US-GeschichtsunterrichtIst Jefferson zu links?

Erst nahmen sich Amerikas Fundamentalisten die Biologiebücher vor. Jetzt geht es an den Geschichtsunterricht von Ronald D. Gerste

1943 bauten die Amerikaner ihrem Gründungsvater Thomas Jefferson in Washington dieses Denkmal. Lange her

1943 bauten die Amerikaner ihrem Gründungsvater Thomas Jefferson in Washington dieses Denkmal. Lange her  |  © Karen Bleier/AFP/Getty Images

Thomas Jefferson flog raus. Nicht aus seinem prächtigen Gedenktempel nahe dem Kapitol in Washington, den jeder Hauptstadt-Tourist kennt. Sondern aus dem Kanon der großen Denker des Landes, wie er künftig den knapp fünf Millionen Schülerinnen und Schülern an öffentlichen Schulen im Bundesstaat Texas vermittelt werden soll. Der Verfasser der Unabhängigkeitserklärung und dritte Präsident der USA plädierte für die strikte Trennung von Staat und Kirche. Dies und die Tatsache, dass ihm der kleine Farmer sympathischer war als der Großindustrielle, scheint für die Schulaufsicht in Texas wohl der Grund dafür zu sein, Jefferson für die nächsten zehn Jahre als eher periphere Gestalt ins pädagogische Abseits zu verbannen.

Doch das ist nicht die einzige eigenwillige Umwertung amerikanischer Geschichte durch den Texas State Board of Education, die jetzt in den USA Schlagzeilen macht und vor allem im liberalen Teil der Öffentlichkeit für Erstaunen sorgt. Konservative Bewegungen der achtziger Jahre wie die sogenannte Moral Majority werden im neuen Unterrichtsmaterial genauso gewinnend porträtiert wie der antikommunistische Hexenjäger Joseph McCarthy aus der Eisenhower-Ära, die Waffenlobby NRA erfreut sich ebensolcher Zuneigung wie der von jeder Kritik verschonte Kapitalismus und das amerikanische Militär. Die Army, so sollen die Kinder lernen, gehöre zu den schönsten Errungenschaften der Amerikanischen Revolution von 1776 – dabei hegten just die Gründer der USA massive Vorbehalte gegen ein stehendes Heer.

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Zur patriotischen Pflichtlektüre wird überdies die Antrittsrede eines anderen Jefferson. Er trägt den Namen des Verfassungsvaters allerdings als Vornamen: Jefferson Davis war von 1861 bis 1865 der erste und einzige Präsident der abtrünnigen Südstaaten, der Konföderierten, und gab gleich nach seiner zu Recht vergessenen Antrittsrede den Befehl, auf das Sternenbanner zu schießen – bei Fort Sumter, am 12. April 1861. Das Bombardement wurde zum Auftakt des Bürgerkriegs, der das Land fast zerrissen hätte. Was die Schüler von Davis wohl noch lernen können und sollen?

Anders als in den deutschen Bundesländern wacht in den amerikanischen Bundesstaaten kein Kultusministerium über die Curricula, sondern ein direkt gewähltes mehrköpfiges Gremium, ebenjener State Board of Education. In Texas hat er 15 Mitglieder. Die Mehrheit wird dem religiös-konservativen Spektrum zugerechnet. An ihrer Spitze steht Don McLeroy, ein Zahnarzt aus dem Ort College Station, wo man die George H. W. Bush Library findet. Das Gremium überprüft alle zehn Jahre die Lehrinhalte an den öffentlichen Schulen des »Lone Star State«, der sich aufgrund seiner Größe und seiner besonderen Geschichte – Texas war neun Jahre lang, von 1836 bis 1845, eine unabhängige Republik, bevor es sich den USA anschloss – für etwas Besonderes hält. Jetzt im Mai soll über alle Änderungen abgestimmt werden.

Der texanische Affront ist an sich nichts Neues. Konservative Schulaufsichten haben in der Vergangenheit immer wieder versucht, ihre Ideologie den jüngsten Amerikanern einzutrichtern. Meist fingerten sie dabei an den naturwissenschaftlichen Lehrplänen herum. So versuchten sie, Darwins Evolutionslehre zu diskreditieren und »alternative Theorien« wie die obskur-religiöse Vorstellung vom Intelligent Design in die Klassenzimmer zu tragen. Auch wissenschaftliche Erkenntnisse zur Klimakatastrophe und zu Umweltgefährdungen aller Art stoßen in rechtslastigen Boards auf wenig Begeisterung. Solch kommunistische Spinnereien seien kein Unterrichtsstoff.

Leserkommentare
  1. Tolle Freiheit, in der den Kindern "Intelligent Design" als Alternativtheorie angeboten wird und sie sich relevante Informationen selbst zusammenklauben müssen.

    • adept
    • 16. April 2011 21:34 Uhr

    Der artikel ist nicht gutzuheißen da er nur dumpfe anti-amerikanische vorurteile bedient. Hahaha schau mal die spacken wir sind natürlich viel besser.

    Leider ist es aber damit nicht getan sondern meistens steht dem anti-amerikanismus auch eine politische botschaft zur seite, die der autor seinen deutschen lesern nahebringen will. Die lautet meist schlicht, hütet euch vor amerikanischen verhältnissen. Gut, dass wir in deutschland so tüchtige STAATSORGANE haben die aufpassen das es nicht zu amerikanischen verhältnissen kommt, NICHT WAHR?

    Vor allem der öffentlich rechtliche rundfunk (rotfunk) haut mit vorliebe in diese kerbe. Kein wunder, schon aus eigeninteresse denn amerikanische verhältnisse würden für den ÖR bedeuten dass es ihn nicht mehr gibt :)

    Und so werden einzelbeispiele in verzerrender manier dem deutschen publikum präsentiert auf dass es sich schaudern und innerlich erheben kann; gleichzeitig wird individualismus und liberalismus schlechtgemacht und niedergeschrieben.

    Ihr seid längst durchschaut.

    Amerika ist ein großes land und dort passiert mitunter bizarres. Aber wenn etwas dort passiert dann immerhin meistens auch tatsächlich mit der billigung der mehrheit, weil die dort noch so etwas wie echte demokratie haben. Dort werden z.B. die polizeipräsidenten, die schuldezernenten oder ähnliche ämter GEWÄHLT, anstatt wie in dunkel-deutschland...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Allerdings !!!
    Bis jetzt zehntausende Tote jede Jahr wegen einer fehlenden Krankenversicherung.
    Todesurteile trotz nicht eindeutiger Schuldbeweise.

    Ich kenne die USA und möchte nicht(mehr) so leben !

    PS(ZITAT)
    Dort werden z.B. die polizeipräsidenten, die schuldezernenten oder ähnliche ämter GEWÄHLT,
    anstatt wie in dunkel-deutschland ...

    Was dazu führt, dass deren Entscheidungen und Handeln
    oft mehr auf die nächste dieser Wahlen fixiert ist.
    Und da gelten leider meistens nicht Argumente sondern plumpe Parolen.
    Das ist ganz bestimmt nicht im Sinne von Thomas Jefferson!

    • FranL.
    • 16. April 2011 22:55 Uhr

    Falsch, den Mauerfall haben wir den Osteuropäern zu verdanken. Und der Tatsache, daß die Sowjets ihre Truppen nicht eingesetzt haben. 1961 haben die Amis schließlich auch zugesehen wie die Mauer gebaut wurde um den kalten nicht in einen heißen Krieg zu verwandeln.

    • FranL.
    • 16. April 2011 23:07 Uhr

    Deutsch ist eine herrliche Sprache, so man sie denn richtig beherrscht. Da Sie mit anspruchsvollerer Bildung (dazu gehören eben nicht nur Naturwissenschaften) offenbar nichts anzufangen wissen, hat es wohl keinen Zweck Sie darauf hinzuweisen, welche Meisterwerke der Musik, Literatur und der modernen Philosophie Deutsche hervorgebracht haben. Viel Spaß im Land der Todesstrafe, der von Fanatikern ermordeten Ärzte, der Bigotterie. Ach ja, angeblich sind ja die Deutschen so arrogant und hassen alle. Unterhalten Sie sich mal mit einem durchschnittlichen Amerikaner (keinen gebildeten Weltbürger aus New York oder Chicago, sondern aus dem Bible Belt) und sie werden hören, daß Amerika das beste Land der Welt ist und Gods own Country.

    Antwort auf "Zu PISA"
  2. Die mit Abstand schwächsten Leserkommentare zu einem Artikel in der Zeit die mir bisher untergelaufen sind. Allesamt.

  3. ...aber leider hat man Ihnen in Oregon nicht beigebracht, dass man nicht "einzigste" sagt und schon gar nicht schreibt!
    Aber immer weiter !

    Antwort auf "Nordwesten"
    • neubi
    • 18. April 2011 21:14 Uhr

    Es tut mir leid, dass sie auf so einer schlimmen Schule waren. Ich hab mein Abitur auf einem Gymnasium in der Nähe von Rostock gemacht (Ja richtig, im bösen Osten). Und Ich muss sagen, dass Ich dort eine super Ausbildung erhalten habe. Die Lehrer waren motiviert (naja die meisten zumindest) und haben uns unsere eigene Meinung bilden lassen und uns dabei unterstützt, was Ich für sehr wichtig erachte. Und Dank des "ungenügenden" Mathe- und Physikunterrichts bräuchte Ich jetz im Studium fast keine Vorlesungen besuchen. (Und Ich hatte nur ein Durchschnittsabi).

    Ich denke Sie idealisieren da sehr viel. Sie haben gute Erfahrungen im den USA gemacht und schlechte hier, deswegen vergöttern sie das System in den USA und trampeln auf dem deutschen herum. Ich für meinen Teil denke, dass das amerikanische Schulsystem weit aus elitärer ist, als das deutsche, denn in Amerika wird bei Bewerbungen viel mehr auf die Schule geschaut, die man besucht hat, und nicht auf die Leistungen die erbracht wurden, und da haben die teuren privaten Schulen einen ganz klaren Vorteil. Weiterhin sagte man mir, dass die Lehrer dort sehr inkompetent sind und, im Gegensatz zu den Lehrern an meiner Schule, den Schülern ihre Meinungen "eintrichtern". (Erfahrungen einer Freundin die ein Jahr in Pennsylvania zur Schule ging - sicherlich nicht repräsentativ ;-).

    Ich als Arbeiterkind hätte es nie geschafft in Amerika zu studieren und deswegen bin ich froh, dass Ich in Deutschland kostenlose gute Bildung genoss.

    Antwort auf "Ich komme aus NRW."
  4. Es gibt im Internet und speziell in Diskussionsforen einen Ausdruck für Menschen wie sie: Trolle

    Sie schimpfen aus ihrer persönlichen "Erfahrung", ob die nun real ist oder nur eingebildet auf eine ideologisch verbrämte Bildungspolitik um genau dies, wenn auch in einem anderen Land, zu schützen weil wir ja selber genug Baustellen haben. (Allerdings sollte jedem halbwegs vernünftigen Menschen klar sein, dass eine Auseinandersetzung mit dem "Problemen" anderer sehr sinnvoll ist um eigene Probleme zu lösen ohne die Fehler anderer zu wiederholen.)
    Dazu bedienen sie sich einer Argumentationsweise, die ebenfalls extrem ideologisch verbrämt ist und keilen in ihrem Rundumschlag gegen alles und jeden ohne dabei die notwendige Sachlichkeit auch nur in Betracht zu ziehen.

    Falls ihre Absicht ist einfach nur zu trollen um des trollens willen, haben Sie Erfolg.
    Ernstzunehmen sind ihre "(Selbst-)Hasstiraden" frei nach dem Motto "auf der anderen Seite ist das Gras immer grüner" jedenfalls nicht.

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