Félix. Noch immer sprechen sie seinen Namen mit Ehrfurcht aus. Félix, der sich selbst »Don« nannte und Besuchern gern die Million zeigte, die er bar im Schrank hortete. Der fünf Frauen unterhielt, unzählige Kinder zeugte und in einer Villa in der Nachbarschaft von Fußballstar Ronaldo residierte. Der hier, im Elendsviertel Rio das Pedras, ein mafiöses Wirtschaftsimperium aufbaute und jährlich etwa zweieinhalb Millionen Euro daran verdiente.

Félix, sagen die Leute aus Rio das Pedras, sei ein guter Mensch gewesen. Jovial, umgänglich, väterlich. Ja, antworten sie auf Nachfrage, er habe auch Menschen umbringen lassen. Aber seien diejenigen, die vor und nach ihm kamen, nicht noch schlimmer gewesen? Habe Félix nicht ab und an geholfen? Und wenn er Schutzgelder eintreiben ließ und die Leute nicht zahlen konnten, dann sagte er, gebt uns einfach, was ihr habt. Essen, Ziegel, was auch immer.

Die Menschen haben keine hohen Ansprüche an ihre Herrscher in Rio das Pedras, einer Favela im Westen Rio de Janeiros. 70.000 oder 90.000 oder 110.000 Menschen leben hier, so genau kann das keiner sagen. Gewalt herrschte hier schon immer, das staatliche Gesetz noch nie.

Rio das Pedras wird seit 30 Jahren von sogenannten Milizen beherrscht: mafiösen Vereinigungen aus Polizisten, Militärpolizisten, Feuerwehrmännern, Sicherheitskräften, einige aktiv, andere bereits in Rente. Sie haben gelernt, dass sich in der Favela gute Geschäfte machen lassen, solange man sich nicht um Moral und Gesetz schert. Solange man sich ganz auf die Macht verlässt, die einem eine Pistole, ein Gewehr verleiht.

Viele Slums in Brasilien werden von Drogenbanden beherrscht, andere unterstehen solchen Milizen. In Rio de Janeiro sind es 78 der insgesamt 600 Favelas, zwei Millionen Menschen leben unter ihrem Regime.

Seit Langem schon versuchen Brasiliens Regierungen, die Parallelstrukturen in den Slums zu bekämpfen, ihre Bewohner als Teilnehmer an der regulären, steuerzahlenden Wirtschaft zu gewinnen und endlich die riesengroße Schattenwirtschaft des Landes einzudämmen: Einige Experten schätzen die Quote der informellen Wirtschaft auf 40 Prozent. Der brasilianische Präsident Lula da Silva hat mit viel Geld Straßen in den Favelas bauen, Wasser- und Stromleitungen verlegen lassen. Die Polizeipräsenz wurde verstärkt.

Schritt für Schritt, so ist das jetzt Politik, sollen sich die Favelas in die offizielle Stadt integrieren und zu ganz normalen Vierteln werden. Die wirtschaftlichen Grundlagen müssten eigentlich stimmen; es ist nicht so, als träfe die Bezeichnung »Elendsviertel« hier überall zu: Die meisten Favelados verdienen Geld, verdingen sie sich doch in angrenzenden Stadtvierteln, zum Beispiel als Kellner, Haushaltshilfen, Arbeiter oder Handwerker. Die Kaufkraft einzelner Favelabewohner mag nicht groß sein, zusammengenommen aber ist sie so bedeutend, dass Firmen wie Nestlé eigene Produktlinien für die untersten Einkommensschichten entwickeln. In Vierteln wie Rocinha, dem angeblich größten Slum Südamerikas, gibt es viele Geschäfte, Restaurants, ja sogar Bankautomaten und Hotels.

Aber trotzdem sind die meisten Favelas weit davon entfernt, normale Viertel zu werden. Denn in den Favelas herrschen eigene Gesetze, wie man am Beispiel von Rio das Pedras sehen kann.

In Rio das Pedras erinnern sich noch alle an den Tag, an dem Félix starb. Wie sie ihn fanden, vor seinem Auto, vor dem Haus einer Geliebten. Mit 50 Kugeln hatten die Feinde seinen Leib durchsiebt. »Seither«, sagt Leandro Bethlem, »herrscht hier die blanke Angst.«

Wenn Leandro Bethlem von Félix erzählt, tut er das, ohne je seinen Namen zu erwähnen. Er spricht von »ihm«, alles andere erscheint ihm zu gefährlich. Wir haben uns in einem Strandcafé fernab von Rio das Pedras verabredet, trotzdem ist Bethlem, der eigentlich ganz anders heißt, unruhig. Für ihn wie für alle anderen Favela-Bewohner gilt eine Art Omertà, ein Schweigegelübde. Wer sich widersetzt, riskiert sein Leben. Es gibt zwei Arten zu sterben: Man wird erschossen. Oder in einen Stapel Autoreifen gesteckt. Spiritus drüber, angezündet. »Mikrowelle« nennen sie das.

Bethlem ist ein stämmiger Mann, sein Gesicht ist rot, ob von der Sonne oder aus Nervosität, lässt sich schwer ausmachen. Wer ihn auf der Straße sieht, würde kaum auf die Idee kommen, dass er aus einer Favela stammt, es ist Feierabend, und er trägt tadellosen Freizeitdress, die Uniform der Müßigen auf der ganzen Welt.