Erinnerungsstätte Torgau Mein Gedenken!

Wehrmacht-Deserteure und Stalinismus-Opfer streiten in Torgau um die Erinnerung an ihr Leid

Ein Ort, zwei Geschichten: NS-Opfer Ludwig Baumann am Mahnmal in Torgau

Ein Ort, zwei Geschichten: NS-Opfer Ludwig Baumann am Mahnmal in Torgau

Jetzt gibt’s Skandal. Die sächsische Antifa-Jugend entrollt ihre Transparente. Auf einem steht: »Das Problem heißt NS-Relativierung. Gegen die Gleichsetzung von NS und DDR«. Das zweite Tuch zeigt Marlene Dietrich, dazu ihr Fluch: »Deutschland? Nie wieder!« Ein klarer Fall für die Polizei. Zwei Gesetzeshüter schreiten ein: Nähmse das runter!

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Die Staatsmacht seufzt. Marlene Dietrich und die Antifa dürfen bleiben, falls sie Ruhe halten. Doch der Skandal kommt…

Wir sind in Torgau. Hier, an der Elbe, begegneten sich am 25. April 1945 US-amerikanische Truppen und die Rote Armee. Die Brücke, auf der sich GI Bill Robertson und Sergeant Nikolaj Andrejew fotogen die Hände reichten, existiert nicht mehr. Torgau gedenkt trotzdem gern des Elbe Day. Noch lieber heißt das Renaissancestädtchen »Amme der Reformation« und schmückt sich mit Luther und Katharina von Bora. Am Markthotel Zum goldenen Anker nennt eine Plakette den Quartiergast Napoleon. Der ließ elbwärts ein mächtiges Fort errichten.

Fort Zinna: Schreckenswort. Das NS-Regime betrieb hier ein KZ-artiges Wehrmacht-Gefängnis. Seit dem 18. August 1943 wütete in Torgau das aus Berlin evakuierte Reichskriegsgericht. Dieses nationalsozialistische Terror-Organ fällte massenhaft Todesurteile, allein 30000 gegen Deserteure. Über 20000 wurden vollstreckt, etwa tausend in Fort Zinna. Wir waren vor neun Jahren hier, in Begleitung von Ludwig Baumann . Der zierliche alte Herr aus Bremen führte uns in den Wallgraben, wo er mehrfach Erschießungen beiwohnen musste, »aus erzieherischen Gründen«. Baumann war 1941 in Frankreich desertiert, weil er nicht töten konnte – auch nicht die Wehrmacht-Patrouille, die ihn stellte. Todesurteil, Begnadigung zu 15 Jahren Zuchthaus, was man ihm monatelang verschwieg. Haft in Torgau, dann Strafbataillon. Dank etlicher Wunder kehrte Baumann heim. Der Vater umarmte nicht seinen fast verlorenen Sohn, diesen Schandbuben. In der jungen Bundesrepublik genoss Baumann, für DDR-Geborene kaum vorstellbar, den Sozialstatus Verräter, Volksschädling, Kameradenschwein. Völlig rehabilitiert wurden Wehrmacht-Deserteure erst 2009. Baumann soff. Dann starb die Frau bei der Geburt des sechsten Kinds. Baumann fing sich, suchte Schicksalsgenossen und wurde Sprecher der Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz. Es leben nur noch sehr wenige, für die Baumann sprechen kann, heute in Torgau, am 9. Mai 2010.

Am Fort Zinna wird ein Mahnmal eingeweiht. Baumann, nun 88 Jahre alt, hat lange dafür gekämpft und wirkt doch nicht froh. Der Gedenkort ist geteilt, wie Fort Zinnas Geschichte. Nach Kriegsende führte hier der sowjetische NKWD ein »Speziallager« für Nazis, Kriminelle, angebliche Werwölfe und zahlreiche Unschuldige. Viele kamen nach Sibirien oder wurden exekutiert. Die Opfer des Stalinismus schufen sich bereits 1992 eine Erinnerungsstätte, mit Kreuz, Stein und entsprechender Beschriftung. Baumanns Wehrmacht-Opfer sahen sich ausgesperrt und monierten, unter den nachmaligen Stalinismus-Opfern seien auch etliche ihrer Peiniger und Henker gewesen.

Es bräuchte ein mehrbändiges Werk, um den schier endlosen Nachwende-Kampf um Torgau zu dokumentieren. Konvolute von Papier wechselten zwischen den Opferverbänden, der Stiftung sächsische Gedenkstätten, dem Zentralrat der Juden, der evangelisch-lutherischen Kirche… Nun ist der große Tag gekommen. Eine maiengrüne Buchenhecke trennt die konkurrierenden Gedenk-Areale. Getragene Musik erklingt, die litauische Sängerin Aukse Marija Petroni schmettert die Schmerzen aus Wagners Wesendonck-Liedern: Sonne, weinest jeden Abend / Dir die schönen Augen rot, / Wenn im Meeresspiegel badend / Dich erreicht der frühe Tod. Nun ja, vielleicht doch lieber Brüder, zur Sonne, zur Freiheit! Ludwig Baumann und Sabine von Schorlemer, Sachsens Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, ziehen am weißen Tuch. Lebensgroß erscheint Thomas Jastrams Bronze: ein liegender Leib, beklagt von einer Frau. Still und klar ist diese Skulptur des individuellen Todes. Auf dem Granitsockel steht: NIE WIEDER KRIEG.

Dann spricht Baumann, aufgeregt: gegen den Afghanistan-Krieg, die Interessenpolitik der reichen Länder, die Rehabilitaton der Nazi-Richter in der Bundesrepublik. Schandmal! ruft Baumann. Die Schrifttafel verharmlose und sei fehlerhaft, und der Arzt Friedrich Timm, dessen die Stalinismus-Opfer als »Engel von Torgau« gedenken, sei ein NS-Täter gewesen. Aufruhr. Ein alter Herr brüllt: Erzähl nich so’n Mist! Rudolf Hinrichs heißt er, Jahrgang 1929, siebeneinhalb Jahre Häftling für nichts, wie er sagt, Besitzer eines Kartons, aus dem er das Flugblatt »Die Unwahrheiten des Herrn Baumann« verteilt.

Viel Wahres wird gesprochen. Ministerin von Schorlemer zitiert Rudolf Bahros Forderung nach »Solidarität mit allem, was Menschenantlitz trägt«. Der Historiker Joachim Scholtyseck beharrt auf Fakten und warnt vor mythisch überhöhtem Erinnern, wie es Regierungen lieben, zwecks Fundamentierung der jeweiligen Staatsideologie. Genießt deshalb das Stalinismus-Gedenken im christdemokratischen Sachsen spürbar Präferenz?

Fort Zinna: Ein Ort, zwei Geschichten. Übermalen sie einander? Schließen sie sich aus? Zweihundert Menschen teilen sich zur Blumenniederlegung. Jeder scheint hier Partei. Auf der Baumannschen Seite findet sich das schönere Mahnmal, die größere Botschaft, die ursprünglichere Geschichte. Denn auch die kommunistische Diktatur im Osten Deutschlands begann ursächlich mit dem 30. Januar 1933. Ohne Hitler keine DDR.

Immer wieder hört man, Nazi- und SED-Diktatur ließen sich nicht vergleichen. Das ist falsch. Erst der Vergleich offenbart die enormen Unterschiede. Und hierin liegt die Gefahr: im Leichenzählen, im gnadenlos generalistischen Blick, in der nachordnenden Minderwertung des Einzelgeschicks. Lässt sich Geschichte schreiben ohne Opfer-Hierarchie?

Jetzt liegt der Platz verwaist. Wir inspizieren die Blumengebinde rechts und links der Hecke. Die Nachkriegsseite blüht etwas bunter. Auf der Kriegsseite leuchtet ein großer Rosenstrauß. Die Schleife nennt als Spender den Verband der Stalinismus-Opfer.

 
Leser-Kommentare
  1. Seitdem die Wessis in Ostdeutschland herrschen und mit ihnen ihre Interpretation der deutschen Geschichte seit 1945, der sich einige Ostdeutsche, denen in der DDR ein Haar gekrümmt worden sei, liebedienerisch anbieten (s. die Janka-CDU mit ihrer Aktion von der Zwangskollektivierung), ist das Leben in diesem Lande nicht mehr lebenswert. Zu viel Lügen, Verleumdungen und Hass.

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    Genau, hopp, zurück zu solipstischen Wirklichkeit und real verwirklichten Weltbeglückungsideen!

    ...kann man Ihren Kommentar als Schlag ins Gesicht jedes einzelnen nicht linientreuen DDR-Bürgers verstehen. Meinen Sie das so?

    Ich finde den Streit zwischen Wehrmachts-Deserteuren und Stalinismus-Opfern unwürdig. Beides sind Opfer von staatlichen Verbrechen und sollten sich nicht gegeneinander ausspielen lassen. Auch eine Art "Wetteifer", wer nun des schlimmeren Verbrechens Opfer geworden sei, halte ich für unangebracht.

    Genau, hopp, zurück zu solipstischen Wirklichkeit und real verwirklichten Weltbeglückungsideen!

    ...kann man Ihren Kommentar als Schlag ins Gesicht jedes einzelnen nicht linientreuen DDR-Bürgers verstehen. Meinen Sie das so?

    Ich finde den Streit zwischen Wehrmachts-Deserteuren und Stalinismus-Opfern unwürdig. Beides sind Opfer von staatlichen Verbrechen und sollten sich nicht gegeneinander ausspielen lassen. Auch eine Art "Wetteifer", wer nun des schlimmeren Verbrechens Opfer geworden sei, halte ich für unangebracht.

  2. Genau, hopp, zurück zu solipstischen Wirklichkeit und real verwirklichten Weltbeglückungsideen!

    Antwort auf "Zweifelhaftes Gedenken"
    • reck
    • 15.05.2010 um 12:40 Uhr

    Das eine war schlimmer als das andere.

    Die Rothemdeen hatten vielleicht nicht genug Zeit, alles von den Baunhemden zu lernen und zu uebernehmen. Wie in Buchenwald.

    Was es ist: Eine Schande.

    Oft denke ich und viele Freunde, es waere besser, man baute Denkmale fuer des Uebele, nicht fuer Siege und "Wohltaeter".

    Verbrecher und Verbrechen vergisst man schnell. Weil es einem passt.
    Aber das ist falsch. Das Lernen geht besser und ist viel wichtiger, wenn man sich an Verbrechen erinnert (denken muss). Nur so kann man hoffen, dass Verbrechen sich nicht wiederholen.

    PS: Wir sollten auch manchmal an diejenigen denken, die taeglich sich an den Stammtisch setzten, lachten, Witze erzaehlten, auch vom Tage: Die, die das Lager bewachten. Vor und nachdem sich die zwei (nicht deutschen) Soldaten umarmten. Diee Lumpen leben unter uns. Benuetzen denselben Stammtisch und spielen Skat.

    Erinnern wir uns besonders an diesen Burschen: Den "Richter" (den hoehsten den es gab) der schreiend die Gebr Scholl verurteilte und tausende andere. An den kaum jemand denkt.

    [...]

    PPS. An die Pazifisten: Ja, Recht habt Ihr. Kriege sind scheusslich. Aber Gott-sei-Dank, manche werden gefuehrt. Und fuehren zu Torgau, dem Treffen zwei Soldaten, die beide tausende und tausende Km von zu Hause Wochen-, Monate-, Jahre lang jede Minute, Stunde den Tot erwarten konnten auf ihrer langen Reise an die Elbe.

    teilweise entfernt. Bitte achten Sie trotz Ihrer-wenn auch berechtigten Kritik- darauf, sich nicht pietätlos zu äußern. Die Redaktion/km

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Aber der Sinn des 2.Satzes Ihres Kommentars erschließt sich mir nicht. Thailand hat damit nichts zu tun.
    Selbstverständlich gebe ich Ihnen in manchem Recht.
    Eindeutig ist doch wohl die Frage beantwortet, wer Verbrecher und Verbrechen vergessen, relativiert und soga geleugnet hat. Nämlich genau jene, die sich dieser Verbrecher zum Aufbau von Polizei, Justiz, Bundeswehr und Nachrichtendiensten bedient haben, selbst der bereits veurteilten.
    Jene, die ihre Kinder den Lehrern dieses untergegangenen Systems anvertraut und noch Jahrzehnte körperliche Züchtigumg der Kinder in der Schule geduldet haben.
    Nichts gegen ein Gedenken für die in den Speziallagern unschuldig inhafierten Menschen, aber keine Freibriefe für die dort ebenfalls vorhanden gewesenen Täter. Der Mühe, das zu differenzieren entzieht man sich wohl aus gutem Grund.

    Aber der Sinn des 2.Satzes Ihres Kommentars erschließt sich mir nicht. Thailand hat damit nichts zu tun.
    Selbstverständlich gebe ich Ihnen in manchem Recht.
    Eindeutig ist doch wohl die Frage beantwortet, wer Verbrecher und Verbrechen vergessen, relativiert und soga geleugnet hat. Nämlich genau jene, die sich dieser Verbrecher zum Aufbau von Polizei, Justiz, Bundeswehr und Nachrichtendiensten bedient haben, selbst der bereits veurteilten.
    Jene, die ihre Kinder den Lehrern dieses untergegangenen Systems anvertraut und noch Jahrzehnte körperliche Züchtigumg der Kinder in der Schule geduldet haben.
    Nichts gegen ein Gedenken für die in den Speziallagern unschuldig inhafierten Menschen, aber keine Freibriefe für die dort ebenfalls vorhanden gewesenen Täter. Der Mühe, das zu differenzieren entzieht man sich wohl aus gutem Grund.

  3. Imme wieder schön die Themen rund um "Mahnmale", "Denkmäler" etc. Wir sind so verliebt in die Vergangenheit, dass wir vergessen haben worum es wirklich geht. Beim "Rattenrennen" um den Titel des allergrößten Opfers und Leids entehren wir unsere Ahnen durch falsches Verhalten und falsche Schlussfolgerungen. Das gild für ALLE! Ob Ost oder West, Jude oder Christ,...
    Liebe Leute. Wir leben von der Vergangenheit für die Zukunft und nicht in der Vergangenheit.

  4. Aber der Sinn des 2.Satzes Ihres Kommentars erschließt sich mir nicht. Thailand hat damit nichts zu tun.
    Selbstverständlich gebe ich Ihnen in manchem Recht.
    Eindeutig ist doch wohl die Frage beantwortet, wer Verbrecher und Verbrechen vergessen, relativiert und soga geleugnet hat. Nämlich genau jene, die sich dieser Verbrecher zum Aufbau von Polizei, Justiz, Bundeswehr und Nachrichtendiensten bedient haben, selbst der bereits veurteilten.
    Jene, die ihre Kinder den Lehrern dieses untergegangenen Systems anvertraut und noch Jahrzehnte körperliche Züchtigumg der Kinder in der Schule geduldet haben.
    Nichts gegen ein Gedenken für die in den Speziallagern unschuldig inhafierten Menschen, aber keine Freibriefe für die dort ebenfalls vorhanden gewesenen Täter. Der Mühe, das zu differenzieren entzieht man sich wohl aus gutem Grund.

  5. ...kann man Ihren Kommentar als Schlag ins Gesicht jedes einzelnen nicht linientreuen DDR-Bürgers verstehen. Meinen Sie das so?

    Antwort auf "Zweifelhaftes Gedenken"
  6. Ich finde den Streit zwischen Wehrmachts-Deserteuren und Stalinismus-Opfern unwürdig. Beides sind Opfer von staatlichen Verbrechen und sollten sich nicht gegeneinander ausspielen lassen. Auch eine Art "Wetteifer", wer nun des schlimmeren Verbrechens Opfer geworden sei, halte ich für unangebracht.

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