich unter der Wasserlinie befindet", sagt Pieken. "Wir schon."

Während er bislang noch im Verborgenen arbeitet, ist das Neue von außen nicht mehr zu übersehen: In Dresdens Albertstadt entsteht etwas Spektakuläres. Mitten in die neoklassizistische Fassade des alten Arsenalgebäudes hat der amerikanische Stararchitekt Daniel Libeskind einen keilförmigen Neubau aus Stahlbeton getrieben. Die Spitze weist auf das Ostragehege, wo mit dem Abwurf von Zielmarkierungen am 13. Februar 1945 der Bombenangriff auf Dresden begann. Damit gibt die Architektur die Botschaft des Museums vor: Krieg zerstört Menschen, Städte, Gesellschaften. Pieken stört es nicht, dass bisher noch wesentlich mehr über Libeskinds riesigen Betonkeil als über seine Ausstellung gesprochen wird: "Die Form folgt in diesem Fall der Funktion. Die Architektur greift die Konzeption der Ausstellung auf."

Es sind eigentlich zwei Schauen unter einem Dach. Im Altbau wird deutsche Militärgeschichte chronologisch vom Spätmittelalter um 1350 bis heute erzählt, wird die klassische Ausrüstung ausgestellt, die bei aller Innovation in ein Militärmuseum gehört: Uniformen und Orden, Bajonette, Haubitzen und Panzer und auch Raritäten wie das erste Unterseeboot "Brandtaucher" aus dem Jahre 1851 oder eine 14 Meter hohe V2-Rakete. Der Neubau indes beherbergt einen Parcours zu Themen wie "Krieg und Gedächtnis", "Schutz und Zerstörung", "Politik und Gewalt" oder "Militär und Technologie" – epochenübergreifend. Ähnlich einer schaurigen Arche Noah, angeführt von einem riesigen Elefanten, wird da ein Zug von Tieren zu sehen sein, die alle in Kriegen dienen mussten.

Das Museum werde seinen Besuchern "alle Informationen zum Militär in seiner historischen Entwicklung" bieten und der Frage nach dem Wesen der Gewalt nachgehen, schreibt die Bundeswehr in ihren Leitgedanken zur Konzeption. Gorch Pieken, den man mit seinem Zopf und der Lederjacke eher in einem Künstlercafé als auf einem Militärgelände vermuten würde, sagt: Er möchte eine "Geschichte von Krieg und Militär mit vielen sozialgeschichtlichen und kulturgeschichtlichen Verzweigungen" erzählen – und dabei "ein paar der ausgetretenen Trampelpfade musealer Präsentationen verlassen".

Doch der Kurator will nicht um jeden Preis alles anders und neu machen. Seine Augen leuchten, als er vom brandenburgischen Generalfeldmarschall Georg von Derfflinger spricht – dessen Kommandostab aus dem Jahr 1675 hat er vom Deutschen Historischen Museum für die Ausstellung bekommen. Eigentlich eine klassische Requisite eines Militärmuseums, aber für Pieken ist es mehr: "Den Stab hat sonst keiner auf der Welt. Wenn Sie so was bekommen, dann verspüren Sie riesiges Glück."

Pieken selbst arbeitet auf geschichtsträchtigem Gelände, in Dresdens Albertstadt, einer der größten noch erhaltenen Militärstädte Europas. Das Arsenal-Hauptgebäude mittendrin dient seit 1897 als Ausstellungsort und hat schon so ziemlich alles beherbergt, womit in Deutschland Krieg geführt wurde. Die königliche Sammlung sächsischer Militärgeschichte war hier ebenso untergebracht wie das Heeresmuseum der Wehrmacht und das DDR-Armeemuseum. Nach der Wende übernahm die Bundeswehr das Areal und machte 1994 das Haus zu ihrem Leitmuseum. 53 Millionen Euro aus dem Verteidigungsetat wird der Umbau kosten – nicht zuletzt deshalb ist die Erwartung an die neue Ausstellung groß. Und der Rechtfertigungsdruck: "Die Soldaten fragen schon, wieso da so viele Millionen für ein Museum locker gemacht werden, während in den Einsätzen das Geld für eine vernünftige Ausrüstung fehlt", sagt die Berliner Historikerin Kristiane Janeke, die vor Jahren an der Konzeption mitgearbeitet hat und mit einem Berufssoldaten verheiratet ist. Gorch Pieken kann den Frust verstehen – und sieht sich deshalb in der Pflicht, nicht nur die Vergangenheit des deutschen Militärs auszustellen, sondern auch zu zeigen, was in den heutigen Einsätzen geschieht. "Man muss das, was weit weg in Afghanistan geschieht, hier in Dresden erfahrbar machen – soweit das überhaupt möglich ist." Doch wie geht das?