Brasilien Das Gold der Slums
Brasiliens Regierung will die Parallelwirtschaft in den Elendsvierteln abschaffen. Aber dort gelten eigene Regeln. Ein Besuch
© Vanderlei Almeida/AFP/Getty Images

Das Elendsviertel Rio das Pedras im Westen von Rio de Janeiro. 70.000 oder 90.000 oder 110.000 Menschen leben hier, so genau kann das keiner sagen
Félix. Noch immer sprechen sie seinen Namen mit Ehrfurcht aus. Félix, der sich selbst »Don« nannte und Besuchern gern die Million zeigte, die er bar im Schrank hortete. Der fünf Frauen unterhielt, unzählige Kinder zeugte und in einer Villa in der Nachbarschaft von Fußballstar Ronaldo residierte. Der hier, im Elendsviertel Rio das Pedras, ein mafiöses Wirtschaftsimperium aufbaute und jährlich etwa zweieinhalb Millionen Euro daran verdiente.
Félix, sagen die Leute aus Rio das Pedras, sei ein guter Mensch gewesen. Jovial, umgänglich, väterlich. Ja, antworten sie auf Nachfrage, er habe auch Menschen umbringen lassen. Aber seien diejenigen, die vor und nach ihm kamen, nicht noch schlimmer gewesen? Habe Félix nicht ab und an geholfen? Und wenn er Schutzgelder eintreiben ließ und die Leute nicht zahlen konnten, dann sagte er, gebt uns einfach, was ihr habt. Essen, Ziegel, was auch immer.
Die Menschen haben keine hohen Ansprüche an ihre Herrscher in Rio das Pedras, einer Favela im Westen Rio de Janeiros. 70.000 oder 90.000 oder 110.000 Menschen leben hier, so genau kann das keiner sagen. Gewalt herrschte hier schon immer, das staatliche Gesetz noch nie.
Rio das Pedras wird seit 30 Jahren von sogenannten Milizen beherrscht: mafiösen Vereinigungen aus Polizisten, Militärpolizisten, Feuerwehrmännern, Sicherheitskräften, einige aktiv, andere bereits in Rente. Sie haben gelernt, dass sich in der Favela gute Geschäfte machen lassen, solange man sich nicht um Moral und Gesetz schert. Solange man sich ganz auf die Macht verlässt, die einem eine Pistole, ein Gewehr verleiht.
Viele Slums in Brasilien werden von Drogenbanden beherrscht, andere unterstehen solchen Milizen. In Rio de Janeiro sind es 78 der insgesamt 600 Favelas, zwei Millionen Menschen leben unter ihrem Regime.
Seit Langem schon versuchen Brasiliens Regierungen, die Parallelstrukturen in den Slums zu bekämpfen, ihre Bewohner als Teilnehmer an der regulären, steuerzahlenden Wirtschaft zu gewinnen und endlich die riesengroße Schattenwirtschaft des Landes einzudämmen: Einige Experten schätzen die Quote der informellen Wirtschaft auf 40 Prozent. Der brasilianische Präsident Lula da Silva hat mit viel Geld Straßen in den Favelas bauen, Wasser- und Stromleitungen verlegen lassen. Die Polizeipräsenz wurde verstärkt.
Schritt für Schritt, so ist das jetzt Politik, sollen sich die Favelas in die offizielle Stadt integrieren und zu ganz normalen Vierteln werden. Die wirtschaftlichen Grundlagen müssten eigentlich stimmen; es ist nicht so, als träfe die Bezeichnung »Elendsviertel« hier überall zu: Die meisten Favelados verdienen Geld, verdingen sie sich doch in angrenzenden Stadtvierteln, zum Beispiel als Kellner, Haushaltshilfen, Arbeiter oder Handwerker. Die Kaufkraft einzelner Favelabewohner mag nicht groß sein, zusammengenommen aber ist sie so bedeutend, dass Firmen wie Nestlé eigene Produktlinien für die untersten Einkommensschichten entwickeln. In Vierteln wie Rocinha, dem angeblich größten Slum Südamerikas, gibt es viele Geschäfte, Restaurants, ja sogar Bankautomaten und Hotels.
Aber trotzdem sind die meisten Favelas weit davon entfernt, normale Viertel zu werden. Denn in den Favelas herrschen eigene Gesetze, wie man am Beispiel von Rio das Pedras sehen kann.
In Rio das Pedras erinnern sich noch alle an den Tag, an dem Félix starb. Wie sie ihn fanden, vor seinem Auto, vor dem Haus einer Geliebten. Mit 50 Kugeln hatten die Feinde seinen Leib durchsiebt. »Seither«, sagt Leandro Bethlem, »herrscht hier die blanke Angst.«
Wenn Leandro Bethlem von Félix erzählt, tut er das, ohne je seinen Namen zu erwähnen. Er spricht von »ihm«, alles andere erscheint ihm zu gefährlich. Wir haben uns in einem Strandcafé fernab von Rio das Pedras verabredet, trotzdem ist Bethlem, der eigentlich ganz anders heißt, unruhig. Für ihn wie für alle anderen Favela-Bewohner gilt eine Art Omertà, ein Schweigegelübde. Wer sich widersetzt, riskiert sein Leben. Es gibt zwei Arten zu sterben: Man wird erschossen. Oder in einen Stapel Autoreifen gesteckt. Spiritus drüber, angezündet. »Mikrowelle« nennen sie das.
Bethlem ist ein stämmiger Mann, sein Gesicht ist rot, ob von der Sonne oder aus Nervosität, lässt sich schwer ausmachen. Wer ihn auf der Straße sieht, würde kaum auf die Idee kommen, dass er aus einer Favela stammt, es ist Feierabend, und er trägt tadellosen Freizeitdress, die Uniform der Müßigen auf der ganzen Welt.
Die 36 Jahre seines Lebens unterteilt Bethlem in Dynastien. Milizendynastien. Er war ein kleiner Junge, als er nach Rio das Pedras kam, einer von Hunderttausenden, die die Armut in die Großstadt gespült hatte. Seine Familie stammt aus dem kargen Nordosten, so wie die meisten hier. Die ungeschriebenen Gesetze des Nordens, sagt Bethlem, seien hart, sie schrieen nach Mord und Rache. Deshalb habe sich auch keiner gewundert 1979, als ein mächtiger Bauunternehmer, der zuvor ausgeraubt worden war, vier kräftige Brüder engagierte. »Geht und schnappt die Diebe«, befahl er ihnen.
Die Brüder nannten sich die mineiros , Minenarbeiter, sie streckten nicht nur die Diebe, sondern gleich deren gesamte Familien nieder. Sie begründeten die erste Dynastie. »Anfangs waren alle froh darüber«, erzählt Bethlem. »Von da an gab es keine Diebe und keine Drogenbosse mehr, alle konnten die Türen offen lassen.« Kaum einer nahm Anstoß an dieser Form der Selbstjustiz in einem Elendsviertel, in dem sich die Polizei nie sehen ließ. In einem Land, das jahrhundertelang von Oligarchen beherrscht wurde und in dem sich die Armen längst daran gewöhnt hatten, dass Polizei und Privatmilizen vor allem die Interessen der Wohlhabenden schützten.
Bald kamen Polizisten von außerhalb, erschossen den Anführer der mineiros und übernahmen selbst die Macht, die zweite Dynastie. Dann wurde auch ihr Anführer von einer Truppe Polizisten ermordet, die fortan regieren sollte. Mit dieser dritten Milizendynastie begann das Geschäft mit den Schutzgeldern: Jede Familie hatte den Milizen eine »Sicherheitsgebühr« zu zahlen, Geschäfte und Krämerläden wurden je nach Umsatz besteuert. Wer nicht zahlte, wurde erschossen.
»Das große Geschäft aber«, erzählt Bethlem, »begann mit Félix.«
Félix dos Santos Tostes war Polizeiinspektor, 1994 kam er nach Rio das Pedras, um die Milizen und Todesschwadronen zu vertreiben. Das gelang ihm, doch Félix kam auf den Geschmack, er selbst trieb bald Schutzgelder ein. Diese Schutzgelder waren die Grundlage eines Wirtschaftsimperiums, das Millionen von Reais im Monat umsetzte.
Félix’ Unternehmen war gegliedert wie andere, legale Großunternehmen auch. Es gab ein Management, dem vier Abteilungen unterstanden, jene für Transport, Gas, Satellitenfernsehen und Schutzgeld. Teilweise waren sie als eigene Firmen ausgewiesen, die sich offiziell ins Handelsregister hatten eintragen lassen. Einige liefern auf den Namen von Félix’ Verwandten, andere auf die Namen seiner zahlreichen Gespielinnen. Das Geld wurde über Geldverleiher, Restaurants und Funkdiskotheken gewaschen. Zudem machte Félix in Immobilien. Er verkaufte den Boden in Rio das Pedras, der ja offiziell niemandem gehörte, an Neuankömmlinge und erhob für alle Immobiliengeschäfte eine Steuer von mindestens zwei Prozent – auch in der Favela gibt es einen inoffiziellen Immobilienmarkt mit erstaunlich hohen Preisen für Grundstücke und selbst gebaute Häuser.
Den größten Gewinn machte Félix mit den privat betriebenen Minivans, die in den Favelas die Busse ersetzen. 900 gibt es davon in Rio das Pedras, 500 davon sind registriert. Alle Fahrer müssen montags 300 Reais, etwa 128 Euro, an die Milizen abdrücken. Wer nicht zahlt, riskiert sein Leben. Überall in Rio haben Milizen Verkehrslinien monopolisiert, zuweilen führen widerstreitende Begehrlichkeiten zu erbitterten Kämpfen: der sogenannte Transportkrieg von 2003, den Milizenbanden untereinander ausfochten, forderte etwa 100 Menschenleben, derjenige von 2006 doppelt so viele.
Eine andere Einnahmequelle ist der Verkauf von Gasflaschen. Da die Favelas nicht an die offiziellen Gasleitungen angeschlossen sind, muss Gas in Flaschen gekauft werden. In Rio das Pedras verkaufte Félix etwa 30.000 Gasflaschen pro Monat. Noch eine Einnahmequelle war der Vertrieb von illegalem Satellitenfernsehen, schließlich sind die Favelas vom offiziellen Kabelnetz abgeschnitten. Die Milizen empfangen die Signale einer Satellitenschüssel und verteilen sie dann mithilfe selbst verlegter Leitungen. Gatonet nennen sie das, Katzennetz, nach der Katze, die nachts unbemerkt um die Häuser schleicht.
»In den neunziger Jahren professionalisierten sich die Milizen in der ganzen Stadt«, sagt João Antônio Barros. »Félix aber war einer der erfolgreichsten von ihnen.« Barros arbeitet als investigativer Journalist für die Tageszeitung O Dia, er ist Milizenexperte und ein mutiger Mann. Einst ließ er sich 22 Tage undercover im Gefängnis einsperren, um das Innenleben der Drogenmafia zu studieren. Die Milizen haben ein hohes Kopfgeld auf ihn ausgesetzt. Barros grinst und zuckt die Schultern: »Aber noch bin ich ja am Leben.« Sein Thema begeistert ihn sichtlich, im Laufe der Gespräche bemalt er unzählige Blatt Papier mit Diagrammen zur Struktur unterschiedlicher Milizen, er packt die Fotos ausladender Strandvillen aus und zeichnet den beruflichen Werdegang von Typen wie Chico, der Kugel, Robocop oder Batman nach.
Félix, so erzählt Barros, war auch der Slumlord, der es am besten verstand, Verbündete in der Politik zu gewinnen und eigene Leute in die Stadtverwaltung einzuschleusen, auf dass sie seine Geschäfte schützten. Bei seinen politischen Ambitionen, erzählt Barros, setzte Félix stets auf seinen Kumpel Josinaldo Francisco da Cruz, den alle nur Nadinho nannten.
Nadinho hatte Félix schon geholfen, als er die Milizen jagte, er half ihm, als er selbst zu einem mächtigen Milizionär aufstieg. Nadinho stammte selbst aus Rio das Pedras, er genoss das Vertrauen der Favelados. »Er konnte nur schlecht schreiben, und er drückte sich grauenhaft aus, aber er war ein schlauer, wendiger, kumpelhafter Typ«, erzählt Barros. Mit der Unterstützung seines Patrons stieg Nadinho nicht nur zum Repräsentanten der Bewohnervereinigung auf, der politischen Organisation der Favelas, er wurde sogar in den Stadtrat gewählt. Félix hatte allen Favela-Bewohnern zuvor dringend ans Herz gelegt, seinen Kumpel zu wählen – in der Favela ist diese Art der »Politikberatung« durchaus üblich, zuweilen werden die Stimmen ganzer Stadtteile an einen Politiker verhökert.
Als Stadtrat freundete sich Nadinho mit dem damaligen Bürgermeister César Maia an, zahlreiche Fotos zeigen die beiden Arm in Arm. Doch auch andere prominente Politiker ließen sich gern in Rio das Pedras sehen. »Beim allmontäglichen Grillen, dem Churrasco, trafen sich Milizionäre, Polizisten, Militärs, Beamte und Politiker«, erzählt Barros. Man spielte Fußball und trank ausgiebig, Félix liebte es zu zechen. Oft gesellte sich der frühere Sekretär für öffentliche Sicherheit, Marcelo Itagiba, zu der Runde. Ihm unterstand damals die gesamte Polizei. Heute dient er unbehelligt als Abgeordneter im Landtag des Staates Rio, Untersuchungen wegen seiner Verbindungen wusste er stets mit dem Hinweis auf seine parlamentarische Immunität abzuwenden.
»Itagiba nutzte die Milizen im Kampf gegen die Drogenbarone«, erzählt Barros. »Denn in den Favelas, die von den Milizen beherrscht werden, gibt es wenigstens keine Drogenbosse.«
Ohnehin nimmt man es in diesem Kampf mit der Rechtsstaatlichkeit nicht allzu genau – das gilt vor allem in den Favelas, in denen die Ärmsten und Schwächsten leben. Laut einem Bericht der amerikanischen Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch erschoss die Polizei 2008 allein in Rio de Janeiro 1137 Menschen. Die Gruppe glaubt, dass es sich zumindest bei einigen um Unschuldige oder Opfer außergerichtlicher Tötungen handelt. Die Polizisten sind oft schlecht ausgebildet, vor allem aber miserabel bezahlt und damit korrumpierbar. Viele kassieren Bestechungsgelder oder schließen sich den Milizen an.
Félix jedenfalls hatte von offizieller Seite wenig zu befürchten. Seine Freunde in Polizei, Verwaltung, Staatsanwaltschaft und Politik protegierten ihn, sein Monopol in Rio das Pedras war gesichert. Allein, es half nichts: Vor seinen Konkurrenten konnte ihn keiner schützen. 2007 wurde Félix mit 50 Schüssen vor dem Haus seiner Geliebten niedergestreckt. Ein Jahr später wurde auch Nadinho, der Mann mit den mächtigen politischen Freunden, auf offener Straße ermordet.
Zu dieser Zeit begann sich der Wind gegen die Milizen zu drehen. 2008 kidnappten Milizionäre drei Mitarbeiter von O Dia. Sie hatten in der Favela Batan undercover recherchiert, um das Terrorregime der dortigen Milizen aufzudecken, Barros war damals nicht dabei. Die Milizionäre hielten eine Journalistin und ihre beiden Kollegen stundenlang gefangen und folterten sie. Als sie freikamen und von ihrer Marter berichteten, ging ein Aufschrei durch die brasilianische Gesellschaft. Eine Artikelreihe von O Dia führte zu polizeilichen Untersuchungen und einer ganzen Serie von Verhaftungen. Viele mächtige Milizionäre sitzen seitdem im Gefängnis, ihre Vereinigungen setzen nicht mehr so viel um wie ehedem, auch erzählt man sich, dass die Bewohner einiger weniger streng regierter Favelas nun kein Schutzgeld mehr zahlen wollten. Die Milizen gelten als geschwächt.
Doch Normalität ist deshalb noch lange nicht in Rio das Pedras eingezogen. »Nach Félix kamen die Schlimmsten von allen«, erzählt Bethlem. »Sie sind schwächer und genau deshalb umso brutaler.« Eine Truppe von 50 Polizisten von außerhalb übernahm Félix’ Reich. Wo Félix noch ein wenig Jovialität und Patronage gezeigt hatte, verbreiten sie allein Terror. In den drei Jahren ihrer Herrschaft hätten sie allein 150 Nachbarn und Bekannte von ihm umgebracht, sagt Bethlem. Da war etwa die Mutter, deren 14-jähriger Sohn ab und zu klaute. Eines Nachts kamen die Milizen an ihre Tür und befahlen: »Tu etwas dagegen.« – »Was denn?«, fragte die Mutter, »er hört doch nicht auf mich.« Sie erschossen sie noch an der Haustür.
Die Geschäfte der Miliz laufen nicht mehr so gut wie früher. Bethlem schätzt, dass sie nur noch die Hälfte der Summe umsetzten, die Félix seinerzeit verdiente. »Doch je weniger sie verdienen, desto gieriger werden sie.« Die Schutzgeldgebühren seien dramatisch gestiegen. Bethlem selbst hatte mal einen kleinen Krämerladen, den er aufgeben musste, weil er die Schutzgelder nicht mehr bezahlen konnte. »Sie wollten 500 Reais (213 Euro) im Monat, so viel hatte ich einfach nicht«, berichtet Bethlem. »So wie mir ging es vielen.«
Damals wie heute ist das Leben in Rio das Pedras auf den Gewinn der Milizen ausgerichtet. Nur wenig entgeht ihnen, denn sie haben ein weit verzweigtes Spitzelsystem aufgebaut. Einmal, erzählt Bethlem, hätten sie mitbekommen, dass sich jemand von seinem Cousin Geld lieh, um ein Auto zu kaufen. »Das ist verboten, man darf sich nur von ihnen zum Wucherzins Geld leihen.« Die Milizen konfiszierten das Auto und verbannten den Cousin aus der Favela.
Es gibt eine Rechtssprechung hier, auch sie organisieren die Herrscher der Slums: Streiten sich zwei und die Miliz erfährt davon, muss jeder von ihnen eine Strafgebühr zahlen. »Ganz unabhängig davon, wer recht hatte und um was es überhaupt ging«, klagt Bethlem. Nachts trauen sich die Menschen nicht mehr aus dem Haus, dann patrouillieren die Männer mit ihren Kapuzen. »Wer Geld hat, zieht weg. Die anderen müssen durchhalten«, sagt Bethlem.
Zwei Männer der vierköpfigen Milizenführung von Rio das Pedras sitzen mittlerweile im Gefängnis, einer ist untergetaucht. Viel gebracht habe deren Verhaftung allerdings nicht, sagt Bethlem. Die Bosse im Gefängnis haben Handys. Das ist zwar verboten, aber weit verbreitet. »Die machen ihre Geschäfte ganz normal von dort weiter.« Geschäfte mit Schutzgeldern, Kleinbussen, Gas, Satellitenfernsehen und Immobilien. Der frühere Abgeordnete Jerônimo Guimarães Filho, ein inhaftierter Milizionär aus Campo Grande, schloss seine Immobiliengeschäfte direkt im Büro des Gefängnisdirektors ab, der ihm freundlicherweise noch einen seiner Angestellten zur Seite stellte – alte Freundschaft verbindet.
Slums, aus denen normale Stadtviertel werden? Ein Ende der Schattenwirtschaft? Das können wohl weder neue Straßen, Strom- und Gasleitungen bringen noch eine größere Polizeipräsenz, so nützlich sie auch sein mögen. Vor allem müssten die ökonomischen Gesetze der Slums gebrochen werden, müssten die Drogenbarone und Mafias ihre Geldquellen verlieren.
Bethlem glaubt, dass nur eine radikale Lösung helfen könnte – eine Staatswirtschaft unter hoheitlichem Schutz, bis auf Weiteres. »Die Stadt müsste Rio das Pedras übernehmen: die Sicherheit, die Busse, das Gas, das Kabelfernsehen«, sagt er. Besonders eilig scheint es die Stadtverwaltung damit allerdings nicht zu haben. Seit 2008 hat sie eine einzige Buslinie eingerichtet, auf einer Strecke, auf der 20 der von den Milizen kontrollierten Kleinbusse verkehrten.
Noch immer zirkulieren in Rio de Janeiro 5000 Milizenvans.
- Datum 22.05.2010 - 08:12 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 20.05.2010 Nr. 21
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Als Kenner der Oertlichkeit und langjaehrigem Leben in direkter Nachbarschaft von Rio das Pedras stellt sich mir nur die Frage, wo die Communidade denn waere, wenn es keine Miliz geben wuerde.
Alle Personen, die ich kenne, und das sind nicht wenige, sind froh das es die Miliz gibt und eine relative Sicherheit.
Schauen Sie sich die anderen Favelas an, die vom Comando vermehlo oder den ADA beherrscht werden. Da sind die wahren Totschlaeger und Drahtzieher der Drogenbanden zu suchen, die das Leben aller einfachen Leute unertraeglich machen.
Wer sich an die Gesetze haelt in einem Gebiet, das von einer Miliz beschuetzt wird, hat nichts zu befuerchten.
Wem das nicht passt, kann ja nach Mare oder in den Complexo de Alemao gehen und dann mal schauen, was passiert.
Sicher waere es schoen, wenn es weder das eine noch das andere gaebe, aber die Realitaet sieht anders aus und wird auch in Zukunft nicht anders sein.
Dazu braeuchte es eine andere brasilianische Gesellschaft, und davon ist man noch sehr weit entfernt....
Boa tarde
Wissen Sie denn auch etwas über das Projekt "Bolsa Familia", welches in den Slums in Brasilien angelaufen sein soll? Wie wurde dieses in den Slums aufgenommen und was hat sich seitdem verändert?
Noch ein Filmtipp zu dem Thema: "City of God" und die Serie "City of Men"
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Es scheint, der Autor kennt Rio de Janeiro nur aus dem deutschen Fernsehen.
Iss doch Schwachsinn nzu glauebn, daß die Menschen die in einer Fawella leben keine Ruhe, Ordnung und Sicherheit wollen.
Die Polizei hilft da schon sehr heutzutage, nur geht es eben nicht von heute auf morgen.
Nun ja, unser Autor ha per Worterbuch "tiefschürfend" recherchiert: Mineiros sind Minenarbeiter, richtig. Aber sehr unwahrscheinlich, dass die "Dynastie" daher ihren Namen bezog. Vermutlich kamen sie ganz einfach aus dem Bundesstaat "Minas Gerais". Der erhielt, ganz richtig, in der Frühzeit des Landes seinen Namen wegen der Goldminen. Aber heute werden alle ihre Bürger "Mineiros" genannt, auch wenn sie Steuerbeamte oder Jornalisten sind ;-)
"Wenn ich ein Land 14 Tage besuche, schreibe ich ein Buch. Nach 5 Jahren reichen meine Kenntnisse nur noch für einen Artikel. Und nach 20 Jahren stelle ich fest, dass ich letztlich gar nichts zu schreiben habe..." (deutsch-brasilianische Weisheit)
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